Résumé

von Michael Färber 22. September 2013, 18:48 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser letzten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :) :(

Warum verwende ich an dieser Stelle ein :( neben dem gewohnten :) ? Weil mit dieser Nachricht für mich das bisher größte Abenteuer meines Lebens seinen Abschluss findet, und ich dieser Tatsache mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegensehe.
In diesem Text möchte ich meinen Auslandsaufenthalt noch einmal Revue passieren lassen und zukünftigen Erasmus-Abenteurern ein paar Tipps an die Hand geben.

 

Vorbereitung

Eine gute Vorbereitung auf einen Auslandsaufenthalt ist natürlich das A und O. Als ich zum ersten Mal ernsthaft einen Auslandsaufenthalt machen wollte, studierte ich noch in München, und als ich zum verantwortlichen Erasmus-Koordinator ging, teilte mir dieser mit, dass am Ende jener Woche die Bewerbungsfrist endete — dies war im Jänner (!) 2011. Damals konnte ich nicht alle Dokumente rechtzeitig besorgen. Darum gilt, je früher man seinen Aufenthalt vorbereitet, desto besser, um nicht an irgendeiner Frist zu scheitern.

Der Papierkrieg vor Beginn des Auslandsaufenthalts ist natürlich auch legendär, aber mehr lästig als bedrohlich. Was für mich persönlich am unangenehmsten war, war die Ankunft in Frankreich, als mir einerseits Dokumente für das Wohnheim (die Zulassungsbestätigung) fehlten und andererseits eine Bestätigung für die Universität, ohne die ich mich nicht inskribieren konnte. Das erste Problem konnte ich mit Mühe beheben, da ich die Zulassungsbestätigung auf meinem Rechner gespeichert hatte, aber erst nach einiger Zeit fand. Man kann es sich vielleicht schwer die Bedrohlichkeit der Situation vorstellen, wenn man >1000km von zuhause in einem ziemlich heruntergekommen ausschauenden Studentenheim ankommt, eigentlich noch nicht sehr viel von der Sprache versteht, dort schon enorm viele andere angekommene Studenten warten und man unbedingt notwendige Dokumente nicht findet, ohne die man auf der Straße stehen wird, und nebenbei auch noch kein Internet hat, um es irgendwo anders zu suchen. Diese Erfahrung hätte ich mir leicht sparen können, wenn ich alle Dokumente in ausgedruckter Form mit mir geführt hätte.
Die fehlende Bestätigung für die Universität war die “assurance de rapatriement”, die ich leicht in Tirol besorgen hätte können, wenn ich von ihrer Existenz und Notwendigkeit gewusst hätte. ;) Daher ist es sicherlich eine gute Idee, ca. einen Monat vor Beginn des Auslandsaufenthalts noch einmal Kontakt mit der Universität aufzunehmen, eine Liste mit seinen vorhandenen Dokumenten zu schicken und zu fragen, ob noch weitere Dokumente notwendig sind.
Dazu noch ein kleiner Tipp: Es gibt generell an den Universitäten verschiedene Ansprechpartner für internationale Studenten; zum einen die Erasmus-Koordinatoren des jeweiligen Instituts (bei mir Institut für Informatik), und zum anderen die Mitarbeiter des Internationalen Büros. Die Erasmus-Koordinatoren des Instituts sind meiner Erfahrung nach hauptsächlich bei der Auswahl der Kurse hilfreich; für die weiterführenden Organisation sollte man sich eher an das Internationale Büro wenden, also z.B. für erforderliche Dokumente, bei Wohnproblemen etc.
Ein weiterer die Administration betreffender Tipp: Ich hatte öfters Probleme mit dem Internationalen Büro, sowohl in Innsbruck als auch in Bordeaux. In solchen Fällen helfen Hartnäckigkeit und Gelassenheit, denn meiner Erfahrung nach sind auch größer erscheinende Probleme damit lösbar. Als ich zum Beispiel nach meiner Rückkehr nach Österreich eine Aufenthaltsbestätigung aus Bordeaux anforderte, weigerte sich die dortige Mitarbeiterin, mir eine solche mit dem korrekten Datum zukommen zu lassen, da ich nicht direkt bei ihr in der letzten Woche meines Aufenthalts im Büro vorbeigeschaut hätte. Daraufhin flogen ein paar E-Mails zwischen Innsbruck und Bordeaux herum, in denen ich meinen Standpunkt erklärte, aber scheinbar bei ihr auf Granit stieß. Und was kam ein paar Tage später kommentarlos in der Post? Die Dokumente, genau mit dem von mir beantragten Datum. Ähnliches passierte mir auch, als ich meine Masterarbeit, die ich in Bordeaux machen wollte, in Innsbruck anmelden wollte. Und alles ist gut gegangen. Zwecks Schonung der Nerven und der Nachtruhe empfehle ich allerdings, vor dem Schlafengehen keine E-Mails mehr zu lesen. ;)

Ein Sprachkurs ist natürlich auch eine sehr gute Investition, gerade bei Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien, wo Englisch-Kenntnisse nur sehr eingeschränkt vorhanden sind. ;) Davon abgesehen halte ich es aber auch für eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, die Sprache seines Ziellandes zu lernen, auch wenn dort fast jeder Englisch kann, so wie dies z.B. in den Niederlanden oder in Schweden der Fall ist. Nur mit den entsprechenden Sprachkenntnissen kann man auch wirklich in das gesellschaftliche und kulturelle Flair seines Landes eintreten. Ich habe jedenfalls ein paar Leute in Bordeaux kennengelernt, die nach mehr als einem Jahr noch immer kaum in der Lage waren, ein “bonjour” herauszubringen. Arme Schweine!

Gut vorbereitet kann man jedenfalls dem Auslandsaufenthalt entspannt entgegensehen. :)

 

Aufenthaltsdauer

Es ist eine wichtige Entscheidung, wie lange man im Ausland bleiben möchte. Die Aufenthaltsdauer war in unserer Erasmus-Gruppe je nach Nation statistisch stark unterschiedlich: Während die Deutschen fast alle nur ein Semester geblieben sind, waren die Spanier ausnahmslos ein ganzes Jahr (die maximal vom Erasmus-Programm vorgesehene Zeit) in Bordeaux. Und die meisten Italiener sind gleich nach ihrem Aufenthalt dort geblieben. ;) Ich selbst wollte von vornherein ein ganzes Jahr bleiben und habe diese Entscheidung nicht bereut, auch wenn es Schattenseiten dabei gibt. Die größte Schwierigkeit dabei war sicherlich der “Bruch” nach dem ersten Semester, als sehr viele meiner Erasmus-Freunde heimgekehrt sind und ich mich recht verlassen gefühlt habe. Aus dieser Zeit stammt ein Liedentwurf mit dem vielsagenden Titel “Oh, kommt zurück”. Nach ein paar Wochen der Trauer, über die mir allerdings auch mein geliebtes Village 2 hinweggeholfen hat, habe ich mich allerdings wieder entsprechend reorganisiert.

Im zweiten Semester, das dann folgte, konnte ich dann mein Französisch noch einmal um einiges verbessern. Ich habe auch noch so viel unternommen, wie meine Ausflüge zu meinem Cousin, die Reisen zu meinen Freunden Simon und Eli, die Chorreise ins Ariège, das fulminante Chorabschlusskonzert am Place de la Bourse, Kletterausflug mit Romaric, der Kongress auf der Île de Ré … Kurz gesagt, es wäre mir so viel entgangen, hätte ich dieses zweite Semester nicht auch in Frankreich verbracht! Auf der anderen Seite war dann auch der Heimkehrer-Schock vermutlich stärker, als wenn ich nur ein Semester in Bordeaux verbracht hätte … ich kann mich noch gut erinnern, wie unterschiedlich meine Reaktionen beim ersten (Weihnachten) und beim zweiten Heimkehren (Sommer) waren — beim ersten Mal war ich heilfroh, wieder einmal in Österreich zu sein, beim zweiten Mal wollte ich anfangs nicht einmal mehr Deutsch sprechen und wieder nach Frankreich zurück.
Ich denke, dass ein einsemestriger Aufenthalt am ehesten mit einem langen Urlaub vergleichbar ist, während ein ganzjähriger Aufenthalt eine Art “Migration auf Zeit” darstellt. Beides hat seine Vor- und Nachteile.

 

Unterbringung

Ich habe mich in diesem Blog schon ausgiebig mit dem Thema “Wohnen” auseinandergesetzt. :) Wer also schnell Anschluss an andere junge Leute finden will, ist in den CROUS-Studentenheimen sehr gut aufgehoben, da diese i.A. sehr viel Austausch ermöglichen. Die etwas spartanisch ausgestatteten “chambres traditionnelles”, in denen ich mich aufzuhalten die Ehre hatte, hatten den gemeinschaftsstiftenden Vorteil der geteilten Sanitäranlagen, aber ob ich mir das nochmals freiwillig antun würde?
Ein höherer Komfortfaktor ist sicherlich bei den neueren Wohnanlagen der CROUS gegeben, wobei ich die 4er-WGs mit getrenntem Klo/Bad und gemeinsamen Wohnzimmer/Küche als guten Kompromiss zwischen Geselligkeit und Privatsphäre empfand. Dort lernt man zwar vermutlich nicht so viele Leute kennen, aber der Komfort ist eindeutig höher. ;) Und die Preise sind mit ca. 240€ auch noch immer sehr akzeptabel, besonders wenn man bedenkt, dass dabei noch in den meisten Fällen Wohngeldunterstützung (CAF) dazukommt, die in meinem Fall ca. 50€ ausgemacht hat, weshalb meine Miete unter dem Strich unter 100€ betrug. Und das für Ausländer, die nicht einmal Steuern in Frankreich zahlen! Ich war sehr positiv überrascht, aber Frankreich ist ein meines Erachtens sehr immigrationsfreundliches Land … Hatte z.B. eine französische Freundin von mir gröbere Probleme, mit einem französischen Logopädie-Studienabschluss in Österreich eine Berufszulassung zu erhalten, so hatte mein Cousin meines Wissens nach mit einem Architekturdiplom keine Schwierigkeiten, sich in Südfrankreich als Architekt anzusiedeln. Meiner Meinung nach gehört da auch in Österreich noch viel getan …

WGs sind natürlich auch eine Möglichkeit, aber diese ermöglichen es bei weitem nicht so einfach, andere Leute kennenzulernen. Mehrere Leute in WGs, mit denen ich gesprochen habe, haben sich über genau diesen Umstand beklagt, weshalb ich eher davon abraten würde, wenn einem an Gesellschaft gelegen ist.

 

Die erste Zeit

Der Anfang ist hart. Richtig hart. Zumindest war es bei mir so, und auch ein guter Freund von mir hat das selbe berichtet. Zu den möglichen Nebenwirkungen zu Beginn eines Auslandsaufenthalts gehört der initiale Impuls, sofort wieder nach Hause zurückzukehren, einschließlich Gedanken, wie verrückt man doch war, sich auf das Ganze einzulassen. Dagegen helfen zwei Dinge: Kontakt mit neuen Menschen suchen, und Kontakt mit seinen alten Freunden/Familie pflegen. Ich bekam z.B. bei meiner Wartezeit in Village 2, als ich wegen fehlender Dokumente gerade ziemlich am Ende war, einen Anruf von meinem Cousin aus dem gerade sooo entfernt scheinenden Österreich, der mich auf unwahrscheinliche Weise wieder aufbaute. An dieser Stelle übrigens ein kleines Plädoyer für den Fall der Roaminggebühren in der EU: Ich halte das für eine enorm sinnvolle Maßnahme, die Europa noch viel stärker zusammenwachsen lassen wird und in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzen ist. Bisher wird man ja immer monetär dafür bestraft, in andere europäische Länder anzurufen, und es würde das Leben deutlich erleichtern, könnte man ohne drohenden Geldzähler im Hintergrund ganz spontan im Ausland anrufen und müsste man nicht dafür immer umständlich Skype-Termine ausmachen. Ich würde diese Möglichkeit jedenfalls voll ausnützen. ;)

Wie kann man sich im Ausland gut integrieren? Eine klassische Möglichkeit ist der Beitritt zu einer Organisation, so wie ich es z.B. mit meinem Chor gemacht habe. Diesen habe ich schon in Österreich per Internet ausfindig gemacht und habe mich schon vor meiner Ankunft in Bordeaux dort beworben. Auch den Besuch eines Sprachkurses im Zielland kann ich empfehlen, denn selbst wenn man dabei eher wenig Einheimische kennenlernt, so trifft man doch auch andere aufgeschlossene und kulturinteressierte Mitstreiter, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie man selbst, und mit denen man bei einem Glas Rotwein bestens über die fürchterliche Organisation an der Uni sudern kann. ;)
Ein Wohnheim bietet auch sehr viele Berührungspunkte und war vermutlich der Ort, wo ich am meisten Leute kennengelernt habe.
Eine etwas unorthodoxe Möglichkeit ist es, einfach Menschen auf der Straße anzusprechen. Ich habe mich extrem oft nach Wegen erkundigt oder habe, wenn ich z.B. in der Straßenbahn eine SMS geschrieben habe, andere Reisende bei Grammatik- bzw. Rechtschreibunsicherheiten gefragt. Dies hat zwei Vorteile: Man lernt bei der Sprache dazu, und manchmal ergeben sich durchaus interessante Begegnungen. ;) Man darf hierbei nicht vergessen, dass man im Ausland durch seinen “accent” auffällt, sobald man ein Wort spricht, und das erleichtert die Kommunikation ungemein (“Ausländerbonus”), da man so gut wie immer gefragt wird, woher man kommt. (Kann allerdings nach einiger Zeit lästig sein, wenn man zum tausendsten Mal erklärt, dass man aus Österreich kommt, aber nicht aus Wien. Habe mir schon überlegt, ein T-Shirt mit meinem Namen, Herkunftsland/-ort und Studium anzufertigen, um den immer gleichen Fragen begegnen zu können.)

Wie kann man weiter dazu beitragen, die Sprache gut zu lernen? Manchmal wurde ich, nachdem ich mich mit einem ziemlich holprigen französischen Satz vorgestellt habe, in einem fast ebenso holprigen Englisch angesprochen. In solchen Fällen habe ich mein Gegenüber mit einem unmissverständlichen “parlez français !” dazu aufgefordert, mich in einer anständigen Sprache zu adressieren. ;)
Ich bin auf diese Weise mit meinem Sprachfortschritt sehr zufrieden; habe ich im ersten Semester für das Buch “La peste” von Albert Camus (~250 S.) noch fast das ganze Semester benötigt, habe ich jetzt im Buch “Les rivières pourpres” von Jean-Christope Grangé 100 Seiten in einem einzigen Tag ausgelesen. Will sagen; keine Verzweiflung, wenn man anfangs nichts versteht, das bessert sich mit der Zeit deutlich — sofern man seinen Beitrag dazu leistet!

 

Kosten

Das liebe Geld spielt natürlich immer eine Rolle. Ich habe während meines gesamten Aufenthalts genau Buch geführt über mein Ausgaben, die ich nunmehr hier darlegen werde:
Am Anfang war meine Ausgaben extrem hoch: Alleine in den ersten sieben Tagen gab ich ca. 750€ aus, was sich im Verlauf des Monats noch auf immerhin 1.100€ steigerte! Auch der zweite Monat war mit 950€ nicht gerade viel billiger. In diese Zeit kaufte ich sehr viele Gebrauchsgegenstände; vom Wasserkocher über den Kühlschrank bis zum Fahrrad und zu Konzertkleidung für den Chor fast alles. Danach ging es mit 700€ im November und 600€ im Dezember auf der Ausgabenseite stets bergab.
Im zweiten Semester sanken meine Ausgaben dann deutlich und pendelten sich auf ca. 250€/Monat ein, was einerseits daran lag, dass ich nicht mehr so viel ausging wie zuvor (Erasmus-Gruppe war weg ^^), allerdings auch daran, dass ich mir nicht mehr so viel zu kaufen brauchte bzw. Wohngeld erhielt.
Insgesamt gab ich von meiner Ankunft in Bordeaux bis zum Tankstopp in Annecy beim Verlassen Frankreichs ca. 5000€ aus, wobei das Erasmus-Programm 3000€ abdeckt. Weiters unterstützten mich meine Eltern bzw. verdiente ich mir im zweiten Semester an der Universität 400€/Monat, sodass meine Bilanz recht ausgeglichen ist.

Das größte Einsparungspotenzial sehe ich natürlich in den ersten Monaten: Wäre ich z.B. mit dem Auto nach Bordeaux gefahren und hätte mir Dinge wie Geschirr, Fahrrad, Konzertkleidung, … mitnehmen können, so hätte ich vielleicht nochmals einiges gespart. Selbst bei den exorbitanten Autobahnpreisen in Frankreich. ;)
Auch ist es ratsam, sich seine Gebrauchsgegenstände gebraucht zu kaufen: Auf leboncoin.fr findet man so ziemlich alles, was das Herz begehrt. Auch in Wohnheimen befinden sich oft Annoncen.

 

Dienstleister

Ich hatte in Frankreich einen Mobilfunktarif von free, der mit 2€ sehr günstig war und 2h Gesprächszeit und unbegrenzt SMS enthielt. Leider konnte ich mit diesem Tarif nicht im Ausland telefonieren, d.h. in Spanien funktionierte die Nummer überhaupt nicht, und ich konnte nur französische Nummern anrufen. Wenn man mit dieser Einschränkung zu leben vermag, kann ich den Tarif nur empfehlen.

Meine Bank, die mir von der Universität empfohlen wurde, heißt LCL; ihre Dienste kann ich allerdings nicht weiterempfehlen. Von gravierenden Sicherheitslücken bis hin zu Unregelmäßigkeiten bei Kollegen (meine Erasmus-Freundin Lisa hätte Geld für Leistungen bezahlen sollen, die sie nie bestellt hat) reicht das Negativspektrum. Bessere französische Banken habe ich allerdings nicht recherchiert; ich hoffe, dass man bald sein österreichisches Konto überall in der EU verwenden kann.

Bei der SNCF (französisches Bahngesellschaft) habe ich mir eine Carte Jeune für ca. 50€ besorgt, mit der man ein Jahr lang in Frankreich verbilligt mit dem Zug fahren kann. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt, obwohl ich die Karte erst im zweiten Semester gekauft und somit im ersten Semester ziemlich draufgezahlt habe.

 

Musik

Die französische Musik hat mich sehr stark beeinflusst. Waren mir vor dem Antritt meines Auslandsaufenthalt nur Yves Duteil, Charles Aznavour und France Gall bekannt, haben sich dazu jetzt Dutzende neue gesellt … Michel Berger, Laurent Voulzy, Julien Clerc, Georges Moustaki, Jean-Jacques Goldman, Alain Souchon, Francis Cabrel, Zaz … Diese Liste ließe sich noch um einiges fortsetzen.
Habe ich vor meinem Auslandsaufenthalt meistens englische Musik gehört, so ist es jetzt sehr überwiegend französische Musik. Besonders das Album “Avril” von Laurent Voulzy habe ich nach meiner Rückkehr nach Österreich eine Zeit lang fast jeden Tag komplett gehört, und das über mehr als einen Monat hinweg — es ist sicherlich mein Album des Jahres. Das titelgebende Stück heißt “Fille d’Avril“.
Diese Frankophilie im Musikbereich war allerdings so nicht immer gegeben; tatsächlich hörte ich, während ich noch in Frankreich war, neben französischer auch sehr viel österreichische/deutsche Musik, was sich nach meiner Rückkehr nach Österreich schlagartig geändert hat und in seiner Heftigkeit an die Umpolung eines Magneten erinnert.

 

Die Franzosen — ein Plädoyer

An dieser Stelle werde ich eine kleine Charakterisierung der Franzosen, wie ich sie kennengelernt habe, abgeben. :) Die Klischees über Frankreich und seine Bewohner sind zahlreich, und ich hatte zehn Monate, um mich von deren Richtigkeit zu überzeugen.

  • International: Aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit gibt es in Frankreich gefühlt viel mehr Ausländer als in Österreich, besonders aus dem afrikanischen Raum. Diese sind dafür relativ gut integriert; so habe ich z.B. an der Universität verhältnismäßig viel mehr Ausländer gesehen als in Innsbruck. Und wohl keine Partei würde es sich in Frankreich leisten, von “Marokkaner-Dieben” zu schreiben. Zigeuner sind dafür ziemlich verpönt, quer durch alle Gesellschaftsschichten.
  • Fahrräder: In Frankreich, dem Lande der Tour de France, dient das Fahrrad mehr als Sportgerät für das Wochenende als für den täglichen Verkehr. Die Fahrraddiebstähle sollen ja überbordend in Frankreich sein, aber mir wurde mein Fahrrad dort nicht gestohlen. Dafür witzigerweise gleich nach meiner Rückkehr in Österreich. Sapperlott.
  • Essen: Ja, das Essen ist zum Dahinschmelzen — die Franzosen wissen wirklich, wie man gut isst. Selbst in der Mensa wird die Esskultur mit Vorspeise, Salat, Brot, Hauptspeise, Nachtisch eingehalten. Ich habe in Frankreich ca. fünf Kilo zugenommen, und ich bereue keines davon. :)
  • Alkohol: Ja, ja, der Alkohol … das französische Bier kann man vergessen, aber der Wein ist … hicks … wirklich gut … ;)
  • Verschlossenheit: Ich habe oft gehört, dass Ausländer im Studium von den Franzosen weitestgehend ignoriert würden, dass die Franzosen am liebsten unter sich blieben und verschlossen wären. Interessanterweise konnte ich diesen Eindruck überhaupt nicht bestätigen; an der Uni hatte sehr viel Kontakt mit anderen Franzosen, die mich auch öfters zu gewissen Veranstaltungen einluden. Auch im Wohnheim habe ich sehr viele sehr nette Franzosen kennengelernt, und dass ich am Ende des Semesters Ferien bei zwei meiner französischen Freunde machen konnte, gehört zu den Höhepunkten meines Aufenthalts.
  • Streiks: La grève — gefürchtete Waffe der Arbeiterschaft oder identitätsstiftendes Nationalsymbol der Franzosen? Wohl beides. Mir waren die Streiks relativ wurscht, weil ich durch mein Fahrrad ohnehin fast keinen öffentlichen Verkehr brauchte — hehe. Und als ich noch auf die Tram angewiesen war, funktionierte sie ohnehin so oft nicht, dass der ein oder andere Streik kaum eine Veränderung zum Status quo darstellte.
  • Universität: Die französischen Studenten kommen mir in einigen Dingen viel “braver” vor als die österreichischen, da ihr Respekt vor Professoren um einiges ausgeprägter ist. À la : Dürfen wir das wirklich machen? Fragen wir doch lieber noch einmal beim Lehrer nach, ob wir das wirklich so machen können … Monsieur !
  • Englisch: Der große Feind der Franzosen. Ihre Einstellung ist recht gut mit diesem Artikel zu beschreiben. Da schwingt sicher einige Frustration über den vergangenen Status des Französischen als ehemalige Weltsprache mit … Die Ablehnung des Englischen ist aber sehr fruchtbar für die französische Kultur, wird doch wirklich fast alles auf Französisch gemacht. Es gibt im Radio sogar Mindestquoten für französischsprachige Musik!
  • Ungehorsam: Einer der Züge, der mich an den Franzosen am meisten fasziniert, ist deren kollektiver Ungehorsam gegenüber roten Ampeln als Fußgänger/Radfahrer. So flächendeckend, wie das die Franzosen machen, hätte ich es auch gerne in Österreich!
  • Liebe: Frankreich, das Land der Liebe — ist es nicht so? Ich hatte jedenfalls in Frankreich einige Möglichkeiten, mich in dieser Hinsicht auszutoben und neue Wege zu beschreiten, in viel intensiverer Form, als ich es je zuvor getan hatte. Überhaupt sollte man während eines Auslandsaufenthalts genau die Dinge tun, die man zuvor nie zu tun gewagt hatte. Allein schon deswegen war diese Erfahrung Gold wert. ;)

 

Nachbereitung

Wieder zurück in Österreich war die Umstellung recht brutal; ich hatte mich in Frankreich so gut eingewöhnt, dass ich es durchaus meine zweite Heimat nennen würde. Das hat mich selbst erstaunt, hatte ich doch keine ähnlichen Gefühle nach drei Jahren Studium in Bayern, aber Bayern ist schließlich nicht Frankreich. ;) Mir fehlen hier besonders meine französischen Freunde, derer ich doch einige kennengelernt habe. Weiters geht mir hier ab, mit so vielen anderen Studenten zusammenzuwohnen wie in Village 2 — letzteres war zwar eine arge Bruchbude, aber die Gesellschaft war doch etwas besonderes und hat uns alle zusammengeschweißt. Es ist auf jeden Fall etwas ganz anderes, nach so einer Unterkunft wieder bei seiner Familie zu wohnen.
Und ja, ich vermisse das französische Essen. Die weichen Baguettes, die zarten Croissants, das riesige Käseregal im Simply, der Cidre, … das erste Croissant im Bäcker Ruetz war daraufhin ein echter Schock für mich. Und den Reichtum an Käsesorten vermisse ich im M-Preis leider auch.
Ich habe mich zwar schon wieder an mein österreichisches Leben gewöhnt, aber es ist überhaupt nicht mehr dasselbe wie zuvor. Ich gehe durch die Straßen, und mir scheint, als träumte ich. Ich glaube überall Bekannte aus Frankreich zu sehen. Die Menschen kommen mir hier irgendwie … härter vor als zuvor. Da ist natürlich auch Verklärung von Frankreich im Spiel, keine Frage — ein paar Minuten auf einer französischen Straße im Stoßverkehr wären sicherlich heilsam. ;) Ich denke auf Französisch. Ich fluche auf Französisch. Und ich bedauere sehr, dass ich hier die Sprache nicht wirklich praktizieren kann. (Wenn ich fluche, dann versteht’s keiner. ^^)

Sagen wir also so: Der Auslandsaufenthalt hat großen Einfluss auf mich gehabt; größer, als ich mir das je zuvor vorgestellt hätte. Mein Horizont hat sich nicht nur erweitert; mir kommt vor, er ist regelrecht explodiert, mit allen positiven und negativen Effekten. Ich schließe mich dem allgemeinen Tenor der Erasmus-Teilnehmer an, dass ich dieses Jahr auf keinen Fall missen möchte, aber man sollte sich des enormen Effekts, den ein solches Erlebnis auf einen haben kann, bewusst sein.

Zur Organisation nach der Rückkehr gibt es gar nicht viel zu sagen: Ich habe meine Aufenthaltsbestätigung und meine Kursliste aus Bordeaux zugeschickt bekommen, und nach einigem Hin und Her auch einen Kompromiss zur Anrechnung meiner Fächer in Innsbruck gefunden. Das Problem hierbei bestand darin, dass die Vorlesungen in Bordeaux fast alle 6ECTS “wert” waren, die in Innsbruck allerdings nur 5ECTS bzw. 10ECTS, weshalb ich insgesamt ca. 5ECTS “verloren” habe, da ich mir für jedes Fach aus Bordeaux nur 5ECTS anrechnen lassen kann. Das ist zwar etwas ärgerlich, wird aber mein Studium voraussichtlich nicht besonders verzögern, sodass ich es vermutlich in ca. einem halben Jahr wie geplant abschließen kann.

Kommen wir zuletzt zu diesem Blog: Ich habe es während des letzten Jahres sehr genossen, meine Erfahrungen festzuhalten; so mancher Sonntag ist dabei “draufgegangen”. Mein Dank gebührt meinen treuen Lesern, deren Rückmeldungen mir große Freude bereitet haben — je vous remercie du fond du cœur !
Meine tagebuchartigen Artikel waren ein Projekt mit begrenzter Dauer, das mittlerweile abgeschlossen ist; dennoch habe ich auch weiterhin vor, mich zu bestimmten Themen zu äußern. Zu diesem Behufe habe ich mir eine Internetseite eingerichtet, zu finden unter gedenkt.at, wo ich mich von Zeit zu Zeit zu äußern gedenke. Es würde mich freuen, ein paar meiner hiesigen Besucher auf meiner neuen Seite zu begrüßen, und hoffe sehr, dass euch meine Artikel einen kleinen Einblick in das Leben eines Erasmus-Studenten in Frankreich geliefert haben. :)
Ich bringe es kaum über mich, dieses Kapitel abzuschließen, indem ich bei diesem letzten Artikel hier auf “Veröffentlichen” klicke … aber irgendwann muss ich es tun, sonst hätte ich ja diesen ganzen Text vollkommen umsonst geschrieben … *klick* … Himmel, es ist vollbracht!

À bientôt,
euer Much

À la fin

von Michael Färber 10. Juli 2013, 22:28 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser zweiundvierzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Es ist auch die letzte sich in Tagebuchform mit meinem Leben befassende Ausgabe dieses Blogs,, da ich schon wieder in Österreich bin und dieser Blog somit seine Schuldigkeit getan hat. Ich plane allerdings in Bälde noch ein kleines Résumé zu schreiben, weshalb dies nicht der allerletzte Artikel auf diesem Blog gewesen sein wird, keine Panik. ;)
Tja, nun also noch einmal zurück nach Frankreich … on commence le voyage …

Am Montag und Dienstag profitierte ich von der wunderbaren Familie meines Cousins Mino in La Grande-Motte, wo ich mich ein wenig von den bisherigen Strapazen erholen konnte, besonders von meinem Auszug aus Pessac/Bordeaux. Dementsprechend flankte ich mich die meiste Zeit auf den Strand, bzw. spielte mit den Kindern meines Cousins … nicht dass letzteres erholsam ist. ;)

Am Mittwoch stießen dann meine Eltern zu dieser Idylle dazu! Sie hatten sich bis dahin mit dem Auto via Italien nach Frankreich durchgeschlagen, um mich dann in Südfrankreich abzuholen. Ursprünglich war sogar geplant, dass sie bis nach Bordeaux fahren würden, aber das musste leider ausbleiben, da ich ja aus Village 2 schon früher als geplant ausziehen musste und ich keine Lust mehr hatte, nach meinem Aufenthalt im Süden nochmals quer durch Frankreich nach Bordeaux zu fahren und dasselbe wieder zurück. Auf jeden Fall ein ziemlich verrücktes Gefühl, seine Eltern so lange nicht mehr gesehen zu haben — es waren fast sechs Monate! Ich musste dabei allerdings feststellen, wie sehr ich mich in dieser Zeit schon selbstständig gemacht hatte, denn hatte ich früher immer ein enormes Heimweh auch nach meiner Familie, so war dies zuletzt nicht mehr der Fall. Natürlich war ich froh, meine Eltern zu sehen, aber das Gefühl hatte nicht mehr die selbe Intensität wie nach vorhergegangenen Trennungen … es fühlte sich mehr danach an, nach einem Ferienwochenende wieder meine Eltern zu sehen. Man könnte sagen, Erasmus macht erwachsen. ;)

Am Donnerstag holte ich mir am Strand noch einmal einen schönen Sonnenbrand, da ich meinte, mich zwei Stunden zu Mittag ohne Sonnencreme problemlos in der Sonne aufhalten zu können. Falsch gemeint.
Am Abend desselben Tages feierten wir noch unseren letzten Abend bei der Familie meines Cousins, wozu ich einen St. Emilion (Jahrgang 2001) beisteuerte. ;)

Am Freitag hieß es, auch von dieser Stätte Abschied zu nehmen! Bei der Gelegenheit konnte ich auch das neue Auto meiner Eltern, einen Toyota Auris Hybrid bestaunen, mit dem wir als erste Etappe von La Grande-Motte nach Avignon fuhren. Ich bin zwar nicht die Autobild, aber an dieser Stelle möchte ich doch kurz meine Begeisterung für diesen Autotyp ausdrücken: Ein so angenehmes und leises Auto habe ich noch nie verwendet. Es ist schon ein tolles Gefühl, sich im Stadtverkehr nahezu lautlos fortzubewegen, wobei das einzige Motorengeräusch mehr an eine Tram als wie an einen Verbrennungsmotor erinnert.
In Avignon machten wir also einen Zwischenstopp, wo wir uns den Palais des Papes anschauten und uns natürlich auch nicht den Pont Saint-Bénézet (“Sur le pont d’Avignon”) nicht entgehen ließen. Was mich allerdings mehr faszinierte als die Brücke, war die tolle Atmosphäre in der Stadt, die eine sehr, sehr belebte Innenstadt aufbot. Auch sollte in Kürze das dortige Theaterfestival stattfinden, weshalb die ganze Stadt voller Plakate war.

Les affiches d'Avignon.

Nachdem wir uns durch den ziemlich wilden Innenstadtverkehr Avignons einen Weg aus der Stadt gebahnt hatten, fuhren wir weiter Richtung Annecy. Dabei übernahm auch ich einmal das Steuer unseres neuen fahrbaren Untersatzes, und das Fahren machte mir extrem viel Spaß! Auf den wunderschönen Landstraßen der Region kann man das Fahren definitiv genießen … Gegen Abend kamen wir dann in Annecy an, wo wir im Hôtel des Alpes logierten. Dieses war direkt im Zentrum gelegen, nicht sehr teuer und mit sehr freundlicher Bedienung, sodass ich es als Glückstreffer bezeichnen kann. Wir gingen noch Crêpes essen und promenierten ein wenig am wunderschönen See, ehe wir wieder ins Hotel konvergierten.

Am Samstag war mein auf einige Zeit vermutlich letzter Tag in Frankreich! Ich genoss noch das wunderbare Frühstück im Hotel, bevor wir uns dann wieder ins Auto setzten und Richtung Schweiz dampften. In der Schweiz nach einigen Kilometern der Schock, auf einmal wieder deutsche Schilder zu sehen, und bei der Raststation auf Deutsch begrüßt zu werden. Aus einem irrationalen Gefühl heraus sprach ich mit der dortigen Bedienung auf Französisch, obwohl wir längst schon im deutschsprachigen Teil der Schweiz waren — etwas in mir sträubte sich, die Sprache zu wechseln.
Als wir dann bei Vorarlberg die österreichische Grenze überschritten und ich zum ersten Mal seit fast sechs Monaten wieder österreichischen Boden unter den Füßen (bzw. den Rädern) hatte, war ich schon glücklich, allerdings nicht in dem Maße wie bei meiner letzten Rückkehr nach Österreich letztes Weihnachten. Es stellte sich der für mich relativ unerwartete Effekt ein, dass ich mir unbekannte Menschen mit einem “bonjour” begrüßen wollte und total verstört war, als ich in der Tankstelle Deutsch sprechen hörte. (Oder vielleicht war ich auch nur verstört, weil es eigentlich Vorarlbergerisch war. ^^) In meinen schlaflosen Nächten in Village 2 habe ich mir eigentlich vorgestellt, total erleichtert in mein Heimatland zurückzukehren, und habe diesen Moment manches Mal schon herbeigesehnt. Als er dann da war, war meine paradoxe Reaktion, wieder nach Frankreich zurückfahren zu wollen! Eigentlich wie am Anfang meines Erasmus-Aufenthaltes, nur à l’inverse. An diesem Punkt habe ich an meinen Innsbrucker Betreuer Cezary zurückgedacht, der so wie ich auch einen Erasmus-Aufenthalt in Frankreich absolviert hat, und mich vor dem Post-Erasmus-Syndrom (französischer Originalartikel) gewarnt hat. Damals habe ich ein solches Syndrom als Unfug abgetan, doch heute muss ich ihm Recht geben: Das Syndrom existiert. Es handelt sich einfach ausgedrückt durch Depressionserscheinungen nach dem Ende eines Erasmus-Aufenthalts, die sich durch den vollständigen Wandel des Umfelds ergeben sowie durch die Tatsache, dass für viele Studenten Erasmus die “beste Zeit ihres Lebens” ist, die somit plötzlich zu Ende geht. Für mich war es definitiv die bisher beste Zeit meines Lebens, wenngleich auch mit einigen Höhen und Tiefen, weshalb ich lieber von der intensivsten Zeit meines Lebens schreibe. Erasmus hat mich dazu ermuntert, sehr viele neue Dinge auszuprobieren, sehr viel zu lernen und auch sehr viel Spaß zu haben. :) Ich bin definitiv froh, dass ich ein ganzes Jahr gemacht habe und nicht nur ein halbes Jahr wie die meisten meiner Kollegen, weil ich dadurch einen viel, viel tieferen Eindruck in die französische Kultur gewonnen habe und in der zweiten Hälfte des Jahres einige Freunde getroffen habe, die ich nicht missen möchte. Allerdings glaube ich auch, dass das Post-Erasmus-Syndrom weniger stark ausgeprägt gewesen wäre, wäre ich nach nur einem halben Jahr wieder nach Österreich zurückgekehrt — es ist mir das erste halbe Jahr mehr wie ein ausgeprägter Urlaub vorgekommen, obwohl ich an der Universität meines Erachtens alles andere als faul war. ;)
Am Samstag fuhren wir jedenfalls nicht direkt nach Innsbruck zurück, sondern machten einen “kleinen” détour nach Olching bei München, wo ein Freund von mir just an diesem Tag seine Wohnung einweihte. Bei dieser Feier waren auch einige andere Freunde und Bekannte anwesend, was mich erleichterte, denn so hatte ich gleich wieder direkten Kontakt mit meinen alten Freunden, der durch meine lange Absenz sicherlich ein wenig eingeschlafen ist. Auch hier hatte ich zunächst größte Abneigung, Deutsch zu sprechen, und war unheimlich erleichtert, einen Deutschen mit französischen Wurzeln zu treffen, mit dem ich mich sehr lange auf Französisch unterhielt. Auch merkte ich hier schon einen weiteren Aspekt des Post-Erasmus-Syndroms: Ich versuchte, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen, scheiterte aber bei den meisten daran, dass sie keine entsprechenden Erfahrungen (sprich Auslandsaufenthalte) absolviert hatten. Man kann die Faszination einer solchen Erfahrung eben nur wirklich mit Menschen teilen, die durch das gleiche Feuer gegangen sind.
Nach der Feier fuhr ich jedenfalls mit einem Freund noch nach Innsbruck (meine Eltern waren schon vorher dorthin gefahren), und so überschritt ich zum zweiten Mal an diesem Tage die österreichische Grenze. Macht Frankreich, Schweiz, Österreich, Deutschland, Österreich, und das alles in 24h! :)

Am Sonntag wachte ich etwas gerädert in “meinem” Bett auf und musste beim Bäcker erst einmal feststellen, dass die Tiroler Croissants leider wirklich nicht an ihre französischen Pendants herankommen, sondern allenfalls traurige Kopien davon sind. Verbrachte diesen Tag ausschließlich im Kreise meiner Familie, wobei wir traditionellerweise auf die Brandstattalm gingen. Doch, wie seltsam, selbst die Berge und das Panorama von Innsbruck, die mich normalerweise immer aufs Höchste begeisterten, ließen mich erstaunlich kalt. Es hat für mich den Reiz des Besonderen verloren. Was ich allerdings zu goutieren vermochte, war die Tiroler Offenheit, die sich besonders am Berg zeigt: Sich mit unbekannten Menschen zu unterhalten und mit ihnen einen Schmäh zu reißen, ist etwas, was ich in Frankreich nie mit derselben Natürlichkeit wie hier machen konnte. Bon.

Ich verabschiede mich von meinen Lesern und wünsche noch eine schöne verbleibende Woche! ;)

P.S.: Musik der Woche: Ainsi soit je von Mylène Farmer

Dis donc

von Michael Färber 1. Juli 2013, 15:27 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser einundvierzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Diese Woche war eine Woche der Abschiede. Es ging wie im Akkord …

Am Montag stellte ich fest, dass ich langsam anfangen sollte, mich meines gesamten verbliebenen Hausrates zu entledigen. So stellte ich einige meiner Siebensachen auf Leboncoin.fr ein, unter anderem meinen Kühlschrank, meine Mikrowelle und auch — schniff — mein Fahrrad.

Baguette pas incluse. ;)

Am Dienstag schon fand ich Käufer für meinen Kühlschrank, den ich für wackere 45€ eingestellt hatte und dann aber ohne Federlesen für 40€ abstieß. Als Käufer fand sich ein älteres Ehepaar, das vermutlich nicht geahnt hatte, dass sich der Kühlschrank im 2. Stock ohne Lift befindet und ich ihn nicht alleine die Treppen herunterbekomme. Aber schließlich fand ich in Omar einen hilfsbereiten Nachbarn, der mir beim Abstieg mit dem “frigo” half, und es fanden sich auch einige andere Afrikaner, die uns mithalfen, sodass wir das gute Stück schlussendlich zu viert hinunterschleppten. Als ich in mein Zimmer zurückkam, fand ich das Kakerlaken-Hauptquartier auf dem Stück Erde vor, das einst der Kühlschrank verdeckte — mindestens 20 Kakerleichen lagen dort. Was mit dem Rest passiert ist, will ich gar nicht genau wissen — Kannibalismus?
Am Abend traf ich mich dann noch mit Beatrice im “Rose Pub”, wo wir uns nach ein paar Gläschen und einem Abendspaziergang auch voneinander verabschieden mussten …

Les cafards morts ...

Am Mittwoch meldeten sich einige Leute, die mein Fahrrad bzw. meine Mikrowelle kaufen wollten — ich wurde von Anfragen förmlich überschwemmt. Hatte mir nicht erwartet, dass das so gut funktioniert. Ich einigte mich mit meinen Interessenten, ihnen meine Sachen bis zum folgenden Tag zu reservieren, was sich als eventueller strategischer Fehler herausstellen sollte … siehe ebendort.
Am Abend fand die letzte Chorprobe statt, für ein Konzert, bei dem ich gar nicht mehr mitwirken würde. Die Probe ließ ich mir allerdings trotzdem nicht entgehen, auch um mich von meinen Chorfreunden noch einmal zu verabschieden. Es stellte sich auch als eine der besten Proben heraus, weil alle sehr locker waren. ;) Für das nächste Jahr bin ich jedenfalls mehrfach eingeladen, bei dem 10-jährigen Chorjubiläum mitzuwirken, das eine große Sache zu werden verspricht.

Choristes de bonne humeur.

Am Donnerstag beging ich mein letztes Mittagsessen mit meiner Mensa-Gruppe, und das Essen war repräsentativ schlecht. ;) Das machte allerdings nichts, gehe ich ins resto’u ja doch nicht mehr hauptsächlich wegen des Essens, sondern wegen des “poulpe”-Kartenspiels, das wir in den letzten Monaten perfektioniert haben. Wir spielten also eine letzte Runde, und sagten uns dann Lebewohl.
Gleich nach dem Essen hatte ich mein Fahrrad-Verkaufs-Rendezvous, bei dem sich mein Käufer als relativ sympatisch herausstellte, mir allerdings den Preis deutlich herunterhandeln wollte. Nach einiger Verhandlung einigten wir uns auf 55€ statt der von mir ursprünglich angestrebten 65€, was mir ein wenig “chier” machte, aber ich wollte mich nicht an meinen letzten vollen Tag in Village 2 noch mit solchen Kinkerlitzchen herumschlagen.
Den Nachmittag verbrachte ich dann noch damit, meine restlichen Sachen zu verschenken bzw. zu verkaufen, dies zumeist zu Schleuderpreisen. Nebenbei versuchte ich auch noch, meine Koffer zu packen. Gegen Abend kam dann noch ein älteres Ehepaar, die meine Mikrowelle ohne jegliche Preisverhandlung mitnahmen und mir auch gleich noch ein paar andere Dinge abkauften, zu recht guten Preisen, was mir meinen Verlust beim Fahrrad mehr oder weniger ausglich. Ich habe bemerkt, dass auf Leboncoin extrem viele Leute Dinge für ihre Verwandten einkaufen, wie z.B. die Mikrowelle für den Sohn, den Kühlschrank für die Tochter oder das Fahrrad für den Vater. Es ist durchaus empfehlenswert, eine Liste der Interessenten anzulegen, da man sonst schnell den Überblick verliert, wer was kaufen wollte bzw. wer sich für welchen Artikel interessierte und zu welcher Zeit sie ihn abholen möchte. Sich auf Reservierungen einzulassen, wenn die Zeit drängt, ist außerdem auch eine schlechte Idee, da man sich dann als Verkäufer in einer schlechteren Verhandlungsposition wiederfindet. Voilà meine Verkaufserfahrungen.

Gregor, un client satisfait. :)

Am Abend ging ich mit Sara und Clara ins Restaurant “Le Petit Bois” (Kleinholz), um unser auf längere Sicht letztes Treffen in Bordeaux zu begehen. Nachdem wir uns lange von Sara verabschiedet hatten, fuhren Clara und ich wieder zurück nach Village 2, wo wir in der Tram auf Kevin stießen und uns in Village 2 noch Jorge einluden, was zu einer spontanen “Gangsoirée” führte, die immer größer wurde und bis gut nach Mitternach andauerte. Ein würdiges Ende für einen Aufenthalt in Village 2! ^^

Am Freitag war mein letzter Tag in Village 2! Diesen begann ich eher ungewöhnlich mit einem Frühstück zu zweit, nämlich mit Simon, der am Vorabend erst aus Cauneille wieder in Pessac eingetroffen ist. Jorge kam auch noch vorbei, um sich nochmals von mir zu verabschieden, und dann kam noch einer der vielen Omars vorbei, der mir mein Bettzeug und meinen Wasserkocher für läppische 3€ abkaufen wollte, mit dem Argument, er habe nicht mehr Geld. Daraufhin sagte ich ihm, dass ich meine Sachen nicht für einen solchen Preis verkaufen würde und sie andernfalls einem Freund schenken würde, worauf er ein wenig meditierte und nach kurzer Zeit wieder mit etwas mehr Geld zurückkam. ;) Hehe, mit den Arabern zu feilschen macht mir einen teuflischen Spaß … :D
Schließlich waren alle Koffer fertig gepackt, doch nun ging es an das Putzen meines Kabäuschens, das sich mangels eines Schwamms als ungeahnt schwierig herausstellte. Doch kam mir Simon als Retter zu Hilfe, da er sein Zimmer schon fertiggeputzt hatte und mir nunmehr tatkräftig zur Seite stand. Eine wunderbare Art, sich meinen ewigen Dank zu sichern!
So brachten wir es zu zweit fertig, beim Eintreffen der Putzfrau ein wunderschön geputztes Zimmer zu übergeben, das einmal das meine war. Ich atmete noch einmal tief durch (auch um mir den Geruch von Kakerlakenvertilger nochmal in Erinnerung zu rufen) und schloss dann die Türe und somit auch ein langes Kapitel meiner Geschichte ab. Ah, Village 2! Schauplatz so vieler Erfahrungen, so vieler Tage, so vieler Nächte …
Doch bevor ich nostalgisch werde, muss ich noch den Schlüssel abgeben und meine Kaution beim Accueil abholen. Dort ist schon Clara, die ich schon nicht mehr anzutreffen glaubte, und regelt gerade ihre Angelegenheiten, bis sie mir “au revoir” sagt. Da ist es um meine Selbstbeherrschung geschehen, und es zerreißt mir förmlich das Herz … meine Augen sind vor Tränen blind, und wir halten uns noch sehr lange in den Armen. Ach, es sind so viele schöne Erinnerungen, die auf mich einströmen, und gleichzeitig eine so unglaubliche Trauer, dass diese schöne Zeit nunmehr vorbei ist, die mich so schwer erschüttern. Clara gehört zu den ersten, die ich in Frankreich kennengelernt habe, und wir haben so viel miteinander gemacht, miteinander gelacht …

Clara ...

Als wir uns endlich voneinander losgerissen haben, sagt mir der Accueil, dass von meiner Kaution noch 40€ standardmäßig abgezogen würden, was mich zwar ein wenig erstaunt, doch im zweiten Moment erstaunlicherweise komplett egal ist. Denn mittlerweile kommt auch Simon, und ein zweiter Tränenbach ergießt sich aus meinen Augen: Echte Freunde sind selten, und umso schöner ist es, dass ich einen solchen in ihm kennengelernt habe, auch wenn es eher spät in meiner Frankreich-Zeit war. Gerade zuletzt haben wir soviel miteinander unternommen, und er hat sich als so liebenswürdig herausgestellt, dass es für mich ein echter Verlust ist …
Nun, inzwischen ist auch mein Freund Eli angekommen, der mich zu sich nach Preignac eingeladen hat, und so verabschiede ich mich auch mit Mühe von Simon, um meine Siebensachen in Elis Peugeot einzuladen und dann Village 2 noch nach einem letzten Blick bis auf weiteres den Rücken zu kehren. Wer sich an dieser Stelle fragt, was denn mit dem Paulinchen los ist: Dieses hat sich zwar noch am Gang blicken lassen, ich habe es allerdings konsequent ignoriert. Kein Abschied, kein nichts. Ich würde zwar hier gerne ein paar lobende Worte über sie schreiben, doch dass ich es nicht tue, hat sie sich selbst zuzuschreiben.

Bon. So fuhren Eli und ich also nach einem allerallerletzten Aufenthalt im resto’u in sein Heimatdorf, Preignac. Dieses liegt etwa 40 Autominuten von Bordeaux entfernt und ist ein recht idyllisch inmitten von Weinfeldern gelegener Ort. Dort begrüßten uns Flötentöne aus mehreren Zimmern, denn es befinden sich in der Familie vier Flötisten! Die Familie besteht neben den Eltern noch aus zwei Schwestern, und es handelt sich hierbei um hochkultivierte Menschen, die sich der Musik und der okzitanischen Sprache verschrieben haben: Die Region Aquitanien, deren größte Gemeinde Bordeaux ist, war ja vor längerer Zeit ein unabhängiges Land, das von den Franzosen eingenommen wurde und sich mehrere Jahrhunderte lang aus deren Herrschaft zu befreien versuchte, was allerdings nicht gelang. Heute ist das Wissen um diese Geschichte allerdings weitestgehend unbekannt, und auch die ursprüngliche Landessprache, Okzitanisch (bzw. deren gaskognische Unterart), wurde lange Zeit unterdrückt, da ja Französisch die einzige offizielle Sprache in Frankreich ist. Einige Volksgruppen, wie die Basken oder die Korsen, haben sich dennoch durch Gewaltakte eine Anerkennung ihrer Sprachen verschafft (Südtirol kommt in den Sinn), was allerdings beim Okzitanischen nicht geschehen ist. Dennoch gibt es einige Aquitanier, die sich friedlich für ihre ursprüngliche Sprache engagieren, so auch meine Gastgeber, die zwischen Okzitanisch und Französisch fließend umschalten können.
Jedenfalls wurde ich auch als Nicht-Okzitane von ihnen sehr freundlich aufgenommen, und Eli machte mit mir und seiner älteren Schwester Lucy einen kleinen Ausflug nach Saint-Macaire, eine sehr sympathische mittelalterliche Stadt.
Am Abend wurden ich mit der restlichen Familie dann noch zu deren Bekannten mit zum Abendessen eingeladen, ebenfalls sehr literarische Menschen, mit einem Hang zu Tischtennis. So endete also ein sehr langer Tag, der noch in Village 2 begonnen hat …

Dîner dans une villa.

 

Am Samstag fuhren wir dann auf den nahegelegenen Markt von Bazas, um ein paar Dinge einzukaufen, unter anderem ein lebendiges Huhn. ;)
Ich machte mir auch langsam Gedanken über meine Fahrt nach La Grande-Motte, die am darauffolgenden Tag stattfinden sollte — da mir die SNCF nur umständliche Reiserouten über Bordeaux vorschlug, was mit meinen recht schweren Koffern beim Umsteigen eine ziemliche Anstrengung erfordert hätte, erwog ich eine Mitfahrgelegenheit, die ich über die Seite Covoiturage.fr ausfindig machte. Ein Fahrer sicherte mir zu, einen kleinen Abstecher ins nahegelegene Langon zu machen, sodass ich mir eine längere Reise zu einem Treffpunkt sparen konnte. Auch im Vergleich zum Zug kann das Angebot durchaus mithalten, denn ich zahlte nur 36€, wobei der allerbilligste Zug 47€ kostet.
Nachdem ich also meine Reise geregelt hatte und mit meiner Gastfamilie zu Mittag gegessen hatte, fuhren wir in ein kleines Dörflein namens Martillac, wo meine Gastgeber ein Konzert geben sollten. Ich sollte nämlich noch erwähnen, dass meine Gastfamilie eine Musikgruppe namens Gric de Prat bilden, die alle Familienmitglieder umfasst und okzitanische Musik spielt. Nachdem wir in Martillac alles aufgebaut hatten, machte uns allerdings das Wetter einen Strich durch die Rechnung, denn es waren wieder Regenfälle vorausgesagt, und schließlich kam die Botschaft, dass das Konzert abgesagt werden müsse! So gab es nur ein kleines Mini-Konzert, quasi ein Aperitif, bei dem vier Flöten, zwei Trommeln und ein Dudelsack vorkamen. ;) Und am Abend gab es auch noch ein Gratis-Essen! ;)

Musikantenstadl.

Am Sonntag packte ich erneut meine Siebensachen bei Eli, bekam noch einen casse-croûte (Jause) von seiner Mutter und wurde von ihr dann auch zu meiner Mitfahrgelegenheit nach Langon gebracht. Diese stellte sich in Form von Fahrer José-Luis mit seinem bösen Golf als recht sympathisch heraus, und selbst die Tatsache, dass ich die Größe meiner beiden Reisetaschen ein wenig unterschätzt hatte, brachte ihn nicht aus der Fassung. Wir waren zu viert im Auto, und in Toulouse stieg eine Mitfahrerin aus und eine neue ein, sodass die Gesamtmenge konstant blieb. Dadurch dürfte auch das Angebot der Mitfahrgelegenheit finanziell äußerst rentabel sein, denn ich schätze, dass mein Fahrer so ca. 100€ an diesem Tag verdient hat!
Wir verstanden uns im Auto recht gut, und ich erfuhr einige interessante Dinge; u.a., dass die Fluggesellschaft Volotea seit kurzem Direktflüge von München nach Bordeaux anbietet! Dadurch dürfte sich die minimale Reisezeit von Innsbruck nach Bordeaux drastisch von 13h auf ca. 5h reduzieren. :D
Ich kam dann auch äußerst pünktlich in Montpellier an, wo mich mein Cousin Mino schon erwartete. Nach einem kleinen Aperitif in La Grande-Motte (ich habe irgendwann einmal aufgehört zu zählen, wieviele Aperitifs ich in den letzten zwei Wochen zu mir genommen habe o_O) gingen wir an den 100m entfernt gelegenen Strand, wo man — im Gegensatz zu meinem letzten Besuch — schon schwimmen konnte. Eiskalt, aber trotzdem. Am Abend schauten wir noch einen Film, und dann ging’s ab in die Heia.

Und auch ich werde mich jetzt (Montag) wieder auf zum Strand machen, denn ich habe jetzt genug geschrieben! Der nächste Artikel wird vermutlich schon wieder aus Österreich kommen …
Meinen Lesern, die es bis hierher geschafft haben (gratuliere!), wünsche ich noch eine schöne Woche, für die Glücklichen unter uns schöne Ferien, und bis bald! ;)

Enfin bref

von Michael Färber 25. Juni 2013, 20:56 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser vierzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Die Woche begann am Montag mit einem fulminanten Start, nämlich meiner letzten universitären Pflicht in Frankreich — der “Defensio” meiner Masterarbeit! Dieser sah ich allerdings gelassen entgegen, da diese Präsentation keinen Effekt auf meine Benotung in Innsbruck haben wird und für mich somit mehr als Übung galt. Zu der Präsentation kamen auch ein paar meiner Kollegen, u.a. Noël und Jonathan, die ja schon meine Partner für ein anderes universitäres Projekt (PER) im letzten Semester waren. Auch Simon habe ich dazu eingeladen, da er ja an meinen Logik-Gschichterln immer sehr interessiert war, und er war sogar noch früher an der Uni als ich. ;)
Die eigentliche Präsentation gestaltete sich dann auch als dementsprechend locker, da für mich ja nicht viel Spiel stand; sollte es in Innsbruck ähnlich gut laufen, dann kann eigentlich nichts schiefgehen.
Nach der Präsentation habe ich am Abend noch ein wenig mit Simon gefeiert, sprich er hat mich noch zu sich zum Abendessen eingeladen. ;)

Am Mittwoch bekam ich auf eher ungewöhnliche Weise Wind von einem Konzert, denn als ich an der Uni Klavier spielen und dementsprechend den Schlüssel abholen wollte, händigte mir die zuständige Dame eine Notiz von einem anderen Pianisten namens Clément aus, der mich zu seinem Konzert einlud. :) Nun, das wollte ich mir nicht entgehen lassen, und so ging ich also am Abend zu “seinem” Konzert: Clément begleitete dabei einen Chor, und dieser interpretierte ein paar sehr tolle Lieder, u.a. Je ne l’ose dire (“Ich wage es nicht zu sagen”) und Herbstlied von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Bei letzterem Lied kam ich auch eher unerwartet zum Zuge, denn mir wurde die Ehre zuteil, die Seiten umblättern zu dürfen. ;)
Nach dem Konzert gab es — wie für Bordeaux üblich — noch ein Buffet mit einer reichen Auswahl an Weinen, bei dem der Chor naturgemäß auch kräftig zugriff. ^^

Am Donnerstag ging es auf Reise in den Süden, nämlich zu Simon in das kleine Dörfchen Cauneille bei Peyrehorade. Dorthin kamen wir per Auto, denn seine Eltern holten ihn aus Village 2 samt seinen Siebensachen ab — mein Kühlschrank hätte ursprünglich auch mit von der Partie sein sollen, aber leider hatte er keinen Platz mehr in der voiture. Tant pis.

Cauneille.

Seine Eltern, Marie-Laure und Daniel, stellten sich jedenfalls als sehr umgänglich und gastfreundlich heraus, und wie sich herausstellte, wohnen die beiden auf einem für meine Begriffe riesigen Anwesen, das Hühner, Schafe, Wälder und einige Felder umfasst. Jedenfalls eine ganz andere Welt als Pessac. ;) Am Tag unserer Ankunft war davon allerdings noch nicht allzuviel zu sehen, da es fast durchgehend regnete und ziemlich kalt war. So schritten wir nach unserer Ankunft in ihrem Haus auch relativ bald zum Abendessen, das sich — wie die meisten darauffolgenden Essen auch — fast ausschließlich aus eigens hergestellten Produkten zusammensetzte! Selbstgemachtes Brot, selbst aufgezogene Hendln, selber gepflanzter Salat … ich kann wohl sagen, dass ich in Frankreich noch selten so gut gegessen habe. Ein typisches Essen bestand aus folgenden Teilen:

  1. Aperitif
  2. Hauptspeise & Wein
  3. Salat
  4. Brot & Käse
  5. Dessert

 

Am Freitag setzte sich der Regen weiter fort; ich erfuhr, dass es in der Region zu schweren Überschwemmungen gekommen war, sogar mit einigen Toten. Hauptsächlich Leute, die (ganz nach französischer Manier) Straßensperren ignoriert haben und dann vom Strom weggespült wurden. Diesem Risiko wollten wir uns nicht aussetzen, und so verbrachten wir den Großteil des Tages im “Atelier”, wo wir verschiedenen Tätigkeiten nachgingen: Simon bereitete sein Fahrrad auf seine “Tour de France” vor, die er bald unternehmen möchte, und ich versuchte, ein altes Klavier neu zu stimmen, womit ich einige Stunden zubrachte. Besagtes Atelier ist jedenfalls für Bastler eine Goldgrube: Von Schleifmaschinen über eine kleine Küche und eine mechanische Säge aus dem 19. Jahrhundert gibt es ein riesiges Sammelsurium, und gleich darauf schließt die Garage mit Traktor, altem Auto, Fahrrädern etc. an. An verregneten Sommertagen jedenfalls sehr inspirierend. :)

Á l'atelier.

Am Abend klarte es ein wenig auf, was wir noch für eine spontane Radltour nützten: So zeigte mir Simon die Umgebung, die relativ hügelig ist und mich an die Steiermark (“Joglland”) erinnerte. Wir sahen auch einen Turm, der vom Dichter Jean Rameau erbaut wurde und den er zur Inspiration nutzte, da er von dort aus einen ausgezeichneten Blick auf die Pyrenäen hatte. Dieser Turm ist heute allerdings leider baufällig und kann nur unter einiger Gefahr betreten, geschweige denn bestiegen werden.

Am Samstag war das Wetter endlich besser, und wir unternahmen eine große Ausfahrt mit Simons Eltern per Auto: So fuhren wir zuerst nach Bayonne, das sich schon im Baskenland befindet und eine recht hübsche Stadt ist. Scheinbar gibt es gewisse Rivalitäten zwischen Bordeaux und Bayonne, welche Stadt die bessere ist — ich war jedenfalls von Bayonne sehr angetan.

Bayonne.

Nach einer kurzen Stadtbesichtigung fuhren wir weiter nach Biarritz, das direkt am Meer liegt. Dort profitierten auch einige andere Leute schon vom guten Wetter, denn der dortige Strand war recht gut gefüllt.

Biarritz.

Von dort ging es an einer Côte-d’Azur-artigen Straße weiter nach Hendaye, das direkt an der spanischen Grenze (Irun) liegt. Wir wollten eigentlich zu Fuß von Frankreich nach Spanien gehen, aber leider vereitelte ein Grenzfluss unser Vorhaben, sodass wir für dieses Mal in Frankreich blieben.

À gauche la France, à droite l'Espagne.

Am Abend fuhren wir dann noch einmal nach Bayonne, wo wir uns in der dortigen Kathedrale (auf meinen Vorschlag hin) das Mozart-Requiem in d-moll anhörten. Dieses wurde leider von ziemlich grauenhafter zeitgenössischer Musik eingeleitet, was die zum Brechen volle Kirche dann wieder etwas leerte, aber das Requiem war grandios!

Am Sonntag kam das schlechte Wetter zurück, was ich zum Anlass nahm, das Klavier fertig zu stimmen. Hierbei bediente ich mich des Programms Lingot, mit dem man auch andere Instrumente, wie z.B. Gitarren, stimmen kann. Das Endergebnis klang gar nicht schlecht, nur leider funktionierten die Dämpfer nicht richtig, sodass einige Seiten so klangen, als würde man das Haltepedal ständig gedrückt halten. :/ Die Familie von Simon war jedenfalls scheinbar trotzdem beeindruckt …
Zu Mittag traf dann die Schwester von Simon samt Mann und Kind ein, und es kam wieder einmal zu einem opulenten Mittagessen. Wie es übrigens scheint, ist die Gegend trotz ihrer relativen Abgeschiedenheit nicht allzu sehr von Abwanderung bedroht, sondern es siedeln sich im Gegenteil einige junge Familien an, was man auch an weitverbreiteten Autoaufklebern “Bébé à bord” ablesen kann. Auf der anderen Seite zieht es auch ältere Stadtbewohner aufs Land, die dort ihren Lebensabend verbringen wollen, hauptsächlich Pariser. Diese genießen nicht unbedingt das Wohlwollen der ansässigen Landbevölkerung, da sie sich scheinbar eher arrogant verhalten und die Bauern als Bürger zweiter Klasse sehen, die ihnen auf Abruf bereitzustehen hätten. Ist zumindest die Ansicht von Simons Familie, die auch in anderen Belangen einigen französischen Stereotypen entsprechen; so sprechen sie z.B. kein Englisch, und Simon ist sogar ein überzeugter Gegner dieser Sprache. ;)
Ein Thema, das weiterhin im Unterbewusstsein der Franzosen schwelt, ist das Verhältnis zu den Deutschen. Wir sind häufig auf das Thema des zweiten Weltkriegs zu sprechen gekommen, und obwohl ich mich als Österreicher natürlich in der Opferrolle fühlen darf, so merke ich doch, dass die Franzosen noch gewisse Ressentiments gegenüber deutschsprachigen Leuten haben, was historisch gesehen sehr gut verständlich ist. Diese Gefühle werden die meiste Zeit nicht artikuliert, aber sie sind definitiv vorhanden. Es wird jedenfalls noch einige Zeit brauchen, bis diese Vorurteile verschwinden, und ich glaube, dass gerade solche Initiativen wie das Erasmus-Programm dazu beitragen, die Völkerverständigung zu fördern.
Am Nachmittag unternahmen Simon und ich noch eine Radltour in der Umgebung, u.a. nach Peyrehorade und nach Hastingues, wo wir die Abbaye d’Arthous und die Innenstadt von Hastingues besichtigten.

Abbaye d'Arthous.

Am Montag fuhr ich dann von Dax wieder zurück nach Bordeaux, wo mich wieder einmal der Village-2-Blues erfasste. Immerhin traf ich wieder auf einige nette Nachbarn und traf mich noch am Abend mit Lili, wobei wir in Pessac ein bisschen spazieren gingen und dann noch einige Zeit bei ihr blieben. Die Zeit der Abschiede hat jedenfalls schon längst begonnen, ab jetzt ist jeden Abend ein Abschied geplant …

Ein klein wenig melancholisch verabschiede ich mich auch von meinen Lesern, aber nur für diese Woche. :)

À l’Ouest, rien de nouveau

von Michael Färber 16. Juni 2013, 21:20 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser neununddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Abenteuer ist eigentlich diesmal etwas zu viel gesagt, denn diese Woche war eigentlich nicht besonders aufregend. Es macht sich langsam Abfahrtsstimmung breit, und ich muss sagen, dass ich es mittlerweile kaum mehr erwarten kann, wieder nach Österreich zu kommen und meine Familie und Freunde endlich wieder in die Arme zu schließen können …
Ich mache mir momentan allerdings ein wenig Sorgen über meine “Reintegration” in Tirol, denn ich denke, es wird gerade zu Beginn alles komplett ungewohnt sein und sicher auch etwas bizarr. Das zeigt sich schon daran, dass ich mir manchmal Gespräche mit meinen österreichischen Freunden vorstelle und plötzlich merke, dass ich die imaginäre Konversation auf Französisch geführt habe. o_O Aber vielleicht wird mir auch einfach nur ein Stein vom Herzen fallen, so wie bei meinem letzten Österreich-Aufenthalt zu Weihnachten, als ich in der Trafik auf einmal einen plötzlichen Ausbruch von Enthusiasmus hatte, in einem Geschäft wieder ohne Probleme Deutsch sprechen zu können. ;)

Ein Aufbruch muss natürlich wohl geplant sein — hier also eine kurze Aufstellung meiner Pläne, die sich dann natürlich an der Realität messen lassen müssen. Frei nach Brecht: “Ja; mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch´nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.” Na sein wir einmal nicht so pessimistisch:

  • 17. Juni: Präsentation der Masterarbeit an der Universität Bordeaux 1
  • 20.-23. Juni: Aufenthalt in Peyrehorade (Nähe Bayonne/Biarritz) bei Simon
  • 28. Juni: Auszug aus Village 2
  • 28.-30. Juni: Aufenthalt in Preignac (Nähe Bordeaux) bei Eli
  • 30.-5. Juni: Aufenthalt in La Grande-Motte bei meinem Cousin Mino
  • 5.-8. Juni: Heimfahrt nach Innsbruck mit meinen Eltern

Bis zu meiner Ankunft in Tirol ist natürlich noch eine Menge zu organisieren; die Liste geht von Kontoschließung über Fahrradverkauf bis Mobilfunkvertragsauflösung. Meine geschätzte Leserschaft möchte ich nicht mit unwesentlichen Details dazu plagen.

Diese Woche habe ich mich jedenfalls weitgehend dem Müßiggang hingegeben, inklusive Schwimmbad- und Restaurantbesuchen. Diese Leerlaufphase scheint sich allerdings positiv auf meine künstlerische Ader auszuwirken, denn ich habe wieder einmal ein neues Lied geschrieben — das erste fertige Lied seit letztem Sommer! Es heißt “Don’t Be Afraid”, und ich habe es innerhalb eines Vormittags fertiggestellt. Aufgrund der unterirdischen Aufnahmequalität meines Telefons möchte ich es noch nicht veröffentlichen, aber ich hoffe, es in Tirol in besserer Qualität aufnehmen zu können. Am Samstag hatte ich jedenfalls Gelegenheit, es insgesamt drei verschiedenen Publiken auf dem UdSSR-Klavier von Village 2 vorzuspielen, und es zeigten sich alle drei Publiken beeindruckt. ;)

Diese Woche kam auch das Paulinchen zurück nach Village 2, und als ich ihr eine neuerliche Aussprache anbot, warf sie mir wieder ein paar Gemeinheiten an den Kopf und verschwand dann in ihrem Zimmer. Dies ist also offiziell ein hoffnungsloser Fall, und ich muss mir wohl eingestehen, dass ich mich ganz massiv in ihr getäuscht habe. Ignorierte ich bisher ihre Seltsamkeiten weitgehendst, so wird mir im Nachhinein immer mehr bewusst, dass diese wohl ein Ausdruck ihres schwierigen Charakters sind, der über kurz oder lang zu Problemen führen musste. Nun, da die Maske gefallen ist und ich nicht mehr mit Blindheit geschlagen bin, ignoriere ich sie vollständig. Das ist für mich die einzig mögliche Lösung, denn ich kann und will nicht mit jemandem reden, der mich auf so perfide Weise via SMS und ähnlichem beschimpft. Selbst ein “bonjour” wird mir nicht mehr über die Lippen kommen. An sich schade, denn wer hätte zu Beginn des Jahres einen solchen Ausgang geglaubt? Es soll mir eine Lehre sein …
Etwas unangenehm ist natürlich, dass sie weiterhin meine Nachbarin ist, aber zumindest kann ich die Tage, die ich voraussichtlich noch in Village 2 bin, an zwei Händen abzählen. Der momentan verstärkte Krach meiner Nachbarn, wegen überstandener Prüfungen noch feierlustiger als sonst, geht mir auch zusehends auf die Nerven … wenn man sich gerade nicht in Feierstimmung befindet und dann um 3 Uhr in der Nacht die Nachbarn die Party samt Subwoofer aus einem Zimmer auf den Gang verlagern, dann kann das schon für böses Blut sorgen. Immerhin waren sie so nett, auf meine Bitte dann die Musik nicht nur leiser zu drehen, sondern gleich komplett auszuschalten.
Um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich habe grundsätzlich nichts gegen Feiern, nur muss es meiner Meinung nach jedem freigestellt sein, ob er daran teilnehmen bzw. davon etwas mitbekommen will. Clara z.B. wohnt eine Etage unter der Haupt-Partyzone und hat mir anvertraut, dass sie deshalb schon öfters nicht schlafen konnte, sich aber auch nicht beschwert hat. Natürlich, wer macht sich schon gerne freiwillig zum Buhmann einer Feier?
Vielleicht bin ich aber auch einfach ein wenig zu altmodisch, wenn ich wunderschöne französische Chansons lauter Partymusik vorziehe … manchmal habe ich den Eindruck, ich lebe einfach 60 Jahre zu spät. ;) Immerhin hat mich der Krach gleich zu einem neuen Lied inspiriert, nämlich den “Wohnheim-Blues”. Eine Seite Text habe ich dafür schon geschrieben, und hoffe, dass mir die Muse weiterhin Reime zuwirft, sodass das Lied zum nächsten Münchener Faschingskonzert präsentabel ist. ;)

Zum Abschluss noch ein Foto von meinem heutigen Fahrradausflug zum sogenannten “Bois des sources du Peugue“. War eine recht schöne Route, und ich bin genau bis an die Grenze von Pessac gestoßen. Dahinter kommt die Freiheit, sprich Arcachon … ;)

Le Bois des Sources du Peugue.

Ich wünsche meinen Lesern noch einen schönen Wochenbeginn und à bientôt !

Un air de vacances

von Michael Färber 10. Juni 2013, 15:15 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser achtunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Wie von mir schon prophezeit, musste ich mit diesem Artikel ein wenig zuwarten, da ich letztes Wochenende sehr stark mit dem Abschluss meiner Masterarbeit beschäftigt war. Diese Arbeit ist nun zu meiner Befriedigung abgeschlossen, und ich war seitdem auch nicht gerade untätig, sodass sich dieser Artikel weiter verzögert hat. Nun, beginnen wir jetzt mit letzter Woche:

Am Montag Abend gönnte ich mir wieder einmal einen Filmabend bei mir und sah “La Grande Vadrouille“, einen der bekanntesten Filme mit Louis de Funès. Dieser Film hat für mich eine besondere Bedeutung; war es doch einer der ersten Filme, die ich komplett auf Französisch schaute. Damals, das heißt vor einigen Jahren, sah ich den Film noch dazu ohne Untertitel und verstand vielleicht 10% der französischen Dialoge. (Glücklicherweise gibt es in dem Film auch einige deutsche und englische Sequenzen, sodass ich nicht komplett verloren war.) Als ich den Film dann also jetzt erneut anschaute, war ich sehr positiv überrascht, da ich nunmehr 90% des Films verstand, und das komplett ohne Untertitel. ;) Ein höchst befriedigendes Gefühl!

Am Dienstag fand das Jahreshauptkonzert meines Chores statt, und zwar in der “Église Sainte-Geneviève de Bordeaux”. Dies sollte eines der bisher besten Konzerte werden, da die Stimmung im Publikum ganz ausgezeichnet war und sich das natürlich auf uns Sänger übertrug: Es macht einfach mehr Spaß, vor einem hochmotivierten Publikum zu spielen, als vor einem faden und desinteressierten. Und so gaben wir natürlich unser Bestes, was am Ende auch mit einigem Applaus reichlich honoriert wurde. ;)
Das Konzert feierten wir dann auch bei einer kleinen soirée in einer WG, die sich aus mehreren Chormitgliederinnen zusammensetzt.

Soirée.

Die nächsten Tage arbeitete ich relativ hart an meiner Masterarbeit, dabei in engem Kontakt mit meinen beiden Betreuern stehend. Die Tatsache, dass ich zwei Betreuer habe, zeichnete sich hier als Vorteil aus, da natürlich zwei Betreuer beim Lektorat einer Arbeit mehr Fehler entdecken als ein einzelner. ;) Auch waren die verschiedenen Hintergründe meiner Betreuer sehr hilfreich, denn so sah ich die Dinge unter unterschiedlichen Aspekten.

Am Samstag wurde meine Arbeit nochmals unterbrochen (nennen wir es “aufgelockert”) durch das letzte Konzert meines Chores mit mir: Wir sangen an der “Fête du Fleuve” direkt gegenüber des Place de la Bourse, vermutlich einer der bekanntesten Orte in Bordeaux überhaupt. Um eine Analogie zu gebrauchen, war das ein wenig so wie ein Konzert vor dem Goldenen Dachl oder dem Wiener Stephansdom. Es schloss sich damit auch irgendwie ein Kreis, denn dieser Platz war einer der ersten, den ich nach meiner Ankunft in Bordeaux erblickt hatte; nie hätte ich es mir damals träumen lassen, später an genau diesem Platz an einem Konzert bei einem der größten Feste von Bordeaux mitwirken zu können.
Schon der Soundcheck war sehr lustig; es waren nämlich einige sehr bizarre Personen unter den Zuschauern. Unter anderem ein schon etwas älterer Herr, der einige höchst bizarre Tänze darbot, des öfters an epileptische Anfälle erinnernd. Wir hatten ehrlich Mühe, uns beim Singen das Lachen zu verkneifen. Wie ich hörte, war diese seltsame Gestalt kein Unbekannter, sondern schon seit mehreren Jahren bei diesem Fest regelmäßig vertreten. Er schaffte es immerhin, noch einen anderen Zuschauer zu einem nicht minder bizarren Tanz zu motivieren, was einfach unglaublich genial ausschaute. ;)
Nach dem Soundcheck schauten wir uns noch ein wenig auf der Fête um und konnten uns dann noch ein wenig unterirdisch ausruhen, denn unter unserem Konzertplatz war ein recht großes unterirdisches Gewölbe, eine ehemalige Parkgarage, die temporär als Künstlerloge herhalten musste. Jedenfalls ein Ort, den man als Normalsterblicher üblicherweise nicht zu Gesicht bekommt. ;)
Das eigentliche Konzert fand dann zu bester Zeit statt, nämlich um 20 Uhr, und der Zuschauerzustrom war enorm. Einen kleinen Auszug kann man hier sehen. Auch beim eigentlichen Konzert war unser Freund, der Tänzer, wieder anwesend, dazu noch ein etwas notgeil wirkender Mensch, der direkt an der Absperrung stand und die Damen unseres Chores lüstern beäugte — er bekam seinen Mund kaum zu. Zum Glück war der Rest des Publikums etwas “normaler”, und so war es ein sehr gelungenes Konzert.

Fête du Fleuve.

Nach dem Konzert traf ich Clara, die ich zum Konzert eingeladen hatte, und wir schauten uns nach einem kurzen Imbiss noch ein anderes Konzert an. Dann ging ich zu einer Chorfeier, die direkt im Stadtzentrum bei unserer Chorsängerin Raïssa stattfand. Von dort konnte man auch das Feuerwerk sehen, das im Rahmen der Fête du Fleuve veranstaltet wurde — wie mir erzählt wurde, hat der Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé, ein faible für pyrotechnische Spektakel. ;)

Am nächsten Tag, Sonntag, arbeitete ich wieder an meiner Masterarbeit, fand aber immerhin ein wenig Zeit für eine kleine Radltour in meinem bevorzugten “Kurort” Pessac.

Am Montag war Abgabetermin für meine Masterarbeit. Zum Glück war nicht mehr allzuviel zu ändern, sodass ich diesem Termin relativ locker entgegensah. Am Nachmittag hatte ich sogar Zeit, mein Zeugnis für den Französisch-Sprachkurs abzuholen, das mit 15/20 Punkten recht zufriedenstellend ausfällt und ungefähr einem österreichischen 2er entspricht. Nach Rücksprache mit dem Studienbeauftragten in Innsbruck sollte es möglich sein, mir diesen anrechnen zu lassen, da es kein Anfängerkurs ist, sondern ein Kurs auf dem Niveau B2-C1. ;)
Nebenbei beschäftigte mich auch das Hochwasser in Österreich, das in mir Erinnerungen an 2003 weckte. Von meiner letztjährige Radltour von Tirol bis vor die Tore Wiens (Tulln) kenne ich viele der Orte, die ich diese Woche in den Nachrichten vom Wasser verwüstet sah — ein seltsames Gefühl … Ich hoffe auf jeden Fall, dass meinen Lesern kein Unheil zugestoßen ist und alle Häuser noch stehen.

Am Dienstag nutzte ich jedenfalls das in Frankreich im Gegensatz zu Österreich ausgezeichnete Wetter, um mit Kasia nach Arcachon zu den dortigen Dünen zu fahren. Auf dem Weg lernten wir ein paar sehr sympathische “Réunionnais” kennen, also Einwohner der Insel “La Réunion”, die wir zu den Dünen begleiteten. Dort brutzelten wir dann einige Zeit in der prallen Sonne, nur um dann ein paar Stunden später krebsrot aufzuwachen — wir hatten es offensichtlich mit der Sonne ein wenig übertrieben. Und so machten sich Kasia und meine Wenigkeit auf den Weg in schattigere Gefilde, als wir einen Radfahrer nach dem Weg fragten. Mit diesem hatten wir eine längere Diskussion, und schließlich hielt ein LKW neben uns an, der uns auch nach dem Weg fragte. :) Daraufhin ergriff unser Radler die Initiative und fragte den Fahrer, ob er uns ein Stückchen mitnehmen wolle? Dies wurde uns gewährt, und so kletterten wir in den LKW — wie es scheint, ist dies eine Gegend, die Mitfahrgelegenheiten begünstigt. Zuerst wollten wir zu den Dünen zurück, dann aber entschieden wir uns dafür, mit dem LKW nach Arcachon zu fahren, nur um allerdings zu erfahren, dass der Fahrer nicht nach Arcachon fährt. o_O Daraufhin stiegen wir irgendwo in der Pampa an einer Schnellstraße aus, über der der Boden schon flimmerte und das Zirpen der Zikaden für eine mediterran-meditative Stimmung sorgte. Von ein paar vorbeigleitenden Rennradfahrern abgesehen, keine Spur von nicht-automobilem Leben. Wir stellten uns also an die Schnellstraße und hatten Glück, denn schon nach zwei Minuten hielt ein Auto an, um uns direkt nach Arcachon mitzunehmen. Das Autostoppen funktioniert also im Großen und Ganzen ganz hervorragend, und es ist sicherlich von Vorteil, so wie in meinem Fall ein Mädchen dabeizuhaben. ;)
In Arcachon angekommen schlenderten wir noch ein bisschen am dortigen Strand herum, von einem Eis nur deshalb absehend, da die Abfahrt des Zuges nach Bordeaux immer näher rückte. Im Zug trafen wir dann wieder auf unsere Réunionnais, die genau wie wir ziemlich erledigt waren.
Bei unserer Rückkehr nach Pessac war der Kauf von “après soleil” dringend angesagt, und ich war so geschafft, dass ich meine Teilnahme an der letzten Chorsitzung an jenem Abend absagte. Nachdem ich mein Abendessen eingenommen hatte, ging es mir allerdings wieder besser, weshalb ich dann doch noch in die Stadt fuhr und so zumindest noch am Ende der Chor-Jahreshauptversammlung dabeisein konnte. Es hätte mir doch sehr leid getan, mich von so vielen meiner Freunde nicht gebührend verabschieden zu können …

Am Mittwoch fragte mich Romaric (ein Freund aus meiner Mensa-Stammgruppe) recht spontan, ob ich mit ihm klettern gehen möchte, was ich natürlich mit höchster Freude bestätigte! Und so fuhren wir mit seinem Auto nach dem Mittagessen in das malerische Örtchen Frontenac, wo sich auf dem Gelände eines ehemaligen Bergbaugebiets eine natürliche Kletterwand von ca. 10m Höhe erstreckte. Bevor es ans Klettern ging, gab mir Romaric allerdings noch eine Einführung, da ich mich nicht erinnern kann, je schon einmal mit eigenem Seil klettern gegangen zu sein. (Klettersteige allerdings schon einige!) Als die Einführung vorbei war, war mir trotzdem etwas mulmig zumute, da ich ja Romaric immer wieder sichern musste, aber es ging alles gut, und auch ich selbst kam einige Male ohne Blessuren die Kletterwand hinauf. Es kam also zu keiner Tragödie wie im Film Nordwand, an den ich immer wieder zurückdenken musste …

À l'escalade.

Nach dem Klettern ließen wir uns Zeit mit dem Zurückfahren nach Bordeaux, da wir bei der Hinfahrt schon einige wunderschöne Landschaften gesehen hatten, die wir noch ein wenig genießen wollten. Unter anderem sahen wir ein Art Schloss mitten in der Landschaft, die sich als Naturschutzgebiet um den Lac de Laubesc herum herausstellte — absolut sehenswert!

Lac de Laubesc

Weiters sahen wir einen Radweg (voie verte), der ca. 50km von Bordeaux nach Sauveterre-de-Guyenne führt und einen sehr schönen Eindruck macht. Hätte ich ein gescheites Fahrrad, würde ich mir sofort einen Tag für diese Route gönnen …
Nach unserer Landschaftsbesichtigung gingen wir in eine Pizzeria, um den Tag bei einer Riesenpizza und einem Radler ausklingen zu lassen. Da Romaric ein bisschen mehr als ich trank, bot ich ihm an, das Steuer bei der Rückfahrt zu übernehmen, und so kam ich also zum allerersten Mal ans Steuer eines Autos in Frankreich. Die Tatsache, dass es ein Diesel-Auto war, es mittlerweile stockdunkel war und ich vor ca. fünf Monaten das letzte Mal Auto gefahren bin, machten mir anfangs ein wenig zu schaffen, weshalb ich oftmals auf der Landstraße mit 40km/h unterwegs war. Gab mir jedenfalls schon einen Vorgeschmack auf die Pension. ;)

Am Donnerstag kam ich seit langem wieder einmal zum Klavierspielen, das ich während der letzten Zeit etwas vernachlässigt hatte. Es wirkt sich eben nicht sehr motivierend aus, wenn man zum Klavierspielen die Wahl hat entweder zwischen einem lichtlosen Raum voller Spinnenweben auf einem UdSSR-Klavier mit zu niedrigem Stuhl, oder einem Klavier, wo man immer schon Tage im Vorhinaus buchen muss und dann mit An- und Abreise immer eine halbe Stunde zusätzlich einplanen kann. Nun, immerhin habe ich’s noch nicht komplett verlernt. ;)

Am Samstag war ich zum Mittagessen bei Lili eingeladen, wo ich die Entdeckung machte, dass das chinesische Essen an Schärfe das europäische bei weitem übertrifft — so sehr wie beim Verzehr dieses Essens habe ich nicht einmal beim Klettern geschwitzt. Immerhin kühlte der an diesem Tag vorherrschende Starkregen mein Gemüt dann wieder etwas ab …
Am Abend konnte ich Simon zu einem Kinobesuch motivieren — ursprünglich hatte ich vor, einen polnischen Film im Rahmen des momentan stattfindenden polnischen Filmfestivals zu sehen, aber beim Kino Utopia angekommen stellten wir fest, dass ich mich auf der Webseite verlesen hatte und der Film an dem Tag nicht stattfand. So disponierten wir um und sahen stattdessen Acciaio (dt. “Stahl”), einen italienischen Film über das Leben in der italienischen Stadt Piombino, das eng mit dem dortigen Stahlwerk verknüpft ist. Außerdem traf ich dort eine fille namens Beatrice, die mir gefiel, und wir verabredeten uns für den darauffolgenden Tag, zusammen einen Film der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl zu schauen. ;)
Nach dem Film trafen wir uns noch mit Freunden von Simon, Adrien und Céline, mit denen wir in ein italienisches Restaurant gleich gegenüber dem Utopia gingen, wo wir den Abend mit Rotwein und Italiana begingen. ;)

Am Sonntag war der große Tag des Faulenzens, frei nach dem Motto “doch am siebten Tag sollst du ruhn”, mit einer fast dreistündigen Siesta. :) Am Abend traf ich mich dann wie vorgesehen mit Beatrice (eine echte bordelaise!), allerdings war es etwas zu spät für den Film, weshalb wir stattdessen die Stadt in der Dämmerung besichtigten und uns dann in einen der zahllosen irischen Pubs (Molly Malone’s) setzten. Die Stimmung war dann perfekt, als wir gegen Mitternacht auf den sanft beleuchteten Quais entlangschlenderten und den langsam einsetzenden Nieselregen (bruine) genossen …

Soweit also meine letzten zwei Wochen. Nächste Woche wird vermutlich nochmals recht entspannt, da ich meine Präsentation für die soutenance, also meine letzte “Prüfung”, schon großteils vorbereitet habe und also schon dementsprechend in Ferienstimmung bin. Damit liege ich im Trend, denn z.B. im restaurant universitaire hat die Gästezahl diese Woche schon stark abgenommen, was dafür hindeutet, dass fast alle ihre Prüfungen hinter sich haben und schön langsam nach Hause diffundieren …

Ich wünsche meinen Lesern auf jeden Fall einen schönen Wochenbeginn und bis bald! Lang isch nimma …

Homme de sucre

von Michael Färber 26. Mai 2013, 20:41 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser siebenunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Letztes Wochenende war ich leider außerstande, meinen Bericht zu verfassen, da ich am Samstag viel am Computer geschrieben hatte und daraufhin wieder ordentliche Schmerzen in der Hand hatte, worauf ich mir ein paar Tage Schreibabstinenz verordnete. Ich versuche nun den Spagat, gleich zwei Wochen aufzuarbeiten und dabei gleichzeitig meine Hände nicht zu sehr zu strapazieren. :)

Am Montag letzter Woche also hatte ich Besprechung mit meinem Betreuer Géraud, der mir anbot, die darauffolgende Woche (also diese Woche) an einer wissenschaftlichen Konferenz zum Thema Formale Sprachen und Logik teilzunehmen, und dort gleich ein Exposé (dieses Wort liebe ich, es klingt so schön!) über meine Masterarbeit zu präsentieren. Da ich bisher noch an keiner einzigen solchen Konferenz teilgenommen habe, sagte ich ohne Umschweife zu, denn es interessierte mich, wie so etwas abläuft. Ein weiterer begünstigender Faktor war der Standort, denn die Konferenz sollte auf der Île de Re stattfinden, einer kleinen ca. 200km von Bordeaux entfernten Insel, die durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist.

Am Dienstag entdeckte ich einen ORF-Artikel, der nunmehr die Basis meines täglichen Fitnessprogramms darstellt. Dieses habe ich bis jetzt rigoros eingehalten, trotz ordentlicher Muskelkater in den ersten Tagen.

Am Mittwoch ergab sich eine recht drastische Änderung bei meiner Masterarbeit: Ich experimentierte am Abend noch ein wenig mit ein paar neuen Test-Grammatiken herum, als mein Programm auf einmal verdächtig lange zur Bearbeitung einer solchen Grammatik brauchte. Als ich die Zeitdaten auswertete, erhärtete sich mein fürchterlicher Verdacht: Mein Algorithmus funktioniert nicht immer so schnell, wie ich bisher gehofft hatte! Es ist so wie ein Sportwagen, der normalerweise Spitzengeschwindigkeiten von 300km/h erreicht, aber auf manchen Strecken auf einmal nur mehr 10km/h aufbringen kann. :) Im selben Moment fiel es mir auch wie Schuppen von den Augen, warum das so sein muss — die Indizien waren die ganze Zeit da, doch die Erleuchtung kam recht spät.
Einerseits ist das natürlich kein erfreuliches Ergebnis, aber zumindest wissen wir jetzt sicher, woran wir sind, und müssen nicht mehr spekulieren, ob der Algorithmus eine gewisse Geschwindigkeit hat oder nicht, sprich, ob der Sportwagen wirklich immer 300km/h erreicht oder nicht. Da wir auch nicht mehr genug Zeit haben, um den Sportwagen stabil zu machen, schreibe ich jetzt also einfach die bisherigen Ergebnisse zusammen.

Am Freitag erhielt ich schon in der Früh Besuch von Pauline, die mich zu ihr auf einen Tee einlud. Sehr kommod. Bei ihr war auch ihre Freundin Anne-Sophie, von der ich schon länger nichts gehört habe, und durch den Tee gestärkt machte ich mich danach gleich wieder an die Arbeit.
Beim Mittagessen erfuhr ich mehr durch Zufall, dass ich schon seit längerem bei meinem Mobilfunkbetreiber Free für 2€ im Monat auch unbegrenzt SMS schreiben kann. Tolle Sache. Seither heißt es “Parler, parler” …
Am Abend war auch ein Konzert vorgesehen, nämlich von einer Konservatoriums-Gesangsklasse zum Thema Verdi, wohin ich mit Simon ging. Das Konzert war wieder einmal sehr cool gestaltet und hat uns beiden recht gut gefallen — es waren auch viele Chormitglieder wieder anwesend, auf und vor der Bühne. Nach dem Konzert wurden wir bei der Fahrt nach Village 2 von ziemlich starkem Regen überrascht und gingen deshalb noch auf einen Kebap. Mmmhh, jetzt habe ich auch wieder Lust auf ebensolchen … wird Zeit, dass ich endlich zum Abendessen schreite.

Am Samstag habe ich, wie schon erwähnt, beim Schreiben meine Hand etwas überstrapaziert, was ich u.a. zum Anlass nahm, ein neues Buch anzufangen, nämlich die Bob-Dylan-Autobiographie “Chroniques” (ja, auf französisch), nachdem ich vor kurzem erst mit dem Buch “Le magasin des suicides” (Geschenk von Kristin, danke nochmal dafür!) fertiggeworden bin. Am Abend aß ich mit Simon und fuhr dann mit ihm in die Stadt, um die Nacht der Museen zu besuchen. Im Zuge dessen sahen wir uns das Musée des Beaux-Arts und die etwas weiter im Norden von Bordeaux gelegene base sous-marine an, die von den Deutschen im 2. Weltkrieg konstruiert wurde und uns in der Nacht rot illuminiert anstarrte. Dort war eine Fotoausstellung über arabische Länder, mit arabischer Musik und Essen etc. — die Deutschen hätten ihre Freude daran gehabt. ;)

Base sous-marine.

Den Sonntag nutzte ich für eine etwas längere Radltour (~3h), in der ich erstaunlicherweise trotz der langen Dauer nie aus meinem Wohnörtchen Pessac herauskam. Dafür machte ich eine schöne Entdeckung, nämlich die der “Ecosite du Bourgailh“: Das ist ein Wäldchen im Westen von Pessac, in dem es sich ganz ausgezeichnet radfahren oder laufen lässt. Es ist zwar von der Größe her nicht ganz vergleichbar mit der Innsbrucker Nordkette oder dem Perlacher Forst bei München, aber doch zumindest die größte Grünfläche in der Umgebung, die ich bisher ausfindig machen konnte.

Le lac à côté du bois.

Am Montag war ich immer noch gehandicappt, weshalb ich kein schlechtes Gewissen hatte, den späten Nachmittag zu einem Kinobesuch mit Lili zu nutzen: Wir sahen den Film “Searching for Sugar Man“, den ich schon seit langem auf meiner Wunschliste hatte, und der Film hat mich nicht enttäuscht, vielmehr sogar zu Tränen gerührt. Ich kann ihn wirklich allerwärmstens weiterempfehlen. I wonder …
Nach dem Kino habe ich Lili noch das “Sherlock Holmes” gezeigt, in dem ich auch schon länger nicht mehr war. Danach haben wir noch zusammen bei mir zu Abend gegessen …

Szenenwechsel: Am Dienstag fuhr ich mit Géraud und ein paar anderen Informatikern en voiture zur Konferenz an die Île de Ré. Vor meiner Abreise wollte ich Pauline noch einen schönen Tag und viel Glück für ihre Prüfungen wünschen, doch als sie ihre Türe öffnete und mich sah, machte sie ein saures Gesicht (eine Zitrone nichts dagegen) und knallte sie gleich wieder zu. Da sie in den Tagen zuvor schon etwas komischer war als sonst, machte ich mir nicht allzuviel daraus. Kurz darauf erhielt ich allerdings eine SMS, das mit den Worten “ich habe genug von dir” endete — welch schöne Art, eine Reise zu beginnen. Da ich nicht wirklich verstand, woher die Aufregung kam, war ich von diesem seltsamen Verhalten ziemlich angepisst, was mich immerhin zur Komposition eines kleinen Lieds im Auto inspirierte. (Der Text ist nicht jugendfrei, weshalb ich ihn hier nicht veröffentliche.) Ich hätte außerdem gute Lust gehabt, eine richtig böse SMS zurückzuschreiben, aber mich auf eine alte deutsche Soldatentradition besinnend, vor Beschwerden immer mindestens einen Tag verstreichen zu lassen, wartete ich damit noch zu.
Zurück zur Île de Ré: Bei der Anfahrt überquerten wir eine beeindruckende Brücke zwischen Insel und Festland über das Meer, was ich musikalisch mit “La mer” von Charles Trenet (im englischsprachigen Raum popularisiert als “Beyond The Sea“) unterlegte. In unserem Hotel “Les Grenettes” angekommen, war ich von unserer Unterkunft recht beeindruckt, wenn man bedenkt, dass wir alle Einzelzimmer mit jeweils einem Einzel- und einem Ehebett bekamen. Auch ein Schwimmbecken war vorhanden, obwohl das Meer nur ca. 200m entfernt lag. Wir wurden außerdem rund um die Uhr vom Hotelrestaurant bekocht. Sprich, im Vergleich zu Village 2 eine Luxushütte erster Güte.
Die anderen Kongressteilnehmer setzten sich zusammen aus Parisern (Université Paris Didérot 7, wo auch Géraud promoviert hatte) und Bordelais, der Großteil davon Doktoranden bzw. Professoren. Masterstudenten gab es nur zwei (von insgesamt ca. 25 Teilnehmern), mich eingeschlossen, was dazu beitrug, dass ich dauerhaft bemerkte, was ich alles noch nicht weiß. Ein etwas ernüchterndes Gefühl. :/
Für mich der größte Unterschied z.B. zu einer Chorreise waren die Abendgestaltung und die Gesprächsthemen: Wurde im Chor bis spätnachts gefeiert, gingen die Konferenzteilnehmer gleich nach dem Abendessen auf ihre Zimmer, um gleich zu schlafen oder noch zu arbeiten. Auch die Gesprächsthemen beim Essen etc. waren sehr wissenschaftlich ausgerichtet; so bekam ich beim Dîner eine kleine Einführung in die Topologie, was sich aufgrund der zahllosen Definitionen als relativ schwierig herausstellte. :)
Trotzdem ist die Freizeit auf der Île de Ré nicht zu kurz gekommen: In den Pausen zwischen den Konferenzvorträgen ging ich oft ans Meer laufen, und am Mittwoch machten wir sogar eine Radltour über die gesamte Insel, mit 50km aufgrund des anfangs starken Gegenwinds und des eher miserablen Zustands des Leihrrads eine echte Herausforderung. Es war eine ziemlich tolle Tour, an dessen Ende wir sogar einen deutschen Bunker (in Frankreich besser bekannt unter dem Namen “Blockhaus”) zu Gesicht bekamen. Nach der Tour war ich allerdings fix und fertig, nicht zuletzt auch wegen der zahlreich herumfliegenden Pollen, die meinen Augen recht stark zusetzten.

La mer.

Am Donnerstag hielt ich meine Präsentation, die reibungslos verlief und von meinem Publikum recht gut aufgenommen wurde, obwohl ich ja am Ende eigentlich ein Negativergebnis (siehe Mi letzter Woche) konstatieren musste.
Nach der Präsentation fuhren Géraud und ich vorzeitig nach Bordeaux, da wir beide am Freitag arbeiten mussten.

Am Freitag erfuhr ich zunächst in der Früh beim Accueil von Village 2, dass alle Bewohner von Village 2 bis zum 1. Juli ausziehen müssen, was meine Rückübersiedlungspläne nach Österreich zu einer Änderung zwingt, da ich ja bisher vorhatte, mit meinen Eltern den Großteil meines Gepäcks Anfang Juli aus Village 2 abzuholen. Außerdem verkompliziert das auch den Verkauf meiner Sachen (Kühlschrank, Mikrowelle etc.), da ja auch die anderen Heimbewohner alle ausziehen müssen und somit einen Kühlschrank nicht so einfach übernehmen können … wie ich diese Probleme genau lösen werde, steht noch offen. Wie man jedenfalls sieht, zieht das Ende des Erasmusjahres schon herauf — dafür steht auch symbolisch die letzte Ampasser Marmelade (Marille!), die ich mittlerweile geöffnet habe und nach meinen Kalkulationen bis kurz vor das Ende des Aufenthalts reichen sollte. :)
Am Vormittag besprach ich mich wie gewohnt mit meinem Innsbrucker Betreuer Cezary, von dem ich unter anderem auch erfuhr, dass die Anerkennung der Masterarbeit für den Erasmus-Aufenthalt kein Problem darstellt und ich meine Defensio einfach ein halbes Jahr später machen könne. :)
Während wir noch sprachen, erhielt ich ein unangenehmes SMS von Pauline, in dem sie mich lustigerweise für ihre Feier am selben Abend einlud (und im selben Satz bat, zwei Flaschen Bier mitzunehmen!), gleichzeitig allerdings schrieb, ich solle am Vormittag nicht aus meinem Zimmer kommen, weil sie mich nicht sehen wolle, da ich aufdringlich sei, sie von mir genug habe und außerdem den Eindruck hätte, wegen mir nicht mehr frei zu sein. Außerdem wäre ich letzten Sonntag untragbar gewesen und hätte ein Problem. Uff.
Bei so viel Liebenswürdigkeit blieb mir die Luft weg, vor allem, da ich eigentlich immer noch auf Vermutungen angewiesen bin, was der Grund für diese momentane explosive Stimmung ist: Am letzten Sonntag hatte Pauline nämlich einen “Freund” zu sich eingeladen, der mir gegenüber dann später angegeben hat, dass sie sich erst am selben Tag kennengelernt hätten. Während also dieser Freund bei ihr war, habe ich mit ein paar Nachbarn am Gang geredet, als wir bemerkten, dass aus ihrem Zimmer relativ laute Musik kam. An diesem Punkt bin ich mir nicht mehr ganz sicher, aber es kann sein, dass ich an dieser Stelle laut nachgedacht habe, was die beiden bei Pauline gerade treiben könnten, da man kein Gespräch mehr vernahm. Das ist m.E. so ziemlich der einzige potentielle Anlass für diese momentane Krise, den ich allerdings ziemlich lächerlich finde. Nichtsdestotrotz wollte ich diese Angelegenheit mit Pauline diskutieren, um die Situation zu entschärfen, weshalb ich ihr einen recht neutralen Brief mit einem Angebot zur Diskussion schrieb, bis jetzt allerdings noch keine Antwort darauf erhalten habe. Jetzt ist sie immerhin für einige Zeit zu sich nach Hause gefahren, aber ich vermute, dass uns da nach ihrer Rückkehr noch eine unangenehme Diskussion bevorstehen wird …
Am Abend konnte ich mich glücklicherweise von dieser recht unangenehmen Geschichte ablenken, denn es fand ein Chorkonzert zur Eröffnung der Fête du Fleuve statt: Besagtes Flussfest findet alle zwei Jahre statt und wechselt sich mit der Fête du Vin, also dem Weinfest, ab. An diesem Abend kam der Fluss allerdings von oben, denn es schüttete in Strömen, weshalb unser Konzert etwas schlechter besucht war als gewohnt.
Immerhin tauchte Simon, den ich zu dem Konzert eingeladen hatte, danach mit zwei Freunden auf, mit denen ich mich also auf den Weg machte und die vielen Stände und Boote in nasser Abendstimmung betrachtete. Dann gingen wir noch in eine Brasserie, wo wir bei einem Radler den Abend ausklingen ließen und uns dann per Fahrrad zurück auf den Weg nach Village 2 machten …

Am Samstag arbeitete ich größtenteils an meiner Masterarbeit und traf mich am Abend wieder mit Simon und einem seiner Freunde vom Vorabend zum Abendessen, wozu ich einen griechischen Salat beisteuerte, den wir zusammen mit bœuf bourguignon und cidre genossen. Mmmmhhh …

Le dîner, avec Paul et Simon.

Am Sonntag war ich hauptsächlich damit beschäftigt, diesen Artikel zu schreiben :) . Zwecks Erhalts von Bildern zur soirée am Samstag Abend ging ich noch zu Simon, der sich gerade auf eine Fahrradtour nach Bourgailh vorbereitete, und ich beschloss spontan, mich anzuschließen. So fuhren wir also in den Pessacer Hauswald, wo wir das dortige Gewächshaus besichtigten (sehr zu empfehlen!) und nach einer kleinen Tour zum See wieder zurückfuhren.

Avec Simon dans les serres de Bourgailh.

 

Das waren also meine letzten zwei Wochen. Ich hoffe, dass ich nächste Woche wieder etwas pünktlicher meinen Artikel fertigbekomme, kann allerdings leider nichts garantieren, da ich in einer Woche meine Masterarbeit in Frankreich abgeben muss und mir somit vielleicht noch ein Schreibmarathon am Wochenende bevorsteht, der meinen Blog etwas verzögern könnte. ;)
Nichtsdestotrotz wünsche ich meinen Lesern nur das Allerbeste, und einen guten Start in die neue Woche!

P.S.: In eigener Sache: Nächstes Semester würde ich in Innsbruck gerne in eine WG ziehen. Sollte also einer meiner Leser zufällig jemanden kennen, der in Innsbruck für eine WG noch einen Mitbewohner sucht, würde ich mich über eine Nachricht freuen! :)

Bruit

von Michael Färber 16. Mai 2013, 10:18 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser sechsunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Die kulinarische Versorgung diese Woche gestaltete sich als erstaunlich aufwendig, da die Mensa die ganze Woche geschlossen war. Die Franzosen haben nämlich wieder einmal Ferien, weshalb Eigenversorgung angesagt war. Immerhin bot sich gleich am Montag die unerwartete Gelegenheit eines gemeinsamen Abendessens mit meinem Nachbarn Simon, im Zuge dessen wir einige sehr interessante Themen diskutierten. Wie sich herausstellte, haben wir beide sehr ähnliche Interessen; u.a. arbeitet Simon auch momentan an zirkulären Beweisen so wie ich, und wir interessieren uns beide für die Grundlagen der Wissenschaften. Da ist es auch kaum erstaunlich, dass er wie ich ein leidenschaftlicher Radfahrer ist und für diesen Sommer eine Tour de France plant. :) Würde mich natürlich sehr jucken, da mitzufahren, aber andererseits freue ich mich schon zu sehr auf Österreich, sodass ich den Sommer lieber zuhause verbringen möchte.

Wenn wir schon bei Österreich sind: Die Tiroler Landtagswahlen sind ja jetzt geschlagen, und die eingetretene Koalition von ÖVP und Grünen ist genau das, was ich mir erhofft hatte — wunderbar! :) Die Reaktionen der Leute auf die Koalitionspartnersuche, die der ORF zusammengeschnitten hat, ist meines Erachtens legendär.

Ich verfluche fast täglich die Konstrukteure von Village 2, denn was diese als Materialien für die Konstruktion desselben gewählt haben, würde in Österreich vermutlich nicht einmal als Schuhkarton durchgehen. So ist es hier möglich, dass man eine Etage und mehrere Zimmer von einem Lärmverursacher (im weiteren Verlauf dieses Textes “Disco Stu” genannt) entfernt diesen noch immer allerbestens hört. Was aber noch besser ist, ist dann die Reaktion desselben: Beim ersten Mal entschuldigt sich Disco Stu und verspricht, seine “Musik” leiser zu drehen. Hört man dann die Geräusche immer noch und tritt erneut den Gang in das höhere Stockwerk an, sagt Disco Stu: “Du hörst mich immer noch? Jetzt kann ich aber wirklich nichts mehr machen … ich könnte allerhöchstens den Bass abstellen.” Verdammt, warum kommst du da erst jetzt darauf? Ein Studentenwohnheim ist keine Disco, zumindest nicht zur Mittagszeit. Und sich schon zu einer solchen Tageszeit zuzudröhnen, finde ich ebenso peinlich, wie den ersten Whisky des Tages zum Frühstück einzunehmen.
An Lärm ist in Village 2 allerdings keine Knappheit: Man muss oft nicht einmal in die Ferne schweifen, sondern vor bzw. neben der eigenen Haustüre kehren, nämlich bei seinem besten Nachbarn Aalâa. Dieser hat mir die Woche auch wieder einmal dadurch versüßt, dass er bis spät in die Nacht hinein geredet hat, und das mehrfach pro Woche. Und mit “spät in der Nacht” meine ich nicht 10 Uhr, sondern deutlich nach Mitternacht, und mit “reden” meine ich Geräusche erzeugen, dass ich sie trotz einer uns trennenden “Mauer” (Kuchenblech) und Ohrenstöpseln (Hansaplast, made in Germany) noch deutlich zu vernehmen vermag. Ich kann mich natürlich jedes Mal wieder beschweren, aber das habe ich langsam satt. Besonders toll ist es dann, wenn ich, wie in der Nacht auf den Samstag, um 5 Uhr in der Nacht aufwache, weil mein Nachbar dies als wunderbare Zeit zur Konversation auserkoren hat. Zumindest half da ein kräftig gerufenes “Aalâa, ta geule” (“Halt die Pappn, Aalâa”), um für instantane Ruhe zu sorgen. ;)
Was mich als verbindendes Motiv hauptsächlich stört, ist nicht hauptsächlich der Lärm selbst; es ist vielmehr der Unwillen meiner Nachbarn, ihre Nachbarn zu respektieren. Ich unterstelle ja meinen Nachbarn ein gewisses Maß an Intelligenz, mit dem diese eigentlich wissen sollten, dass sie andere Leute stören, wenn sie Krach machen. Daher folgere ich, dass sie dieses Wissen bewusst und wiederholt ignorieren. Und wie sagt so schön ein Zitat von Christopher Marlowe? “There is no sin but ignorance.” Es ist diese Ignoranz, der ich den Kampf ansage.

Am Samstag bin ich dann auch relativ geladen zum Accueil von Village 2 gegangen, um eine offizielle Beschwerde gegen meinen Nachbarn einzulegen. Ich denke, manche Leute lernen es nur auf dem harten Weg, und den war ich zu gehen entschlossen.
Am Nachmittag machte ich noch ein paar Erledigungen in der Stadt und nützte die Gelegenheit gleich für eine kleine Radltour, bei der ich einige Zeit im Buchgeschäft Mollat hängenblieb. Bei meiner Rückkehr nach Village 2 war Disco Stu schon wieder voll in seinem Element, woraufhin ich die Schnauze voll hatte und ihm relativ scharf klarmachte, dass meine Geduld zu Ende sei und ich ab jetzt bei weiteren Störungen einfach direkt die Heimleitung kontaktieren würde. Das schien ihm gar nicht zu schmecken und er wurde ein bisserl aggressiv, was mir aber vor lauter Ärger relativ wurscht war. Es kam jedenfalls zu keiner Messerstecherei oder dergleichen (quod erat demonstrandum per hunc historiam), und — siehe da — die Musik war danach tatsächlich nicht mehr zu vernehmen. So geht das!
In der Nacht kam allerdings genau in dem Moment,  als ich mich hinlegen wollte, mein Nachbar Aalâa zurück und fing natürlich sofort wieder an zu quatschen. Als ich daraufhin bei ihm klopfte, wurde ich allerdings unerwartet zu einem zweiten Abendessen eingeladen, was ich eigentlich nicht annehmen wollte, da ich mich ja quasi am selben Tag noch bei der Heimleitung über ihn beschwert hatte. Er insistierte aber so stark auf seine Einladung, dass ich nicht Nein sagen konnte und die Ehre hatte, mit ihm und seinem Freund Said Hühnchen zu essen. Ich fühlte mich ein wenig wie in 1001 Nacht, bei einem opulenten Nachtmahl mit Said und Aladdin (Aalâa). Es fehlte eigentlich nur noch die Wunderlampe.
Als ich ihm dann eröffnete, dass ich offizielle Beschwerde wegen ihm eingelegt hatte, sagte er, dass er ohnehin schon über sein Verhalten nachgedacht hätte und in Betracht zöge, das Zimmer zu wechseln, da er wüsste, dass mich sein Verhalten störe und er nicht unsere Freundschaft deswegen belasten möchte. Das kam allerdings unerwartet; ich fühlte mich wegen meiner Beschwerde etwas schäbig, aber er schien es nicht so tragisch zu nehmen. Finde es auf jeden Fall bemerkenswert, dass er sich doch Gedanken über sein Verhalten gemacht hat, und muss sagen, dass es mir auch leid täte, ihn als Nachbarn zu verlieren — wenn er nicht nur immer so viel Krach machen würde. ^^

 

Unter der Woche habe ich fast durchgehend wie ein Verrückter an meiner Masterarbeit gearbeitet, die jetzt schon sehr klare Gestalt annimmt (49 Seiten :D ). Ein Schreck erfasste mich am Wochenende, als ich von meinem Innsbrucker Betreuer Cezary erfuhr, dass man für die Defensio der Masterarbeit alle seine Kurse erfolgreich abgeschlossen haben müsse, denn ich muss noch ein paar Kurse in Innsbruck belegen und kann deshalb vermutlich meine Defensio noch nicht im Sommer machen. Momentan kläre ich gerade ab, ob das Auswirkungen auf die Anerkennung meiner Masterarbeit für meinen Erasmus-Aufenthalt hat.

Wieder einmal mit einiger Verspätung, aber schließlich doch wünsche ich rückwirkend einen angenehmen Wochenbeginn für den 13. Mai ^^ und verabschiede mich bis bald. Auf Wiederlesen!
(Dieser Artikel hat im Vergleich zu seinem Vorgänger statt 7 Tagen nur noch 4 Tage Verspätung. Daher sage ich für diese Woche eine Verspätung von einem Tag voraus. ^^)

L’Ariège

von Michael Färber 11. Mai 2013, 23:38 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser fünfunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Der Titel enthält eigentlich den gesamten Inhalt meiner Woche: Ich war mit meinem Chor auf Reise im französischen département Ariège!

Montag morgens fuhr ich mit einem zum Brechen vollbepackten Fahrrad zur Wohnung unseres Chorleiters Alexis in Bordeaux, von wo wir dann mit einem ebenfalls zum Brechen beladenen Clio Richtung Ariège fuhren. Dabei wurde ich gleich zu Beginn Zeuge der ziemlich rabiaten Fahrkultur der Franzosen (oder vielleicht gilt das nur für unsere Chormitglieder), denn noch in Bordeaux brachten es unsere Chauffeure fertig, innerhalb von fünf Minuten drei verschiedene Fahrzeuge bzw. deren Fahrer anzuhupen und lauthals zu beschimpfen. “Vollidiot” (“connard”) und “blöde Kuh” (“connasse”) sind hierbei nur zwei Beispiele, die beredtes Zeugnis der französischen Fluchkultur ablegen. Bei der ersten Tankstelle, an der wir hielten, wurde ein altes Mütterchen, das ihren Motor abwürgte, ebenfalls zum Gegenstand äußerst hämischer Kommentare. Einzig die Tatsache, dass noch kein Chormitglied bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, konnte meine rapide aufsteigenden Sorgen besänftigen.

Le voyage commence ... à vélo.

Wie es sich für eine zünftige Chorreise gehört, regnete es natürlich in Strömen; vergleiche Chorreise nach Spanien. Das konnte unseren Elan allerdings kaum dämpfen, und so dampften wir mit Vollgas Richtung Foix, der Hauptstadt des département Ariège. Dort machten wir gleich in einem Restaurant Station, und nach ca. zwei Stunden (ja, wir sind in Frankreich …) fuhren wir weiter zu unserer Destination, Ornolac. Diese Gegend als entlegen zu bezeichnen ist wohl noch ein wenig untertrieben; so gibt es dort so gut wie überhaupt kein Mobilfunknetz, weshalb manche von uns sogar mit dem Auto weggefahren sind, um wichtige Telefonate zu tätigen. o_O Computer habe ich gar nicht erst mitgenommen, weshalb ich eine fast vollständig computerfreie Woche genießen konnte! :)
Wir waren im dortigen centre diocésian untergebracht, was sich durch einen recht großen Gemeinschaftsraum und durch eine hervorragend ausgestattete Küche (Töpfe so groß wie mein Kühlschrank!) auszeichnete. Von der Umgebung sahen wir am ersten Tag noch recht wenig, da sich der Regen weiterhin kraftvoll auf das Land ergoss.
An diesem ersten Abend waren wir noch relativ wenige Choristen, da die anderen im Laufe der Woche zu uns stießen. So konnte ich mir in aller Ruhe ein Doppelzimmer mit Clément sichern, um einem Logis in einem der Achterzimmer zu entgehen, was sich zumindest anfangs recht vorteilhaft auf meinen Schlaf auswirkte. :)
Wir kochten in der Küche unser eigenes Essen, was bei (später bis zu dreißig Choristen) eine anspruchsvolle Aufgabe war. Nichtsdestotrotz konnte sich der Speiseplan durchaus sehen lassen: Schweinebraten mit Honig, Nudelgratin, Crêpes, … hier gab sich die französische Küche ein Stelldichein. Dermaßen gemästet spielten wir nach dem Abendessen auch immer wieder Karten, unter anderem das sehr amüsante Spiel Belote, das ich schon einmal mit dem Chor in Spanien gelernt hatte.

Am Dienstag war der Regen Vergangenheit, und eine nahezu tirolerische Landschaft begrüßte uns mit stolzen Bergen, grünen Wiesen und als weiße Farbtupfer dazwischen immer wieder ein paar Schafe. Überflüssig zu erwähnen, dass mir das Lust auf eine Bergtour machte, die ja schon längst überfällig war; war doch seit dem letzten Mal, dass ich einen Berg gesehen hatte, fast ein halbes Jahr vergangen. (Unglaublich!) Ein paar Kollegen waren ebenfalls motiviert, und so erklommen wir gleich nach dem Frühstück den nächstgelegenen Berg, den ich allerdings nach Tiroler Kategorie wohl eher “Hügel” nennen müsste, so schnell waren wir oben. Trotzdem, meine erste Bergtour in Frankreich, eine première.
Nach dem Mittagessen ging es auch bergig weiter: Die Region ist nämlich bekannt für ihre heißen Quellen, woher auch die zahlreichen Thermen rühren, und so gingen wir zu einer solchen heißen Quelle in den Bergen. Visuell war sie nicht weiter spektakulär, denn es waren einfach drei mittelgroße “Becken”, die durch ein Bächlein gespeist wurden … aber die Temperatur war genial. Man fühlt sich darin wie in einem gut geheizten Becken in einem Hallenbad, wenn man von dem penetrant an faule Eier erinnernden Geruch absieht. Wir nutzten die Gelegenheit, um uns einige Zeit zu suhlen, wobei wir auch nicht versäumten, in dem warmen Nass zu singen, was ein paar vorbeikommende Wanderer zu spontanem Applaus anregte. ;)
Szenenwechsel: Da sich unser Planschbecken in der Nähe des Kleinstaates Andorra befand, entschlossen wir uns, nach unserem Bad diesem Land einen Besuch abzustatten. Was wir allerdings nicht realisiert hatten, war, dass es in Andorra zu dem Zeitpunkt gerade schneite. Und so kam es, dass sich einige von uns in kurzen Hosen und T-Shirts verwundert mitten im Schneefall wiederfanden. ;) Der Grenzort von Andorra, in dem wir uns aufhielten, war jedenfalls ein bizarres Erlebnis: Eine ziemlich grauenhafte Architektur (genre Massenbauten der 1970er-Jahre), die von allerhand französischen Touristen gestürmt wurden, die sich durch die niedrigen Preise anlocken ließen. In Andorra sind nämlich die Preise für Alkohol und Zigaretten im Vergleich zu Frankreich relativ niedrig, was die Franzosen dazu verleitet, sich dort in Heerscharen mit ebendiesen Artikeln einzudecken. (Es wird sogar im mehrere Stunden entfernten Bordeaux noch dafür auf Plakaten geworben!) So könnte man Andorra als das moderne Babel bezeichnen, denn die Nachfrage wird durch ein nahezu unüberschaubares Angebot gedeckt … auch einige von uns deckten sich mit 5l-Whisky-Flaschen ein.

Les cigarettes de Monsieur Guillaume.

Aus Andorra in unsere Herberge zurückgekehrt hatten wir dann abends noch vor dem Abendessen eine kurze Chorprobe, wo wir ein neues Stück, This Train Is Bound For Glory, einstudierten. (Karl, falls du das liest: Die Aufnahme ist von Mumford & Sons und ziemlich cool. ^^) Das Stück passt zu unserem momentanen Gospel-Schwerpunkt, in dessen Rahmen wir auch das Stück “Rejoice” lernen.
Nach dem Abendessen spielten wir noch das Spiel Loups-garous, welches dem deutschen “Werwölfe von Düsterwald” entspricht.

Am Mittwoch ging es wieder auf in die Berge, und wieder sollte uns das Wetter überraschen: Als wir nämlich an unserer Destination ankamen, blinkten uns veritable Schneehaufen entgegen, die dem aufziehenden Mai grimmig trotzten. Gegen unseren Chor kamen sie allerdings nicht an, denn wir nutzten die Gelegenheit natürlich sofort für eine Schneeballschlacht. :) Der Aufstieg gestaltete sich dann auch unerwartet schwierig, denn über Schneefelder, die immer wieder einbrechen, steil den Berg zu besteigen, ist schon mit guter Ausrüstung nicht immer ganz leicht, und man kann sich vorstellen, dass es mit ordinären Straßenschuhen nicht gerade leichter wird. Schlussendlich erreichten wir allerdings doch den anvisierten Rastplatz ohne gröbere Blessuren, und waren somit in der Lage, unser reichhaltiges Picknick zu genießen, während der rauschende Wildbach im Hintergrund seine säuselnde Melodie sang.
Nach dem Picknick stiegen einige von uns noch weiter auf, was mir allerdings nicht zusagte, da der Weg durch ein einziges riesiges Schneefeld zu führen schien und meine Schuhe ohnehin schon nass genug waren. Auch das Wetter schien mir eher unsicher, und so stiegen wir in einer kleineren Gruppe ab und warteten bei unseren fahrbaren Untersätzen auf den Rest der Gruppe. Dieser erschien dann auch wenig später, relativ durchnässt, da sie auf dem Hosenboden das Schneefeld heruntergerodelt waren — von “cul sec” war da keine Rede mehr.

Am Donnerstag machten wir einen Ausflug in die Grotte de Lombrives. Diese Höhle bot uns einige atemberaubende Augenblicke, u.a. als wir den riesigen “Kathedralensaal” betraten, wo wir es uns natürlich nicht nehmen ließen, ein paar Lieder zu singen und die unglaubliche Akustik zu genießen — wie es scheint, wird die Höhle auch öfters offiziell für Konzerte benutzt. Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten der Höhle zählt auch ein unterirdischer See, der wohl bei Kerzenschein zu zweit eine unvergleichlich romantische Stimmung hervorbringen könnte. (Vorausgesetzt, man könnte den See aufwärmen.) Abende zu zweit im See — eine Geschäftsidee? Ich bin mir sicher, das wäre der Renner.
Im gesamten Höhlensystem befinden sich unzählige Graffitis, die zum Teil weit in die Geschichte zurückdatieren: So ist es keine Seltenheit, auf Inschriften aus dem 17. Jahrhundert zu stoßen, die die Jahrhunderte mühelos überlebt haben, und uns heute mit ihrer verschnörkelten Schrift faszinieren. Eine etwas aktuellere Inschrift hat uns beim Ausgang amüsiert.

Ne m'oubliez pas !

Nach dem Höhlenbesuch aßen wir in der Herberge zu Mittag. Zwischendurch haben wir uns übrigens immer wieder mit Fußball bzw. Rugby die Zeit vertrieben, manchmal auch unter der Mitwirkung des Hofhundes Pipo. Unter den ständigen Bewohnern der Herberge ist auch die Schwester hervorzuheben, die sich um die Verwaltung der Herberge kümmert und mit der ich einige sehr interessante Gespräche hatte. Eine bemerkenswerte Frau.

Rugby avec Pipo, et la bonne sœur à l'arrière plan.

Am Nachmittag setzten wir unsere Besichtungstour mit dem Château de Foix fort. Aufgrund des miesen Wetters verweise ich hier auf ein bestehendes Foto des Schlosses. Wir nutzten natürlich auch hier wieder einmal die Akustik des Ortes, um ein kleines Spontan-Konzert zu geben, zum Gaudium der anderen Schlossbesucher. :)

Château de Foix (Wikipédia)

In der Nacht auf diesen Tag hatte ich ziemlich schlecht geschlafen, da sich mein Zimmergenosse als wahrhafte “Schnarchnase” herausgestellt hat. Nachdem ich mir das Geschnarche einige Zeit angehört habe, suchte ich mir ein anderes Zimmer in der Herberge, nur um erstaunt erstaunt festzustellen, dass keine einzige Türe verschlossen war. Auch die Zimmer, die nicht belegt waren, waren alle offen, sodass ich meine Matratze ein ein leeres Zimmer schleppte und dieses als temporäre Schlafstatt einrichtete. Das löste mein Problem schnell und effektiv. Es hat mich auf jeden Fall ziemlich erstaunt, dass in der Herberge alles so offen war — man stelle sich das einmal in einer Jugendherberge einer größeren Stadt vor! Es könnte theoretisch jederzeit jemand in die Herberge gehen, sich ein Zimmer frei wählen und dort dann übernachten, oder die Küche bzw. den Kühlschrank ausräumen. Doch scheinbar scheint dies in Ornolac kein Problem zu sein; vermutlich, weil es einfach nicht so viele Leute da oben gibt, und Bettler sind in der Gegend überhaupt inexistent. Dafür ist auch überhaupt nichts los in der Gegend. Die Freuden des Landlebens. :)
Auf jeden Fall wollte ich die Nacht darauf das Schnarchproblem etwas eleganter lösen als unbewohnte Zimmer zu okkupieren, weshalb ich bei Hugo anfragte, ob in seinem Zweibettzimmer noch ein Bett frei sei, worauf er mir Unterkunft bei sich gewährte. Dies sollte sich aber als auch wieder etwas zwiespältige Lösung herausstellen, denn bei all der Zerstreuung am Abend fehlte auch der Alkohol nicht, was ich in der Nacht mitbekam, als ich (schon im Bett) von ein paar ziemlich blauen Gestalten aufgeweckt wurde, die von Zimmer zu Zimmer marschierten und allerhand Blödsinn anstellten. Vielleicht sollte man sich von der Vorstellung, allzu viel zu schlafen, vor solchen Reisen von vornherein verabschieden …

Am nächsten Tag, es war der Freitag, gingen wir raften. Glücklicherweise bekam ich davor von einem Kollegen ein altes Paar Schuhe, da ich nur ein einziges Paar Schuhe zur Verfügung hatte und dieses danach komplett nass gewesen wäre. Auch meine Bedenken, dass ich über keine raftingtaugliche Jacke verfügte, wurde zum Glück dadurch zerstreut, dass wir uns beim Rafting Jacken ausleihen konnten.

L'enthousiasme avant --- la blessure après.

Es war auf jeden Fall ein ziemlicher Spaß, wenn auch etwas brutal, denn gerade zu Beginn gab es einige heftige Kämpfe zwischen den Booten (wir bildeten vier an der Zahl), wobei sich die Leute der verschiedenen Boote gegenseitig ins Wasser zu ziehen versuchten — bei den eiskalten Wassertemperaturen nicht unbedingt sehr erstrebenswert. Da ich mit Bertrand die Führung unseres Bootes übernommen hatte, wurde ich zweimal Ziel eines solchen Ins-Wasser-Zieh-Versuches, konnte mich allerdings beide Male — mit tatkräftiger Unterstützung meines Teams — im Wasser halten. Dafür gelang es uns auch einmal, einen Insassen eines feindlichen Bootes zu “versenken”. Wie schon gesagt, ein Heidenspaß. ^^
Mit der Zeit nahmen die Rivalitäten allerdings ab, denn wir waren alle durch das Rudern sehr eingespannt. Es gab auch einen Zwischenfall, als ein Boot auf einen Stein stieß und sich dadurch umdrehte, alle Insassen ins dahinschießende Wasser ergießend. Dabei bekam eine von unseren Choristinnen eine ordentliche Kopfwunde, aber wir waren für solche Fälle bestens gerüstet, denn von Feuerwehrmännern (die das Boot umdrehten und die anderen hineinretteten) bis hin zu Krankenschwestern (die die Versorgung der Verwundeten übernahmen) kann unser Chor alles aufbieten.
Nach dieser sportlichen Verausgabung ging es zurück in die Herberge, aber nicht lange, denn es wartete ein Konzert auf uns, nämlich im Temple de Mazères. Dahinter verbarg sich ein kleines Kirchlein in einem kleinen Örtchen, das à propos genau an der Grenze dreier französischer départements (Ariège, Aude und Haute-Garonne) und an der Grenze zweier französischer Regionen (Midi-Pyrénées und Languedoc-Roussillon) liegt. Während dieses Konzertes spielte auch eine unser Choristinnen auf dem Violoncello, und ich hatte die Ehre, ihre Nummer anzusagen, was dem Publikum sichtlich gefiel. (Man könnte an dieser Stelle wohl über den Charme des österreichischen Akzentes diskutieren. ^^) Danach fragten mich mehrere Leute, ob ich nicht fürderhin die Rolle des Ansagers für den Chor übernehmen wolle. Leider kommt das ein wenig zu spät, denn die Konzerte bis zu meiner Abreise lassen sich an einer Hand abzählen … :(

Der Samstag begrüßte uns mit strahlendem Wetter, doch sollten wir nicht allzusehr davon profitieren, da wir Aufnahmesitzung hatten. Es war nämlich im Laufe der Woche unser “Hauskomponist” Pierre Manchot zu uns gestoßen, für den wir (wie schon für seinen letzte Filmmusik) ein paar Stücke aufnehmen sollten. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten (die Kirche, wo wir aufnehmen hätten sollen, war versperrt o_O) fanden wir uns alle in dem kleinen Kirchlein von Ornolac wieder, wo wir die Aufnahme dann ohne Probleme durchführen konnten. Einige nützten die Pause zwischen den Aufnahmen konstruktiv, um ein wenig “nachzuschlafen”:

Les dormeurs.

Nach der Aufnahme fand die letzte — und größte — Feier der Woche statt, an der ich mich auch vollständig beteiligte. Ich spare mir hier jegliche Beschreibung, denn Worte sind nichts als Schall und Rauch, und wer nicht dabei war, könnte es niemals nachvollziehen. (Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein wenig zu faul, auch diese Feier noch detailliert zu beschreiben? Möglich.)

Pendant l'enregistrement.

 

Am Sonntag nach kurzer Nachtruhe ein erstaunlich katerfreies Erwachen. Bei einem kurzen Blick in die Küche bzw. den Versammlungssaal wird einem dann doch ein wenig übel, aber man schwingt zusammen mit Bertrand (der ebenfalls zu den Kurzschläfern gehört) den Besen, bis wieder alles glänzt. Nach und nach kriechen die Faultiere aus ihren Löchern, und das Frühstück nimmt sich im warmen Sonnenschein am besten ein. Dann droht uns auch schon langsam die bevorstehende Abreise, die es zuvor noch durch rigoroses Aufputzen vorzubereiten gilt, was nach einigen Stunden geschehen ist. Die Rückreise traten wir dann gesondert per Auto an, um uns dann nochmals in dem Chorhauptquartier zu versammeln.

Hier endet mein Reisebericht. Ich entschuldige mich für die fast einwöchige Verzögerung, die allein meinem Arbeitseifer in der Woche nach der Reise geschuldet ist, wünsche meinen Lesern noch einen schönen Abend und bis bald!

Vif

von Michael Färber 28. April 2013, 23:32 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser vierunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Die Woche begann am Montag gleich prächtig; hatten wir am Vortag, sprich den Sonntag, noch Paulines Geburtstag gefeiert, so klopfte sie am Montag schon wieder an meine Türe, um mich zu fragen, ob ich sie zur Tramstation begleiten möchte, wo sie mich gerne ihrer Familie vorstellen würde, die anlässlich ihres Geburtstags gerade zu Besuch in Bordeaux sei. Daraufhin zögerte ich nicht lange (auch, um eine willkommene Auszeit von meiner Arbeit zu nehmen ^^), und lernte somit bei der Tramstation die paulinische Familie kennen, die sich in Form von Mutter und zwei Schwestern inkarniert hatte. Pauline verabschiedete sich allerdings relativ bald wieder, denn sie würde noch arbeiten müssen, was ihre Mutter gleich zum Anlass nahm, mich zum Abendessen zu ihnen einzuladen. Da ich ohnehin an diesem Abend keine große Lust auf Kochen hatte, kam mir das Angebot gerade recht, und begleitete sie zu ihrem gemieteten Domizil, wo ich bei der Fischwerdung eines Abendessens beiwohnen durfte. Paulines Familie ist auf jeden Fall sehr nett; ihre Mutter war mir gegenüber sehr entgegenkommend, und ihre Schwestern in der frühen Adoleszenz waren sehr lustig, vor allem, wenn sie versuchten, mit mir andere Sprachen als Französisch zu sprechen. ;)
Etwas später gesellte sich auch Pauline noch zu uns dazu, und wir genossen ein echtes französisches Abendessen. Allein was fehlte, war der Wein, wir konnten trotzdem lustig sein.

Am Dienstag erfuhr ich mehr zufällig als geplant nach der Mensa von meinem Erasmus-Kollegen Gabriele, dass der Französisch-Sprachkurs ab sofort nicht mehr stattfinden würde. Es geht nichts über eine Portion Zufall und ein gutes, soziales Netz, um solche Nachrichten zu erfahren, vor allem, wenn diese nicht offiziell kommuniziert werden. Auf meine Nachforschungen hin kann man sich den Kurs für sein Studium anrechnen lassen, allerdings steht die Note scheinbar erst gegen Anfang Juni fest. Da ich bei dem einzigen Test, an den ich mich erinnern kann, allerdings nicht gerade berühmt abgeschnitten habe, weiß ich noch nicht, ob ich mir den Kurs wirklich anrechnen lassen möchte. Das hängt auch davon ab, ob ich z.B. eine schlechte Note in Frankreich durch eine bessere Note in einer Innsbrucker Vorlesung “ausbügeln” kann. Doch ach, mir kommt fast vor, es steht mir die Klärung noch so einiger Sachverhalte bevor …
Am Abend war jedenfalls wieder Chorprobe, und obwohl ich zeitlich nicht mehr zu meinem Döner-Sprint in der halben Stunde zwischen Sprachkurs und Chorprobe gezwungen war, gönnte ich mir anlässlich des Döner-Days wieder mein lieb gewonnenes Stück Fast Food. In der Chorprobe wurden wir dann zu unserer unmittelbar bevorstehenden Chorreise nächster Woche nach Ariège informiert: Wir werden in dem Örtchen Ornolac unser Domizil finden und die Woche bis zum Sonntag mit allerhand Freizeitaktivitäten garnieren; genannt wurden Rafting, Wandern (u.a. auch zu heißen Quellen, wo man im Freien baden kann!), Klettern … es klingt also fast so wie das Abenteuercamp, das wir im Gymnasium gemacht hatten. (Habe gerade alte Fotos angeschaut und bin dabei richtig nostalgisch geworden … die gute, alte Schulzeit …) Schüttel, schüttel, zurück in die Gegenwart, bzw. die Zukunft. Da es eine Chorreise ist, wird natürlich auch die musikalische Komponente nicht zu kurz kommen; leider ist nur ein einziges Konzert am Freitag geplant, was wohl bedeutet, dass mein Cousin Mino nicht wie angedacht am Wochenende zu einem unserer Konzerte kommen kann. :/ Dazwischen werden wir allerdings ein paar Stücke aufnehmen, und zwar wie schon bei unseren letzten Aufnahmen zum Film “Hasta Santiago” stammen auch diese Stücke vom Komponisten Pierre Manchot.
In unmittelbarer Nähe unseres Aufenthaltsortes befindet sich übrigens auch der Kleinstaat Andorra, der weniger Einwohner hat als Innsbruck. Vielleicht geht sich ein Kurzbesuch dorthin aus. Kurz und gut, die kommende Woche erfüllt alle Voraussetzungen für eine gewaltige Woche!

Am Mittwoch nützte ich die Gelegenheit, um ein wenig Tiroler Kulturgut nach Frankreich zu bringen: Ich brachte meinen Uni-Freunden das Watten bei! Diese zeigten sich erstaunlich vif beim Erlernen des Spieles, bis auf meinen Partner beim Ladinisch Watten, denn wir brachten es prompt fertig, bei der ersten Partie zu verlieren. Welche Schande …
Am Nachmittag nützte ich das schöne Wetter und versuchte, im Hof von Village 2 einen Artikel für meine Masterarbeit zu studieren. Allerdings vergeblich, denn es gesellte sich noch eine Heimbewohnerin namens Lili auf meine Bank, und wir redeten so lange miteinander, dass wir am Ende schon die Bank wechseln mussten, da die Sonne soweit fortgeschritten war, dass sie uns ins Gesicht zu scheinen begann.
Auch als sie dann gegangen war, wurde meine Aufmerksamkeit strapaziert, denn ich bemerkte eine große Anzahl von Wohnwägen, die sich an Village 2 vorbeibewegten: Die Zigeuner zogen weiter! Ich konnte mein Glück auf den ersten Blick gar nicht fassen — endlich wieder Tage ohne Dauer-Hundegebell! Auch die in letzter Zeit häufig gesichtete Security in Form eines kräftiger gebauten Cyrano von Bergerac wird so vermutlich obsolet. Als einer der Hausmeister an mir vorbeikam, fragte ich ihn, ob er meine, dass die Zigeuner weitergezogen seien, worauf er meinte, dass sie vermutlich einen Monat verschwunden bleiben würden und dann wieder zurückkämen. Nun, in zwei Monaten bin ich eh fast schon wieder weg, also geniert mich das nicht so sehr. :)

Am Donnerstag Abend war wieder einmal ein Konzert fällig, und zwar in symphonischem Rahmen! Ich begab mich mit Pauline in das Auditorium de Bordeaux, wo wir den wunderbaren Werken von Debussy, Prokofiev, De Falla und Strawinsky lauschten, und das auf einem Balkon direkt “neben” dem Orchester mit grandioser Sicht auf ebendieses. Danach schmuggelte ich mich noch in die darauffolgende soirée (nicht zuletzt mithilfe eines Chorkollegen, der beim Auditorium an dem Abend gearbeitet hat — es geht nichts über gute Freunde ^^), wo wir noch einige interessante Leute kennenlernten. Bei solchen Anlässen macht es sich bezahlt, bei einem Chor zu singen, denn viele Konzertbesucher haben meinen Chor zumindest einmal schon gehört, was natürlich gleich einen guten Gesprächseinstieg bietet.

Am Samstag war mein für diese Woche produktivster Arbeitstag; ich habe an einem Tag gleich drei Seiten an meiner Masterarbeit geschrieben, die mittlerweile auf 39 Seiten angewachsen ist. Die Arbeit wird mir auch so schnell nicht ausgehen, denn ich habe noch viel zu schreiben und zu beweisen … es macht mir einiges an Spaß, mein “Meisterwerk” immer schöner und ausführlicher zu gestalten. Der Abgabetermin in Frankreich ist jedenfalls auf den 2. Juni festgesetzt, und die Präsentation gegen Ende Juni. Da ich zusätzlich zu der Präsentation in Frankreich meine Arbeit auch in Innsbruck verteidigen muss, werde ich auch in Bälde die entsprechenden Termine für Österreich organisieren, damit die Anerkennung meiner Arbeit für das Erasmus-Programm möglichst glatt vonstatten geht.
Am Abend meldete sich recht unerwartet mein Nachbar Simon noch bei mir und wollte mich zum Billardspielen einladen. Da er allerdings selbst bezweifelte, dass man am Samstag Abend so leicht einen Billardtisch bekommt, schlug ich ihm einen Kinobesuch vor, was ihm zusagte, und ich nützte die Gelegenheit, auch Sara dazu einzuladen. So kam es, dass wir uns à trois den Film “L’écume des jours” (“Der Schaum der Tage”) ansahen, der mir sehr gut gefallen hat — ziemlich psychedelisch angehaucht und sehr liebenswert gestaltet. Die wohl bekannteste Schauspielerin des Filmes dürfte Audrey Tautou sein, die schon in einer anderen fabelhaften Welt mitgespielt hat.

Das war’s von mir für diese Woche; ich wünsche meinen Lesern noch einen schönen Wochenbeginn, und bis bald! :)

P.S.: LyX-Tipp der Woche: Man kann sich in LyX Grafiken so anzeigen lassen, genau wie sie später im fertigen Dokument aussehen werden. Einfach unter “Werkzeuge -> Einstellungen -> Anzeige -> Grafiken anzeigen” aktivieren, und schon werden alle Formeln wunderschön dargestellt. :) Ich hoffe, ich klinge nicht zu sehr wie die berühmt-berüchtigte Büroklammer

P.P.S.: Noch ein schönes Musikstück zum Abschluss: Rachmaninow, Klavierkonzert No.2, Adagio. Die Melodie dieses atemberaubenden Stückes ist mir Anfang der Woche eingefallen und nicht mehr aus dem Kopf gegangen, bis ich es endlich gefunden habe …

Tant pis

von Michael Färber 22. April 2013, 23:29 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser dreiunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! :)

Beginnen wir dieses Mal zur Abwechslung mit einem Bilderrätsel: Wer ist die Dame mit dem Mikrofon auf dem folgenden Bild? Ein kleiner Tipp: Der Herr rechts von ihr würde auch noch zu ihr aufschauen, wenn er aufrecht stünde.

Dessin-devinette.

Während die Gehirnzellen noch glühen, fahre ich fort und löse das Rätsel später auf. Manchen gibt’s der Herr ja beim Lesen … ^^

Am Mittwoch verleiteten uns die warmen Lüfte nach dem obligatorischen mittäglichen Resto’U-Besuch zu einer Partie Tarock (fr. “tarot”) auf der grünen Wiese. Das Studentenleben erblüht wieder nach dem langen, kalten Winter (na gut, vielleicht ein wenig übertrieben dafür, dass es vielleicht einmal für zwei Minuten geschneit hat), wird aber bei den Studenten dadurch wieder abgewürgt, dass viele Prüfungen bevorstehen, nämlich die gefürchteten “partiels”! Alle Studenten? Nein! Ein paar leben noch in relativer Freiheit, ihre Galgenfrist dauert bis zum Juni, wo sie dann ihre Masterarbeit präsentieren. Und so geht der Kelch momentan an mir vorüber, aber sein giftiger Inhalt wird mir am Ende nicht erspart bleiben …

Tarot après R.U.

Es ist erstaunlich, wie die Zeit vergeht: Von zehn Monaten Aufenthaltszeit sind schon fast acht vergangen, das heißt, mir bleibt nur noch 1/5 meiner Gesamtaufenthaltszeit hier in Frankreich, bevor ich wieder nach Österreich zurückkehren werde. Ich glaube, ich begreife noch gar nicht richtig, was das heißt, denn ich denke, dass die Umstellung wieder ein ziemlicher Schock werden wird …
Um mich auf diesen Schock wenigstens ein bisschen einzustellen, habe ich mir diese Woche den Besuch eines “Österreich-Abends” gegönnt. Kurze Vorgeschichte: Vor einiger Zeit habe ich eine E-Mail von einer Institution namens “Maison de l’Europe” (Europahaus) bekommen, in der ich zu einer “soirée autrichienne” eingeladen wurde, mit der Option, dort einen potenziellen Radioauftritt zu besprechen. Da mir das zu gut erschien, um war zu sein, beschloss ich, als Zeugin meine Nachbarin Kasia zu der soirée mitzunehmen, auf dass sie mich aus meinen überschäumenden Träumen zwickend aufzuwecken vermöge. Bei besagter soirée erwarteten uns dann einige Poster meiner Heimat, die das Land natürlich im schönsten Licht zeigten, mit Hochglanzprospekten und dergleichen. An der kulinarischen Verpflegung muss allerdings noch gefeilt werden, denn der Apfelstrudel wurde ohne Schlagobers serviert — da sollte man meinen, dass seit “Inglourious Basterds” die ganze Welt einen Apfelstrudel entsprechend zu garnieren weiß, aber denkste! Trotzdem war Kasia davon begeistert — ein klarer Gewinn für unsere Küche! ;)
Zwischen Wein und Kuchen fragte ich dann die Damen der Maison de l’Europe nach ihrem ominösen Rundfunkangebot und erfuhr, dass sie am 30. April eine Radiosendung über Erasmus-Studenten aufzeichnen, in der diese ihre Erfahrungen schildern können. Sozusagen das, was ich mit diesem Blog schon seit einiger Zeit wahrnehme. :) Zu meinem großen Bedauern musste ich allerdings feststellen, dass ich am 30. April voraussichtlich schon mit dem Chor im Département Ariège sein würde, außer es würde mir gelingen, eine spätere Mitfahrgelegenheit zu finden. Dieses ist momentan eher unwahrscheinlich, aber man wird sehen … die Sache ist noch nicht ganz gegessen.
Der Überraschungsgast des Abends war allerdings — unsere Ex-Außenministerin Ursula Plassnik! Hiermit ist auch das Bilderrätsel von oben aufgelöst; gratuliere an die, die es geschafft haben, der Rest möge sich ins Eck stellen und sich zehn Minuten lang schämen. …
Gut, genug geschämt. Frau Plassnik ist momentan jedenfalls Botschafterin in Frankreich und nutzte diese Position, um den Anwesenden der soirée über Österreich und Europa zu referieren. Kannte ich sie vorher eigentlich kaum, war ich doch ziemlich beeindruckt von ihrem Auftritt, denn sie strahlte große Kompetenz aus und ging auch auf die Fragen im Publikum sehr genau ein, anders als gewisse andere Politiker. Ich denke, das wäre ein guter Indikator für Kompetenz: Fragen ohne Umschweife beantworten zu können.
Nach dem Vortrag und der Diskussion unterhielt ich mich noch kurz mit ihr, bevor ich dann mit der immer hungriger werdenden Kasia die Maison de l’Europe verließ. Da sie noch nie die Innenstadt von Bordeaux bei Nacht gesehen hatte, spielte ich ein wenig Reiseführer, und wir genossen die Sicht auf die illuminierte Place de la Bourse, während uns die im Hintergrund leise plätschernde Garonne im schimmernden Mondenschein eine zarte Begleitung war. Stadtbesichtigungen machen hungrig, und anstatt direkt nach Village 2 zurückzukehren, schlug ich vor, in der Stadt zu essen, was auch Kasia zusagte, worauf wir zu einem “echten Türken” gingen und uns dort bestens restaurierten. Der Kellner holte sogar ein türkisches Instrument (eine Saz) hervor und spielte uns ein Ständchen. Dass wir uns also prächtig amüsierten, brauche ich kaum zu erwähnen.

J'suis chanteur, je chante pour mes copains ...

Am Donnerstag traf ich mich mit meiner “Konzertbekanntschaft” von letzter Woche, Anaïs, um mit ihr ein paar Schubert-Lieder zu singen bzw. sie am Klavier zu begleiten. Sie möchte nämlich nächstes Jahr am Konservatorium Gesang studieren, weshalb ich ihr angeboten habe, sie am Klavier bei einigen Liedern zu begleiten und ihr Tipps geben, sofern ich dazu befähigt bin. ;) Es ließ sich unser Zusammenspiel auch recht vielversprechend an; leider musste sie schon früher als von mir erwartet wieder von dannen ziehen, aber wir haben für nächste Woche schon wieder ausgemacht, und ich hoffe, dass wir dann ein wenig mehr Zeit haben. ;)
Musikalisch ging es weiter, denn am Abend war wieder einmal ein Chorkonzert, diesmal mit einer Besonderheit: Es fanden sich drei verschiedene Chöre zusammen, darunter natürlich unserer Chor, ein anderer Chor aus Bordeaux und ein tschechischer Mädchenchor aus Brünn, der gerade auf Frankreich-Tournée war. Mit dieser geballten musikalischen Kraft bestritten wir das Konzert gemeinsam, um am Ende mit dem triumphalen “Cantique de Jean Racine” von Gabriel Fauré zu schließen.
Zu diesem Konzert waren auch meine Nachbarn Simon und Pauline gekommen, die beide begeistert waren. Ich fuhr dann noch mit Pauline per Fahrrad zurück nach Village 2, womit wir also so nebenbei auch unsere erste Fahrradtour gemacht hatten. ;)

Am Freitag ging es paulinisch weiter, denn sie lud mich am Nachmittag dazu ein, mit ihr schwimmen zu gehen. Das Schwimmbad der Wahl war in diesem Fall das “Stade Nautique” in Pessac, das wohl eine der wichtigsten Einrichtungen in diesem Ort zu sein scheint, denn es ist quasi an jeder Kreuzung angeschrieben — alle Wege führen ins Schwimmbad. ;) Die erste freudige Entdeckung: Es herrscht keine Badehaubenpflicht! Der obligatorische Slip ist dagegen nur ein kleines in Kauf zu nehmendes Übel. Weitere Überraschung: Es gibt eine kostenfreie Sauna! Damit schlägt das Schwimmbad die “Piscine Judaïque” um Längen. Wir machten sowohl von Schwimmbecken als auch von Sauna regen Gebrauch, und als wir nach acht Uhr abends ziemlich fertig aus dem Schwimmbad kamen, besorgten wir uns noch in Pessac eine Pizza, die wir in einem Park bei lauen Temperaturen verspeisten. Wir haben uns selten so gut verstanden.
Zurück in Village 2 war ich von dem ungewohnten Schwimmbadbesuch ziemlich fertig, aber der Tag sollte noch eine Überraschung für mich bereithalten. Es klopfte nämlich an der Türe. Knock, knock. Who’s there? Ein schönes Mädchen, das ich auf Anhieb nicht erkannte. (In solchen Situationen wünscht man sich ein besseres Gesichtergedächtnis.) Dann macht das Hirn einen Satz, und erkennt meine “Zugbekanntschaft” Sarah wieder, die ich mit Omar auf dem Weg nach Montpellier kennengelernt hatte. Wie es scheint, gibt es da ein Techtelmechtel zwischen ihr und Omar, von dem ich nicht informiert war, und sie war zum Wochenende auf Besuch in Bordeaux. Ich war an dem Abend leider schon ein wenig zu kaputt, um mit den beiden etwas zu machen …

Am Samstag war ich höchst arbeitsmotiviert, was sich sehr vorteilhaft auf meine Masterarbeit auswirkte, denn mittlerweile habe ich schon einen guten Teil davon geschrieben.
Am Abend gab es dann wieder ein Chorkonzert, und zwar im direkt am Garonne-Ufer gelegenen “Cap Sciences”: Wir untermalten eine 50-Jahr-Feier des Vereins “Bordeaux accueille”, der es sich zum Ziel gesetzt hat, neu zugezogene Nicht-Bordelais in Bordeaux zu begrüßen. Ich selbst hatte ja schon das Vergnügen, bei einer Stadtführung zu Beginn meiner Zeit in Bordeaux mit diesem Verein in Kontakt getreten zu sein. Unser Auftritt stieß jedenfalls auf großen Beifall, und das äußerst reichhaltige Buffet nach dem Konzert (inklusive — wer ahnte es nicht? — Wein) trug zu einer äußerst lustigen Atmosphäre bei, was konsequent zu einer schon etwas schief klingenden Mitternachtseinlage führte. Danach ging es noch in die “Chorbasis” zu Alexis, wo wir ausgelassen und ausgiebig weiterfeierten.

Am Sonntag ein spätes Erwachen. Mein erster Gedanke galt Pauline, denn sie hatte an dem Tag Geburtstag und ich wollte ihr noch einen Kuchen machen. Blick auf die Uhr: 11:50 Uhr. Wann macht der Supermarkt zu? 12:30 Uhr. Da hilft kein Jammern und Flehen, da muss man heraus aus den Federn, schnell am Rechner ein Kuchenrezept heraussuchen, mit Hochgeschwindigkeit zum Supermarkt fahren, dort feststellen, dass man die Zutaten nicht alle findet, schlussendlich darauf scheißen und ein Fertigkuchenpulver kaufen zusammen mit ein paar Eiern, die man auch vor lauter Stress prompt bei der Kasse fallen lässt und zertätscht. Danach geht es an die Organisation eines Backrohrs, das man natürlich als Village-2-Bewohner nicht hat, und man wird bei einem Chorkollegen fündig, der praktischerweise gleich in der Nähe des Supermarktes wohnt. Dieser Chorkollege (namentlich Adrien) ist von der Feier noch kaputter als man selbst, und im Halbdelirium bereitet man den Kuchen zu und flankt sich danach auf die mittlerweile äußerst sonnige Terrasse, von der man sich am liebsten gar nicht mehr wegbewegen möchte. Dann wird man noch zum Mittagessen eingeladen, was man natürlich dankenderweise annimmt, und man verbringt den Beginn des Nachmittags in der äußerst sympathischen WG, wo man auch gleich weiterführenden Unterricht zum französischen Chanson bekommt.

Vive la France. Maxime et Adrien.

Als man sich endlich loszureißen vermag, geht es in Village 2 weiter mit den Geburtstagsvorbereitungen: Es müssen Nachbarn mobilisiert werden, der Kuchen dekoriert …
Als wir am Ende vor Paulines Türe mit einem fix und fertigen Kuchen stehen und sie herauskommt, kann man mit Stolz sagen: Mission accomplished.

Le gâteau.

 

Das war im Großen und Ganzen meine Woche. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen; ich wünsche euch noch einen schönen Abend und bis bald!