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À la fin

À la fin

von Michael Färber 10. Juli 2013, 22:28 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser zweiundvierzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Es ist auch die letzte sich in Tagebuchform mit meinem Leben befassende Ausgabe dieses Blogs,, da ich schon wieder in Österreich bin und dieser Blog somit seine Schuldigkeit getan hat. Ich plane allerdings in Bälde noch ein kleines Résumé zu schreiben, weshalb dies nicht der allerletzte Artikel auf diesem Blog gewesen sein wird, keine Panik. 😉
Tja, nun also noch einmal zurück nach Frankreich … on commence le voyage …

Am Montag und Dienstag profitierte ich von der wunderbaren Familie meines Cousins Mino in La Grande-Motte, wo ich mich ein wenig von den bisherigen Strapazen erholen konnte, besonders von meinem Auszug aus Pessac/Bordeaux. Dementsprechend flankte ich mich die meiste Zeit auf den Strand, bzw. spielte mit den Kindern meines Cousins … nicht dass letzteres erholsam ist. 😉

Am Mittwoch stießen dann meine Eltern zu dieser Idylle dazu! Sie hatten sich bis dahin mit dem Auto via Italien nach Frankreich durchgeschlagen, um mich dann in Südfrankreich abzuholen. Ursprünglich war sogar geplant, dass sie bis nach Bordeaux fahren würden, aber das musste leider ausbleiben, da ich ja aus Village 2 schon früher als geplant ausziehen musste und ich keine Lust mehr hatte, nach meinem Aufenthalt im Süden nochmals quer durch Frankreich nach Bordeaux zu fahren und dasselbe wieder zurück. Auf jeden Fall ein ziemlich verrücktes Gefühl, seine Eltern so lange nicht mehr gesehen zu haben — es waren fast sechs Monate! Ich musste dabei allerdings feststellen, wie sehr ich mich in dieser Zeit schon selbstständig gemacht hatte, denn hatte ich früher immer ein enormes Heimweh auch nach meiner Familie, so war dies zuletzt nicht mehr der Fall. Natürlich war ich froh, meine Eltern zu sehen, aber das Gefühl hatte nicht mehr die selbe Intensität wie nach vorhergegangenen Trennungen … es fühlte sich mehr danach an, nach einem Ferienwochenende wieder meine Eltern zu sehen. Man könnte sagen, Erasmus macht erwachsen. 😉

Am Donnerstag holte ich mir am Strand noch einmal einen schönen Sonnenbrand, da ich meinte, mich zwei Stunden zu Mittag ohne Sonnencreme problemlos in der Sonne aufhalten zu können. Falsch gemeint.
Am Abend desselben Tages feierten wir noch unseren letzten Abend bei der Familie meines Cousins, wozu ich einen St. Emilion (Jahrgang 2001) beisteuerte. 😉

Am Freitag hieß es, auch von dieser Stätte Abschied zu nehmen! Bei der Gelegenheit konnte ich auch das neue Auto meiner Eltern, einen Toyota Auris Hybrid bestaunen, mit dem wir als erste Etappe von La Grande-Motte nach Avignon fuhren. Ich bin zwar nicht die Autobild, aber an dieser Stelle möchte ich doch kurz meine Begeisterung für diesen Autotyp ausdrücken: Ein so angenehmes und leises Auto habe ich noch nie verwendet. Es ist schon ein tolles Gefühl, sich im Stadtverkehr nahezu lautlos fortzubewegen, wobei das einzige Motorengeräusch mehr an eine Tram als wie an einen Verbrennungsmotor erinnert.
In Avignon machten wir also einen Zwischenstopp, wo wir uns den Palais des Papes anschauten und uns natürlich auch nicht den Pont Saint-Bénézet (“Sur le pont d’Avignon”) nicht entgehen ließen. Was mich allerdings mehr faszinierte als die Brücke, war die tolle Atmosphäre in der Stadt, die eine sehr, sehr belebte Innenstadt aufbot. Auch sollte in Kürze das dortige Theaterfestival stattfinden, weshalb die ganze Stadt voller Plakate war.

Les affiches d'Avignon.

Nachdem wir uns durch den ziemlich wilden Innenstadtverkehr Avignons einen Weg aus der Stadt gebahnt hatten, fuhren wir weiter Richtung Annecy. Dabei übernahm auch ich einmal das Steuer unseres neuen fahrbaren Untersatzes, und das Fahren machte mir extrem viel Spaß! Auf den wunderschönen Landstraßen der Region kann man das Fahren definitiv genießen … Gegen Abend kamen wir dann in Annecy an, wo wir im Hôtel des Alpes logierten. Dieses war direkt im Zentrum gelegen, nicht sehr teuer und mit sehr freundlicher Bedienung, sodass ich es als Glückstreffer bezeichnen kann. Wir gingen noch Crêpes essen und promenierten ein wenig am wunderschönen See, ehe wir wieder ins Hotel konvergierten.

Am Samstag war mein auf einige Zeit vermutlich letzter Tag in Frankreich! Ich genoss noch das wunderbare Frühstück im Hotel, bevor wir uns dann wieder ins Auto setzten und Richtung Schweiz dampften. In der Schweiz nach einigen Kilometern der Schock, auf einmal wieder deutsche Schilder zu sehen, und bei der Raststation auf Deutsch begrüßt zu werden. Aus einem irrationalen Gefühl heraus sprach ich mit der dortigen Bedienung auf Französisch, obwohl wir längst schon im deutschsprachigen Teil der Schweiz waren — etwas in mir sträubte sich, die Sprache zu wechseln.
Als wir dann bei Vorarlberg die österreichische Grenze überschritten und ich zum ersten Mal seit fast sechs Monaten wieder österreichischen Boden unter den Füßen (bzw. den Rädern) hatte, war ich schon glücklich, allerdings nicht in dem Maße wie bei meiner letzten Rückkehr nach Österreich letztes Weihnachten. Es stellte sich der für mich relativ unerwartete Effekt ein, dass ich mir unbekannte Menschen mit einem “bonjour” begrüßen wollte und total verstört war, als ich in der Tankstelle Deutsch sprechen hörte. (Oder vielleicht war ich auch nur verstört, weil es eigentlich Vorarlbergerisch war. ^^) In meinen schlaflosen Nächten in Village 2 habe ich mir eigentlich vorgestellt, total erleichtert in mein Heimatland zurückzukehren, und habe diesen Moment manches Mal schon herbeigesehnt. Als er dann da war, war meine paradoxe Reaktion, wieder nach Frankreich zurückfahren zu wollen! Eigentlich wie am Anfang meines Erasmus-Aufenthaltes, nur à l’inverse. An diesem Punkt habe ich an meinen Innsbrucker Betreuer Cezary zurückgedacht, der so wie ich auch einen Erasmus-Aufenthalt in Frankreich absolviert hat, und mich vor dem Post-Erasmus-Syndrom (französischer Originalartikel) gewarnt hat. Damals habe ich ein solches Syndrom als Unfug abgetan, doch heute muss ich ihm Recht geben: Das Syndrom existiert. Es handelt sich einfach ausgedrückt durch Depressionserscheinungen nach dem Ende eines Erasmus-Aufenthalts, die sich durch den vollständigen Wandel des Umfelds ergeben sowie durch die Tatsache, dass für viele Studenten Erasmus die “beste Zeit ihres Lebens” ist, die somit plötzlich zu Ende geht. Für mich war es definitiv die bisher beste Zeit meines Lebens, wenngleich auch mit einigen Höhen und Tiefen, weshalb ich lieber von der intensivsten Zeit meines Lebens schreibe. Erasmus hat mich dazu ermuntert, sehr viele neue Dinge auszuprobieren, sehr viel zu lernen und auch sehr viel Spaß zu haben. 🙂 Ich bin definitiv froh, dass ich ein ganzes Jahr gemacht habe und nicht nur ein halbes Jahr wie die meisten meiner Kollegen, weil ich dadurch einen viel, viel tieferen Eindruck in die französische Kultur gewonnen habe und in der zweiten Hälfte des Jahres einige Freunde getroffen habe, die ich nicht missen möchte. Allerdings glaube ich auch, dass das Post-Erasmus-Syndrom weniger stark ausgeprägt gewesen wäre, wäre ich nach nur einem halben Jahr wieder nach Österreich zurückgekehrt — es ist mir das erste halbe Jahr mehr wie ein ausgeprägter Urlaub vorgekommen, obwohl ich an der Universität meines Erachtens alles andere als faul war. 😉
Am Samstag fuhren wir jedenfalls nicht direkt nach Innsbruck zurück, sondern machten einen “kleinen” détour nach Olching bei München, wo ein Freund von mir just an diesem Tag seine Wohnung einweihte. Bei dieser Feier waren auch einige andere Freunde und Bekannte anwesend, was mich erleichterte, denn so hatte ich gleich wieder direkten Kontakt mit meinen alten Freunden, der durch meine lange Absenz sicherlich ein wenig eingeschlafen ist. Auch hier hatte ich zunächst größte Abneigung, Deutsch zu sprechen, und war unheimlich erleichtert, einen Deutschen mit französischen Wurzeln zu treffen, mit dem ich mich sehr lange auf Französisch unterhielt. Auch merkte ich hier schon einen weiteren Aspekt des Post-Erasmus-Syndroms: Ich versuchte, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen, scheiterte aber bei den meisten daran, dass sie keine entsprechenden Erfahrungen (sprich Auslandsaufenthalte) absolviert hatten. Man kann die Faszination einer solchen Erfahrung eben nur wirklich mit Menschen teilen, die durch das gleiche Feuer gegangen sind.
Nach der Feier fuhr ich jedenfalls mit einem Freund noch nach Innsbruck (meine Eltern waren schon vorher dorthin gefahren), und so überschritt ich zum zweiten Mal an diesem Tage die österreichische Grenze. Macht Frankreich, Schweiz, Österreich, Deutschland, Österreich, und das alles in 24h! 🙂

Am Sonntag wachte ich etwas gerädert in “meinem” Bett auf und musste beim Bäcker erst einmal feststellen, dass die Tiroler Croissants leider wirklich nicht an ihre französischen Pendants herankommen, sondern allenfalls traurige Kopien davon sind. Verbrachte diesen Tag ausschließlich im Kreise meiner Familie, wobei wir traditionellerweise auf die Brandstattalm gingen. Doch, wie seltsam, selbst die Berge und das Panorama von Innsbruck, die mich normalerweise immer aufs Höchste begeisterten, ließen mich erstaunlich kalt. Es hat für mich den Reiz des Besonderen verloren. Was ich allerdings zu goutieren vermochte, war die Tiroler Offenheit, die sich besonders am Berg zeigt: Sich mit unbekannten Menschen zu unterhalten und mit ihnen einen Schmäh zu reißen, ist etwas, was ich in Frankreich nie mit derselben Natürlichkeit wie hier machen konnte. Bon.

Ich verabschiede mich von meinen Lesern und wünsche noch eine schöne verbleibende Woche! 😉

P.S.: Musik der Woche: Ainsi soit je von Mylène Farmer

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