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Amour imaginaire

Amour imaginaire

von Michael Färber 11. Februar 2013, 09:20 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser dreiundzwanzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Ich berichte live aus der Biskaya-Metropole Bordeaux, genauer gesagt aus dessem Ausläufer Pessac. Das Wetter motiviert mich zum Schreiben dieses Artikels, denn es schifft gerade wie aus Kübeln. So wie übrigens auch letzten Sonntag. So wie übrigens alle Tage.

Diese Woche hat der Sprachkurs (Dienstag & Donnerstag) wieder kräftig Fahrt aufgenommen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich die meisten Leute darin schon kannte, was dafür spricht, dass im Sommersemester nicht mehr so viele Erasmus-Studenten neu ankommen, sprich der Großteil der Erasmus-Studenten im Wintersemester ankommt.

Am Mittwoch ist eine kleine, aber feine Untermenge unserer Erasmus-Gruppe (Clara, Matthieu und Leo, ein Brasilianer) ins Konzert gegangen, nämlich ein Klavierkonzert von Nikolai Lugansky! Dieser spielte ein sehr schönes Programm, nämlich:

  • Leoš Janáček: Im Nebel
  • Franz Schubert: Vier Impromptus, D. 935 (op. 142)
  • Sergei Rachmaninov: Sonate No. 1, d-moll, op. 28

Eine Überraschung bei diesem Programm war für mich der bis dahin unbekannte Janáček (1854 – 1928), den ich ungerechtfertigterweise aufgrund seines “á” und des Hatschek eher in die Schublade “unhörbare neue Musik” steckte. Doch ich wurde eines besseren belehrt! Jazzige Klänge wechselten sich mit Debussy- und Chopin-artigen Passagen ab — Hörprobe ist hier.

Als ich nach dem Konzert nachts in mein Domizil zurückkehrte, beging ich den schweren Fehler, noch “schnell” meine E-Mails abzurufen. Darin befand sich eine höchst unangenehme Nachricht vom Innsbrucker Erasmus-Büro, in dem mir eine Mitarbeiterin mitteilte, dass ich meine Masterarbeit nicht zur Erfüllung der Mindestanzahl von ECTS anrechnen lassen könnte!
Zur Erklärung: Um finanzielle Erasmus-Unterstützung zu bekommen, muss man als Erasmus-Student für jeden im Ausland verbrachten Monat 3 ECTS nach dem Aufenthalt nachweisen können. Ich z.B. bin 10 Monate im Ausland, d.h. ich muss am Ende 3×10 ECTS = 30 ECTS nachweisen. Bisher habe ich in Bordeaux Vorlesungen im Ausmaß von 24 ECTS (ohne Sprachkurs) besucht, von denen ich mir allerdings nur 21 ECTS in Innsbruck anrechnen lassen kann. Macht also nach Adam Riese 9 ECTS, die ich noch in Bordeaux absolvieren muss, um meine Zuschüsse zu erhalten. Diese 9 ECTS wollte ich mir durch meine Masterarbeit sichern, die nämlich in Bordeaux 30 ECTS einbringt, in Innsbruck immerhin noch 27,5 — in jedem Falle deutlich mehr als die benötigten 9 ECTS.
So dachte ich, mich tritt ein Pferd, als mir die Dame von Erasmus-Büro auf einmal mitteilte, dass ich mir die Masterarbeit nicht für die benötigten 27,5 ECTS anrechnen lassen könnte! Die Konsequenz daraus hätte nämlich darin bestanden, dass ich mir eiligst noch einige Kurse in Frankreich zusammensuchen müsste, um auf die 9 ECTS zu kommen — kein leichtes Unterfangen, wenn nämlich das Semester in Frankreich schon im Jänner begonnen hat und man quasi von Anfang an in Verzug wäre. Dieses Problem bereitete mir auf jeden Fall eher unsanfte Träume …

Am Donnerstag führte ich dann ein ziemlich unangenehmes Skype-Telefonat mit der Mitarbeiterin im Erasmus-Büro, die sich alle Mühe gab, mich zur Schnecke zu machen: Von fehlenden Unterschriften über Verspätungen meinerseits bis hin zu falsch ausgefüllten Formularen warf sie mir ziemlich einiges an den Kopf, mit der Conclusio, dass der ganze Schlamassel mein Problem wäre und sie sich trotzdem gnädigerweise noch einmal beim ÖAD (Österreichischen Austauschdienst) erkundigen würde, obwohl sie da wenig Chancen auf Erfolg sähe, dass ich mir die Masterarbeit anrechnen lassen könnte.
Daraufhin rief ich selbst eine Bekannte beim ÖAD an, die sich mein Problem anhörte und mir dann gut zuredete, dass das vermutlich kein Problem darstelle und ich nur ein paar zusätzliche Formulare ausfüllen und an sie schicken müsste. 🙂
Da ich der ganzen Sache allerdings nicht traute, machte ich mich trotzdem am selben Tag noch auf die Suche nach entsprechenden Vorlesung, zu dessen Zweck ich mich auch in der Uni mit ein paar Studienkollegen traf, die mich auch gleich dazu einluden, in ihrer Gruppe für ein Studienprojekt mitzumachen, wofür ich 6 ECTS erlangen würde. 😉
Am Abend kam ich dann nach dem Sprachkurs nach Hause und fand dort wieder einmal ein paar Kakerlaken vor. Ohne viel Aufhebens ging ich an die Exterminierung derselben und wollte diese dann auf meinem dafür vorgesehenen Zettel an meiner Türe eintragen, als ich dort eine kleine Überraschung vorfand:

Amour imaginaire. 🙂

Wie es scheint, hat sich da jemand wirklich Mühe gegeben. 🙂 Ich meinte allerdings, dass das zu hoher Wahrscheinlichkeit ein Schmäh ist, vor allem aus dem Grund, da ich nicht glaube, dass eine echte Liebhaberin sich die Zeit nehmen würde, meinen Zettel zu beschreiben, während jederzeit jemand aus einer Türe kommen und sie dabei beobachten könnte. Da würde ich eher einen Zettel unter der Türe durchschieben.
Da man ja allerdings nie wissen kann, habe ich trotzdem einmal bei der Telefonnummer angerufen. Dabei ist die Schwierigkeit, die vorletzte Ziffer der Nummer zu erkennen: Ist das eine 2? Eine 3? Eine 7??? Bisher habe ich die 2, die 3 und die 7 durchprobiert, und obwohl sich da alle Male Mädchen gemeldet haben, kannte niemand ein “Village 2”, und die mit der 3 war sogar in Montpellier.
Beste thematische Überleitung aller Zeiten: Nach Montpellier werde ich mich übrigens nächsten Monat begeben, denn mein Cousin Mino ist in der Gegend schon seit längerem beheimatet und meine Anwesenheit in Frankreich motiviert natürlich ein kleines Familientreffen. 😉

Am Freitag erhielt ich eine weitere E-Mail vom Innsbrucker Erasmus-Büro; wie es scheint, ist es doch relativ einfach, nachträglich eine Masterarbeit anzumelden. Wieder einmal ein Sturm im Wasserglas. 😉 Bin trotzdem am Überlegen, ob ich nicht zusätzlich noch ein paar Kurse besuchen sollte, denn zumindest einer dauert nur eine Woche im März und wäre eine Überlegung wert. Ob ich mir dafür allerdings den ganzen administrativen Aufwand antue, um mir einen einzigen Kurs anrechnen zu lassen? Mal sehen …

Am Samstag war wieder einmal eine Feier mit dem Chor angesagt, und zwar eine Überraschungsfeier zum 30. Geburtstag für unser Chormitglied Paul im Hause seiner Eltern. Dabei hat mich besonders das enorme Buffet beeindruckt.
Im Rahmen dieser Feier wurde ich auch lautstark gebeten, etwas Tirolerisches vorzusingen. 🙂 Da fiel mir nur das Lied mit dem “Petersbrünndele” ein (das mit dem Mostfassl), wobei ich da allerdings nur die erste Strophe kannte. Lustigerweise kannten die Franzosen schon den Refrain.
Später habe ich dann meine Version von “Schöne Isabella von Kastilien” auf Französisch vorgetragen, und da traf es sich gut, dass wir eine Spanierin namens Isabelle im Chor haben. So legte ich also eine kleine Bühnenshow mit ihr hin (samt improvisiertem spanischen Tanz, auch für mich eher unerwartet ^^), und das stieß auf sehr großen Anklang. 🙂 Am Ende fragte ich sie, woher aus Spanien sie eigentlich käme, und was war die Antwort? Aus Kastilien! Unglaublich. 😀
Nach der Feier traf ich in der Tram noch ein paar Village-2-Leidensgenossen, und wie sich herausstellte, wohnte einer von ihnen namens Kevin sogar auf der selben Etage und kommt aus Deutschland. 😉 Wir haben die Konversation allerdings auf Französisch und Englisch betrieben, da er Probleme hatte, meinen Dialekt zu verstehen. (Habe ihm gemeinerweise auch meine schlimmsten Dialektausdrücke an den Grind geworfen. ^^) Ein weiterer wohnt immerhin noch eine Etage über mir, nennt sich Tilo und kommt aus Schwaben. Von daher hatte er weniger Sprachprobleme mit mir, auch in unserer nativen Muttersprache. 😉

Geburtstagskind beim Anschnitt.

Am Sonntag sah ich auch Pauline seit einiger Zeit wieder einmal; sie scheint einen Grant auf mich gehabt zu haben, weil ich ihr vor einiger Zeit zugesagt habe, mir einmal ihren Computer anzuschauen, da sie damit laufend Zores hat, daraufhin aber nicht ohne sie ihren Computer reparieren wollte, was sie dahingehend interpretiert hat, dass ich ihr überhaupt nicht helfen wolle. o_O Nun, macht nichts, sie hat meinen Nachbarn Alaa gefragt, der ihr ihren Computer gerichtet hat — weniger Arbeit für mich. 😉 Als Informatik-Student muss man m.E. immer darauf achten, keinen Ruf als Computerschrauber zu erwerben, sonst steht bald die gesamte Bekanntenschaft bei Computerproblemen Schlange. o_O
Pauline hatte auf jeden Fall die grandiose Idee, am Nachmittag ins Kino zu gehen, und zwar welchen Film? “Django Unchained”! Habe ich zwar déjà vu, macht aber nichts, denn der Film ist es wert. So ging ich dann mit Pauline und Alaa (unsere anderen Nachbarn waren faule Säcke und wollten alle lernen oder sonst irgendetwas machen :P) erstmals ins Pessacer Kino Eustache, was mir auch sehr sympathisch ist, weil dort Filme im Originalton mit Untertiteln vorgeführt werden. Leider konnten wir nicht beisammen sitzen, da wir etwas zu spät zum Film kamen (Hitchcock hätte uns wohl nicht mehr in den Kinosaal gelassen!), aber es war trotzdem wieder eine göttliche Komödie.
Nach dem Film habe ich Pauline von meinen Montpellier-Plänen erzählt, und unerwarteterweise hat Pauline Interesse an einer gemeinsamen Reise nach Montpellier angemeldet, denn laut ihrer Aussage wollte sie dorthin schon seit längerem einmal fahren. Schauen wir einmal, was daraus wird …

Genug berichtet, die montägliche Sonne hebt sich langsam. Zumindest vermute ich das, denn man kann sie hinter dem starken Nebel nur vermuten. Erwähnte ich schon, wie beschissen das Wetter hier im Moment ist? Ach ja, ich vergaß, ich beklage mich ja schon andauernd darüber.
Heute geht’s übrigens zu meiner zweiten “offiziellen” Besprechung meiner Masterarbeit mit Géraud. Ich habe in meiner ersten Arbeitswoche einen Algorithmus zur Bisimilaritätsbestimmung von grammatikalischen Variablen implementiert, und davon ausgehend auch einen Entwurf eines Verfahrens, das automatisch Bisimilaritätsbeweise erzeugt. Damit bin ich schon recht zufrieden, auch wenn es da und dort noch Ungereimtheiten gibt. Aber ich hoffe, dass ich diese Ungereimtheiten bald auflösen kann. 😉
Ich wünsche meinen Lesern einen schönen Wochenbeginn, et à bientôt!

P.S.: Am 28. Feber wird ein kulturelles Spektakel stattfinden, das — wenn es nach mir geht — nicht ohne mich über die Bühne gehen wird: Es handelt sich um das Theaterstück “Cyrano de Bergerac“! Dieses war mein erstes Theaterstück, das ich auf Französisch gelesen (und auch in der Filmversion mit Gérard Depardieu gesehen) habe. In Bordeaux wird es wohl leider ohne unseren geliebten Depardiow gehen müssen, und auch ohne unsere Theaterliebhaberin No. 1, Kristin …

P.P.S.: Meine Produktivität ist in letzter Zeit dank dieses Wikipedia-Artikels leider stark gesunken.

P.P.P.S.: Das Rätsel der ominösen Liebeserklärung hat sich mittlerweile aufgelöst: Es handelte sich um meine Nachbarin Kasia, die aus Spaß irgendeine erfundene Telefonnummer an den Zettel schrieb, und Nachbar Omar hat dann den Rest ergänzt. Genial. 🙂

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