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Anniversaire

Anniversaire

von Michael Färber 25. November 2012, 21:49 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser dreizehnten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Was die Zahl Dreizehn betrifft, bin ich ja immer ein wenig skeptisch (sei es auch nur darum, um durch erhöhte Aufmerksamkeit z.B. Unfälle zu vermeiden), aber ich muss sagen, dass diese Woche entgegen der negativen Konnotation der Dreizehn ziemlich toll war! Für mich ist sie natürlich im Zeichen meines Geburtstages gestanden, den ich auch ausgiebig gefeiert habe. 🙂

Beginnen wir jedoch mit dem Montag: An diesem Tage bemerkte ich, dass die Heizung von Village 2 (wieder einmal!) ausgefallen war. So beschloss ich, aus der Not eine Tugend zu machen, und an diesem Tage machte ich eine bahnbrechende Erfindung, die das Studentenleben revolutionieren wird. Die Spaghetti-Heizung!
Das Prinzip ist eigentlich so simpel (oh Gott, ich habe hier gerade “simple” geschrieben — das Französisch nimmt immer mehr Platz in meinem Hirn ein!), dass es eigentlich jeder erfunden haben könnte. Es funktioniert folgendermaßen:

  1. Wasser erhitzen
  2. Spaghetti in das Wasser geben und kochen
  3. Spaghetti aus dem Wasser nehmen
  4. Wasser weiterkochen lassen

Am Ende dieses Prozederes hat man gleich zwei positive Effekte: eine warme Mahlzeit und eine Zimmer-Sauna! Patentanmeldung erfolgt in Kürze.

Am Dienstag hatte ich meinen Geburtstag, doch bis auf eine virtuelle Masse von E-Mails und Facebook-Nachrichten blieb ich (noch) vor größeren Feiern verschont, da ich ziemlich lange Uni hatte und am Abend noch Sprachkurs und Chorprobe. Zu Mittag hätte ich sogar fast alleine in der Mensa essen müssen (wozu ich an meinem Geburtstag wirklich überhaupt keine Lust hatte), denn leider hat das gemeinschaftliche Mensa-Essen unserer Erasmus-Gruppe ein wenig nachgelassen, was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass viele Leute jetzt eben mit ihren Studienkollegen essen gehen. An diesem Tag hatte ich allerdings doch noch Glück, denn nach ca. 45 Minuten Wartezeit vor der Mensa, die ich mit Chinesisch-Studien verbrachte, wollte ich gerade resignierend alleine essen gehen, doch gerade als ich aufstand, traf ich auf Andreas, der auch auf dem Weg in die Mensa war, und gleich darauf trafen wir noch auf Anita, und so hatte ich doch ein ganz angenehmes Geburtstag-Mittagessen. 🙂
Am Nachmittag holte ich dann mein Fahrrad von der Reparatur ab, wo ich allerdings erfahren musste, dass die Stange meines Fahrradsattels zu kurz wäre, um den Fahrradsattel auf meine Größe einzustellen, und das Fahrrad so alt wäre, dass es ungewiss sei, ob man noch eine Stange mit dem passenden Durchmesser überhaupt noch bekommt. Willkommen in der schönen Welt der inkompatiblen Fahrradteile! Doch immerhin konnte ich an dem Tag schon meine erste Radltour in die Innenstadt zum Sprachkurs machen und somit der (wirklich fürchterlichen) Rush-Hour in der Tram entgehen. (Vergleiche die Busse in der Innsbrucker Innenstadt um 13:40 Uhr. ^^) Dabei bemerkte ich allerdings, dass eine Gangschaltung in Bordeaux wirklich nicht zur unbedingt notwendigen Ausstattung eines Fahrrads gehört, wenngleich ich auch auf dem Weg in die Stadt mehr Steigung habe als auf meinem früheren Schulweg in Innsbruck, denn die Stadt ist doch bis auf kleinere Anstiege weitestgehend flach.
Der Sprachkurs und die Chorprobe verliefen relativ normal, doch nach der Chorprobe gab es noch ein kleines Geburtstagsständchen des Chores, was mich sehr freute.
Bei der Rückfahrt mit dem Fahrrad nach Village 2 in der Nacht bemerkte ich allerdings, dass mein Fahrradlenker nicht vollständig mit dem Reifen verbunden war, denn er begann sich unabhängig von dem Rad zu drehen. Nach einigen Metern wurde der Effekt so stark, dass ich nicht mehr mit dem Fahrrad fahren konnte, da sich der Lenker fast komplett frei bewegte und somit das Fahrrad meinem Befehl nicht mehr gehorchte, sprich desertierte. So packte ich das Desertantenpack kurzerhand in die Tram und stellte es danach in den Fahrradkeller, woraus ich es mangels Werkzeugs zur Reparatur auch bis heute nicht mehr herausgeholt habe. :/
Um den Tag quasi abzurunden, telefonierte ich noch zu ziemlich später Stunde mit meinen Eltern, die ich ja manchmal leider ein wenig vernachlässige, da ja hier immer so viel los ist! Eine kleine Entschuldigung an dieser Stelle. 🙂

Am Mittwoch wollte ich eigentlich ursprünglich meinen Geburtstag mit meiner Erasmus-Gruppe feiern, aber da ein guter Teil davon genau für diesen Abend schon Theaterkarten hatte, entschloss ich mich, die Feier auf den Freitag zu verlegen. Nichtsdestotrotz ergab sich auch am Mittwoch eine Feier, und zwar in Village 2 mit Idir und Pauline, mit letzterer ich eine halbe Flasche Wein leerte. Danach kam noch Yuko mit einem Nachbarn namens Nicolas vorbei und brachte mir einen ganz hervorragenden Erdbeer-Himbeer-Kuchen, den ich mit ihnen in nicht mehr ganz nüchternen Zustand genoss. 🙂 Nachdem mein Besuch gegangen war, warf ich noch meine Spaghetti-Heizung (siehe oben) an und ging dann relativ zeitig zu Bett.

Yuko mit Torte, im Hintergrund meine ZImmertüre.

Am Donnerstag hatte ich glücklicherweise keinen Kater, denn für den Nachmittag hatte ich ein rendez-vous mit einem Professor ausgemacht: Ich möchte ja nämlich zwei Semester in Bordeaux bleiben, und da im zweiten Semester in Bordeaux relativ wenige Lehrveranstaltungen angeboten werden, die ich mir in Innsbruck anrechnen lassen könnte, möchte ich in Bordeaux meine Masterarbeit (fr. le mémoire, nicht zu verwechseln mit la mémoire für Gedächtnis!) schreiben. Diese könnte ich mir in Innsbruck zur Gänze anrechnen lassen und es ergäbe sich daraus die erfreuliche Nebenwirkung, dass ich für die Arbeit bezahlt würde (ca. 400€/Monat). Allerdings muss ich zu dem Zwecke noch einiges organisieren, dass mir die Anerkennung in Innsbruck wirklich sicher ist, denn wer arbeitet schon gerne sechs Monate, nur um dann zu hören, dass seine Arbeit nicht anerkannt wird? Insbesondere brauche ich natürlich auch ein Thema für die Masterarbeit, und genau zu diesem Zwecke hatte ich mich für den Donnerstag mit meinem Logik-Professor Géraud Sénizergues verabredet, dessen Vorlesung mir sehr gut gefallen hat und der mir auch schon von vielerlei Seite empfohlen wurde. Er stellte mir dann auch gleich zwei mögliche Themen für eine Masterarbeit vor, die im Bereich der theoretischen Informatik bzw. Logik angesiedelt sind, was mir sehr gut gefällt.

Gleich am nächsten Tag, nämlich den Freitag, erhielt ich unerwartet gleich ein weiteres Angebot für eine Masterarbeit in Bordeaux, nämlich von Anca Muscholl, die mich nach ihrer Vorlesung darauf ansprach, was ich ziemlich aufregend fand. Es sind ja doch zwei Paar Schuhe, ob man quasi als Antragssteller kommt oder ein Angebot bekommt. 😉 Jedenfalls scheint auch sie einige ganz interessante Themen zu haben, eventuell auch zu dem Thema Quanteninformatik, das mich persönlich brennend interessiert, da ich glaube, dass diese Technologie in Zukunft eine große Rolle spielen wird und wir in Innsbruck auch eines der weltweit wichtigsten Zentren für Forschung in dem Gebiet der Quantentechnologien haben, direkt vor meiner elterlichen Haustüre. 🙂 Es wäre auf jeden Fall sehr interessant für mich, in diesem Gebiet schon ein wenig Erfahrung zu sammeln, während ich in Bordeaux bin, und insofern hoffe ich sehr, dass sich ein dementsprechendes Thema ergibt.
Nachdem dieser Tag also schon ziemlich gewaltig angefangen hat, fand am Abend noch meine Haupt-Geburtstagsfeier mit meiner Erasmus-Gruppe statt. Es fand sich die komplette Gruppe ein, und ich wurde sogar reichlich beschenkt: Unter anderem nenne ich jetzt zwei Karten für ein Konzert mit Werken von Debussy, Dutilleux und Ravel mit dem Chor der Opéra National de Bordeaux mein Eigen! (Für die Wahl dieses Geschenks zeichnete sich Kristin verantwortlich, die von meinem Blog inspiriert wurde. Es zeigt sich, dass dieser Blog manchmal wahrlich unerwartet positive Nebeneffekte hat. ^^) Weiters erhielt ich einen elektrischen Stabmixer, was eine Art Insider-Witz ist, nachdem ich einmal für die Zubereitung eines Kaiserschmarrns einen Stabmixer gebraucht habe. Außerdem erhielt ich noch eine Karte von meiner gesamten Gruppe, Pralinen und einen vollständigen Geburtstagskuchen. 🙂 Dafür bedanke ich mich nochmals vielmals bei meiner Gruppe! Das war mein bisher schönster Geburtstag meines Lebens, und ich denke, ich werde meine Gruppe auch nach meiner Zeit in Bordeaux nicht zuletzt aufgrund solcher Ereignisse in bester Erinnerung behalten. Gott, wenn ich nur daran denke, dass ein Großteil nach diesem Semester schon wieder in die Heimat zurückkehrt, werde ich schon ganz prä-melancholisch. (prälancholisch? ^^)
Leider musste ich mich von meiner eigenen Geburtstagsfeier schon gegen 1 Uhr nachts abmelden, denn am Freitag hatten mich meine Québecer Studienkollegen Philip und Michaël spontan dazu eingeladen, mit ihnen am Tag darauf eine Tour de Dordogne zu unternehmen. Treffpunkt: Am Bahnhof samstags um 8 Uhr früh. o_O Um am nächsten Tag also nicht allzu kaputt zu sein, musste ich mich regelrecht von der Feier losreißen, aber zumindest folgte ich dem Motto, dass man dann aufhören sollte, wenn es am schönsten ist. 😉

Am Samstag begab ich mich also ziemlich schlaftrunken zum Bahnhof in Bordeaux, wobei ich Michaël schon in der Tram dorthin traf. (Übrigens ein häufiges Phänomen, man trifft in der Tram fast immer jemanden. Auch ein Grund, warum ich im Moment die Reparatur meines Fahrrads nicht mit dem dafür notwendigen Elan betreibe.) Am Bahnhof erwartete uns schon Phil, und wir nahmen den Zug nach Perigueux, Dauer ca. 1,5h. Dort mieteten wir uns ein Auto und fuhren nach Montignac, wo wir die Höhle von Lascaux, beziehungsweise deren Nachbildung Lascaux II besichtigten: Die originale Höhle ist nämlich der Öffentlichkeit nicht zugänglich, weshalb eine zweite Höhle gebaut wurde, die der ersten detailgetreu nachempfunden wurde. Dies erschien mir anfänglich als eine Mogelpackung, aber ich muss sagen, dass die Nachbildung wirklich sehr gut gemacht ist und ich vollstes Verständnis für die Konservierung der originalen Höhle habe. Die Höhle war jedenfalls sehr beeindruckend, und ich kann sie wärmstens weiterempfehlen! Bei meinem Besuch hatte ich auch gleich Gelegenheit, den Artikel auf ORF.at über Höhlen, den ich am Tag zuvor gelesen hatte, zu verifizieren, denn die Führerin durch die Höhle wies uns auf die Bewegungsillusion hin, die bei manchen Malereien entstehen kann.

Lascaux II.

Wieder ans Tageslicht gekommen, fuhren wir nach einem kleinen Spaziergang gleich weiter nach Sarlat-la-Canéda, was ein wirklich hübsches mittelalterliches Städtchen ist. Dort aßen wir wahrlich fürstlich zu Mittag (kein Chinese, lieber Max, sondern ein lupenreiner Franzose ^^); unter anderem probierte ich zum ersten Mal foie gras, eine regionale Spezialität, die man hier an so gut wie jeder Ecke bekommt. Obwohl die Herstellung von foie gras ziemlich barbarisch ist (wie aber im Grunde genommen der Großteil der Massenproduktion von Tierprodukten), muss ich sagen, dass ich mittlerweile verstehen kann, warum die Franzosen so an ihrem foie gras hängen: Es schmeckt einfach gewaltig! 🙂

Der Schauplatz der Völlerei oder Das Schweigen der Enten.

Nach dem ausgiebigen Mittagessen (ca. eineinhalb Stunden ^^) besichtigen wir noch ein wenig die Stadt und fuhren dann weiter nach Rocamadour im Département Lot, was ein eindrucksvolles, an und auf einen Fels gebautes Örtchen ist. Dort genossen wir die Aussicht, hatten aber leider nur wenig Zeit, den Ort näher zu besichtigen, da wir unser Mietauto noch zeitig nach Périgueux bringen mussten, um dort den letzten Zug nach Bordeaux zu erwischen. So düsten wir mit dem Auto durch die mittlerweile einbrechende Nacht nach Périgueux, wo uns allerdings das Navigationsgerät im Stich ließ und uns immer wieder Streiche spielte, wie uns z.B. beim Kreisverkehr auf der dritten Ausfahrt von zwei (!) ausfahren zu lassen. Schließlich kamen wir dann beim Autoverleih an und konnten gerade sehen, wie sich unser Zug Richtung Bordeaux — ohne uns — in Bewegung setzte. Am Bahnhof erfuhren wir dann, dass das wirklich der letzte Zug des Tages nach Bordeaux war, und das schon um 19:17 Uhr! (Das scheint ein strukturelles Problem in Frankreich zu sein, dass die Nahverkehrszüge schon sehr früh ihren Dienst einstellen. Erinnerungen an meinen Ausflug nach Arcachon wurden jedenfalls wach.) Da waren wir dann doch ziemlich desperat, mussten uns allerdings mit der Situation abfinden und nahmen uns dann ein Zimmer in einem “Comfort Inn”, das preislich mit ca. 25€ p.P. zumindest relativ erträglich war. Danach besichtigten wir noch Périgueux, das sich auch als erstaunlich schöne Stadt erwies. Zum Abschluss des Tages spielten wir noch auf ein paar Runden Billard in dem Comfort Inn, um uns dann gegen Mitternacht zur Ruhe zu betten.

Am Sonntag nahmen wir dann den ersten Zug um 8:47 Uhr nach Bordeaux, in dem wir ein paar Runden Schafkopf spielten. (Dieses Spiel hat Phil in Bayern gelernt und nach Frankreich mitgebracht. Schon irgendwie bizarr, als Tiroler in Frankreich ein bayerisches Spiel zu spielen, das einem ein Québecer beibringt. Ist aber Erasmus-typisch. ^^)

Tête de mouton.

In Bordeaux angekommen gingen wir dann noch auf eine Art Bauernmarkt am Ufer der Garonne in der Nähe der Station Quinconces, der sich als erstaunlich groß erwies. Dort konnte ich auch zum ersten Mal wieder ein Schwarzbrot kaufen, was doch eine erfreuliche Abwechslung zu meiner üblichen Baguettediät darstellt. Nach dem Markt fuhren wir dann in unsere jeweiligen Domizile, wo ich mich nach dem Mittagsessen auch gleich zu einem dringend notwendigen Mittagsschläfchen hinlegte. 😉

Marché.

Avoir les yeux plus gros que le ventre.

Anschließend traf ich mich noch mit Pauline und Idir auf Tee und Kuchen, danach arbeitete ich noch ein bisschen für die Uni und schrieb dann ohne Unterlass bis jetzt für den Blog. 🙂

Alles in allem war es eine sehr erfüllte und schöne Woche, und ich möchte mich an dieser Stelle nochmal bei allen meinen Lesern, die mir zum Geburtstag gratuliert haben, bedanken! Ich wünsche euch noch einen schönen Wochenbeginn und hoffentlich bis bald!

Cadeaux.

 

P.S.: Habe ein wenig darüber nachgedacht (das französische Wort “réfléchi” erscheint reflexartig ^^), welchen Sinn und Zweck die Feier des Geburtstages eigentlich aus soziologischer Sicht hat. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man seinen Geburtstag jährlich feiert, um alte Bekanntschaften aufzufrischen bzw. neue Leute kennenzulernen — es entspricht ungefähr einem Broadcast in der Informatik. 🙂 So habe ich z.B. Nachrichten von einigen Leuten erhalten, von denen ich schon länger nichts mehr gehört habe, was mich sehr gefreut hat. Dadurch hat sich aber auch mein E-Mail-Stau weiter verschärft, weshalb ich bei allen, die schon etwas länger auf Antwort von mir warten, demütigst um Verzeihung dafür bitte. 🙂

P.P.S.: Song of the week.

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