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Arrivée

Arrivée

von Michael Färber 2. September 2012, 17:12 Uhr

Einen wunderschönen guten Tag, meine lieben Leser und Leserinnen! 🙂 Ich berichte hier live aus der französischen Weinmetropole Bordeaux, genauer gesagt, aus meinem Zimmer in dem Studentenheim Village 2. Beginnen wir am Anfang — first things first.

Am Mittwoch bin ich von Innsbruck aus mit dem Zug nach Bordeaux gefahren, und zwar via Zürich und Paris. Das Ticket war erstaunlich günstig (85€) dank des frühen Kaufs per tgv-europe.com, wo es auch immer wieder ziemlich günstige Angebote gibt. In Paris war ein Umstieg vom Gare de Lyon zum Gare de Montparnasse fällig, den ich dank Métro sehr schnell bewerkstelligen konnte. Nachahmern muss ich vom Kauf von Wasser am Bahnhof abraten — es scheint, dass es dort unmöglich ist, 1,5l Wasser zu einem Preis unter 3€ zu kaufen. 🙁 Für einen Österreicher, der gratis trinkbares Wasser aus jedem Wasserhahn gewohnt ist, durchaus überraschend. Ich empfehle jedenfalls, sich vor der Fahrt in Österreich gut mit Wasser einzudecken. 🙂

Dann, nach knapp 12 Stunden Zugfahrt in Bordeaux angekommen, erst einmal ein sehr positiver Eindruck von der Stadt. Der Bahnhof ist sehr hübsch und erinnert ein wenig an das Paris der 1900er-Jahre (vor allem die Lichter tragen da einen sehr großen Teil dazu bei). Vor dem Bahnhof ist eine sehr hübsche Tramstation, die ein wenig an die “Münchner Freiheit” erinnert. In diesem euphorischen Zustand bin ich dann auch gleich in die Auberge de la Jeunesse (Jugendherberge) gegangen, die sich in der Nähe des Bahnhofs befindet, und habe dort eine etwas unruhige Nacht verbracht, da ich ein Zimmer mit drei anderen Jungs geteilt habe, die alle erst eingetrudelt sind, nachdem ich mich zur Ruhe gebettet hatte.

Am nächsten Tag (Donnerstag) genoss ich noch ein reichhaltiges Frühstück in der Jugendherberge (diejenigen, die mich besser kennen, wissen, wie wichtig so etwas für mich ist ^^) und machte mich dann mit der Tram auf den Weg in Richtung Studentenheim, das ja etwas außerhalb der Stadt Bordeaux liegt, nämlich im Vorort Pessac. Zur Tram kann ich als Schienenfahrzeug-Fan sagen, dass sie sehr komfortabel und modern ist, mit einem 6-Minuten-Takt unter der Woche und einem 10-Minuten-Takt am Wochenende.

Es war dann etwas schwierig, an den Platz im Studentenheim heranzukommen, da ich der zuständigen Stelle irgendwie nicht bekannt war und leider nicht daran gedacht hatte, die Bestätigung für meinen Wohnheimplatz auszudrucken. 🙁 Glücklicherweise stellte sich dann heraus, dass ich die Bestätigung am Computer als E-Mail-Anhang gespeichert hatte, und nachdem ich das vorgezeigt hatte, war auch dieses Hindernis beiseite geräumt.

Das Studentenheim erfüllte meine Erwartungen leider nicht wirklich: Von meinem Besuch in Amsterdam bei meinem Freund Ben (der auch hier ein bisschen gebloggt hat) hatte ich mir eine rege Studentenheimgemeinschaft erwartet, mit gemeinsamen Kochsitzungen, gemütlichen Sitzmöbeln in der Küche und dergleichen. Leider stellte es sich heraus, dass die Küche, der zentrale Begegnungsort, eher sehr spartanisch eingerichtet war, nämlich mit vier Herdplatten, einem leeren Schrank, einer Spüle und sonst nichts. Kein Tisch. Kein Kühlschrank. Kein Müllkübel. Keine Studenten.

Davon war ich dann doch etwas enttäuscht, und als ich in meinem Zimmer ankam, das zwar sauber war, aber auch äußerst spartanisch eingerichtet, wurde mir klar, dass ich mich auf einiges an Arbeit einlassen müsste. Seither habe ich eine halbe Kücheneinrichtung zusammengekauft, darunter Kochtöpfe, Pfannen, Teller, Öl, Gewürze, Wasserkocher … und als Krönung des ganzen: einen Kühlschrank! 🙂 Entsprechend viel habe ich auch schon bezahlt. Als ich das Zimmer zum ersten Mal sah und mir bewusst wurde, dass ich nicht einmal über einen Kühlschrank verfüge, habe ich mir ernsthaft über mein Überleben Gedanken gemacht, und auch jetzt bin ich noch ein wenig schockiert, wenn ich daran denke, dass ich in diesem Wohnheim nicht einmal über ein Backrohr verfüge. Dafür bin ich jetzt immerhin schon wieder in der Lage, meinen gewohnten Frühstückstee einzunehmen, gepaart mit Baguette und Tiroler Marmelade — danke nochmal dafür, liebe Barbara. 🙂 Außerdem kann ich hier auch meinem neuen Lieblingssport nachgehen, nämlich “exterminer les cafards”. Welcome to the Hotel Kakerlakia! 😉

Glücklicherweise bin ich hier allerdings nicht alleine und habe schon einige nette Leute kennengelernt. Darunter eine sehr nette Frankfurterin namens Lisa, die ich bei der Anmeldung für das Wohnheim getroffen habe und die das Glück hatte, in ein etwas besser ausgestattetes Wohnheim ziehen zu können, nämlich das “Pierre et Marie Curie”. Dort gibt es nämlich 4er-WGs mit gut eingerichteten Küchen, was gerade den Einstig in Bordeaux sicher um einiges erleichtert. Lisa und ich haben seither schon einiges zusammen organisiert, z.B. die Eröffnung eines Bankkontos und unsere Anmeldung bei der Uni. Dabei stellte es sich allerdings heraus, dass es Probleme mit unserer “Rückholversicherungsbescheinigung” (assurance de rapatriement) gibt: Besagte Versicherung soll nämlich garantieren, dass wir im Krankheits- oder Unfallfall ^^ in unser jeweiliges Heimatland gebracht werden können und die Versicherung dafür aufkommt. Leider stellte es sich heraus, dass die Franzosen bei der Form dieser Bescheinigung äußerst pingelig sind und unsere Bescheinigungen nicht akzeptierten. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass wir uns jetzt neue Bestätigungen organisieren dürfen, wo die Versicherung auf (möglichst nur einer Seite Papier!) garantiert, dass unsere Rückholung gedeckt ist. Bis dahin sind wir nicht inskribiert und bekommen keinen Studentenausweis etc., in Folge auch keine billigen Tramabonnements u.ä. :-/

Meine coordinatrice (Koordinatorin), die die Informatik-Erasmus-Studenten betreuen sollte, habe ich bis jetzt leider auch noch nicht erreicht, da sie auf meine E-Mails diese Woche nicht geantwortet hat. Macht nichts, ich werde einfach am morgigen Montag bei ihr vorbeischneien. Soweit ich das aus meinem Online-Stundenplan ersehen konnte, gibt es am Montag ohnehin eine Veranstaltung zum Semesterbeginn, der ich beiwohnen möchte, dann trifft sich das ausgezeichnet. 🙂

Zwischendurch bin ich am Freitag auch einmal auf eigene Faust die Stadt erkunden gegangen, wobei ich lustigerweise bei einem Postkartenstand zwei Tirolerinnen aus Kramsach kennengelernt hatte. Ungefährer Gesprächsverlauf: Sie: “Ma, des isch da ja überhaupt nit teuer.” Ich: “Da habt’s es woll recht.” Sie: “Hey, woher bisch denn du?” Ich: “Aus Tirol.” Sie: “A ge, mir a!” 🙂 Später erkundigte ich mich dann noch bei ein paar anderen Mädels an der Bushaltestelle, wo denn hier die nächste Post sei, worauf sie mich gleich zur Post führten und danach noch einige Zeit die Stadt zeigten. Das nenne ich Gastfreundschaft!

Gestern war eigentlich das bisherige Highlight der Woche, nämlich ein Treffen mit anderen Erasmus-Studenten in der Stadt, auf das mich Lisa aufmerksam gemacht hat. Wir kamen dort zu zweit an und trafen dort einige Gleichgesinnte, mit denen wir uns dann parlierend durch die Stadt bewegten und somit ein bisschen von der Stadt sahen. Die Tour endete dann an der Garonne (dem Fluss, der Bordeaux durchzieht), wo wir ziemlich einige Zeit in der Wiese saßen und uns mit Weintrinken, Frisbeespielen und Reden unterhielten. Es war dabei erstaunlich, dass der Anteil der deutschsprachigen Studenten ungefähr 50% betrug, was doch immer wieder zu deutschsprachigen Gesprächen führte. 🙂 Als dann die meisten schon gegangen waren, entschloss sich der verbliebene harte Kern (inkl. Lisa und mir), in ein Restaurant zu gehen und zu Abend zu essen. Bei besagtem Restaurant angekommen, mussten wir allerdings feststellen, dass es schon ziemlich voll war und wir zu siebt wohl kaum noch Platz finden würden. Daraufhin haben wir den Plan dahingehend geändert, dass wir in der nahegelegenen WG von einem unserer Gruppe kochen würden, und das war ziemlich cool. Gegessen haben wir nämlich an einem Tisch, den wir auf die Straße gestellt haben, und von dem aus wir immer die Passanten grüßten. 😉 Zum Essen gab es Spaghetti mit Wein, anschließend Brot mit Käse und dazu Pastis, eine Art Anisschnaps. Vive la France!

Abschließend möchte ich also resümieren, dass meine erste Zeit in Bordeaux durchaus eine Zeit der Höhen und Tiefen war. Bordeaux ist eine sehr schöne Stadt, die kulturell sehr stark durchmischt ist — so gibt es z.B. sehr viele Schwarze im Vergleich zu Innsbruck, Deutsche gibt es allerdings fast ebenso viele. 🙂 Das Studentenheim stimmt mich immer wieder abwechselnd euphorisch und depressiv, wenn ich daran denke, wie toll so eine renovierte 4er-WG sein hätte können. Die Leute, die ich kennengelernt habe, sind allerdings sehr nett und muntern mich immer wieder auf, wenn meine Stimmung im Keller ist. Dazu trägt übrigens auch die Lektüre von ORF.at und der Konsum einschlägiger österreichischer Radiosender bei, die mir auch noch ein gewisses Gefühl der Verbundenheit mit zuhause geben. Skype und meine Freunde in der Heimat sind ohnedies unschätzbar wertvoll in dieser Hinsicht. Danke an alle, die sich bei mir gemeldet haben!

All denen von euch, die bis hierhin gekommen sind, möchte ich zu ihrer Ausdauer gratulieren. Ich hoffe, euch bald wieder einen interessanten Artikel bieten zu können. À bientôt!

P.S.: Habe den Gedanken gefasst, mir ein paar Mitstreiter zu suchen, mit denen ich die Küche verschönern könnte, z.B. indem wir sie mit einem Tisch und Sitzgelegenheiten sowie z.B. einer Mikrowelle etc. ausstatten. Werde mich allerdings zuvor noch erkundigen, wo man solche Dinge billig bekommen kann, bzw. ob solche Dinge dann nicht vielleicht die Tendenz haben, wieder aus der Küche zu verschwinden. 🙂

P.P.S.: Kann leider im Moment keine Bilder von meinen Abenteuern hochladen, da ich kein microSD-Kabel mitgenommen und auch meinen microSD-Adapter zuhause vergessen habe. Merde!

P.P.P.S.: Bin im Moment ganz verrückt nach der Overtüre der “Fledermaus” von Josef Strauss.

2 Antworte zum Artikel “Arrivée

barbara

2. September 2012, 17:12 Uhr

glücklich ist, wer vergisst was nicht mehr zu ändern ist:)

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