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Crisse de tabernac

Crisse de tabernac

von Michael Färber 19. November 2012, 23:01 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser zwölften Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Der Montag markierte gleich den ersten kulturellen Höhepunkt der Woche, nämlich mit einem Gratis-Klavierkonzert an der Universität Bordeaux 3. Dies war auch zugleich mein erster Besuch der Universität Bordeaux 3, und insofern hat er einen bleibenden, positiven Eindruck hinterlassen. 🙂 (So kann man auch Werbung für eine Universität machen. ^^) Es spielte der Niederländer Hannes Minnaar ein klassisches Programm mit Beiträgen von Bach, Liszt und Ravel, und am Schluss noch als besonderes Schmankerl die 24 Chopin-Préludes, Op. 28. Da ich ja ein großer Chopin-Fan bin, erfreute mich das sehr, und da ich selbst zumindest zwei Chopin-Préludes spiele, war auch ein gewisser Widererkennungseffekt gegeben.
Zu dieser Veranstaltung wollte ich eigentlich mit meinen Nachbarinnen Pauline und Yselia gehen, allerdings verpassten wir uns unglücklicherweise, sodass wir das Konzert dann getrennt genossen. Später erfuhr ich, dass noch einige andere meiner Freunde dort waren, u.a. auch Meiyi, aufgrund des großen Andrangs sahen wir uns allerdings nicht.

Monsieur pianiste.

An den Dienstag und den Mittwoch kann ich mich eigentlich nicht mehr so wirklich erinnern, daher hier ein schon lange geplanter landeskundlicher Diskurs, um meine Gedächtnislücken notdürftig zu kaschieren: 🙂
Ich wollte schon seit langem über die Größe Frankreichs schreiben. Frankreich ist nämlich so wie Österreich in seinen besten Tagen ein Land, in dem die Sonne nicht untergeht, denn es inkorporiert zahlreiche Territorien, die mehrere tausend Kilometer von dem europäischen Teil Frankreichs entfernt sind, wie z.B. Tahiti, oder die Inseln La Réunion bzw. Martinique. Man trifft hier in Bordeaux auch gar nicht so selten Leute, die aus diesen für meine Begriffe eher exotischen Gegenden kommen. Auch zu Afrika bestehen sehr starke Bindungen, die noch aus der Kolonialzeit stammen. Dabei sind unter den Maghreb-Staaten besonders Marokko und Algerien zu nennen, wo sehr viele Leute in Bordeaux ihre Wurzeln haben. Haben die Marokkaner in Österreich tendenziell keinen so guten Ruf, sind sie hier ziemlich gut integriert und sprechen auch die französische Sprache auf sehr hohem Niveau, der Großteil sicherlich besser als ich. Ein August Penz (ehemaliger Innsbrucker FPÖ-Bürgermeisterkandidat) hätte in Frankreich wohl mit seinem Slogan “Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe” einen schweren Stand.
Eine besondere Beziehung zu Frankreich hat auch Québec, das ein mehrheitlich französischsprachiger Teil von Kanada ist, der sich kulturell sehr stark von dem englischsprachigen Rest Kanadas unterscheidet. In Bordeaux habe ich schon ziemlich einige québécois kennengelernt, und ich finde es immer wieder erstaunlich, wie stark die Bindungen zwischen Frankreich und Québec immer noch sind, obwohl Québec schon seit mehr als 200 Jahren Teil mehrheitlich englischsprachiger Staaten ist. Das englischsprachige Kanada hat auch keinen besonders guten Ruf in Québec, und will man einen québecois aus der Reserve locken, dann beginne man ein Gespräch über seine Einstellung zur kanadischen Politik und zur potenziellen Unabhängigkeit Québecs — das funktioniert fast immer. 🙂
Da ich recht viel mit Leuten aus Québec zu tun habe, habe ich auch schon ein bisschen den Dialekt angenommen, der sich zum Französischen ungefähr so wie das Tirolerische zum Deutschen verhält. Eine durchaus sympathische Sprachfärbung also. 🙂 Der Titel meines heutigen Artikels ist ein typischer Québecer Fluch. Wir haben schon gescherzt, dass ich nach meiner Rückkehr aus Frankreich wie ein québecois reden würde, was fast so bizarr ist, wie als ich in München Tirolerisch gelernt habe. 😉
Diskurs Ende, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Deux québecois typiques au cours.

Am Donnerstag hatte ich wie immer Sprachkurs, der mit einem Begrüßungscocktail und einem kalten Buffet begann — so lobe ich mir das. Der Kurs war dann auch sehr interessant, da wir französische Sprichwörter durchnahmen, wie z.B. “être au bout du rouleau”, das ich ganz frei übersetze mit “am Ende der Klorolle sein”. 🙂
Nach dem Kurs bin ich dann mit einer Kursteilnehmerin aus Spanien namens Miriam per Tram gen Pessac gerollt, wo nämlich eine soirée orientale stattfinden sollte, zu der mich Pauline eingeladen hatte: Für 3€ bekäme man ein vollwertiges Abendessen in orientalischer Atmosphäre, da konnte der Dagobert Duck in mir nicht nein sagen. 😉 Als Miriam und ich dort ankamen, war Pauline schon mit einigen Leuten da, und es war eine sehr angenehme Gesellschaft.

Pauline au centre, c'est toujours comme ça.

Was ich allerdings nicht erwartet habe, war die musikalische und kulturelle Untermalung des Essens, denn es gab von orientalischer Musik bis Bauchtanz so ziemlich alles, was man sich so unter 1001 Nacht vorstellt. Auch ich schwang zwischen Bohnen und Lammbraten mehr als nur einmal das Tanzbein, und die Atmosphäre war ziemlich toll. Leider, leider war auch hier die Musik unerwartet laut, was meine Freude an dem Spektakel nachhaltig gedämpft hat, denn man konnte sich selbst am Esstisch mitunter kaum unterhalten. Auch tut es in einer solchen Umgebung nicht gut, darüber Bescheid zu wissen, wie unsere Ohren funktionieren bzw. wie sehr man sie durch zu laute Musik schädigt. Aber leider gibt es in unserer Gesellschaft einen Konsens, dass lauter gleich besser ist, und führt dann zu solchen Absurditäten, dass man bei Konzerten Ohrenstöpsel tragen muss. Das halte ich für den größten Schwachsinn überhaupt!
Aber die soirée orientale war trotz dieses Umstands ein sehr tolles Ereignis!

Shake it, you did!

Für den Freitag hatte ich mich mit Mathieu, unserem Erasmus-Gruppen-Mitglied aus Québec, zum ersten gemeinsamen Musizieren in der Universität (salle des actes) verabredet. Als ich dort ankam, hörte ich sehr virtuos klingende Klänge aus dem Klavierzimmer, die sich bei Nachschau meinerseits als Produkt eines Mathematik-Doktoranden namens Giovanni herausstellten. (Braucht es eine Erwähnung der Nationalität? ^^) Wir unterhielten uns noch ein bisschen, und zwar auf seinen Wunsch hin auf Deutsch, das sich für französische Standards ausgezeichnet ausnahm. Erfuhr dabei, dass er in Bordeaux vor einiger Zeit eine Freundin aus Innsbruck hatte — Zufälle gibts. Weiters erfuhr ich, dass es noch einen anderen regelmäßigen Klavier-Benutzer aus Italien namens Clemento gibt, der Informatik-Doktorand ist und scheinbar auch schon Konzerte gegeben hat. Das zeigt für mich wieder einmal, dass das Klischee des Informatikers, der sich nur für Computer interessiert und ansonsten ein relativ asoziales Wesen ist, längst überholt ist, denn gerade unter den Informatikern trifft man immer wieder sehr vielseitig interessierte Menschen. Vielleicht ist es so, dass Informatiker gerade aufgrund der starken geistigen Tätigkeit gerne den Ausgleich durch eine kulturelle oder sportliche Tätigkeit suchen? 🙂
Wie dem auch sei, Mathieu traf wenig später darauf ein, und wir improvisierten einige Zeit miteinander, darunter die üblichen Pop-Standards (“Proud Mary” etc.) und ein paar exotischere Dinge wie ein Québecer Walzer. Ich spielte ihm auch meine Eigenkomposition “Goin’ To Be Good” vor, die ich gerne mit ihm zusammen bei meinem nächsten Konzert spielen würde, und ihm schien das Stück zu gefallen. 😉 A propos: Der nächste Anlauf für das Klavierkonzert ist jetzt für den 5. Dezember geplant! Habe für den Zeitraum bis dahin auch wieder regulär das Klavierzimmer an der Universität reserviert, sodass ich hoffe, ein schönes Konzert geben zu können. 🙂
Am Freitag Abend habe ich dann nichts mehr unternommen, da ich ja schon am Vortag aus war und am Wochenende ja schon wieder etwas stattfinden sollte, nämlich die Chorreise!

Am Samstag arbeitete ich den ganzen Vormittag an einer Hausübung für das Fach PER, nämlich einen Beweis einer Proposition aus einem Fachartikel. Drei Stunden Arbeit sind in einem zweiseitigen Beweis kulminiert, und ich muss sagen, dass ich von dem Resultat ziemlich begeistert bin, da es in meinen Augen eine Qualität erreicht hat, auf die ich schon länger hingearbeitet habe. Wenn ich einem früheren Ich von vor zwei Jahren (das damals noch Elektrotechnik in München studierte) diesen Beweis zeigen würde, dann würde es wohl kaum glauben, dass er von mir stammt. 🙂
Nach getaner Arbeit begab ich mich dann am Nachmittag zu der Wohnung unseres Chorleiters Alexis, vor der schon einige Autos unserer Chormitglieder bereit zur Abfahrt warteten. Wir fuhren dann in mehreren Autos in die beschauliche Ortschaft Villefranche-de-Lonchat in dem Departement Dordogne, wo wir im salle des fêtes ein Konzert gaben. (Interessantes Detail am Rande: Orte mit dem Namen Villefranche gibt es in Frankreich scheinbar so wie Sand auf den Dünen von Arcachon, und die deutsche Entsprechung des Namens ist: Freiburg. :)) Diese Reise stellte (soweit ich mich erinnern kann) zugleich meinen ersten Ausflug in die französische Campagne dar, die ich schon länger einmal sehen wollte, da ich mich von dem Charme kleiner abgelegener Dörfer angezogen fühle. Am ersten Abend sollte ich von der Landschaft allerdings noch nicht soviel sehen, dafür beim Konzert einige Bewohner des Ortes, die allerdings einen ziemlich hohen Altersdurchschnitt hatten. Ich glaube, dass von ca. 100 Zuhörern nur ein oder zwei unter 20 Jahre alt waren! Die Landflucht scheint also auch in Frankreich ein Thema zu sein …
Nach einem tollen Konzert gab es noch die landesübliche Verköstigung (Kuchen & Wein), dann fuhren wir per automobiles in eine kleine, etwas vom Schuss gelegene Feriensiedlung, die aus einer Menge von Ferienhäusern (fr. gîtes) bestand. Dort labten wir uns an allerhand Fressalien, die wir aus Bordeaux mitgenommen hatten, und verbrachten noch einen ziemlich tollen Abend zusammen. Die Nacht auf den Sonntag verbrachte ich allerdings in einer bitterkalten chambre de gîte, da die Heizung nicht funktionierte. (Ich nahm an, dass sie kaputt sei; später jedoch erfuhr ich, dass man nicht nur die Heizungsstufe einstellen, sondern auch die Heizung separat anschalten müsse. o_O) Dementsprechend schlecht schlief ich.

Am Sonntag war eine Besichtigung von Villefranche angesagt, die der Bürgermeister, der auch schon bei unserem Konzert anwesend war, höchstpersönlich durchführte. Wie ich erfuhr, ist es am Land in Frankreich übrigens durchaus üblich, dass Bürgermeister parteilos sind; auf meine Frage, welcher Partei er denn angehöre, antwortete er, er sei Humanist. 🙂 Eine sehr gesunde Einstellung, wie ich meine.
Auf dem Weg von der Feriensiedlung nach Villefranche sahen wir übrigens einige Hinweisschilder entlang der Straße, dass hier die “Demarkationslinie” verlaufen wäre, die im zweiten Weltkrieg die Grenze zwischen dem deutsch besetzten Teil Frankreichs und Vichy-Frankreich dargestellt hatte.

On visite le monde, c'est le métier plus beau!

Nach der Stadtbesichtigung (es gibt in der Gegend übrigens Kiwibäume, man möchte es kaum glauben!) hielten wir in einer gîte noch ein kleines, improvisiertes Mittagessen ab, das übrigens zu 80% aus baguette und fromage bestand — in dieser Beziehung stimmen alle Frankreich-Klischees. 🙂
Am Nachmittag fuhren wir dann noch nach La Force, wo wir an der Fondation John Bost ein Konzert mit dem Chor der Fondation gaben. Dieser hat die Besonderheit, dass er aus geistig sowie aus körperlich behinderten Sängern besteht, und mit diesem Chor zusammen sangen wir drei Stücke und dann unser eigenes Konzertprogramm. Es war für mich dabei eigentlich ziemlich faszinierend zu sehen, wozu diese Menschen trotz ihrer Behinderungen imstande waren, andererseits fand ich es auch wieder ein wenig störend, dass in dem Chor einige einfach zu behindert waren, um entsprechend richtig mitsingen zu können, was dann die Gesamtqualität doch wieder mindert. Ich merke gerade, dass das ein heikles Thema ist, denn ich wäge hier ganz automatisch meine Worte genau ab, um nicht als behindertenfeindlich zu gelten. 🙂 Ich begrüße es aber im Prinzip sehr, dass es solche Chöre gibt, denn was gibt es für Behinderte viel besseres, als sich musikalisch in einer Gruppe ausdrücken zu können? Besonders beeindruckt hat mich ein Sänger, der ein kurzes Solo gesungen hat, zwar sehr leise, aber doch schön, an dessen Ende begeisterter Applaus den Saal erfüllt hat. So etwas hebt garantiert das Selbstwertgefühl! 🙂 (Kann ich als alte Rampensau aus eigener Erfahrung bestätigen. ^^)

Pendant le concert.

War am Ende des Konzerts dann allerdings doch froh, dass es vorbei war, denn durch die kalte Nacht in der gîte hatte ich mir einen ordentlichen Schnupfen eingefangen, der mich während des Konzertes zu einem regelrechten Taschentuch-Junkie machte, was ich meinen Mitsängern aus optischen und hygienischen Gründen eigentlich nur ungern zumutete. Glücklicherweise fuhr dann meine Fahrgemeinschaft direkt nach dem Konzert zurück nach Bordeaux, wo wir gegen 19 Uhr eintrudelten.

So endete wieder einmal eine gewaltige Frankreich-Woche. Ich wünsche allen meinen Lesern eine schöne Woche und à bientôt!

P.S.: Unser Chorleiter Alexis hat mich schon mehrmals gefragt, ob ich ein paar tolle a-capella-Stücke kenne. Da mir spontan keine einfallen, leite ich die Frage weiter an meine geschätzte Leserschaft, insbesondere die aus dem Unichor. 🙂

P.P.S.: Lied der Woche.

P.P.P.S.: Da auch dieser Blog-Eintrag wieder einmal verspätet ist, zur Entschädigung das Bild des Tages:

Der Wanderer im Nebelmeer.

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