blog >

Dis donc

Dis donc

von Michael Färber 1. Juli 2013, 15:27 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser einundvierzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Diese Woche war eine Woche der Abschiede. Es ging wie im Akkord …

Am Montag stellte ich fest, dass ich langsam anfangen sollte, mich meines gesamten verbliebenen Hausrates zu entledigen. So stellte ich einige meiner Siebensachen auf Leboncoin.fr ein, unter anderem meinen Kühlschrank, meine Mikrowelle und auch — schniff — mein Fahrrad.

Baguette pas incluse. 😉

Am Dienstag schon fand ich Käufer für meinen Kühlschrank, den ich für wackere 45€ eingestellt hatte und dann aber ohne Federlesen für 40€ abstieß. Als Käufer fand sich ein älteres Ehepaar, das vermutlich nicht geahnt hatte, dass sich der Kühlschrank im 2. Stock ohne Lift befindet und ich ihn nicht alleine die Treppen herunterbekomme. Aber schließlich fand ich in Omar einen hilfsbereiten Nachbarn, der mir beim Abstieg mit dem “frigo” half, und es fanden sich auch einige andere Afrikaner, die uns mithalfen, sodass wir das gute Stück schlussendlich zu viert hinunterschleppten. Als ich in mein Zimmer zurückkam, fand ich das Kakerlaken-Hauptquartier auf dem Stück Erde vor, das einst der Kühlschrank verdeckte — mindestens 20 Kakerleichen lagen dort. Was mit dem Rest passiert ist, will ich gar nicht genau wissen — Kannibalismus?
Am Abend traf ich mich dann noch mit Beatrice im “Rose Pub”, wo wir uns nach ein paar Gläschen und einem Abendspaziergang auch voneinander verabschieden mussten …

Les cafards morts ...

Am Mittwoch meldeten sich einige Leute, die mein Fahrrad bzw. meine Mikrowelle kaufen wollten — ich wurde von Anfragen förmlich überschwemmt. Hatte mir nicht erwartet, dass das so gut funktioniert. Ich einigte mich mit meinen Interessenten, ihnen meine Sachen bis zum folgenden Tag zu reservieren, was sich als eventueller strategischer Fehler herausstellen sollte … siehe ebendort.
Am Abend fand die letzte Chorprobe statt, für ein Konzert, bei dem ich gar nicht mehr mitwirken würde. Die Probe ließ ich mir allerdings trotzdem nicht entgehen, auch um mich von meinen Chorfreunden noch einmal zu verabschieden. Es stellte sich auch als eine der besten Proben heraus, weil alle sehr locker waren. 😉 Für das nächste Jahr bin ich jedenfalls mehrfach eingeladen, bei dem 10-jährigen Chorjubiläum mitzuwirken, das eine große Sache zu werden verspricht.

Choristes de bonne humeur.

Am Donnerstag beging ich mein letztes Mittagsessen mit meiner Mensa-Gruppe, und das Essen war repräsentativ schlecht. 😉 Das machte allerdings nichts, gehe ich ins resto’u ja doch nicht mehr hauptsächlich wegen des Essens, sondern wegen des “poulpe”-Kartenspiels, das wir in den letzten Monaten perfektioniert haben. Wir spielten also eine letzte Runde, und sagten uns dann Lebewohl.
Gleich nach dem Essen hatte ich mein Fahrrad-Verkaufs-Rendezvous, bei dem sich mein Käufer als relativ sympatisch herausstellte, mir allerdings den Preis deutlich herunterhandeln wollte. Nach einiger Verhandlung einigten wir uns auf 55€ statt der von mir ursprünglich angestrebten 65€, was mir ein wenig “chier” machte, aber ich wollte mich nicht an meinen letzten vollen Tag in Village 2 noch mit solchen Kinkerlitzchen herumschlagen.
Den Nachmittag verbrachte ich dann noch damit, meine restlichen Sachen zu verschenken bzw. zu verkaufen, dies zumeist zu Schleuderpreisen. Nebenbei versuchte ich auch noch, meine Koffer zu packen. Gegen Abend kam dann noch ein älteres Ehepaar, die meine Mikrowelle ohne jegliche Preisverhandlung mitnahmen und mir auch gleich noch ein paar andere Dinge abkauften, zu recht guten Preisen, was mir meinen Verlust beim Fahrrad mehr oder weniger ausglich. Ich habe bemerkt, dass auf Leboncoin extrem viele Leute Dinge für ihre Verwandten einkaufen, wie z.B. die Mikrowelle für den Sohn, den Kühlschrank für die Tochter oder das Fahrrad für den Vater. Es ist durchaus empfehlenswert, eine Liste der Interessenten anzulegen, da man sonst schnell den Überblick verliert, wer was kaufen wollte bzw. wer sich für welchen Artikel interessierte und zu welcher Zeit sie ihn abholen möchte. Sich auf Reservierungen einzulassen, wenn die Zeit drängt, ist außerdem auch eine schlechte Idee, da man sich dann als Verkäufer in einer schlechteren Verhandlungsposition wiederfindet. Voilà meine Verkaufserfahrungen.

Gregor, un client satisfait. 🙂

Am Abend ging ich mit Sara und Clara ins Restaurant “Le Petit Bois” (Kleinholz), um unser auf längere Sicht letztes Treffen in Bordeaux zu begehen. Nachdem wir uns lange von Sara verabschiedet hatten, fuhren Clara und ich wieder zurück nach Village 2, wo wir in der Tram auf Kevin stießen und uns in Village 2 noch Jorge einluden, was zu einer spontanen “Gangsoirée” führte, die immer größer wurde und bis gut nach Mitternach andauerte. Ein würdiges Ende für einen Aufenthalt in Village 2! ^^

Am Freitag war mein letzter Tag in Village 2! Diesen begann ich eher ungewöhnlich mit einem Frühstück zu zweit, nämlich mit Simon, der am Vorabend erst aus Cauneille wieder in Pessac eingetroffen ist. Jorge kam auch noch vorbei, um sich nochmals von mir zu verabschieden, und dann kam noch einer der vielen Omars vorbei, der mir mein Bettzeug und meinen Wasserkocher für läppische 3€ abkaufen wollte, mit dem Argument, er habe nicht mehr Geld. Daraufhin sagte ich ihm, dass ich meine Sachen nicht für einen solchen Preis verkaufen würde und sie andernfalls einem Freund schenken würde, worauf er ein wenig meditierte und nach kurzer Zeit wieder mit etwas mehr Geld zurückkam. 😉 Hehe, mit den Arabern zu feilschen macht mir einen teuflischen Spaß … 😀
Schließlich waren alle Koffer fertig gepackt, doch nun ging es an das Putzen meines Kabäuschens, das sich mangels eines Schwamms als ungeahnt schwierig herausstellte. Doch kam mir Simon als Retter zu Hilfe, da er sein Zimmer schon fertiggeputzt hatte und mir nunmehr tatkräftig zur Seite stand. Eine wunderbare Art, sich meinen ewigen Dank zu sichern!
So brachten wir es zu zweit fertig, beim Eintreffen der Putzfrau ein wunderschön geputztes Zimmer zu übergeben, das einmal das meine war. Ich atmete noch einmal tief durch (auch um mir den Geruch von Kakerlakenvertilger nochmal in Erinnerung zu rufen) und schloss dann die Türe und somit auch ein langes Kapitel meiner Geschichte ab. Ah, Village 2! Schauplatz so vieler Erfahrungen, so vieler Tage, so vieler Nächte …
Doch bevor ich nostalgisch werde, muss ich noch den Schlüssel abgeben und meine Kaution beim Accueil abholen. Dort ist schon Clara, die ich schon nicht mehr anzutreffen glaubte, und regelt gerade ihre Angelegenheiten, bis sie mir “au revoir” sagt. Da ist es um meine Selbstbeherrschung geschehen, und es zerreißt mir förmlich das Herz … meine Augen sind vor Tränen blind, und wir halten uns noch sehr lange in den Armen. Ach, es sind so viele schöne Erinnerungen, die auf mich einströmen, und gleichzeitig eine so unglaubliche Trauer, dass diese schöne Zeit nunmehr vorbei ist, die mich so schwer erschüttern. Clara gehört zu den ersten, die ich in Frankreich kennengelernt habe, und wir haben so viel miteinander gemacht, miteinander gelacht …

Clara ...

Als wir uns endlich voneinander losgerissen haben, sagt mir der Accueil, dass von meiner Kaution noch 40€ standardmäßig abgezogen würden, was mich zwar ein wenig erstaunt, doch im zweiten Moment erstaunlicherweise komplett egal ist. Denn mittlerweile kommt auch Simon, und ein zweiter Tränenbach ergießt sich aus meinen Augen: Echte Freunde sind selten, und umso schöner ist es, dass ich einen solchen in ihm kennengelernt habe, auch wenn es eher spät in meiner Frankreich-Zeit war. Gerade zuletzt haben wir soviel miteinander unternommen, und er hat sich als so liebenswürdig herausgestellt, dass es für mich ein echter Verlust ist …
Nun, inzwischen ist auch mein Freund Eli angekommen, der mich zu sich nach Preignac eingeladen hat, und so verabschiede ich mich auch mit Mühe von Simon, um meine Siebensachen in Elis Peugeot einzuladen und dann Village 2 noch nach einem letzten Blick bis auf weiteres den Rücken zu kehren. Wer sich an dieser Stelle fragt, was denn mit dem Paulinchen los ist: Dieses hat sich zwar noch am Gang blicken lassen, ich habe es allerdings konsequent ignoriert. Kein Abschied, kein nichts. Ich würde zwar hier gerne ein paar lobende Worte über sie schreiben, doch dass ich es nicht tue, hat sie sich selbst zuzuschreiben.

Bon. So fuhren Eli und ich also nach einem allerallerletzten Aufenthalt im resto’u in sein Heimatdorf, Preignac. Dieses liegt etwa 40 Autominuten von Bordeaux entfernt und ist ein recht idyllisch inmitten von Weinfeldern gelegener Ort. Dort begrüßten uns Flötentöne aus mehreren Zimmern, denn es befinden sich in der Familie vier Flötisten! Die Familie besteht neben den Eltern noch aus zwei Schwestern, und es handelt sich hierbei um hochkultivierte Menschen, die sich der Musik und der okzitanischen Sprache verschrieben haben: Die Region Aquitanien, deren größte Gemeinde Bordeaux ist, war ja vor längerer Zeit ein unabhängiges Land, das von den Franzosen eingenommen wurde und sich mehrere Jahrhunderte lang aus deren Herrschaft zu befreien versuchte, was allerdings nicht gelang. Heute ist das Wissen um diese Geschichte allerdings weitestgehend unbekannt, und auch die ursprüngliche Landessprache, Okzitanisch (bzw. deren gaskognische Unterart), wurde lange Zeit unterdrückt, da ja Französisch die einzige offizielle Sprache in Frankreich ist. Einige Volksgruppen, wie die Basken oder die Korsen, haben sich dennoch durch Gewaltakte eine Anerkennung ihrer Sprachen verschafft (Südtirol kommt in den Sinn), was allerdings beim Okzitanischen nicht geschehen ist. Dennoch gibt es einige Aquitanier, die sich friedlich für ihre ursprüngliche Sprache engagieren, so auch meine Gastgeber, die zwischen Okzitanisch und Französisch fließend umschalten können.
Jedenfalls wurde ich auch als Nicht-Okzitane von ihnen sehr freundlich aufgenommen, und Eli machte mit mir und seiner älteren Schwester Lucy einen kleinen Ausflug nach Saint-Macaire, eine sehr sympathische mittelalterliche Stadt.
Am Abend wurden ich mit der restlichen Familie dann noch zu deren Bekannten mit zum Abendessen eingeladen, ebenfalls sehr literarische Menschen, mit einem Hang zu Tischtennis. So endete also ein sehr langer Tag, der noch in Village 2 begonnen hat …

Dîner dans une villa.

 

Am Samstag fuhren wir dann auf den nahegelegenen Markt von Bazas, um ein paar Dinge einzukaufen, unter anderem ein lebendiges Huhn. 😉
Ich machte mir auch langsam Gedanken über meine Fahrt nach La Grande-Motte, die am darauffolgenden Tag stattfinden sollte — da mir die SNCF nur umständliche Reiserouten über Bordeaux vorschlug, was mit meinen recht schweren Koffern beim Umsteigen eine ziemliche Anstrengung erfordert hätte, erwog ich eine Mitfahrgelegenheit, die ich über die Seite Covoiturage.fr ausfindig machte. Ein Fahrer sicherte mir zu, einen kleinen Abstecher ins nahegelegene Langon zu machen, sodass ich mir eine längere Reise zu einem Treffpunkt sparen konnte. Auch im Vergleich zum Zug kann das Angebot durchaus mithalten, denn ich zahlte nur 36€, wobei der allerbilligste Zug 47€ kostet.
Nachdem ich also meine Reise geregelt hatte und mit meiner Gastfamilie zu Mittag gegessen hatte, fuhren wir in ein kleines Dörflein namens Martillac, wo meine Gastgeber ein Konzert geben sollten. Ich sollte nämlich noch erwähnen, dass meine Gastfamilie eine Musikgruppe namens Gric de Prat bilden, die alle Familienmitglieder umfasst und okzitanische Musik spielt. Nachdem wir in Martillac alles aufgebaut hatten, machte uns allerdings das Wetter einen Strich durch die Rechnung, denn es waren wieder Regenfälle vorausgesagt, und schließlich kam die Botschaft, dass das Konzert abgesagt werden müsse! So gab es nur ein kleines Mini-Konzert, quasi ein Aperitif, bei dem vier Flöten, zwei Trommeln und ein Dudelsack vorkamen. 😉 Und am Abend gab es auch noch ein Gratis-Essen! 😉

Musikantenstadl.

Am Sonntag packte ich erneut meine Siebensachen bei Eli, bekam noch einen casse-croûte (Jause) von seiner Mutter und wurde von ihr dann auch zu meiner Mitfahrgelegenheit nach Langon gebracht. Diese stellte sich in Form von Fahrer José-Luis mit seinem bösen Golf als recht sympathisch heraus, und selbst die Tatsache, dass ich die Größe meiner beiden Reisetaschen ein wenig unterschätzt hatte, brachte ihn nicht aus der Fassung. Wir waren zu viert im Auto, und in Toulouse stieg eine Mitfahrerin aus und eine neue ein, sodass die Gesamtmenge konstant blieb. Dadurch dürfte auch das Angebot der Mitfahrgelegenheit finanziell äußerst rentabel sein, denn ich schätze, dass mein Fahrer so ca. 100€ an diesem Tag verdient hat!
Wir verstanden uns im Auto recht gut, und ich erfuhr einige interessante Dinge; u.a., dass die Fluggesellschaft Volotea seit kurzem Direktflüge von München nach Bordeaux anbietet! Dadurch dürfte sich die minimale Reisezeit von Innsbruck nach Bordeaux drastisch von 13h auf ca. 5h reduzieren. 😀
Ich kam dann auch äußerst pünktlich in Montpellier an, wo mich mein Cousin Mino schon erwartete. Nach einem kleinen Aperitif in La Grande-Motte (ich habe irgendwann einmal aufgehört zu zählen, wieviele Aperitifs ich in den letzten zwei Wochen zu mir genommen habe o_O) gingen wir an den 100m entfernt gelegenen Strand, wo man — im Gegensatz zu meinem letzten Besuch — schon schwimmen konnte. Eiskalt, aber trotzdem. Am Abend schauten wir noch einen Film, und dann ging’s ab in die Heia.

Und auch ich werde mich jetzt (Montag) wieder auf zum Strand machen, denn ich habe jetzt genug geschrieben! Der nächste Artikel wird vermutlich schon wieder aus Österreich kommen …
Meinen Lesern, die es bis hierher geschafft haben (gratuliere!), wünsche ich noch eine schöne Woche, für die Glücklichen unter uns schöne Ferien, und bis bald! 😉

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *