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Enfin bref

Enfin bref

von Michael Färber 25. Juni 2013, 20:56 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser vierzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Die Woche begann am Montag mit einem fulminanten Start, nämlich meiner letzten universitären Pflicht in Frankreich — der “Defensio” meiner Masterarbeit! Dieser sah ich allerdings gelassen entgegen, da diese Präsentation keinen Effekt auf meine Benotung in Innsbruck haben wird und für mich somit mehr als Übung galt. Zu der Präsentation kamen auch ein paar meiner Kollegen, u.a. Noël und Jonathan, die ja schon meine Partner für ein anderes universitäres Projekt (PER) im letzten Semester waren. Auch Simon habe ich dazu eingeladen, da er ja an meinen Logik-Gschichterln immer sehr interessiert war, und er war sogar noch früher an der Uni als ich. 😉
Die eigentliche Präsentation gestaltete sich dann auch als dementsprechend locker, da für mich ja nicht viel Spiel stand; sollte es in Innsbruck ähnlich gut laufen, dann kann eigentlich nichts schiefgehen.
Nach der Präsentation habe ich am Abend noch ein wenig mit Simon gefeiert, sprich er hat mich noch zu sich zum Abendessen eingeladen. 😉

Am Mittwoch bekam ich auf eher ungewöhnliche Weise Wind von einem Konzert, denn als ich an der Uni Klavier spielen und dementsprechend den Schlüssel abholen wollte, händigte mir die zuständige Dame eine Notiz von einem anderen Pianisten namens Clément aus, der mich zu seinem Konzert einlud. 🙂 Nun, das wollte ich mir nicht entgehen lassen, und so ging ich also am Abend zu “seinem” Konzert: Clément begleitete dabei einen Chor, und dieser interpretierte ein paar sehr tolle Lieder, u.a. Je ne l’ose dire (“Ich wage es nicht zu sagen”) und Herbstlied von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Bei letzterem Lied kam ich auch eher unerwartet zum Zuge, denn mir wurde die Ehre zuteil, die Seiten umblättern zu dürfen. 😉
Nach dem Konzert gab es — wie für Bordeaux üblich — noch ein Buffet mit einer reichen Auswahl an Weinen, bei dem der Chor naturgemäß auch kräftig zugriff. ^^

Am Donnerstag ging es auf Reise in den Süden, nämlich zu Simon in das kleine Dörfchen Cauneille bei Peyrehorade. Dorthin kamen wir per Auto, denn seine Eltern holten ihn aus Village 2 samt seinen Siebensachen ab — mein Kühlschrank hätte ursprünglich auch mit von der Partie sein sollen, aber leider hatte er keinen Platz mehr in der voiture. Tant pis.

Cauneille.

Seine Eltern, Marie-Laure und Daniel, stellten sich jedenfalls als sehr umgänglich und gastfreundlich heraus, und wie sich herausstellte, wohnen die beiden auf einem für meine Begriffe riesigen Anwesen, das Hühner, Schafe, Wälder und einige Felder umfasst. Jedenfalls eine ganz andere Welt als Pessac. 😉 Am Tag unserer Ankunft war davon allerdings noch nicht allzuviel zu sehen, da es fast durchgehend regnete und ziemlich kalt war. So schritten wir nach unserer Ankunft in ihrem Haus auch relativ bald zum Abendessen, das sich — wie die meisten darauffolgenden Essen auch — fast ausschließlich aus eigens hergestellten Produkten zusammensetzte! Selbstgemachtes Brot, selbst aufgezogene Hendln, selber gepflanzter Salat … ich kann wohl sagen, dass ich in Frankreich noch selten so gut gegessen habe. Ein typisches Essen bestand aus folgenden Teilen:

  1. Aperitif
  2. Hauptspeise & Wein
  3. Salat
  4. Brot & Käse
  5. Dessert

 

Am Freitag setzte sich der Regen weiter fort; ich erfuhr, dass es in der Region zu schweren Überschwemmungen gekommen war, sogar mit einigen Toten. Hauptsächlich Leute, die (ganz nach französischer Manier) Straßensperren ignoriert haben und dann vom Strom weggespült wurden. Diesem Risiko wollten wir uns nicht aussetzen, und so verbrachten wir den Großteil des Tages im “Atelier”, wo wir verschiedenen Tätigkeiten nachgingen: Simon bereitete sein Fahrrad auf seine “Tour de France” vor, die er bald unternehmen möchte, und ich versuchte, ein altes Klavier neu zu stimmen, womit ich einige Stunden zubrachte. Besagtes Atelier ist jedenfalls für Bastler eine Goldgrube: Von Schleifmaschinen über eine kleine Küche und eine mechanische Säge aus dem 19. Jahrhundert gibt es ein riesiges Sammelsurium, und gleich darauf schließt die Garage mit Traktor, altem Auto, Fahrrädern etc. an. An verregneten Sommertagen jedenfalls sehr inspirierend. 🙂

Á l'atelier.

Am Abend klarte es ein wenig auf, was wir noch für eine spontane Radltour nützten: So zeigte mir Simon die Umgebung, die relativ hügelig ist und mich an die Steiermark (“Joglland”) erinnerte. Wir sahen auch einen Turm, der vom Dichter Jean Rameau erbaut wurde und den er zur Inspiration nutzte, da er von dort aus einen ausgezeichneten Blick auf die Pyrenäen hatte. Dieser Turm ist heute allerdings leider baufällig und kann nur unter einiger Gefahr betreten, geschweige denn bestiegen werden.

Am Samstag war das Wetter endlich besser, und wir unternahmen eine große Ausfahrt mit Simons Eltern per Auto: So fuhren wir zuerst nach Bayonne, das sich schon im Baskenland befindet und eine recht hübsche Stadt ist. Scheinbar gibt es gewisse Rivalitäten zwischen Bordeaux und Bayonne, welche Stadt die bessere ist — ich war jedenfalls von Bayonne sehr angetan.

Bayonne.

Nach einer kurzen Stadtbesichtigung fuhren wir weiter nach Biarritz, das direkt am Meer liegt. Dort profitierten auch einige andere Leute schon vom guten Wetter, denn der dortige Strand war recht gut gefüllt.

Biarritz.

Von dort ging es an einer Côte-d’Azur-artigen Straße weiter nach Hendaye, das direkt an der spanischen Grenze (Irun) liegt. Wir wollten eigentlich zu Fuß von Frankreich nach Spanien gehen, aber leider vereitelte ein Grenzfluss unser Vorhaben, sodass wir für dieses Mal in Frankreich blieben.

À gauche la France, à droite l'Espagne.

Am Abend fuhren wir dann noch einmal nach Bayonne, wo wir uns in der dortigen Kathedrale (auf meinen Vorschlag hin) das Mozart-Requiem in d-moll anhörten. Dieses wurde leider von ziemlich grauenhafter zeitgenössischer Musik eingeleitet, was die zum Brechen volle Kirche dann wieder etwas leerte, aber das Requiem war grandios!

Am Sonntag kam das schlechte Wetter zurück, was ich zum Anlass nahm, das Klavier fertig zu stimmen. Hierbei bediente ich mich des Programms Lingot, mit dem man auch andere Instrumente, wie z.B. Gitarren, stimmen kann. Das Endergebnis klang gar nicht schlecht, nur leider funktionierten die Dämpfer nicht richtig, sodass einige Seiten so klangen, als würde man das Haltepedal ständig gedrückt halten. :/ Die Familie von Simon war jedenfalls scheinbar trotzdem beeindruckt …
Zu Mittag traf dann die Schwester von Simon samt Mann und Kind ein, und es kam wieder einmal zu einem opulenten Mittagessen. Wie es übrigens scheint, ist die Gegend trotz ihrer relativen Abgeschiedenheit nicht allzu sehr von Abwanderung bedroht, sondern es siedeln sich im Gegenteil einige junge Familien an, was man auch an weitverbreiteten Autoaufklebern “Bébé à bord” ablesen kann. Auf der anderen Seite zieht es auch ältere Stadtbewohner aufs Land, die dort ihren Lebensabend verbringen wollen, hauptsächlich Pariser. Diese genießen nicht unbedingt das Wohlwollen der ansässigen Landbevölkerung, da sie sich scheinbar eher arrogant verhalten und die Bauern als Bürger zweiter Klasse sehen, die ihnen auf Abruf bereitzustehen hätten. Ist zumindest die Ansicht von Simons Familie, die auch in anderen Belangen einigen französischen Stereotypen entsprechen; so sprechen sie z.B. kein Englisch, und Simon ist sogar ein überzeugter Gegner dieser Sprache. 😉
Ein Thema, das weiterhin im Unterbewusstsein der Franzosen schwelt, ist das Verhältnis zu den Deutschen. Wir sind häufig auf das Thema des zweiten Weltkriegs zu sprechen gekommen, und obwohl ich mich als Österreicher natürlich in der Opferrolle fühlen darf, so merke ich doch, dass die Franzosen noch gewisse Ressentiments gegenüber deutschsprachigen Leuten haben, was historisch gesehen sehr gut verständlich ist. Diese Gefühle werden die meiste Zeit nicht artikuliert, aber sie sind definitiv vorhanden. Es wird jedenfalls noch einige Zeit brauchen, bis diese Vorurteile verschwinden, und ich glaube, dass gerade solche Initiativen wie das Erasmus-Programm dazu beitragen, die Völkerverständigung zu fördern.
Am Nachmittag unternahmen Simon und ich noch eine Radltour in der Umgebung, u.a. nach Peyrehorade und nach Hastingues, wo wir die Abbaye d’Arthous und die Innenstadt von Hastingues besichtigten.

Abbaye d'Arthous.

Am Montag fuhr ich dann von Dax wieder zurück nach Bordeaux, wo mich wieder einmal der Village-2-Blues erfasste. Immerhin traf ich wieder auf einige nette Nachbarn und traf mich noch am Abend mit Lili, wobei wir in Pessac ein bisschen spazieren gingen und dann noch einige Zeit bei ihr blieben. Die Zeit der Abschiede hat jedenfalls schon längst begonnen, ab jetzt ist jeden Abend ein Abschied geplant …

Ein klein wenig melancholisch verabschiede ich mich auch von meinen Lesern, aber nur für diese Woche. 🙂

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