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Gazage

Gazage

von Michael Färber 7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser siebten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Ich möchte damit beginnen, das kleine Rätsel vom Beginn der Woche aufzulösen, nämlich die Identität meiner neuen Freundin. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass niemand auch nur einen noch so kleinen Rateversuch auf dieser Seite gewagt hat, bin mir aber der Schwierigkeit der Aufgabe bewusst ob der großen Zahl meiner Bekanntschaften in Frankreich. 😉 Es handelt sich bei meiner neuen Freundin um meine Chinesischlehrerin und Klavierschülerin Meiyi! Die Aussprache dieses Namens ist vielleicht nicht ganz intuitiv; man erhält sie, wenn man engl. “may” mit “j” wie in Jodeln und einem “i” am Ende kombiniert. 🙂
Wir haben diese Woche einiges zusammen unternommen; so hat sich herausgestellt, dass sie auch gerne laufen geht, was wir immer wieder zu Läufen und Spaziergängen über das Universitätsgelände ausgenutzt haben. Auch habe ich sie ein paar Mal zu mir zum Essen eingeladen, wobei ich mich als chef de cuisine betätigt habe. Sie studiert übrigens Russisch, wohnt in Village 1 und kommt aus Beijing. 🙂

Am Montag fand in Village 2 ein Abendessen in der Gemeinschafts-“Küche” statt, zu dem mich Quentin und Idir netterweise eingeladen haben. (Zur Erinnerung: Quentin war einer meiner ersten Klavierzuhörer, und Idir begleitet mich auf der Gitarre.) Es gesellten sich dann immer mehr Leute zu unserer kleinen “soirée”, bis wir eine ganz ansehnliche Gruppe waren. J”aime Village 2. (Sauf les cafards.)

Emy, Idir et moi.

Am Dienstag hatte ich meine zweite Chorprobe, bei der ich auch erfuhr, dass der Chor für Ende des Oktobers während der Herbstferien (in Frankreich eine Woche lang) eine Chorreise nach Sevilla (Spanien) plant. Angesichts der etwas langen Fahrzeit von mehr als 17 Stunden mit dem Bus und den geschätzten Kosten für das Unternehmen (mit ~max. 200€ angegeben) bin ich mir allerdings noch nicht sicher, ob ich daran teilnehmen werde. Jedenfalls fand im Anschluss an die Chorprobe noch ein kleiner Umtrunk in der WG unseres Chorleiters statt.

Servan, Alexis et Hugo.

Unser Gastgeber vermochte uns mit Wein, Nudeln und Musik ausgezeichnet zu unterhalten, und in dementsprechend gehobener Stimmung verließ ich die Stätte der Zusammenkunft so gegen ein Uhr nachts, um meinen plangemäß zwei Minuten später abfahren sollenden Bus rechtzeitig zu erwischen. Doch was fuhr mir vor meiner Nase davon? Richtig! Der letzte Bus! Verfolgungsversuche à pied meinerseits blieben leider von Erfolg verschont, und so kehrte ich etwas niedergeschlagen zur Feier zurück. Hier zeigte sich einmal wieder das Entgegenkommen unseres Chorleiters, der für mich ein städtisches Leihfahrrad (VCub, Pendant zum Wiener Citybike) per Bankomatkarte aktivierte und auch noch die Kosten dafür übernahm! Vielen Dank nochmals dafür, Alexis, auch wenn du das vermutlich aufgrund der Sprachbarriere nicht lesen kannst. 🙂 So fand meine erste Radfahrt in Bordeaux zu nächtlicher Stunde statt, und wider Erwarten fand ich den Weg zu meinem Studentenheim, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu verfahren. Wer schon einmal zu nächtlicher Stunde mit dem Fahrrad in einer fremden Umgebung unterwegs war, vermag vielleicht die Außergewöhnlichkeit dieser Leistung zu erkennen. ^^ Was mir bei meiner Fahrt allerdings auffiel, war die Leere in der Stadt: Es war gegen zwei Uhr so gut wie niemand mehr unterwegs, auch fast keine Autos, was mir in der ungefähr doppelt so kleinen Stadt Innsbruck eigentlich nicht so vorkommt.
Als ich mich also per rotas meiner Residenz und der Fahrradrückgabestelle näherte, sah ich ein Feuer, das ich im ersten Moment für ein Picknick neben der Tramstation hielt. Als ich näher kam, stellte ich jedoch fest, dass online casino canada es sich um ein brennendes Fahrrad handelte, das neben den Leihfahrrädern der Stadt abgestellt war! Kurz nach mir erschien dann auch die Feuerwehr, die dem unheimlichen Spektakel ein Ende bereitete. Es bleibt die Frage: Wer zündet ein Fahrrad an? Zusammen mit der Tatsache, dass ich auch schon einige aufgeschnittene Fahrradschlösser gesehen habe, bleibt mir der Eindruck, dass die allgemeine Stimmung hier eher fahrradfeindlich ist. 🙁

Violence contre les vélos pt. 1.

Violence contre les vélos pt. 2.

Am Mittwoch fand ein Ereignis besonderer Art statt, nämlich meine schon länger geplante, gegen meine kleinen Mitbewohner gerichtete “gazage”. Diese spielte sich so ab, dass ich eine gefühlte halbe Dose Insektenspray gegen alle mir zugänglichen Wände richtete, in der Hoffnung, dass dies allem insektoiden Leben den Garaus bereiten möge. Nach dieser Aktion verließ ich schnellstens das Zimmer und kehrte einige Stunden später zurück. Erfolg! Im Gegensatz zu meiner ersten “gazage”, die ich mit einer eher niedrigen Dosis Insektenspray betrieben habe, fand ich nun überall im Raum Kakerlakenleichen vor. Doch mit einigem Schreck musste ich feststellen, dass die reglosen Tierchen bei meinem Versuch, sie aufzukehren, sich plötzlich wieder zu bewegen versuchten, wie in einem schlechten Zombiefilm! Doch glücklicherweise resignierten sie auf meiner Kehrschaufel wieder relativ schnell. Als ich allerdings die Kehrschaufel kurz abstellte, um ein Foto zu machen und die Zahl der Leichen für meine Statistik zu erfassen, machte sich ein Kakerlakerich mit “humpelndem” Gang auf und davon, was mich mit Panik erfüllte, da ich fürchtete, dass dieser der Stammvater einer neuen Generation von superresistenten Mutantolaken werden könnte. Doch glücklicherweise konnte ich ihn gerade noch dingfest machen, bevor er sich wieder in einer Wand einnisten konnte. Leider war der Erfolg nur von kurzer Dauer, da ich schon am nächsten Tag wieder fünf Kakerlaken fand. Verdammt! Die Biester sind wirklich schwer auszurotten, vermutlich müsste man das gesamte Gebäude abreißen! Jedenfalls habe ich am Tag meiner “gazage” ca. 25 dieser Biester in die Hölle befördert.

Muahahahaha.

Am Donnerstag habe ich mich entschieden, die dort (zusätzlich zum Dienstag) normalerweise stattfindende Vorlesung “Graphes et Applications” nicht mehr zu besuchen, da ich mich schon ziemlich ausgelastet fühle und neben meinen ganzen Freizeitaktivitäten (auf die ich während meines Erasmus-Aufenthalts nicht verzichten möchte!) nicht auch noch unbedingt ein volles Semesterprogramm mit 30 ECTS brauche. 😉 So habe ich ganz pragmatisch die Vorlesung mit dem bei weitem höchsten Aufwand eliminiert. Sorry, musste sein.
Am Donnerstag Abend sollte dann eine Erasmus-Feier stattfinden, doch waren schon alle Karten vergeben, bevor ich mir eine sichern konnte. Das könnte aber im Nachhinein gesehen gar nicht so schlecht gewesen sein, denn einige meiner Freunde hier berichteten über einen massiven Kater am nächsten Tag. 🙂 Das wäre schlecht für mich gewesen, denn immer am Freitag findet die Vorlesung “Logique et langage” statt, die für mich im Moment für die interessanteste Vorlesung ist. Jedenfalls habe ich statt der Erasmus-Feier noch unerwarteten Besuch von meiner Freundin bekommen und mich danach noch mit meinen Nachbarn Idir und Pauline getroffen, mit denen ich zusammen bei einem Bier noch ein bisschen musiziert habe. (Idir: Gitarre/Mundharmonika, Pauline: Freestyle-Rap ^^, Ich: Gesang.) Abschließend sind wir dann noch zu einem nahen Kebapladen (namens “Fac Food” ^^) gegangen, das wirklich ausgezeichnete Hamburger anbietet! Fac you, McDonalds!

Am Freitag gab ich wieder meiner Freundin Klavierunterricht und sie mir Chinesischunterricht. Im Anschluss daran war wieder Freizeitprogramm angesagt, nämlich ein Theaterbesuch in der Innenstadt, den Kristin (aus unserer Erasmus-Gruppe) als Theaterfan organisiert hat. Aufgrund der oben schon erwähnten Erasmus-Feier waren wir bei unserem Theaterbesuch leider nicht so zahlreich, aber es fand sich doch eine Gruppe von ca. acht Personen ein. Das Theaterstück “Il faut tuer Sammy” war etwas verrückt und ich habe nur Bruchteile davon verstanden, aber es war trotzdem recht unterhaltsam! Danach bin ich am Abend noch mit meiner Freundin ein bisschen spazieren und laufen gegangen.

Il faut tuer Sammy. Mais où est-il? Peut-être dans le trou Mercedes?

Am Samstag beschloss ich, etwas gegen meinen eminenten Kleidermangel zu unternehmen: Für die Konzerte unseres Chores ist nämlich elegante Kleidung Pflicht, und diese konnte ich aufgrund meiner starken Platzbeschränkung in meinem Koffer nicht von Innsbruck nach Bordeaux mitnehmen. So habe ich mich kurzfristig mit meiner Freundin zum Kleiderkauf in der Innenstadt verabredet, der dann sehr erfolgreich war, da ich mir neue Schuhe, neue Anzughose, neues Hemd, neuen Mantel, neue Sweatshirts, neue T-Shirts, neue Socken, neuen Hut, … gekauft habe. Das Ganze war mit fast 300€ zwar etwas teuer, hat sich aber gelohnt. 🙂

Beim Anprobieren.

Am Abend haben wir dann eine “soirée allemande” veranstaltet: Dabei haben die deutschen Mitglieder unserer Erasmus-Gruppe und meine Wenigkeit den Plan gefasst, unseren internationalen Freunden zu zeigen, wo der Kochlöffel hängt, und ein paar kulinarische Spezialitäten aus unserer Heimat zu präsentieren. Die Vorbereitungen begannen schon gegen 18 Uhr, als wir zusammen in unseren geliebten “Simply Market” (Anm.: die Franzosen können zwar relativ wenig Englisch, aber an relativ bizarren Stellen trifft man doch wieder anglophone Brocken an) gegangen sind und Zutaten eingekauft haben. Das Resultat konnte sich sehen lassen: Wir haben für Käsespätzle für ca. 16 Personen umgerechnet 20 Eier, 1,5kg Käse und 1,5kg Mehl eingekauft! Dazu kamen noch Erdäpfel für den Salat von Lisa und sonstige Zutaten für den Apfelstrudel von Kristin.

Anita, Lisa et Andreas. L'invasion allemande à Simply!

Bei Kristin angekommen, fing eine Kocherei von unglaublichen Ausmaßen an. Man stelle sich vor, Käsespätzle für 16 Personen in einem komplett unterdimensionierten Topf zu kochen, von dem man aus immer wieder die Käsespätzle in zwei vollkommen unterdimensionierte Pfannen abgießt, die ständig überzugehen drohen. Das ganze auf ca. 1m² Fläche, weil die Steckdose das Anstecken der zusätzlichen Kochpfanne nur an einer einzigen Stelle wirklich vernünftig möglich macht und keinerlei Verlängerungskabel verfügbar ist. 🙂

Kristin, Lisa et Andreas.

Zwei Stunden nach Beginn der Kocherei konnten wir auf jeden Fall unserer mittlerweile zahlreich eingetroffenen Gästeschar echte franko-allemanno-austriakische Käsespätzle servieren, was mit allgemeinem Applaus bedacht wurde. Leider habe ich nicht mehr viel vom Kartoffelsalat abgekriegt, aber auch der war richtig gut, und der Apfelstrudel auch! Insgesamt war es wieder ein absolut gewaltiges Treffen, bei dem ich auch die Gelegenheit genützt habe, um meine Freundin meiner Gruppe vorzustellen. 🙂

Den heutigen Sonntag hatte ich ein wenig den Blues, was vielleicht an dem Wetter liegen mag, das mit seinem ständigen Nieselregen mehr an Irland als an meine ersten Wochen hier erinnert und wohl langsam den Herbst ankündigt. Das wäre nicht so schlimm, wenn man hier in dem Wohnheim eine Heizung hätte und wenn die Wände nicht löchrig wären wie Schweizer Käse. Brrr. Notiz an mich selbst: Warme Hausschuhe kaufen.

So bin ich wieder einmal an das Ende einer sehr tollen Woche in Frankreich gelangt. Ich wünsche meinen Lesern dies- und jenseits der Garonne einen schönen Wochenbeginn und eine schöne Zeit, wo immer ihr seid!

11 Antworte zum Artikel “Gazage

korbinian

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Wow, das mit den Rändern ist ja zach! Wie kann denn ein Rad überhaupt so brennen???

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korbinian

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Ich meine natürlich Räder!

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Michael Färber

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Ja, das habe ich mich auch gefragt — Benzin? 🙂
Wie hast du übrigens meinen Blog gefunden? ^^

Antworten

korbinian

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Ich lese hier ja mit! 😉

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Walter

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Herrliche Abenteuer! Du hast dich von deiner Freundin übrigens sehr gut beraten lassen. Auch wenn 300€ prima facie vielleicht etwas teuer erscheinen. Es wars Wert… und ich bin Allgäuer.

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Michael Färber

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Danke für das Lob! Wenn du jetzt noch ein echter Schwab wärst, dann wäre es vollkommen! 🙂 Liebe Grüße aus der ville du vin!

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Maximilian

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Na super: Braucht eine Freundin um sich mal gut anzuziehen^^. Na tolle Kleidung! Allerdings würde mir das mit den Fahrrädern auch Sorgen machen…aber konsequent sind sie die Franzosen…was sie mit den Autos machen, wieso nicht auch mit den Fahrrädern. So kommt auch die Klasse der Fahrradfahrer nicht ungeschoren davon! Die Vorstellung Kasspatzeln für 16 Personen zu machen finde ich beeindruckend! Das ist sicher nicht ganz einfach…allein schon die dann in einer Pfanne wenden.

Wenn ich dir nicht schon was zum Geburtstag geschenkt hätte würde ich dir doch sofort Giessweinpatschen schicken! Schade…

Wir kommen dieses Wochenende auch nach Frankreich, bleiben aber in Besancon stehen, falls du zufällig auch in dem Nest bist^^.

Bin schon gespannt auf die nächste Schilderung! Alles Beste bis dahin!

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Michael Färber

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Ja, ich bin schon seit längerem zu dem Schluss gekommen, dass ich für Kleidung und so auf externe Hilfe angewiesen bin, so wie du manchmal auf mich als Informatiker oder “Elektriker” angewiesen bist. 😉
Auf die Konsequenz der Franzosen bezüglich Fahrradzerstörung würde ich am liebsten konsequent verzichten, aber das geht ja leider nicht, wenn ich hier denn je ein Fahrrad besitzen möchte. (Habe heute wieder auf ein Inserat geantwortet und bisher noch nicht einmal eine Bestätigung erhalten. :/)

Das wegen der Patschen kannst du dir ruhig noch überlegen … ich habe ja nur von dir, nicht aber von der Teresa etwas zum Geburtstag gekriegt. *zwinker, zwinker* 😀

Besançon, wie toll, da war ich auch schon einmal! 🙂 Seid ihr dort zum Besuch von Verwandten, Bekannten, oder gar entfernten Tanten? 😉 In jedem Fall wünsche ich euch dort viel Spaß, und bis zum nächsten Artikel. ^^ Liebe Grüße, Much

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Maximilian

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

du bist unverschämt!^^

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Sophia

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Da stimme ich zu!

Antworten

Sophia

7. Oktober 2012, 21:40 Uhr

Much, ihr seid absolute Kasspatzlhelden! Respekt.

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