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Homme de sucre

Homme de sucre

von Michael Färber 26. Mai 2013, 20:41 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser siebenunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Letztes Wochenende war ich leider außerstande, meinen Bericht zu verfassen, da ich am Samstag viel am Computer geschrieben hatte und daraufhin wieder ordentliche Schmerzen in der Hand hatte, worauf ich mir ein paar Tage Schreibabstinenz verordnete. Ich versuche nun den Spagat, gleich zwei Wochen aufzuarbeiten und dabei gleichzeitig meine Hände nicht zu sehr zu strapazieren. 🙂

Am Montag letzter Woche also hatte ich Besprechung mit meinem Betreuer Géraud, der mir anbot, die darauffolgende Woche (also diese Woche) an einer wissenschaftlichen Konferenz zum Thema Formale Sprachen und Logik teilzunehmen, und dort gleich ein Exposé (dieses Wort liebe ich, es klingt so schön!) über meine Masterarbeit zu präsentieren. Da ich bisher noch an keiner einzigen solchen Konferenz teilgenommen habe, sagte ich ohne Umschweife zu, denn es interessierte mich, wie so etwas abläuft. Ein weiterer begünstigender Faktor war der Standort, denn die Konferenz sollte auf der Île de Re stattfinden, einer kleinen ca. 200km von Bordeaux entfernten Insel, die durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist.

Am Dienstag entdeckte ich einen ORF-Artikel, der nunmehr die Basis meines täglichen Fitnessprogramms darstellt. Dieses habe ich bis jetzt rigoros eingehalten, trotz ordentlicher Muskelkater in den ersten Tagen.

Am Mittwoch ergab sich eine recht drastische Änderung bei meiner Masterarbeit: Ich experimentierte am Abend noch ein wenig mit ein paar neuen Test-Grammatiken herum, als mein Programm auf einmal verdächtig lange zur Bearbeitung einer solchen Grammatik brauchte. Als ich die Zeitdaten auswertete, erhärtete sich mein fürchterlicher Verdacht: Mein Algorithmus funktioniert nicht immer so schnell, wie ich bisher gehofft hatte! Es ist so wie ein Sportwagen, der normalerweise Spitzengeschwindigkeiten von 300km/h erreicht, aber auf manchen Strecken auf einmal nur mehr 10km/h aufbringen kann. 🙂 Im selben Moment fiel es mir auch wie Schuppen von den Augen, warum das so sein muss — die Indizien waren die ganze Zeit da, doch die Erleuchtung kam recht spät.
Einerseits ist das natürlich kein erfreuliches Ergebnis, aber zumindest wissen wir jetzt sicher, woran wir sind, und müssen nicht mehr spekulieren, ob der Algorithmus eine gewisse Geschwindigkeit hat oder nicht, sprich, ob der Sportwagen wirklich immer 300km/h erreicht oder nicht. Da wir auch nicht mehr genug Zeit haben, um den Sportwagen stabil zu machen, schreibe ich jetzt also einfach die bisherigen Ergebnisse zusammen.

Am Freitag erhielt ich schon in der Früh Besuch von Pauline, die mich zu ihr auf einen Tee einlud. Sehr kommod. Bei ihr war auch ihre Freundin Anne-Sophie, von der ich schon länger nichts gehört habe, und durch den Tee gestärkt machte ich mich danach gleich wieder an die Arbeit.
Beim Mittagessen erfuhr ich mehr durch Zufall, dass ich schon seit längerem bei meinem Mobilfunkbetreiber Free für 2€ im Monat auch unbegrenzt SMS schreiben kann. Tolle Sache. Seither heißt es “Parler, parler” …
Am Abend war auch ein Konzert vorgesehen, nämlich von einer Konservatoriums-Gesangsklasse zum Thema Verdi, wohin ich mit Simon ging. Das Konzert war wieder einmal sehr cool gestaltet und hat uns beiden recht gut gefallen — es waren auch viele Chormitglieder wieder anwesend, auf und vor der Bühne. Nach dem Konzert wurden wir bei der Fahrt nach Village 2 von ziemlich starkem Regen überrascht und gingen deshalb noch auf einen Kebap. Mmmhh, jetzt habe ich auch wieder Lust auf ebensolchen … wird Zeit, dass ich endlich zum Abendessen schreite.

Am Samstag habe ich, wie schon erwähnt, beim Schreiben meine Hand etwas überstrapaziert, was ich u.a. zum Anlass nahm, ein neues Buch anzufangen, nämlich die Bob-Dylan-Autobiographie “Chroniques” (ja, auf französisch), nachdem ich vor kurzem erst mit dem Buch “Le magasin des suicides” (Geschenk von Kristin, danke nochmal dafür!) fertiggeworden bin. Am Abend aß ich mit Simon und fuhr dann mit ihm in die Stadt, um die Nacht der Museen zu besuchen. Im Zuge dessen sahen wir uns das Musée des Beaux-Arts und die etwas weiter im Norden von Bordeaux gelegene base sous-marine an, die von den Deutschen im 2. Weltkrieg konstruiert wurde und uns in der Nacht rot illuminiert anstarrte. Dort war eine Fotoausstellung über arabische Länder, mit arabischer Musik und Essen etc. — die Deutschen hätten ihre Freude daran gehabt. 😉

Base sous-marine.

Den Sonntag nutzte ich für eine etwas längere Radltour (~3h), in der ich erstaunlicherweise trotz der langen Dauer nie aus meinem Wohnörtchen Pessac herauskam. Dafür machte ich eine schöne Entdeckung, nämlich die der “Ecosite du Bourgailh“: Das ist ein Wäldchen im Westen von Pessac, in dem es sich ganz ausgezeichnet radfahren oder laufen lässt. Es ist zwar von der Größe her nicht ganz vergleichbar mit der Innsbrucker Nordkette oder dem Perlacher Forst bei München, aber doch zumindest die größte Grünfläche in der Umgebung, die ich bisher ausfindig machen konnte.

Le lac à côté du bois.

Am Montag war ich immer noch gehandicappt, weshalb ich kein schlechtes Gewissen hatte, den späten Nachmittag zu einem Kinobesuch mit Lili zu nutzen: Wir sahen den Film “Searching for Sugar Man“, den ich schon seit langem auf meiner Wunschliste hatte, und der Film hat mich nicht enttäuscht, vielmehr sogar zu Tränen gerührt. Ich kann ihn wirklich allerwärmstens weiterempfehlen. I wonder …
Nach dem Kino habe ich Lili noch das “Sherlock Holmes” gezeigt, in dem ich auch schon länger nicht mehr war. Danach haben wir noch zusammen bei mir zu Abend gegessen …

Szenenwechsel: Am Dienstag fuhr ich mit Géraud und ein paar anderen Informatikern en voiture zur Konferenz an die Île de Ré. Vor meiner Abreise wollte ich Pauline noch einen schönen Tag und viel Glück für ihre Prüfungen wünschen, doch als sie ihre Türe öffnete und mich sah, machte sie ein saures Gesicht (eine Zitrone nichts dagegen) und knallte sie gleich wieder zu. Da sie in den Tagen zuvor schon etwas komischer war als sonst, machte ich mir nicht allzuviel daraus. Kurz darauf erhielt ich allerdings eine SMS, das mit den Worten “ich habe genug von dir” endete — welch schöne Art, eine Reise zu beginnen. Da ich nicht wirklich verstand, woher die Aufregung kam, war ich von diesem seltsamen Verhalten ziemlich angepisst, was mich immerhin zur Komposition eines kleinen Lieds im Auto inspirierte. (Der Text ist nicht jugendfrei, weshalb ich ihn hier nicht veröffentliche.) Ich hätte außerdem gute Lust gehabt, eine richtig böse SMS zurückzuschreiben, aber mich auf eine alte deutsche Soldatentradition besinnend, vor Beschwerden immer mindestens einen Tag verstreichen zu lassen, wartete ich damit noch zu.
Zurück zur Île de Ré: Bei der Anfahrt überquerten wir eine beeindruckende Brücke zwischen Insel und Festland über das Meer, was ich musikalisch mit “La mer” von Charles Trenet (im englischsprachigen Raum popularisiert als “Beyond The Sea“) unterlegte. In unserem Hotel “Les Grenettes” angekommen, war ich von unserer Unterkunft recht beeindruckt, wenn man bedenkt, dass wir alle Einzelzimmer mit jeweils einem Einzel- und einem Ehebett bekamen. Auch ein Schwimmbecken war vorhanden, obwohl das Meer nur ca. 200m entfernt lag. Wir wurden außerdem rund um die Uhr vom Hotelrestaurant bekocht. Sprich, im Vergleich zu Village 2 eine Luxushütte erster Güte.
Die anderen Kongressteilnehmer setzten sich zusammen aus Parisern (Université Paris Didérot 7, wo auch Géraud promoviert hatte) und Bordelais, der Großteil davon Doktoranden bzw. Professoren. Masterstudenten gab es nur zwei (von insgesamt ca. 25 Teilnehmern), mich eingeschlossen, was dazu beitrug, dass ich dauerhaft bemerkte, was ich alles noch nicht weiß. Ein etwas ernüchterndes Gefühl. :/
Für mich der größte Unterschied z.B. zu einer Chorreise waren die Abendgestaltung und die Gesprächsthemen: Wurde im Chor bis spätnachts gefeiert, gingen die Konferenzteilnehmer gleich nach dem Abendessen auf ihre Zimmer, um gleich zu schlafen oder noch zu arbeiten. Auch die Gesprächsthemen beim Essen etc. waren sehr wissenschaftlich ausgerichtet; so bekam ich beim Dîner eine kleine Einführung in die Topologie, was sich aufgrund der zahllosen Definitionen als relativ schwierig herausstellte. 🙂
Trotzdem ist die Freizeit auf der Île de Ré nicht zu kurz gekommen: In den Pausen zwischen den Konferenzvorträgen ging ich oft ans Meer laufen, und am Mittwoch machten wir sogar eine Radltour über die gesamte Insel, mit 50km aufgrund des anfangs starken Gegenwinds und des eher miserablen Zustands des Leihrrads eine echte Herausforderung. Es war eine ziemlich tolle Tour, an dessen Ende wir sogar einen deutschen Bunker (in Frankreich besser bekannt unter dem Namen “Blockhaus”) zu Gesicht bekamen. Nach der Tour war ich allerdings fix und fertig, nicht zuletzt auch wegen der zahlreich herumfliegenden Pollen, die meinen Augen recht stark zusetzten.

La mer.

Am Donnerstag hielt ich meine Präsentation, die reibungslos verlief und von meinem Publikum recht gut aufgenommen wurde, obwohl ich ja am Ende eigentlich ein Negativergebnis (siehe Mi letzter Woche) konstatieren musste.
Nach der Präsentation fuhren Géraud und ich vorzeitig nach Bordeaux, da wir beide am Freitag arbeiten mussten.

Am Freitag erfuhr ich zunächst in der Früh beim Accueil von Village 2, dass alle Bewohner von Village 2 bis zum 1. Juli ausziehen müssen, was meine Rückübersiedlungspläne nach Österreich zu einer Änderung zwingt, da ich ja bisher vorhatte, mit meinen Eltern den Großteil meines Gepäcks Anfang Juli aus Village 2 abzuholen. Außerdem verkompliziert das auch den Verkauf meiner Sachen (Kühlschrank, Mikrowelle etc.), da ja auch die anderen Heimbewohner alle ausziehen müssen und somit einen Kühlschrank nicht so einfach übernehmen können … wie ich diese Probleme genau lösen werde, steht noch offen. Wie man jedenfalls sieht, zieht das Ende des Erasmusjahres schon herauf — dafür steht auch symbolisch die letzte Ampasser Marmelade (Marille!), die ich mittlerweile geöffnet habe und nach meinen Kalkulationen bis kurz vor das Ende des Aufenthalts reichen sollte. 🙂
Am Vormittag besprach ich mich wie gewohnt mit meinem Innsbrucker Betreuer Cezary, von dem ich unter anderem auch erfuhr, dass die Anerkennung der Masterarbeit für den Erasmus-Aufenthalt kein Problem darstellt und ich meine Defensio einfach ein halbes Jahr später machen könne. 🙂
Während wir noch sprachen, erhielt ich ein unangenehmes SMS von Pauline, in dem sie mich lustigerweise für ihre Feier am selben Abend einlud (und im selben Satz bat, zwei Flaschen Bier mitzunehmen!), gleichzeitig allerdings schrieb, ich solle am Vormittag nicht aus meinem Zimmer kommen, weil sie mich nicht sehen wolle, da ich aufdringlich sei, sie von mir genug habe und außerdem den Eindruck hätte, wegen mir nicht mehr frei zu sein. Außerdem wäre ich letzten Sonntag untragbar gewesen und hätte ein Problem. Uff.
Bei so viel Liebenswürdigkeit blieb mir die Luft weg, vor allem, da ich eigentlich immer noch auf Vermutungen angewiesen bin, was der Grund für diese momentane explosive Stimmung ist: Am letzten Sonntag hatte Pauline nämlich einen “Freund” zu sich eingeladen, der mir gegenüber dann später angegeben hat, dass sie sich erst am selben Tag kennengelernt hätten. Während also dieser Freund bei ihr war, habe ich mit ein paar Nachbarn am Gang geredet, als wir bemerkten, dass aus ihrem Zimmer relativ laute Musik kam. An diesem Punkt bin ich mir nicht mehr ganz sicher, aber es kann sein, dass ich an dieser Stelle laut nachgedacht habe, was die beiden bei Pauline gerade treiben könnten, da man kein Gespräch mehr vernahm. Das ist m.E. so ziemlich der einzige potentielle Anlass für diese momentane Krise, den ich allerdings ziemlich lächerlich finde. Nichtsdestotrotz wollte ich diese Angelegenheit mit Pauline diskutieren, um die Situation zu entschärfen, weshalb ich ihr einen recht neutralen Brief mit einem Angebot zur Diskussion schrieb, bis jetzt allerdings noch keine Antwort darauf erhalten habe. Jetzt ist sie immerhin für einige Zeit zu sich nach Hause gefahren, aber ich vermute, dass uns da nach ihrer Rückkehr noch eine unangenehme Diskussion bevorstehen wird …
Am Abend konnte ich mich glücklicherweise von dieser recht unangenehmen Geschichte ablenken, denn es fand ein Chorkonzert zur Eröffnung der Fête du Fleuve statt: Besagtes Flussfest findet alle zwei Jahre statt und wechselt sich mit der Fête du Vin, also dem Weinfest, ab. An diesem Abend kam der Fluss allerdings von oben, denn es schüttete in Strömen, weshalb unser Konzert etwas schlechter besucht war als gewohnt.
Immerhin tauchte Simon, den ich zu dem Konzert eingeladen hatte, danach mit zwei Freunden auf, mit denen ich mich also auf den Weg machte und die vielen Stände und Boote in nasser Abendstimmung betrachtete. Dann gingen wir noch in eine Brasserie, wo wir bei einem Radler den Abend ausklingen ließen und uns dann per Fahrrad zurück auf den Weg nach Village 2 machten …

Am Samstag arbeitete ich größtenteils an meiner Masterarbeit und traf mich am Abend wieder mit Simon und einem seiner Freunde vom Vorabend zum Abendessen, wozu ich einen griechischen Salat beisteuerte, den wir zusammen mit bœuf bourguignon und cidre genossen. Mmmmhhh …

Le dîner, avec Paul et Simon.

Am Sonntag war ich hauptsächlich damit beschäftigt, diesen Artikel zu schreiben :). Zwecks Erhalts von Bildern zur soirée am Samstag Abend ging ich noch zu Simon, der sich gerade auf eine Fahrradtour nach Bourgailh vorbereitete, und ich beschloss spontan, mich anzuschließen. So fuhren wir also in den Pessacer Hauswald, wo wir das dortige Gewächshaus besichtigten (sehr zu empfehlen!) und nach einer kleinen Tour zum See wieder zurückfuhren.

Avec Simon dans les serres de Bourgailh.

 

Das waren also meine letzten zwei Wochen. Ich hoffe, dass ich nächste Woche wieder etwas pünktlicher meinen Artikel fertigbekomme, kann allerdings leider nichts garantieren, da ich in einer Woche meine Masterarbeit in Frankreich abgeben muss und mir somit vielleicht noch ein Schreibmarathon am Wochenende bevorsteht, der meinen Blog etwas verzögern könnte. 😉
Nichtsdestotrotz wünsche ich meinen Lesern nur das Allerbeste, und einen guten Start in die neue Woche!

P.S.: In eigener Sache: Nächstes Semester würde ich in Innsbruck gerne in eine WG ziehen. Sollte also einer meiner Leser zufällig jemanden kennen, der in Innsbruck für eine WG noch einen Mitbewohner sucht, würde ich mich über eine Nachricht freuen! 🙂

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