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Ich, Computerfuzzi.

von Michael Aram 13. August 2012, 10:46 Uhr

Ein ganz normaler Tag. Wie viele Stunden sitze ich schon vor dem Bildschirm? Mein Rücken tut weh. Seit Tagen versuche ich nun dieses hochkomplexe mathematische Problem zu lösen. Es will mir einfach nicht gelingen. Error. Wie sah noch mal dieser geniale Algorithmus aus? Warum klappt das nicht? Verstehe ich nicht. Unzählige Bücher voller kryptischer Formeln stapeln sich zu meiner Rechten und nehmen mir das spärliche Licht der Schreibtischlampe. Alle habe ich sie schon gelesen – musste ich ja. Wenn das Programm bis heute Abend nicht läuft, gibt es Ärger. Immer dieser Druck. Error. Ich könnte den Kollegen gegenüber fragen. Wie war nochmal sein Name? Eigentlich kenne ich ihn nicht richtig, wir wechseln den ganzen Tag kaum ein Wort. Ich schiebe mir lieber das fettige Stück Pizza in den Mund. Error. Wahrscheinlich sitze ich wieder bis tief in die Nacht. Wartet ja keiner auf mich. Meine Freundin hat mich kürzlich verlassen. Hab mich angeblich zu wenig gekümmert. “Immer sitzt Du vor diesem Kastl!”, hat sie gesagt. Recht hat sie. Error. Verdammt!

So oder so ähnlich hatte ich mir in jungen Jahren den Alltag eines “Nerds” vorgestellt. Informatiker? Wirtschaftsinformatiker? Lauter “Geeks”. Da könnte ich ja gleich Quantenphysiker werden. Keine sozialen Kontakte. Kein Sport. Kein Spaß. Der Computer als einziger Freund. Nein, danke! Daher inskribierte ich anfangs auch BWL – das kann man immer brauchen, dachte ich. Später erst – im Laufe des Studiums – erkannte ich nach und nach meine Begeisterungsfähigkeit für die IT.

Umso erstaunlicher waren für mich also die Erfahrungen in meiner Studienzeit. Beim Wirtschaftsinformatik-Studium an der WU lernte ich fast ausschließlich motivierte, intelligente und interessante Menschen kennen. Unzählige sind begeisterte Sportler oder Musiker und haben hoch gesteckte persönliche und berufliche Ziele. Meine ehemaligen Studienkollegen und -kolleginnen überraschten mich immer wieder aufs Neue mit Geschichten über spektakuläre Auslandsaufenthalte und spannende berufliche Projekte. Mittlerweile sind mehrere von ihnen zu sehr guten Freunden geworden. Sie sind sehr erfolgreich und arbeiten bei großen Unternehmen, quer über den Globus verteilt.

Darüber hinaus brachte mir dieses Studium eine Reihe unerwarteter, aber erfreulicher Wendungen in meinem beruflichen Leben – wie viele andere Studenten verfolgte ich stets das Modell “halbtags arbeiten – halbtags studieren”. Durch die Wahl der Spezialisierung “Neue Medien” kam ich zunächst zu einem hochinteressanten, studienbegleitenden Job bei Learn@WU, der E-Learning-Plattform der WU-Wien, wo ich tiefe Einblicke in den Betrieb und die Entwicklung von großen Webanwendungen bekommen habe. Noch heute arbeite ich neben dem Doktoratsstudium bei einem Spin-Off der WU und darf mich dort mit spannenden Themen aus dem E-Learning-Bereich auseinandersetzen. Meinen Diplomandenvertrag bei SAP, einem sehr großen IT-Unternehmen, für das ich meine Masterarbeit schreiben durfte, hatte ich natürlich ebenfalls meinem Studium zu verdanken. Dabei musste ich mich nicht einmal selbst bewerben – das Angebot kam unverhofft in meinen Posteingang. Das ist allerdings weniger als mein persönliches Verdienst zu verstehen, sondern wohl eher als einer der großen Vorteile dieses “Fachgebiets mit Jobgarantie”.

Auch im Alltag der Arbeitswelt zeichnet sich tatsächlich ein viel erfreulicheres Bild als früher gedacht. Meine Frau ist Architektin – ein sehr positiv behaftetes Berufsbild, wie ich meine. Es überrascht mich immer wieder, wie viele Parallelen meine Aufgaben als Software-Entwickler mit denen meiner Frau aufweisen. Beide entwickeln wir zu Beginn eines Projekts zunächst ein Konzept. Der durchaus kreative Prozess, gemeinsam mit Kollegen und Kunden einen Erstentwurf zu erstellen, macht richtig Spaß. Je nachdem wem dieses Konzept dann kommuniziert werden soll, halten wir beide Präsentationen, verfassen Text-Dokumente oder bauen Modelle. Es hängt von der Größe und der Art des Projekts ab, ob man dazu in einen angrenzenden Besprechungsraum geht, einen “Google Hangout” einberuft oder in ein fremdes Land fliegt. Beide halten wir ständigen Kontakt mit dem Kunden, damit sich das Projekt einer gemeinsamen Vorstellung entsprechend entwickelt. Es bleibt aber immer ein Gestaltungsspielraum, Raum für Kreativität und Eigenleistung. Und schließlich – die Abnahme. Beide haben wir etwas geschaffen. Wir können stolz auf den Lohn der ganzen Mühen blicken, der sich in einem “Werk” manifestiert.

War das jetzt klug, dieses Loblied zu singen? Unentschlossenen jungen Menschen die IT schmackhaft zu machen ist ein bisschen vergleichbar mit dem Weiterempfehlen touristisch noch nicht erschlossener Regionen. Eigentlich möchte man ja gar nicht, dass zu viele davon wissen. 😉

1 Antwort zum Artikel “Ich, Computerfuzzi.

Michael Färber

13. August 2012, 10:46 Uhr

Sehr guter Artikel! Danke dafür!

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