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Il faut profiter

Il faut profiter

von Michael Färber 11. November 2012, 22:14 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser elften Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Am Montag freute ich mich sehr, an der Uni wieder ein paar meiner Freunde zu treffen, die ich ja in Spanien eine Woche lang nicht gesehen hatte. Ein Freund aus Quebec, Philip, erklärte mir, dass er sich im November im Rahmen der Aktion Movember einen Schnauzbart wachsen ließe. Da ich die Sache lustig fand, erklärte ich, es ihm gleichtun zu wollen. Schauen wir einmal, wie ich ausschaue, wenn ich einen Monat meinen Schnauzer ungeschnitten lasse. 😉
Bei mir in Village 2 zurückgekehrt bemerkte ich schnell, dass die Heizung in meinem Zimmer ausgefallen ist. Als ich mich wegen einer anderen Sache Richtung Accueil bewegte, sah ich dort schon einen kleinen “Mob” bestehend aus meinen Nachbarn Clara, Stefan und Christel, die sich gerade über den Heizungsmangel beschwert hatten. Leider ist die Heizung trotz Beschwerde bis jetzt auch weiterhin inaktiv, was ich aber durch meine heutige Lage — “Wochenend und Sonnenschein” — durchaus kompensieren kann. 🙂
Konnte am Montag auch endlich mein Nokia-Handy wieder dazu überreden, mit meinem Computer per USB zu reden und sich nicht immer mit der Meldung “Charger not supported” schmollend aus der Affäre zu ziehen. Die Lösung? Handy ein- und ausschalten. Dass ich daran nicht gedacht habe, zeigt wieder einmal deutlich, dass ich schon sehr lange nur noch Linux einsetze. ^^ Das bedeutet jedenfalls, dass es ab heute wieder Bilder gibt! 🙂

Am Dienstag Abend gab es nach dem Französisch-Sprachkurs ausnahmsweise keine Chorprobe, da am Konservatorium noch Ferien waren. Wie das Schicksal aber so spielt, sollte ich trotzdem zu einer musikalischen Abendveranstaltung kommen, denn ich traf nach dem Sprachkurs wieder einmal meinen Nachbarn Idir, der gerade mit einem neuen Nachbarn namens Ben “abhing”. Schnell erfuhr ich, dass dieser neue Nachbar auch Klavier spielt, und Idir lud uns beide (gastfreundlich wie immer) zu sich zum Abendessen ein. Wie das in Village 2 immer so kommt, bekam auch meine Nachbarin Pauline schnell Wind von dieser soirée und brachte sich und noch eine andere Nachbarin, Yselia, ein. Bei Idir konsumierten wir dann eine nicht unerhebliche Menge Tee, und dieser Umstand trug dazu bei, dass ich diese Nacht dann lange nicht einschlafen konnte. Machte aber nichts, denn so konnte ich noch der ORF-Berichterstattung von der US-Wahl folgen, und ich war wirklich sehr positiv beeindruckt von der Qualität der ORF-Reportage, der ich bis tief in die Nacht folgte. Der leichte ostösterreichische Akzent der Berichterstatter ließ mich komplett dahinschmelzen … 😉

Am Mittwoch war ich dann dementsprechend müde. Doch eine tolle Neuigkeit gleich zu Beginn des Tages: Barack Obama ist vier weitere Jahre US-Präsident, das gefällt mir ausgezeichnet! Verbrachte dann auch einige Zeit damit, die Stimmanteile Republikaner/Demokraten in den einzelnen US-Bundesstaaten zu vergleichen, eine faszinierende Angelegenheit.
Am Vormittag traf ich mich mit meiner Gruppe zur Besprechung unseres “projet compilation”. Die Gruppe besteht nunmehr aus zwei quebecois, Michaël und Philip, sowie Laetitia und mir. Ich habe mich für die Koordination des Projekts entschieden, da ich die Planung sehr interessant finde und so den meisten Einfluss über die Richtung ausüben kann. Bin seitdem mit Feuereifer mit der Planung des Projekts beschäftigt und versuche, mir an meinem Innsbrucker Freund Gerald ein Beispiel zu nehmen, der für sein Abschlussprojekt an der HTL ca. 80% der Zeit mit Planung und dann nur noch 20% mit der Ausführung (die reibungslos vonstatten ging) verbrachte. Die Herausforderung dabei besteht darin, der Versuchung zu widerstehen, sofort mit der Ausführung zu beginnen anstatt sich zuvor alle möglichen Szenarien zu überlegen und durchzuspielen. Das ist vergleichbar mit einer Schachpartie; ein gut geplantes Programm entspricht einem wohlüberlegten Zug am Schachfeld.
Am Nachmittag gab ich Meiyi eine Klavierstunde, und wir verstehen uns wieder sehr gut. War allerdings aufgrund des Schlafmangels ziemlich fertig und musste diesen Tag auf den Chinesisch-Unterricht verzichten.

Am Donnerstag gab es (wieder nach dem Sprachkurs, und wieder bei meinem Nachbarn Idir) “eine kleine Nachtmusik”. Anwesende: Idir, Ben und meine Wenigkeit. Bei diesem illustren Treffen zeigte mir Idir einen selbstgeschriebenen Liedtext und bat mich, eine kleine Melodie dazu erfinden, während er auf der Gitarre spielt. Welch Ehre! Der Bitte kam ich natürlich gerne nach, und obwohl ich bei dem Liedtext ca. 50% aller Wörter nicht kannte (Idir studiert Literatur! ^^), flog mir eine Melodie entgegen, die bei ihm auf Anklang stoß. Es wurde auf jeden Fall wieder einmal ein langer Abend. 🙂

Am Freitag Abend ging es musikalisch weiter, denn es fand eine Chorfeier bei unserem Chorleiter Alexis und dessen Mitbewohnern Jérôme und Marie (die auch im Chœur Voyageur mitsingen) statt. Zu diesem Anlass präparierte ich dort kurz nach meiner Ankunft einen griechischen Salat, der wohl nicht ganz schlecht gewesen sein kann, da am Ende des Abends der ganze Salat aufgegessen war. 😉 Wie ich bei der Feier erfuhr, hatte Jérôme auch gleichzeitig an diesem Tag Geburtstag, was wir natürlich zum Anlass für ein paar musikalische Ständchen nahmen. Wir waren ziemlich viele bei der Feier, und es war sehr schön, den Großteil unserer Reiseteilnehmer wiederzusehen. Leider war die Musik streckenweise ziemlich laut, was mir die Sache ein wenig vermieste, denn ich würde in 20 Jahren schon gerne noch ein bisschen etwas hören, merci beaucoup.

Am Samstag hatte ich einen ziemlich massiven Blues, dessen Ursprung mir nicht ganz klar ist. Ich arbeitete ziemlich den ganzen Tag an meinem “projet compilation”, wobei ich irgendwie den Eindruck hatte, dass es nicht so richtig weitergeht. Am Nachmittag lief ich noch zu Fuß an der Tramstrecke entlang nach Pessac Centre (ca. 5km), allerdings trug das auch nicht besonders dazu bei, meine Stimmung zu heben, obwohl ich einen recht schönen Park entdeckte.

Im Park kurz vor Pessac Centre.

Wollte danach noch den Schlüssel für das Klavierzimmer von Village 2 holen, erfuhr aber von der Dame am Accueil, dass sie auf Dienstanweisung hin am Wochenende keine Schlüssel für das Klavierzimmer ausgeben dürfe. Sauerei! Wann soll man denn spielen, wenn nicht am Wochenende?
Kehrte dann wieder in mein Zimmer und zur Compilation zurück, als plötzlich meine Nachbarin Marina an meiner Tür klopfte, was mich freute, da ich sie schon länger nicht mehr gesehen hatte. Sie war umgeben von zwei “mecs” (franz. Slang für “Typen”), die auf mich beide einen etwas komischen Eindruck machten. Besonders der zweite erschreckte mich, da bei einem Auge der schwarze Teil des Auges (wie heißt der noch einmal?) bizarr nach oben gekippt war, weshalb fast der ganze sichtbare Teil des Augapfels weiß war. Schauder. Jedenfalls eröffnete mir Marina, dass sie jetzt für einige Zeit bei einer Freundin wohnen würde und in der Zwischenzeit ihr Begleiter, Mr. Eyeball, mein neuer Nachbar wäre. Da war ich dann einen Moment total komplex, dann war meine unmittelbare Reaktion im Geiste: NEEEEEEEEEIIIIIIIIN! (Bitte mit leicht abfallendem Tonfall vorstellen.) Tauschte mit Marina noch ein paar Floskeln aus und verschwand darauf in meinem Zimmer, die Stimmung auf einer Temperatur von ungefähr 5 Grad. Kelvin. Als etwas später meine Nachbarin Pauline bei mir vorbeischaute, eröffnete ich ihr, dass meine Stimmung wirklich am Arsch sei und ich nicht zum Reden aufgelegt wäre. Daraufhin lud sie mich erstaunlicherweise zu sich ein und versuchte, meine Stimmung ein wenig aufzubessern. Das tat mir doch besser als erwartet, obwohl ich sicher kein allzu leichter Gesprächspartner gewesen bin. ^^
Als ich dann wieder in mein Zimmer zurückkehrte, schaute mein neuer Nachbar (der übrigens Geralde heißt) aus der Türe heraus, und Pauline und ich redeten kurz mit ihm. Es war allerdings ein wenig bizarr, da er irgendwie nur einen kleinen Teil seines Kopfes aus der Zimmertür herausstreckte und Pauline nicht einmal die Hand gab. Leute, wenn ihr euch irgendwo vorstellen und einen schlechten Eindruck hinterlassen wollt, befolgt diese Hinweise:

  • Dem Gegenüber nicht die Hand geben. Überhaupt, jeglicher Körperkontakt ist tabu!
  • Das Gegenüber möglichst nicht anschauen.
  • Möglichst unverständlich dahinmurmeln. Bonuspunkte für Einsatz entfernter Dialekte.
  • Auf keinen Fall lächeln, das erweckt Sympathien!
  • Keine Witze machen, damit könnte man unnötigerweise vertraut wirken.

Als er jedenfalls wieder in seinem Zimmer verschwand, sagte Pauline ungefähr so etwas wie: “You were right. He’s really strange.”
Nach diesem Ereignis entschloss ich mich dann, noch zu dem Caipirinha-Treffen unserer Erasmus-Gruppe zu gehen, das bei Anita stattfand. Wollte ja eigentlich ursprünglich darauf verzichten, da ich mit meiner schlechten Laune nicht die Stimmung der anderen hinunterziehen wollte, aber ich hatte wirklich überhaupt keine Lust, am Samstag Abend alleine in meinem Zimmer herumzuhängen. So ging ich denn zu dem Treffen, und das trug dann nochmals dazu bei, meine Stimmung zu heben. Ich habe festgestellt, dass sich meine Stimmung oftmals schon dadurch verbessert, wenn ich anderen von den Dingen erzähle, die mich bedrücken (in diesem Falle mein neuer Nachbar), und interessanterweise hebt das auch die Stimmung bei denjenigen, denen ich es erzähle. Das erkläre ich mir dadurch, dass man jemandem Vertrauen erweist, wenn man ihm solche Dinge erzählt, und wer freut sich nicht über Vertrauen? Conclusio: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Mon dieu, Matthieu.

Heute Sonntag ist jedenfalls wieder ein schöner, sonniger Tag, und der Blues von gestern ist glücklicherweise wieder großteils verflogen. In der Früh noch ein etwas bizarres Ereignis: Als ich gerade meine Dusche genoss, klopfte mein neuer Nachbar an der Duschkabine und fragte mich in einem ziemlich starken Dialekt, ob ich Zucker hätte? (Er verwendete das Wort “suc” und nicht “sucre”. Das passt zu den faulen Franzosen, die schon statt “après-midi” (Nachmittag) “aprèm” und statt “bon appetit” “bon ap” sagen. Heutzutage würde auch Debussy nur mehr “Prèl à l’aprèm d’un faune” schreiben. ^^) Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass er Zucker für seinen Tee wollte. Nachdem ich die Duschkabine verlassen hatte, sah ich ihn im Gang herumlaufen, und wieder fragte er mich, ob ich Zucker hätte? Das fand ich ziemlich komisch, umso mehr, als ich auf Empfehlung meines angeheirateten Onkels Dr. Gruber mittlerweile konsequent auf den Zucker im Tee verzichte. 🙂 Immerhin brachte er mir dann gleich den Zucker wieder zurück und gab mir noch die Hand, was ihn gleich um 200% sympathischer machte. Es ist allerdings etwas an ihm, das ich irgendwie komisch finde (und zwar nicht sein Auge), wo meine innere Alarmglocke schrillt. Das erinnert mich an den Kärntner Abenteurer, den ich auf der Busreise nach Sevilla kennengelernt habe und der mir erzählt hat, dass er immer auf seinen inneren Instinkt gehört hat und ihm deshalb auch in den gefährlicheren Staaten Südamerikas nie etwas Gröberes zugestoßen sei. Mein Holzauge wird jedenfalls wachsam bleiben.
Am Nachmittag bin ich dann noch mit Clara, Andreas und Sara ins Kino gegangen, und zwar den Film “Looper”. War zwar für meinen Geschmack etwas gewalt- und actionlastig, hat mir aber trotz allem recht gut gefallen. Leider ist durch den Kinobesuch recht viel Arbeit liegen geblieben, aber wie heißt es hier so schön? “Il faut profiter.”

So wünsche ich euch noch einen schönen Abend und einen guten Wochenbeginn, und hoffentlich bis bald! Ich hoffe, dass auch ihr bis dahin “profitieren” könnt. ^^

P.S.: Ich werde in Kürze noch die alten Artikel um Fotos anreichern.

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