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Je suis malade

Je suis malade, complètement malade

von Michael Färber 23. September 2012, 22:12 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser fünften Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Diese Woche war leider ein wenig überschattet von meinem immer noch anhaltenden Husten, der sich wieder einmal erstaunlich hartnäckig gibt. Aus diesem Grunde tut es mir leid, meine Leserschaft, die sich vermutlich auch für diese Woche wieder Berichte über orgiöse Partys erwartet hat, enttäuschen zu müssen. (An diesem Punkt eine Metaanmerkung: Es gibt tatsächlich Leute, die sich eine halbe Stunde lang mit der korrekten Schreibweise von “Es tut mir leid” auseinandersetzen! Die Seite scheint sehr viele interessante Artikel zu haben.) Diese Woche war bei mir jedenfalls Sparflamme angesagt, um meine Krankheit nicht unnötig in die Länge zu ziehen. So musste ich mich u.a. der Erasmus-Party am Freitag entschlagen und musste die Einladung meiner Nachbarin Pauline ausschlagen, mit ihr nach Arcachon zu fahren. 🙁

Da ich ja hier auch kulturelle Unterschiede zwischen Österreich und Frankreich analysieren möchte, beginne ich mit einer Beobachtung, die ich hier gemacht habe, nämlich die Behindertenfreundlichkeit in Bordeaux. Wer z.B. in Innsbruck im Bus fährt, wird vermutlich nicht besonders viele Leute in Rollstühlen sehen, weil es schon eine relativ umständliche Sache ist, in den Bus einzusteigen. Hier in Bordeaux ist die Sache etwas anders: Man sieht dauernd Leute im Rollstuhl herumfahren, auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln, was durch automatisch ausfahrende Rampen und bodennahe Einstiege ermöglicht wird. Die Unterstützung reicht aber noch weiter; so sind auch am Uni-Campus einige Rollstuhlfahrer anzutreffen, teilweise auch schwer behinderte, die z.B. auf Sauerstoffzufuhr angewiesen sind oder Sprachcomputer wie Stephen Hawking verwenden. Am Freitag ging ich z.B. in die Vorlesung “Logique et langage”, und der Vorlesung wohnte ein behinderter Student mit seiner Betreuerin bei, die für ihn Aufzeichnungen machte. Als der Professor eine Frage an uns stellte und der behinderte Student eine Antwort wusste, war ich irgendwie erstaunt, denn ich hatte unterbewusst angenommen, dass er vermutlich gar nicht in der Lage sein würde, der Vorlesung folgen zu können. An diesem Punkt wurde mir klar, was für (teils unterbewusste) Vorurteile ich und vermutlich viele andere Österreicher auch noch gegen Behinderte haben, und ich würde mir wünschen, dass auch in Österreich die Unterstützung für Behinderte ausgebaut wird. Mit der Zeit würden dann auch die Vorurteile langsam schwinden …

Ein anderes Vorurteil, das ich hier abgelegt habe, ist, dass Franzosen generell unwillig wären, fremde Sprachen zu lernen. Was ja von vielen kolportiert wird, nachdem sie Franzosen Englisch oder Deutsch sprechen hören haben. (Wenn man sich diesen vorigen Satz anschaut, versteht man aber vielleicht die Schwierigkeit unserer Sprache. ^^) Dem steht entgegen, dass ich z.B. in dieser Woche Besuch von zwei Wohnheimnachbarinnen bekommen habe, die sich mit mir ausdrücklich auf Englisch unterhalten wollten, um ihr Englisch zu verbessern. Das finde ich sehr löblich, auch wenn ich dadurch nicht so viel Französisch spreche, wie ich gerne würde. 🙂

Meine eigenen Sprachfortschritte gehen übrigens nicht nur im Französischen voran, sondern auch im Chinesischen! Diese Woche hatte ich meine zweite Chinesisch-Stunde, und es macht mir immer noch sehr viel Spaß! Die chinesische Schrift ist sehr ästhetisch, und Schreiben ist ein wenig wie Malen. Meiyi, meine Lehrerin, ist jedenfalls sehr nett; u.a. hat sie mir auch eine traditionelle chinesische Medizin namens Ganmao Qingre Keli gegen Husten geschenkt, nachdem sie meinen deplorablen Gesundheitszustand bemerkt hat. Sie ist zufrieden mit meinem Fortschritt im Chinesischen, doch wir beide haben noch einen weiten Weg vor uns: Ich im Chinesischen, und sie am Klavier.

In letzterer Angelegenheit, dem Klavier nämlich, hat sich in Zwischenzeit auch einiges bei mir getan: Ich habe nämlich mittlerweile endlich meinen Studentenausweis bekommen (yippi-yippi-yay!), der mir nicht nur bargeldloses Zahlen in der Mensa, sondern auch die Benutzung des wohnheimeigenen Klaviers ermöglicht! Das Klavier dort hatte ich eigentlich schon ein wenig abgeschrieben, nachdem mir die Dame vom Wohnheim-Sekretariat immer wieder gesagt hat, es wäre “très désaccordé”, aber es hat sich als nicht so verstimmt herausgestellt wie befürchtet. Im Gegenteil, das Klavier der Marke Tchaika ist made in USSR (!) und durchaus spielbar. Ich glaube trotzdem, dass ich nicht sehr viel darauf üben können werde, denn immer sobald ich zu spielen beginne, lockt das sofort irgendwelche Wohnheimbewohner an, die zuhören wollen. 😉

Le piano.

Ich habe übrigens auf meinem Stockwerk einen Musiker namens Idir kennengelernt, der Gitarre und Mundharmonika spielt, und am Samstag hat er mich durch Klopfen an meiner Tür etwas unsanft aus meinem Nachmittagsschläfchen geholt. Ein paar Minuten später waren wir dann dgfev online casino im salle de piano, wo wir ein bisschen improvisierten. Nach einigen Minuten ging dann die Türe auf und zwei andere, nämlich Brenda und Kevin, kamen unerwartet herein, letzterer hatte schon seine Gitarre mit. ^^ So wurde aus der Jamsession à deux eine Jamsession à quatre! 🙂 Das größte Problem bei der Verständigung war dabei die französische Benennung der Noten, denn auch hier kochen die Franzosen mit do, re, mi, … ihr eigenes Süppchen, an das ich mich noch nicht gewöhnt habe. Was heißt z.B. auf Französisch as-moll? Puh.

Meine ersten Zuhörer: Coutin, Ema und Idir.

A propos Kochen: Diesen Samstag hat wieder einmal ein größeres Erasmus-Kochtreffen stattgefunden, das sehr fein war! Es gab französische Taboulé, spanisches Erdäpfelomelette, griechischen Salat … und österreichischen Kaiserschmarrn! 😉 Letzterer war auch mein erstes österreichisches Gericht hier in Frankreich; sonst habe ich mich bisher platzbedingt zumeist von Spaghetti und Frankfurtern ernährt. ^^ (Die Frankfurter heißen hier übrigens auch Frankfurter, d.h., dass scheinbar nur die Deutschen die Bezeichnung “Wiener Würstchen” verwenden. Vielleicht deshalb, weil “Würstchen” irgendwie auch abwertend klingt und man ungern die Frankfurter damit beleidigen möchte?) Unsere Frankfurterin, Lisa, war leider zu krank, um zu unserem Kochtreffen zu kommen, und auch Anita und ich kämpften mit dem Husten. Trotzdem ließ ich es mir nicht nehmen, ein wenig zu singen, als unser Québécois Matthieu die Gitarre auspackte. 🙂 Alles in allem war das jedenfalls ein gewaltiger Abend!

Baladeur Jorge et ses filles.

Durch meine Krankheit musste ich leider diese Woche meine Bemühungen hintanstellen, ein Fahrrad zu kaufen. Ich habe zwar nämlich eine tolle Seite namens leboncoin.fr entdeckt, wo man auch richtig viele Fahrradangebote finden kann, doch am Donnerstag war ich nach einer Vorlesung so fertig und hatte so ein Kopfweh, dass ich richtig froh war, dass mir jemand ein Besichtigungstreffen für ein Rennrad abgesagt hat. Seitdem warte ich darauf, bis ich wieder gesund bin, und werde mich dann wieder voll auf die Suche stürzen! 🙂 Habe auch schon einige schöne Fahrräder gesehen, u.a. ein paar niederländische, die es mir optisch ganz besonders angetan haben, so wie das hier. Nur schade, dass es in der von mir avisierten Preisklasse wohl keine Fahrräder mit Nabendynamo gibt. :/

Dieses Fahrrad war mir dann doch zu klein.

Durch meinen neuen Studentenausweis bin ich mittlerweile übrigens in der Lage, die studentische “lavarie”, sprich Waschsalon, zu benützen! Finalement! Das Ergebnis kann man hier bestaunen.

Keine Fledermäuse.

Heute war ich übrigens beim Chor vorsingen, mit dem Ergebnis, dass ich jetzt Mitglied des Chœur Voyageur bin! Yay! Das Vorsingen war nicht sonderlich schwierig und ist trotz Halsschmerzen besser gegangen als erwartet, und zum Schluss habe ich noch “Tauben vergiftet“, was bei meinem frankophonen Publikum trotz Sprachunverständnis auf großen Anklang gestoßen ist. 🙂 Ein Beweis für die Genialität Georg Kreislers.
Die Leute beim Vorsingen haben einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht, und ich freue mich schon auf die erste Probe am Dienstag.

Um meinen Bericht quasi abzurunden, noch ein kleines lustiges Detail aus meinem Wohnheimleben hier: Am Montag habe ich den Film “From Dusk Till Dawn” (sehr empfehlenswert!) geschaut, und in dem Film gibt es eine Stelle, die von einem Musikstück namens “Angry Cockroaches” (zu deutsch: “Wütende Kakerlaken”) untermalt wird. Genau in dem Moment, wo das Stück gespielt wurde, kroch eine riesige Kakerlake ungeniert mitten über meinen Schreibtisch, leicht illuminiert von meinem Computerbildschirm. Exterminationsversuche meinerseits waren leider erfolglos — diese Viecher haben eine unglaubliche Beschleunigung, da ist ein Porsche nichts dagegen. Sobald ich aber wieder bei voller Gesundheit bin und das Haus länger verlassen kann, gibt es “la bombe 2.0”. Muahahaha.

Meiner Leserschaft wünsche ich im Gegensatz zu den Kakerlaken ein langes Leben und einen guten Wochenbeginn! A la prochaine!

P.S.: Habe übrigens einen Weg gefunden, die kleine Cedille am Computer unter Linux zu schreiben, ohne immer aus LEO.org zu kopieren. 🙂 Man drücke Strg Umschalt (Shift) U, lasse die Tasten wieder aus und gebe “00e7” ein. Fertig ist die Çedille! 🙂

1 Antwort zum Artikel “Je suis malade, complètement malade

Sophia

23. September 2012, 22:12 Uhr

Hallo lieber Much,
jetzt habe ich endlich einmal angefangen, deinen Blog zu lesen und das bereitet mir wirklich großes Vergnügen! 🙂
Schön, dass du eine aufregende Zeit in Frankreich verbringst! Zur Tierproblematik fällt mir der Kakerlakensong von Creme de la creme ein – eine deutsche Hip-Hop-Gruppe. Bekommst du bald per Mail 😉
Also gut, ich lese mal weiter…
LG

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