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La grande bouffe

La grande bouffe

von Michael Färber 18. Februar 2013, 16:31 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser vierundzwanzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Schon länger hatten wir ins Auge gefasst, die Oper “Dialogues des Carmélites” von Francis Poulenc zu besuchen, und hatten uns zu der waghalsigen Spekulation entschieden, erst kurz vor der Aufführung die Karten zu kaufen, um so in den Genuss der ganz beträchtlichen Ermäßigung zu kommen und somit pro Mann und Nase nur 8€ für die Oper zu blechen.
So ging also Pauline am Mittwoch, dem Tag vor der Aufführung, zum Grand-Théâtre de Bordeaux, um uns die Karten zu beschaffen. Doch während der Erfüllung ihrer Mission rief sie mich im Hauptquartier an, um eine Störung im Missionsablauf kundzutun: Es sei nämlich der Kartenverkauf so beschaffen, dass man dort ermäßigte Karten nur bekommt, wenn man für jeden Teilnehmer ein Dokument vorweisen kann, welches bescheinigt, dass der Teilnehmer jünger als 26 Jahre ist. Ergo konnte sie nur für sich eine Karte reservieren, da sie ja nicht meinen Führerschein oder ähnliches bei sich hatte. :/
So musste ich also kurze Zeit später selbst zum Grand-Théâtre pilgern und mir meine Karte kaufen, so wie auch die anderen Teilnehmer unseres Opernspektakels. Dafür bekamen wir alle ermäßigte Karten zum Preis von 8€, und das auf großteils großartigen Plätzen! Die Möglichkeit zum Kauf solcher Karten besteht für Studenten laut Insiderinformationen immer 48h vor Beginn einer Vorführung im Grand-Théâtre. Sollte irgendein Leser dieses Blogs je einmal auf die Idee kommen, in Bordeaux eine entsprechende kulturelle Veranstaltung zu besuchen. 😉

Am Donnerstag war es dann soweit: Opera adveniebat! Doch halt, zuvor hat noch Murphys Gesetz einen kleinen Auftritt: Gesetzt den Fall, man hat irgendwann einmal am Abend eine Aktivität vor, z.B. Opernbesuch oder Chorprobe, was findet dann immer genau kurz davor statt? Der Sprachkurs! Mit unvergleichlicher Präzision scheinen alle kulturellen Veranstaltungen unter der Woche sich immer punktgenau mit dem Sprachkurs zu überlappen — ich verstehe das einfach nicht. Wie dem auch sei, im Sprachkurs hatten wir eine neue Professorin (im Moment hatten wir erst eine einzige Professorin mehr als einmal, die Fluktuation scheint hoch zu sein), und diese zeichnete sich aus durch einen ziemlich erstaunlichen Redefluss. In der ersten Stunde hielt sie mehr oder weniger eine Vorlesung über Relativismus, mit dessen logischen Argumenten ich überhaupt nicht einverstanden war, woraufhin sich eine recht interessante Diskussion mit den Kursteilnehmern entwickeln können hätte, doch leider mündete diese potentielle Diskussion in einen weiteren Redeschwall der Professorin. Ich hoffe, dass wir in den nächsten Kursen auch noch ein wenig zum Reden kommen …
Den Kurs mussten Jorge und ich dann aber wegen der schon geschilderten Überschneidung mit der Oper schon etwas früher verlassen, und wir tramten ins Stadtzentrum, zuerst eine Dönerbude ansteuernd, denn Kultur auf leeren Magen geht gar nicht. (Bei solchen Anlässen pflege ich den Döner mit einer verringerten Zwiebelportion zu nehmen, den anderen Konzertbesuchern zuliebe.) Somit nun gut gefüllt machten wir uns auf zum Grand-Théâtre, wo sich unsere Wege trennten, da wir unterschiedliche Sitzplätze hatten. Ich hatte das Glück, direkt einen Platz neben Pauline zu ergattern, was natürlich schön war — obwohl man in der Oper oder im Kino üblicherweise nicht miteinander spricht, macht es doch irgendwie einen großen Unterschied, ob man neben einem Bekannten sitzt oder nicht.
Die Oper gefiel mir auf jeden Fall schon nach den ersten Takten. Sie stammt zwar aus den 50er-Jahren, ist allerdings von der Tonsprache eher in der Spätromantik eines Wagner anzusiedeln, was natürlich absolut meinem Geschmack entspricht. 🙂 Auch die Inszenierung ist weitestgehend historisch gehalten, mit ein paar kleinen modernen Einsprengseln, die aber nicht stören, sondern dem ganzen einen zusätzlichen Reiz verleihen. Sehr gut gefallen hat mir auch das Libretto, das mich aufgrund seiner Eleganz wieder einmal daran erinnerte, warum ich ein solcher Fan der französischen Sprache bin, und das für mich einige zitierwürdige Stellen bereithielt, die mich während des Stücks immer wieder wie elektrisierten. Leider scheint das Libretto im Internet wegen Urheberrechtsgründen nicht auffindbar zu sein … wie schade. So sind diese Stellen wohl dazu verdammt, für mich der Vergessenheit anheimzufallen …
In der Oper mit Pauline und mir waren übrigens noch Jorge, Mathieu (le québécois) und eine neue québécoise namens Audrey-Anne. Letztere war allerdings eher schüchtern und war auch bisher nicht bei unseren Erasmus-Unternehmungen dabei, weshalb ich denke, dass sie sich wohl eher nicht in unsere Gruppe integrieren wird. :/ Weiters waren noch Noël und Romaric, meine neuen Mensa-Mitesser, mit von der Partie — für sie war es überhaupt der erste Opernbesuch, der scheinbar in Frankreich tendenziell mit der Bourgeoisie verknüpft wird. Ach, und fast hätte ich noch einen Operngast vergessen: Alain Juppé! Toll, dass sich so ein gefragter Politiker noch die Zeit nehmen kann, die Kultur in seiner geliebten Stadt zu genießen. 🙂 Und zwar nicht so wie z.B. der Münchener Oberbürgermeister Ude, der sich einfach während eines Konzertes mit seinen eigenen Musikern auf die Bühne “drängt” und sein nicht wirklich zum Rest des Programms passendes Ding durchzieht. Nur um dann gleich nach seinem Auftritt wieder abzurauschen. Allein aus Repräsentationsgründen zu kommen ist uncool. Die Münchener Faschingskonzerte haben übrigens dieses Jahr schon wieder stattgefunden, und zum ersten Mal seit vier Jahren ohne mich. 🙁 Ich hoffe sehr, dass ich nächstes Jahr wieder daran teilnehmen kann, denn dieses Ereignis war immer gewaltig, und scheinbar hat man mich laut einschlägigen Berichten dieses Jahr schon vermisst. 😉
Zurück von München nach Bordeaux: Nach der Oper verzupfte sich Pauline leider gleich nach Hause, während ich mich mit Mathieu, Noël und Romaric noch in eine Bar aufmachte, um dort den Abend ausklingen zu lassen. Von “ausklingen” war allerdings nicht wirklich die Rede, denn wie es scheint, ist am Donnerstag in Frankreich Ausgehtag (vergleichbar mit dem Samstag in Österreich), und alle entsprechenden Lokalitäten hatten die Lautsprecher bis zum Anschlag aufgedreht. So eine tumbe Unsitte!

Am Freitag tat sich seit längerem wieder einmal etwas mehr in unserer Erasmus-Gruppe, die mir in letzter Zeit etwas ruhiger vorgekommen ist. Hin und wieder melden sich allerdings die schon Heimgekehrten zu Wort (meistens mit Meldungen über Schneefall ^^), und das ist irgendwie sehr beruhigend zu wissen, dass man noch so direkt in Kontakt steht, selbst wenn man geographisch sehr weit entfernt ist. Auf jeden Fall stand wieder einmal eine soirée zur Diskussion, die sich am selben Abend dann auch verwirklichte. Wie üblich war wieder eine sehr starke Phalanx von Spaniern und Brasilianern präsent, was einen türkischen Gast zur Bemerkung motivierte, dass man sich hier wie in Madrid fühle. 🙂 Gekontert von unseren Spanieren, dass Madrid nicht Spanien sei! Es ist wohl so, dass die Hauptstädte vieler Länder im Umland einen eher zweifelhaften Ruf genießen.
Um ca. 2 Uhr morgens machte sich dann der Großteil in die Stadt in eine boîte (“Diskothek”, übrigens selbes Wort wie für “Schachtel” oder “Kiste” ^^) auf, worauf ich dankend verzichtete, denn ich wollte mich ja tags darauf diesem Erfahrungsberichte widmen. Außerdem kann ich Diskotheken nicht viel abgewinnen. 🙂

Das Wochenende war uns der Wettergott endlich einmal wieder gnädig und zeigte sich in Form von Helios strahlend am Himmel. Neben dem guten Wetter war das Wochenende mit zwei Konzerten ganz dem Chor geweiht: Das erste Konzert fand am Samstag in Villefranche-de-Lonchat statt, aus der Ihr freundlicher Korrespondent bereits berichtete. Dorthin ging es in ca. einer Stunde per voiture, und der Bürgermeister und seine uns schon wohlbekannte Entourage bereiteten uns einen Empfang in der Ortskirche, wo wir nach der Probe dann auch ein Konzert in gut gefülltem Haus gaben. Dort sang ich auch zum ersten Mal bei ein paar Liedern mit, bei denen ich zuvor immer nur sehnsuchtsvoll hinter der Bühne leise mitgeträllert hatte, unter anderem das Stück “Name that tune”, das eine humoristische Melange verschiedener klassischer Stücke darstellt und wo ich beim Donauwalzer immer voll Stolz mitschmettere. 😉 Leider war es in der Kirche wie schon damals im November arschkalt, weshalb ich in meinem dünnen Hemd nach zwei Stunden ziemlich durchgefroren war. Zum Aufwärmen ging es nach dem Konzert in die salle des fêtes, wo wir das letzte Mal unser Konzert gegeben hatten, und dort gab es für uns arme Choristen ein vom Dorf gesponsertes Buffet, auf das wir uns natürlich wie die ausgehungerten Wölfe stürzten — voilà das große Fressen. Dazu wurde regionaler Wein kredenzt, was natürlich auch zu der angeheiterten Atmosphäre beitrug. Ich befleißigte mich allerdings wie zumeist vornehmer Zurückhaltung, für den Fall, dass es einer der designierten Fahrer mit dem Alkohole übertreiben und ich aushelfen sollte. Dieses Kalkül ging allerdings nicht auf, denn wie ich erfahren musste, fahren auch die Franzosen nach ein paar Gläschen gerne noch mit ihren Renaults, Peugeots und Citroëns — insofern besteht also wenig kultureller Unterschied zu uns Österreichern. 😉 Ich hatte das Glück, nach Mitternacht von Maïlys (zwei “Glaserln”) direkt nach Pessac transportiert zu werden, was angesichts der unzureichenden öffentlichen Verkehrsmittel in der Nacht für mich eine deutliche Erleichterung darstellte. Ganz nebenbei konnte ich auf der Fahrt mit ihr auch noch mein französisches Vokabular ausbauen — selbst wenn man um zwei Uhr nachts keine großen Sprünge mehr macht. 😉

Am Sonntag ging es dann wieder in die Campagne, allerdings in die direkte Umgebung, nämlich nach Artigues-près-Bordeaux. Dort sangen wir vor einem äußerst enthusiastischem Publikum, das uns schon vor der Pause so eifrig beklatschte wie manche Publiken erst nach dem Konzert. Das Après-Sch … äh Après-Konzert hielten wir dann im “Tennis Club d’Artigues” ab, wo wir uns mit Tischfußball (!) und ein paar Bieren (gratuit) die Zeit vertrieben.

L'église d'Artigues-près-Bordeaux.

Après.

Anschließend strebten wir wieder der Stadt Bordeaux zu, wo ich mich zum Bahnhof aufmachte. Ich hatte nämlich am Vortag eine Fahrkarte von Bordeaux nach Montpellier und zurück mittels der Kreditkarte meines Vaters erstanden, jedoch übersehen, dass ich für die Abholung der Fahrkarte ebendiese Kreditkarte vorweisen muss. Da die Kreditkarte allerdings mehr als 1000km entfernt in Innsbruck ruht und es wohl nicht ratsam ist, diese quer durch Europa zu schicken, wollte ich mich am Bahnhof erkundigen, inwiefern ich die Fahrkarte unter Nachweis meiner Identität abholen könnte. Dort bescheinigte mir die Information, dass eine Abholung der Fahrkarte problemlos am Schalter möglich sei; dort allerdings wies man mich darauf hin, dass ebendies unter keinen Umständen ginge und ich doch bitte die Kreditkarte erbringen solle, andernfalls bliebe mir nur übrig, die Fahrkarte zu annullieren und eine neue zu kaufen, eventuell zu höherem Preis. Toller Service! (Und dabei sollte ich mich laut Schalter ohnehin noch glücklich schätzen, denn bei anderen Tarifen wäre es gar nicht mehr möglich gewesen, die Bestellung zu annullieren!) Etwas angefressen fuhr ich dann in mein Domizil, wo ich mir eigentlich nur schnell ein paar Erdäpfel einwerfen wollte, doch wie das in Village 2 so ist, traf ich wieder einmal auf Pauline, die gerade dabei war, mit einer Freundin (Charlotte) bei unserer Nachbarin Raluca eine kleine soirée zu veranstalten, und so nutzte ich die exakt 33 Minuten Erdäpfel-Kochzeit, um noch an der soirée zu partizipieren. Il faut profiter. 🙂

Raluca, Pauline, Charlotte. Soirée inattendue.

An dieser Stelle eine kleine Überraschung: Mein Freund Karl aus Tirol hatte im Laufe der Woche angefragt, ob er mir kurzfristig in Bordeaux einen Besuch abstatten könnte, was ich natürlich mit Freude bestätigt hatte, und — oh Wunder — trotz einiger Zugverspätungen kam er tatsächlich Sonntag abends am Bahnhof an, wo ich die Ehre hatte, ihm einen Empfang zu bieten. Er ist somit der erste Besuch aus meiner Heimat in Bordeaux, und es ist schön, endlich wieder Wörter wie “gschleinen” ohne verständnislose Blicke seines Gesprächspartners verwenden zu können. 😉 Wir haben am Abend noch eine kleine Stadtbesichtigung per Tram gemacht und sind dann zu mir gefahren, wo sich Karl sehr beeindruckt von meinem luxuriös ausgestatteten 6-Sterne-Studentenwohnheim zeigte. Zur Begrüßung hatten wir Glück, denn es zeigte sich prompt eine kleine Demo-Kakerlake am Kühlschrank, die ich vor seinen Augen fachmännisch entsorgte — par la fenêtre. Einen ursprünglich geplanten Ankunftsaperitif mit meinen Nachbarn feat. Kasia ließen wir aufgrund der fortgeschrittenen Stunde (bedingt durch die Zugverspätung) entfallen, werden das aber voraussichtlich Montag abends nachholen. Mein Besuch aus Tirol wird voraussichtlich bis zum Donnerstag bleiben, und ich hoffe, dass wir bis dahin noch ein paar Sachen zusammen unternehmen können, auch wenn das meine Studien nicht unbedingt begünstigt. 😉

Noch ein wenig zu meiner universitären Situation: Meine Masterarbeit schreitet ganz hervorragend voran; ich bin im Moment dabei, einen automatischen Generator für Äquivalenzbeweise zu programmieren, was eine durchaus anspruchsvolle und spannende Aufgabe ist. Es ist ein tolles Gefühl, nach stundenlangen Überlegungen ein Programm zu schreiben, das man mit zwei Grammatiken füttert und danach automatisch einen formschönen Beweis erzeugt, dass die zwei Grammatiken äquivalent sind. 🙂 Noch habe ich noch nicht alle Fälle abgedeckt, aber ich bin guten Mutes, bald damit fertig zu sein. Sobald mein Programm zufriedenstellend funktioniert, werde ich dann versuchen, zu beweisen, dass mein Programm korrekt funktioniert und die Größe der damit produzierten Beweise eine gewisse Schwelle nicht überschreitet. Wenn ich auch das geschafft habe, dann geht’s ans Schreiben. 😉
Um zu verhindern, dass ich alle Daten verliere, wenn mir beim Duschen jemand aus meinem Zimmer meinen Rechner fladern sollte, habe ich meine Daten zur Masterarbeit im Internet gespiegelt; Interessierte können jederzeit meinen Fortschritt mitverfolgen.

Wie ich übrigens hörte, scheinen für einige Fächer des letzten Semesters schon die Noten festzustehen. 🙂 In einem meiner Lieblingsfächer, Logique et Langage, habe ich laut Berichten 19 von 20 Punkten erreicht. Sehr cool. 🙂 Dagegen fällt unsere Seminararbeit mit 15 von 20 Punkten leider ein wenig ab, aber wenn ich so meine Noten mit denen meiner Kollegen vergleiche, bin ich trotzdem noch ganz zufrieden. Jetzt warten wir einmal ab, was ich in den anderen Fächern erreicht habe … zumindest Logique sollte ganz ebenfalls gut gegangen sein, Compilation wird schon spannender.

Ich habe fertig; ich wünsche meinen Lesern noch eine angenehme Woche und hoffentlich bis bald! 🙂

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