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L’Ariège

L’Ariège

von Michael Färber 11. Mai 2013, 23:38 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser fünfunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Der Titel enthält eigentlich den gesamten Inhalt meiner Woche: Ich war mit meinem Chor auf Reise im französischen département Ariège!

Montag morgens fuhr ich mit einem zum Brechen vollbepackten Fahrrad zur Wohnung unseres Chorleiters Alexis in Bordeaux, von wo wir dann mit einem ebenfalls zum Brechen beladenen Clio Richtung Ariège fuhren. Dabei wurde ich gleich zu Beginn Zeuge der ziemlich rabiaten Fahrkultur der Franzosen (oder vielleicht gilt das nur für unsere Chormitglieder), denn noch in Bordeaux brachten es unsere Chauffeure fertig, innerhalb von fünf Minuten drei verschiedene Fahrzeuge bzw. deren Fahrer anzuhupen und lauthals zu beschimpfen. “Vollidiot” (“connard”) und “blöde Kuh” (“connasse”) sind hierbei nur zwei Beispiele, die beredtes Zeugnis der französischen Fluchkultur ablegen. Bei der ersten Tankstelle, an der wir hielten, wurde ein altes Mütterchen, das ihren Motor abwürgte, ebenfalls zum Gegenstand äußerst hämischer Kommentare. Einzig die Tatsache, dass noch kein Chormitglied bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, konnte meine rapide aufsteigenden Sorgen besänftigen.

Le voyage commence ... à vélo.

Wie es sich für eine zünftige Chorreise gehört, regnete es natürlich in Strömen; vergleiche Chorreise nach Spanien. Das konnte unseren Elan allerdings kaum dämpfen, und so dampften wir mit Vollgas Richtung Foix, der Hauptstadt des département Ariège. Dort machten wir gleich in einem Restaurant Station, und nach ca. zwei Stunden (ja, wir sind in Frankreich …) fuhren wir weiter zu unserer Destination, Ornolac. Diese Gegend als entlegen zu bezeichnen ist wohl noch ein wenig untertrieben; so gibt es dort so gut wie überhaupt kein Mobilfunknetz, weshalb manche von uns sogar mit dem Auto weggefahren sind, um wichtige Telefonate zu tätigen. o_O Computer habe ich gar nicht erst mitgenommen, weshalb ich eine fast vollständig computerfreie Woche genießen konnte! 🙂
Wir waren im dortigen centre diocésian untergebracht, was sich durch einen recht großen Gemeinschaftsraum und durch eine hervorragend ausgestattete Küche (Töpfe so groß wie mein Kühlschrank!) auszeichnete. Von der Umgebung sahen wir am ersten Tag noch recht wenig, da sich der Regen weiterhin kraftvoll auf das Land ergoss.
An diesem ersten Abend waren wir noch relativ wenige Choristen, da die anderen im Laufe der Woche zu uns stießen. So konnte ich mir in aller Ruhe ein Doppelzimmer mit Clément sichern, um einem Logis in einem der Achterzimmer zu entgehen, was sich zumindest anfangs recht vorteilhaft auf meinen Schlaf auswirkte. 🙂
Wir kochten in der Küche unser eigenes Essen, was bei (später bis zu dreißig Choristen) eine anspruchsvolle Aufgabe war. Nichtsdestotrotz konnte sich der Speiseplan durchaus sehen lassen: Schweinebraten mit Honig, Nudelgratin, Crêpes, … hier gab sich die französische Küche ein Stelldichein. Dermaßen gemästet spielten wir nach dem Abendessen auch immer wieder Karten, unter anderem das sehr amüsante Spiel Belote, das ich schon einmal mit dem Chor in Spanien gelernt hatte.

Am Dienstag war der Regen Vergangenheit, und eine nahezu tirolerische Landschaft begrüßte uns mit stolzen Bergen, grünen Wiesen und als weiße Farbtupfer dazwischen immer wieder ein paar Schafe. Überflüssig zu erwähnen, dass mir das Lust auf eine Bergtour machte, die ja schon längst überfällig war; war doch seit dem letzten Mal, dass ich einen Berg gesehen hatte, fast ein halbes Jahr vergangen. (Unglaublich!) Ein paar Kollegen waren ebenfalls motiviert, und so erklommen wir gleich nach dem Frühstück den nächstgelegenen Berg, den ich allerdings nach Tiroler Kategorie wohl eher “Hügel” nennen müsste, so schnell waren wir oben. Trotzdem, meine erste Bergtour in Frankreich, eine première.
Nach dem Mittagessen ging es auch bergig weiter: Die Region ist nämlich bekannt für ihre heißen Quellen, woher auch die zahlreichen Thermen rühren, und so gingen wir zu einer solchen heißen Quelle in den Bergen. Visuell war sie nicht weiter spektakulär, denn es waren einfach drei mittelgroße “Becken”, die durch ein Bächlein gespeist wurden … aber die Temperatur war genial. Man fühlt sich darin wie in einem gut geheizten Becken in einem Hallenbad, wenn man von dem penetrant an faule Eier erinnernden Geruch absieht. Wir nutzten die Gelegenheit, um uns einige Zeit zu suhlen, wobei wir auch nicht versäumten, in dem warmen Nass zu singen, was ein paar vorbeikommende Wanderer zu spontanem Applaus anregte. 😉
Szenenwechsel: Da sich unser Planschbecken in der Nähe des Kleinstaates Andorra befand, entschlossen wir uns, nach unserem Bad diesem Land einen Besuch abzustatten. Was wir allerdings nicht realisiert hatten, war, dass es in Andorra zu dem Zeitpunkt gerade schneite. Und so kam es, dass sich einige von uns in kurzen Hosen und T-Shirts verwundert mitten im Schneefall wiederfanden. 😉 Der Grenzort von Andorra, in dem wir uns aufhielten, war jedenfalls ein bizarres Erlebnis: Eine ziemlich grauenhafte Architektur (genre Massenbauten der 1970er-Jahre), die von allerhand französischen Touristen gestürmt wurden, die sich durch die niedrigen Preise anlocken ließen. In Andorra sind nämlich die Preise für Alkohol und Zigaretten im Vergleich zu Frankreich relativ niedrig, was die Franzosen dazu verleitet, sich dort in Heerscharen mit ebendiesen Artikeln einzudecken. (Es wird sogar im mehrere Stunden entfernten Bordeaux noch dafür auf Plakaten geworben!) So könnte man Andorra als das moderne Babel bezeichnen, denn die Nachfrage wird durch ein nahezu unüberschaubares Angebot gedeckt … auch einige von uns deckten sich mit 5l-Whisky-Flaschen ein.

Les cigarettes de Monsieur Guillaume.

Aus Andorra in unsere Herberge zurückgekehrt hatten wir dann abends noch vor dem Abendessen eine kurze Chorprobe, wo wir ein neues Stück, This Train Is Bound For Glory, einstudierten. (Karl, falls du das liest: Die Aufnahme ist von Mumford & Sons und ziemlich cool. ^^) Das Stück passt zu unserem momentanen Gospel-Schwerpunkt, in dessen Rahmen wir auch das Stück “Rejoice” lernen.
Nach dem Abendessen spielten wir noch das Spiel Loups-garous, welches dem deutschen “Werwölfe von Düsterwald” entspricht.

Am Mittwoch ging es wieder auf in die Berge, und wieder sollte uns das Wetter überraschen: Als wir nämlich an unserer Destination ankamen, blinkten uns veritable Schneehaufen entgegen, die dem aufziehenden Mai grimmig trotzten. Gegen unseren Chor kamen sie allerdings nicht an, denn wir nutzten die Gelegenheit natürlich sofort für eine Schneeballschlacht. 🙂 Der Aufstieg gestaltete sich dann auch unerwartet schwierig, denn über Schneefelder, die immer wieder einbrechen, steil den Berg zu besteigen, ist schon mit guter Ausrüstung nicht immer ganz leicht, und man kann sich vorstellen, dass es mit ordinären Straßenschuhen nicht gerade leichter wird. Schlussendlich erreichten wir allerdings doch den anvisierten Rastplatz ohne gröbere Blessuren, und waren somit in der Lage, unser reichhaltiges Picknick zu genießen, während der rauschende Wildbach im Hintergrund seine säuselnde Melodie sang.
Nach dem Picknick stiegen einige von uns noch weiter auf, was mir allerdings nicht zusagte, da der Weg durch ein einziges riesiges Schneefeld zu führen schien und meine Schuhe ohnehin schon nass genug waren. Auch das Wetter schien mir eher unsicher, und so stiegen wir in einer kleineren Gruppe ab und warteten bei unseren fahrbaren Untersätzen auf den Rest der Gruppe. Dieser erschien dann auch wenig später, relativ durchnässt, da sie auf dem Hosenboden das Schneefeld heruntergerodelt waren — von “cul sec” war da keine Rede mehr.

Am Donnerstag machten wir einen Ausflug in die Grotte de Lombrives. Diese Höhle bot uns einige atemberaubende Augenblicke, u.a. als wir den riesigen “Kathedralensaal” betraten, wo wir es uns natürlich nicht nehmen ließen, ein paar Lieder zu singen und die unglaubliche Akustik zu genießen — wie es scheint, wird die Höhle auch öfters offiziell für Konzerte benutzt. Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten der Höhle zählt auch ein unterirdischer See, der wohl bei Kerzenschein zu zweit eine unvergleichlich romantische Stimmung hervorbringen könnte. (Vorausgesetzt, man könnte den See aufwärmen.) Abende zu zweit im See — eine Geschäftsidee? Ich bin mir sicher, das wäre der Renner.
Im gesamten Höhlensystem befinden sich unzählige Graffitis, die zum Teil weit in die Geschichte zurückdatieren: So ist es keine Seltenheit, auf Inschriften aus dem 17. Jahrhundert zu stoßen, die die Jahrhunderte mühelos überlebt haben, und uns heute mit ihrer verschnörkelten Schrift faszinieren. Eine etwas aktuellere Inschrift hat uns beim Ausgang amüsiert.

Ne m'oubliez pas !

Nach dem Höhlenbesuch aßen wir in der Herberge zu Mittag. Zwischendurch haben wir uns übrigens immer wieder mit Fußball bzw. Rugby die Zeit vertrieben, manchmal auch unter der Mitwirkung des Hofhundes Pipo. Unter den ständigen Bewohnern der Herberge ist auch die Schwester hervorzuheben, die sich um die Verwaltung der Herberge kümmert und mit der ich einige sehr interessante Gespräche hatte. Eine bemerkenswerte Frau.

Rugby avec Pipo, et la bonne sœur à l'arrière plan.

Am Nachmittag setzten wir unsere Besichtungstour mit dem Château de Foix fort. Aufgrund des miesen Wetters verweise ich hier auf ein bestehendes Foto des Schlosses. Wir nutzten natürlich auch hier wieder einmal die Akustik des Ortes, um ein kleines Spontan-Konzert zu geben, zum Gaudium der anderen Schlossbesucher. 🙂

Château de Foix (Wikipédia)

In der Nacht auf diesen Tag hatte ich ziemlich schlecht geschlafen, da sich mein Zimmergenosse als wahrhafte “Schnarchnase” herausgestellt hat. Nachdem ich mir das Geschnarche einige Zeit angehört habe, suchte ich mir ein anderes Zimmer in der Herberge, nur um erstaunt erstaunt festzustellen, dass keine einzige Türe verschlossen war. Auch die Zimmer, die nicht belegt waren, waren alle offen, sodass ich meine Matratze ein ein leeres Zimmer schleppte und dieses als temporäre Schlafstatt einrichtete. Das löste mein Problem schnell und effektiv. Es hat mich auf jeden Fall ziemlich erstaunt, dass in der Herberge alles so offen war — man stelle sich das einmal in einer Jugendherberge einer größeren Stadt vor! Es könnte theoretisch jederzeit jemand in die Herberge gehen, sich ein Zimmer frei wählen und dort dann übernachten, oder die Küche bzw. den Kühlschrank ausräumen. Doch scheinbar scheint dies in Ornolac kein Problem zu sein; vermutlich, weil es einfach nicht so viele Leute da oben gibt, und Bettler sind in der Gegend überhaupt inexistent. Dafür ist auch überhaupt nichts los in der Gegend. Die Freuden des Landlebens. 🙂
Auf jeden Fall wollte ich die Nacht darauf das Schnarchproblem etwas eleganter lösen als unbewohnte Zimmer zu okkupieren, weshalb ich bei Hugo anfragte, ob in seinem Zweibettzimmer noch ein Bett frei sei, worauf er mir Unterkunft bei sich gewährte. Dies sollte sich aber als auch wieder etwas zwiespältige Lösung herausstellen, denn bei all der Zerstreuung am Abend fehlte auch der Alkohol nicht, was ich in der Nacht mitbekam, als ich (schon im Bett) von ein paar ziemlich blauen Gestalten aufgeweckt wurde, die von Zimmer zu Zimmer marschierten und allerhand Blödsinn anstellten. Vielleicht sollte man sich von der Vorstellung, allzu viel zu schlafen, vor solchen Reisen von vornherein verabschieden …

Am nächsten Tag, es war der Freitag, gingen wir raften. Glücklicherweise bekam ich davor von einem Kollegen ein altes Paar Schuhe, da ich nur ein einziges Paar Schuhe zur Verfügung hatte und dieses danach komplett nass gewesen wäre. Auch meine Bedenken, dass ich über keine raftingtaugliche Jacke verfügte, wurde zum Glück dadurch zerstreut, dass wir uns beim Rafting Jacken ausleihen konnten.

L'enthousiasme avant --- la blessure après.

Es war auf jeden Fall ein ziemlicher Spaß, wenn auch etwas brutal, denn gerade zu Beginn gab es einige heftige Kämpfe zwischen den Booten (wir bildeten vier an der Zahl), wobei sich die Leute der verschiedenen Boote gegenseitig ins Wasser zu ziehen versuchten — bei den eiskalten Wassertemperaturen nicht unbedingt sehr erstrebenswert. Da ich mit Bertrand die Führung unseres Bootes übernommen hatte, wurde ich zweimal Ziel eines solchen Ins-Wasser-Zieh-Versuches, konnte mich allerdings beide Male — mit tatkräftiger Unterstützung meines Teams — im Wasser halten. Dafür gelang es uns auch einmal, einen Insassen eines feindlichen Bootes zu “versenken”. Wie schon gesagt, ein Heidenspaß. ^^
Mit der Zeit nahmen die Rivalitäten allerdings ab, denn wir waren alle durch das Rudern sehr eingespannt. Es gab auch einen Zwischenfall, als ein Boot auf einen Stein stieß und sich dadurch umdrehte, alle Insassen ins dahinschießende Wasser ergießend. Dabei bekam eine von unseren Choristinnen eine ordentliche Kopfwunde, aber wir waren für solche Fälle bestens gerüstet, denn von Feuerwehrmännern (die das Boot umdrehten und die anderen hineinretteten) bis hin zu Krankenschwestern (die die Versorgung der Verwundeten übernahmen) kann unser Chor alles aufbieten.
Nach dieser sportlichen Verausgabung ging es zurück in die Herberge, aber nicht lange, denn es wartete ein Konzert auf uns, nämlich im Temple de Mazères. Dahinter verbarg sich ein kleines Kirchlein in einem kleinen Örtchen, das à propos genau an der Grenze dreier französischer départements (Ariège, Aude und Haute-Garonne) und an der Grenze zweier französischer Regionen (Midi-Pyrénées und Languedoc-Roussillon) liegt. Während dieses Konzertes spielte auch eine unser Choristinnen auf dem Violoncello, und ich hatte die Ehre, ihre Nummer anzusagen, was dem Publikum sichtlich gefiel. (Man könnte an dieser Stelle wohl über den Charme des österreichischen Akzentes diskutieren. ^^) Danach fragten mich mehrere Leute, ob ich nicht fürderhin die Rolle des Ansagers für den Chor übernehmen wolle. Leider kommt das ein wenig zu spät, denn die Konzerte bis zu meiner Abreise lassen sich an einer Hand abzählen … 🙁

Der Samstag begrüßte uns mit strahlendem Wetter, doch sollten wir nicht allzusehr davon profitieren, da wir Aufnahmesitzung hatten. Es war nämlich im Laufe der Woche unser “Hauskomponist” Pierre Manchot zu uns gestoßen, für den wir (wie schon für seinen letzte Filmmusik) ein paar Stücke aufnehmen sollten. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten (die Kirche, wo wir aufnehmen hätten sollen, war versperrt o_O) fanden wir uns alle in dem kleinen Kirchlein von Ornolac wieder, wo wir die Aufnahme dann ohne Probleme durchführen konnten. Einige nützten die Pause zwischen den Aufnahmen konstruktiv, um ein wenig “nachzuschlafen”:

Les dormeurs.

Nach der Aufnahme fand die letzte — und größte — Feier der Woche statt, an der ich mich auch vollständig beteiligte. Ich spare mir hier jegliche Beschreibung, denn Worte sind nichts als Schall und Rauch, und wer nicht dabei war, könnte es niemals nachvollziehen. (Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein wenig zu faul, auch diese Feier noch detailliert zu beschreiben? Möglich.)

Pendant l'enregistrement.

 

Am Sonntag nach kurzer Nachtruhe ein erstaunlich katerfreies Erwachen. Bei einem kurzen Blick in die Küche bzw. den Versammlungssaal wird einem dann doch ein wenig übel, aber man schwingt zusammen mit Bertrand (der ebenfalls zu den Kurzschläfern gehört) den Besen, bis wieder alles glänzt. Nach und nach kriechen die Faultiere aus ihren Löchern, und das Frühstück nimmt sich im warmen Sonnenschein am besten ein. Dann droht uns auch schon langsam die bevorstehende Abreise, die es zuvor noch durch rigoroses Aufputzen vorzubereiten gilt, was nach einigen Stunden geschehen ist. Die Rückreise traten wir dann gesondert per Auto an, um uns dann nochmals in dem Chorhauptquartier zu versammeln.

Hier endet mein Reisebericht. Ich entschuldige mich für die fast einwöchige Verzögerung, die allein meinem Arbeitseifer in der Woche nach der Reise geschuldet ist, wünsche meinen Lesern noch einen schönen Abend und bis bald!

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