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Le cauchemar

Le cauchemar

von Michael Färber 17. Dezember 2012, 19:59 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser sechzehnten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Am Montag kam ich endlich dazu, mein Fahrrad reparieren zu lassen. Ich bin seitdem wieder im Besitz eines muskelbetriebenen fahrbaren Untersatzes, allerdings immer noch mit viel zu tiefem Sattel. 🙁
Um quasi nahtlos an meine kulinarischen Experimente vom vorigen Wochenende anzuschließen, leistete ich mir am Abend das Plaisir eines selbstgemachten Kaiserschmarrns! Leider stelle ich immer wieder fest, dass mich der Kaiserschmarrn nicht satt macht, wenn ich ihn selber mache (meistens nach folgendem Rezept); irgendetwas müssen die Leute von der Brandstatt- bzw. Auffangalm anders machen, um zu ihren “Kalorienbomben” zu gelangen.

Kochbuchtauglich ist das Foto zwar nicht, aber mei ...

Am Dienstag beging ich die grandiose Dummheit, in der raureifgekrönten Dunkelheit mit dem Fahrrad ohne Schal nach Bordeaux zu fahren. Und so glitt ich traumwandlerisch durch das nächtliche Lichtermeer, während sich mein Hals langsam auf Umgebungstemperatur, sprich gefühlter Gefrierpunkt von Wasser, abkühlte und aus meinem Mund kleine Kristalle auf die matte Fahrbahn perlten. Die nächsten Tage verspürte ich ein dauerhaftes Kratzen im Hals, das sich aber bis heute glücklicherweise ohne weitere Nebenwirkungen zurückgebildet hat! 🙂

Am Mittwoch fand die Prüfung für Compilation statt. War an sich nicht besonders schwer, aber ich hatte in der Nacht nur ca. 4h geschlafen, sodass ich bei der Prüfung wahrlich Mühe hatte, mich zu konzentrieren. Besonders auch deshalb, da einige Aufgaben ziemlich tumbes Abarbeiten von Rechenschritten ohne jegliche Kreativität waren.
Am Nachmittag hielt ich zum Ausgleich wieder eine lange Siesta, um mich für das Highlight des Abends vorzubereiten: Am Abend ging ich nämlich mit Anda in das Symphoniekonzert, das vom Conservatoire aus gratis angeboten wurde und meines Erachtens sehr, sehr hörenswert war! Das Programm:

  • Claude Debussy: Prélude à l’après-midi d’un faune
  • Gustav Mahler: 4. Symphonie, 4. Satz
  • César Franck: Psyché

Das erste Stück (Debussy) hat mich dermaßen berührt, dass ich am Ende vor lauter Tränen kaum mehr die Musiker gesehen habe. Vielleicht war das auch eine Nebenwirkung meiner am selben Tag geschriebenen Prüfung, aber auf jeden Fall war dieses Stück so unglaublich schön interpretiert, dass ich mich kaum an ein ähnlich berührendes musikalisches Erlebnis erinnern kann. Auch Anda hat das Konzert sehr gut gefallen, und wir sind danach noch auf eine heiße Schokolade in ein Café gegangen. Alles in allem ein sehr gelungener Abend.
Das nächste derartige Konzert findet im März statt, wo es Werke von Sibelius (Finlandia), Liszt (Les préludes) und Tschaikowsky (Roméo et Juliette) zu hören geben wird. Darauf freue ich mich schon jetzt!

Les enfants du Monsieur Gatto.

Am Donnerstag Nachmittag begab ich mich in die Uni, um dort mit Anca Muscholl potentielle Themen für meine Masterarbeit zu besprechen. Während ich auf sie wartete, stolperte ich über ein paar Kollegen, die mit mir zusammen die Logik-Vorlesung (M1) besuchen. Ungefährer Dialog:
Ich: “Was haltet ihr davon, wenn wir zusammen am Samstag für die Logik-Prüfung lernen?”
Jérôme: “Am Samstag? Du weißt schon, dass die Prüfung morgen Freitag stattfindet?”
Ich: WHAAAT? (reiner Gesichtsausdruck)

Das musste schlicht und einfach ein billiger Alptraum sein, aus dem zeitlich begrenzten Sonderangebot bei Hofer, heute um 3,95€ statt 3,99€. Leider stellte sich dieser Alptraum als erstaunlich real heraus. Immerhin erleichterte mir das die Qual der Wahl, ob ich am selben Abend das Chorkonzert oder die Prüfung im Französisch-Kurs spritze, denn ich spritzte somit guten Gewissens einfach beide Ereignisse. 🙂
Nach der für mich also sehr überraschenden und ungelegenen Enthüllung sprach ich noch mit Anca Muscholl, die mir anbot, sich für mich nach einem möglichst logik-lastigen Thema für meine Master-Arbeit umzuschauen. Nach dem Treffen konzentrierte ich mich den Rest des Tages darauf, geplante drei Lerntage in einen einzigen zu kondensieren. An diesem Abend müssen mich meine Nachbarn gehasst haben, denn meine Fluch-Frequenz lag zu diesem Zeitpunkt selbst für meine Verhältnisse erstaunlich hoch. Zum Glück gelang es mir einige weiße Haare später, die verdammten Kripke-Strukturen endlich zu meistern, sodass ich mich am Abend beim Zubettgehen nicht mehr ganz so supernackt fühlte, frei nach Meischberger.

Am nächsten Morgen, Freitag, spritzte ich auch gleich noch meine zweite Logik-Vorlesung (M2), “damit die Sache a Gsicht hat”, um mich den ganzen Vormittag dem hemmungslosen Strebern für die Prüfung hinzugeben, die um 14 Uhr stattfinden sollte. Dies tat ich ungeachtet der Theorie der “retroaktiven Hemmung”, die laut meinem ehemaligen Geschichte-Professor Erich Rainer die Wiedergabe von Wissen verhindert, welches man kurz vor einer Prüfung  gelernt hat.
Nachdem bei meinem Nachbarn Alaa ab 10h der Handy-Wecker fast durchgehend klingelte, machte ich mich (auf sein Haupt Zeter und Mordio heraufbeschwörend) in die Uni auf, wo ich noch einige Zeit mit Jérôme lernte. Dann ging’s auf zur Henkersmahlzeit in die Mensa, wo mir immerhin ein Großteil unserer Erasmus-Gruppe die Mahlzeit versüßte.
Und dann: Ab in das Höllenfeuer, sprich, in die Prüfung! Zu Beginn war es so wie immer, das Ochs-am-Berg-Gefühl. Ka Plan von nix, Oida. Supernackt. (Danke, Meischi!) Nachdem ich einige Aufgaben übersprungen hatte, von denen ich überhaupt keinen Schimmer hatte, kamen endlich ein paar, die ich lösen konnte. Als ich am Ende der Prüfungsbögen angekommen war, fing ich wieder von vorne an, und löste wieder ein paar Aufgaben, die mir zuvor noch einige Rätsel aufgegeben hatten. Nach mehreren solcher Iterationen konvergierte die Menge der ungelösten Aufgaben gegen Null! Ich hatte gegen Ende der Prüfung sogar noch Zeit, mit Géraud Sénizergues ein kleines Schwätzchen zum Thema meiner Masterarbeit abzuhalten, in dessen Verlauf er mir nahelegte, möglichst früh auch schon Professoren in Innsbruck für mögliche Doktorarbeiten zu konsultieren. An dem Punkt war ich ein wenig überrascht, da ich mich nicht erinnern konnte, ihm meine Pläne nach dem Masterstudium offengelegt zu haben, aber ich fühlte mich doch sehr geehrt, dass er quasi selbstverständlich davon ausging, dass ich nach meinem Masterstudium auch noch ein Doktoratsstudium absolvieren würde. 🙂 Tatsächlich bin ich mir über meinen beruflichen Werdegang nach dem Masterstudium tout à fait noch nicht im Klaren — wenngleich mich eine akademische Laufbahn durchaus reizen würde. Da ich mir aber nicht sicher bin, ob ich dazu qualifiziert bin (habe u.a. in Innsbruck in manchen Prüfungen eine ordentliche Bauchlandung hingelegt), hülle ich mich vorerst einmal zu diesem Thema in kryptisches Schweigen, denn: Hochmut kommt vor dem Fall.
Nach der Prüfung war ich auf jeden Fall hochmotiviert und gab Meiyi noch eine Klavierstunde im Salle des Actes. Dann bin ich in Village 2 noch über Idir und Pauline gestolpert, und es bildete sich so langsam die Idee einer kleinen Wohnheimfête im erlesenen Kreise. Diese fand dann auch bei Idir statt, und es fanden sich auch einige andere Nachbarn ein. So ließen wir die Woche bei ein paar Bier gemütlich ausklingen.

Am Samstag war trotzdem wieder harte Arbeit angesagt: Zwar warteten keine Prüfungen mehr auf mich, aber es galt (und gilt immer noch!), mehrere Projekte für die Uni auf Schiene zu bringen. Außerdem ist mein Zimmer in den Tagen zuvor aufgrund des relativ dichten Zeitplanes ein wenig verwahrlost, weshalb ich erst einmal gründlich durchputzte. Am Nachmittag fuhr ich dann zu Meiyi, die sich bei mir für den Klavierunterricht des Vortages mit einer Chinesisch-Stunde revanchierte. Mittlerweile kann ich mich auf Chinesisch vorstellen, mit Herkunft, Alter und Namen, wenngleich mein Akzent laut Meiyi mitunter etwas “bäuerlich” klingt. Quasi Tiroler Chinesisch. 🙂
Nach dem Chinesisch-Unterricht ging es am Abend weiter in die Stadt zu Laetitia, mit der ich mich zum Arbeiten an unserem Projekt für Compilation verabredet hatte. Ich denke, es ist schon wirklich lange her, dass ich an einem Samstag Abend für ein Projekt gearbeitet habe. 🙂 War allerdings nicht unangenehm, da ich im selben Zug auch gleich mit Sushi verköstigt wurde — so kann ich arbeiten. ^^
Dadurch ist mir zwar leider ein Konzert des Chores entgangen, nämlich das Berlioz-Requiem am Abend, aber bei diesem hätte ich ohnehin nicht mitsingen können, da ich ja bei den Proben aus Zeitmangel nicht mitgewirkt habe.

Am Sonntag nutzte ich das (für hiesige Verhältnisse) hervorragende Wetter, um mit meinem Fahrrad zum Chorkonzert nach Merignac zu fahren. Merignac ist so wie Talence und Pessac ein Vorort von Bordeaux und liegt ca. 5km nördlich meiner Haustüre. Mir fiel beim Hinfahren auf, dass die Radwegbeschilderung nicht gerade besonders ist — man hat zwar manchmal einen Radweg, aber man weiß nicht, wohin dieser führt. 🙂 Da sind z.B. die Deutschen schon um einiges weiter, denn dort gibt es Wegweiser, die einem am Radweg die nächsten Orte anzeigen.
Als ich endlich (fahrradhochgeschwindigkeitsbedingt schweißüberströmt) in Merignac ankam, war dort ein guter Teil des Chores schon versammelt, und wir sangen in der gesteckt vollen Hauptkirche von Merignac unser Weihnachtsprogramm, das bei dem Publikum sehr gut ankam. Standing ovations!

Église St-Vincent de Mérignac. Chübsche Kirsche.

La publique.

Nach dem Konzert begab ich mich ohne Umschweife wieder per rotas in mein Domizil, wo ich mir noch einen griechischen Salat einwarf und dann relativ zeitig schlafen ging, schon so gegen halb 10. (Die mangelnde Siesta machte sich bemerkbar.) Zitat Pauline: “Wie ein alter Mann.” 😀

Eine Woche noch bis Weihnachten. Ich freue mich schon wieder auf zuhause, aber ich glaube, das wird total komisch werden, nach so langer Zeit wieder zuhause zu sein. Ich weiß noch nicht, ob ich am nächsten Wochenende zum Schreiben komme, da ich ja ab Freitag in Paris sein werde, aber auf jeden Fall wünsche ich meiner Leserschaft eine schöne Woche und bis bald!

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