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Le poisson est dans le lavabo

Le poisson est dans le lavabo

von Michael Färber 2. Dezember 2012, 20:11 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser vierzehnten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Ich bin im Moment ziemlich angepisst, weil ich gerade in Village 2 ein bisschen Klavier üben wollte und zu diesem Zwecke zum Accueil gegangen bin: Dort teilte mir die Sekretärin mit, dass man das Klavierzimmer bis Weihnachten nicht mehr benützen dürfe, weil jemand um 5 Uhr früh in das (zu dem Zeitpunkt unversperrte) Klavierzimmer gegangen wäre und dort eine Menge Krach gemacht hätte. Toll!
Weiters war ich gerade zuvor auf der Toilette, und dort kam mir ein Mann mit einem leeren Mülleimer entgegen. Ich wunderte mich ein bisschen, dachte mir aber nicht viel dabei, bis ich in der Toilette eine große Menge Müll vorfand. Ich machte auf dem Absatz kehrt und hörte den Mann im dem Treppenhaus reden. Dort fand ich ihn vor mit dem Mülleimer, einer Kehrschaufel und anderen Gegenständen, und als ich ihn fragte, ob der Müll in der Toilette von ihm stammte, behauptete er, dass er zuvor nur den Müll aus der Toilette entfernen wollte. Natürlich; weil auch ich als neue Freizeitbeschäftigung gerne nur mit einem leeren Mülleimer (ohne Sack) mit bloßen Händen fremden Müll aus Toiletten schaufle. Zwei Stunden später war der Müll übrigens immer noch da, und wenn er noch nicht heruntergespült wurde, dann liegt er da noch heute.
Mir haben einige Franzosen bisher gesagt, dass in Frankreich eine gewisse menschliche Kälte vorherrsche: Zum Beispiel war ich am Freitag in der Tram und habe dort einer älteren Dame meinen Sitzplatz angeboten (comme d’habitude), den sie auch dankend angenommen hat. Daraufhin habe ich sie gefragt, ob man ihr häufig den Sitzplatz anbiete, worauf sie antwortete, eigentlich nicht, die Zeit der Höflichkeit in Frankreich wäre schon längst passé. Ein Student hat mir auch einmal gesagt, dass man in Frankreich immer irgendeine Art der Sicherheit bieten muss, z.B. wenn man etwas geliehen bekommt, muss man automatisch auch immer etwas anderes im Gegenzug hinterlassen. Als ich das gehört hatte, dachte ich mir, dass die Situation in anderen Ländern doch auch so sei und man ein solches Verhalten nur schwerlich als Frankreich-spezifisch bezeichnen könnte, doch da bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher. Ich glaube tatsächlich mittlerweile, dass in Frankreich das gegenseitige Vertrauen der Menschen stärker untergraben ist als in anderen Ländern, bedingt u.a. durch solche Vorgänge, wie ich sie zuoberst geschildert habe, aber auch durch die überdurchschnittlichen Fahrraddiebstähle, die brennenden Autos etc. … In einem solchen Klima ist es eben schwer, anderen Menschen zu vertrauen, und dadurch schotten sich viele Leute eben innerlich von ihrer Umwelt ab.
Was tut man also, um sich abzuschotten? Richtig, man hört Musik! Ich bin diesbezüglich für eine EU-Richtlinie, die den Abstrahlgrad von Kopfhörern an die Außenwelt beschränkt, damit ich nicht jedes Mal, wenn ich mit der Tram fahre, die Bässe von Passagieren mithören muss. Dieses Phänomen ist mittlerweile sehr verbreitet, und es scheint sich irgendwie so gut wie jeder damit abgefunden zu haben, denn niemand regt sich darüber auf. Wenn ich dann allerdings bei den entsprechenden Personen um eine Verminderung der Lautstärke bittet (den Kauf besserer Kopfhörer rate ich aus diplomatischen Gründen selten an), dann ernte ich sehr unterschiedliche Reaktionen: Manche behaupten, die Lautstärke leiser zu drehen, und ändern dann aber nichts; manche stellen kurzfristig leiser, um kurz darauf dann wieder zum ursprünglichen Niveau zurückzukehren; manche allerdings gehen wirklich darauf ein und ändern ihr Verhalten. Interessanterweise haben sich manchmal auch schon andere Passagiere nachher bei mir bedankt, dass ich eingeschritten bin, und bei einem besonders hartnäckigen Fall in Vorarlberg habe ich auch schon einmal von anderen Passagieren Unterstützung erfahren. Das Problem mit den zu hohen Lautstärken ist wohl eigentlich, dass diejenigen, die Musik mit Kopfhörern so laut hören, dass ihre Umgebung mithören kann, vermutlich von vornherein eher wenig Verständnis für Leute haben, die ihren Musikgeschmack nicht teilen, also Ignoranten sind. Leider ist man, solange diese akustische Zwangsbeglückung im öffentlichen Verkehr nicht verboten ist, immer auf das Wohlwollen der Lärmverursacher angewiesen …

Gut, jetzt habe ich mich ein wenig abreagiert; kehren wir also zu meinem Wochenprogramm zurück. 😉 Mittlerweile macht die Adventszeit ihrem Namen alle Ehre, denn ich erwarte für die nächsten Wochen die Ankunft — einiger Prüfungen. So vermindert sich auch mein Freizeitprogramm ein wenig; u.a. habe ich mich dazu entschieden, bei einem Konzert unseres Chores (wo mehrere Chöre zusammen das Berlioz-Requiem aufführen) nicht mitzuwirken, da an dem betreffenden Wochenende noch ein anderes Chorkonzert stattfindet und ich am Montag darauf eine Prüfung habe. Nichtsdestotrotz habe ich auch diese Woche ein paar streber-freie Zeitlücken ausmachen können:

So habe ich den Mittwoch Nachmittag für eine zweite musikalische Sitzung mit Matthieu genutzt, wo wir unter anderem für mein Klavierkonzert am nächsten Mittwoch geprobt haben. Anschließend war ich mit meiner altbewährten Québec-Clique (der männliche Anteil davon Movember-bedingt durchgehend mit prächtigen Schnurrbärten ausgestattet) unterwegs, und zwar auf dem marché de Noël von Bordeaux: Ziemlich idyllisch gegenüber dem Grand Theatre gelegen, findet sich dort so ziemlich alles, was das Herz höher schlagen lässt, nicht nur wegen des Kaloriengehalts. Wir haben dort unter anderem kräftig den Schwedenbomben (fr. tête de nègre) zugesprochen, und uns auch sonst an allerhand ungesundem Fraß ergötzt.

Regarde les moustaches!

Anschließend sind wir noch Richtung Sherlock Holmes zum Pub-Quiz konvergiert, wo die québécois (und auch ich als quasi “Angebürgerter”) von der Kellnerin Babsi schon mit bisous (Küsschen) empfangen wurden — scheinen dort wohl schon Stammgäste zu sein. ^^ Die Franzosen scheinen allerdings unvermindert Probleme mit dem Wort “québécois” zu haben, denn unsere Platzreservierungen auf diesen Namen wurden diesmal registriert als “qui fait quoi” (dt. “wer macht was”), und ein voriges Mal als “quai de quoi” (dt. “Anlegeplatz von was”). Überhaupt habe ich erfahren, dass die Franzosen die québécois fast überhaupt nicht verstehen, anders als z.B. bei Österreichern und Deutschen, wo man sich zumindest bei gemäßigter Dialektbenutzung sehr gut verständlich machen kann. Beim Quiz haben wir übrigens den letzten Platz gemacht, was ich einfach einmal auf die Homogenität unserer Gruppe zurückführe. 😉

Le quiz.

Für den Freitag habe ich einer Freundin aus dem Chor, Eleonore, versprochen, dass ich ihr ein wenig bei einem Programmierprojekt von ihr helfe, das sie im Rahmen ihres Studiums durchführen muss. (Sie studiert Wirtschaft.) So haben wir uns am Nachmittag getroffen und ungefähr zwei Stunden ihr Projekt diskutiert. Dann hat sie mir von einem Konzert der Studenten des Konservatoriums erzählt, das sie anschließend besuchen möchte, und ich habe sie kurz entschlossen gefragt, ob ich mitkommen könnte. So sind wir dann also zu zweit zu dem Konzert in die Innenstadt gegangen, das mir wirklich hervorragend gefallen hat: Die Musiker waren ausgezeichnet (es wirkten sehr viele aus unserem Chor mit), außerdem war das Konzert gratis. 😉 Es hat mich ein bisschen an die Münchner Faschingskonzerte erinnert, denn es waren viele kabarettistische Einlagen dabei. Nach dem Ende des Konzerts gingen dann ein paar von unserem Chor noch in einen Irish Pub, wo wir ein bisschen versumpft sind. Mir fiel bei der Gelegenheit auf, dass mein Umgang mit dem Geld zunehmend lockerer wird, analog dem moldawischen Sprichwort: “Der erste Wodka kommt dir noch teuer vor, ab dem zweiten ist dir der Preis egal!” So war ich diese Woche schon drei Mal am Abend auswärts essen (von der mittäglichen Mensa zu schweigen!), was bei den französischen Restaurantpreisen wahrhaftig kein billiges Vergnügen ist (im Irish Pub 15€!). Aber da denke ich wieder an die Barbara zurück, die mir geraten hat, es mir in Frankreich gut gehen zu lassen, und dann schwelge ich wieder in den Gaumenfreuden, in der Hoffnung, dass die Gewichtsabnahme meines Geldbeutels endlich auch eine dazu proportionale Gewichtszunahme meiner Wenigkeit nach sich zieht.

Am Samstag war der November zu Ende, und damit auch der Movember. Im Zuge dessen führte ich einen Radikalschnitt meiner “Bürste” durch:

Avant.

Après.

Anschließend lernte ich noch einige Zeit für meine Prüfung am nächsten Montag, um mich dann in Richtung Bordeaux zu bewegen, wo ich mich mit Sara, einer Studienkollegin von Lisa, zu einer Stadttour verabredet hatte, zu der sich dann später auch ihre Freundin Joudy gesellte. Wir schauten uns hauptsächlich das Zentrum der Stadt an, das ich bisher erst unzureichend erkundet hatte. Dabei fiel mir auf, dass eine der Hauptstraßen mit rot-weiß-roter Beleuchtung illuminiert war, außerdem entdeckte ich eine Swarovski-Niederlassung — l’Autriche, c’est partout. 😉 Wurden dann nahezu unwiderstehlich vom marché de Noël angezogen, wo ich zum zweiten Mal in dieser Woche von den Schwedenbomben naschte. Weiters sahen wir dort wieder einmal den Bürgermeister, Mr. Alain Juppé, der mit seiner besseren Hälfte und seinem Bodyguard allem Anschein nach gemütlich über den Weihnachtsmarkt bummelte.
Musste mich dann allerdings von meinen Begleiterinnen verabschieden, da ich noch zur soirée allemande bei Kristin eingeladen war. Bei diesem Ereignis wollte uns Kristin ihren Freund Matze vorstellen, der an dem Tage von London mit dem Flugzeug in Bordeaux angekommen ist und für einige Zeit hier bleiben wird. Wie feiern die Deutschen in der Adventszeit? Richtig, mit einer Feuerzangenbowle! Und so wurden wir Zeugen einiger wunderbarer chemischer Reaktionen:

Making Of Feuerzangenbowle.

An diesem Abend machte Matthieu auch einige Fortschritte mit seinem Deutsch; er lernt jetzt nämlich von mir Tirolerisch, das ihm sehr gut gefällt. “I bin da Matthieu” und “du bisch a bleder Trottl” brachte die deutsche Fraktion zwar zur Verzweiflung, zauberte mir aber ein fettes Grinsen aufs Gesicht.

Heute habe ich dann wieder einen Strebertag eingelegt, ohne besondere Vorkommnisse.

Weitere Meldungen des Tages:

  • Habe ein probates Mittel gefunden, um die Cedille unter Linux etwas weniger umständlich eingeben zu können: Das Zeichen ‘  (rechts vom ß) direkt gefolgt vom “c” erzeugt ein wunderschönes ç bzw. Ç. Jetzt brauche ich nur noch einen Weg, um das “ë” schreiben zu können …
  • Möchte mir heute noch die Sendung Österreich-Bild anschauen, in der ein Bericht über die “Neue Unterinntalbahn” gesendet wird. Da das Internet am Abend hier ziemlich langsam sein kann, habe ich nach Wegen gesucht, um Sendungen aus der ORF-TVthek herunterzuladen, und bin hier fündig geworden. Besagte Anleitung lässt sich auch ohne weiteres auf Linux übertragen, wo man die entsprechende WMV-Datei mittels “mplayer -dumpstream mms://[…].wmv” herunterladen kann. Habe den Blog, wo ich die besagte Anleitung gefunden habe, noch etwas ausgiebiger studiert, und habe jetzt Lust auf einen Wintersonnenuntergangswaldspaziergang. 🙂 Ich freue mich schon wieder auf zuhause!
  • Der Titel dieses heutigen Artikels leitet sich übrigens ab von einem Missverständnis: Kristin wollte etwas sagen wie “je suis déjà empoisonnée dans le labor” (dt. “ich werde schon im Labor vergiftet”) , worauf ich “le poisson est dans le lavabo” (dt. “der Fisch ist im Waschbecken”) verstand. Das ist jetzt unsere neue Redewendung, die besagen will, dass man eine gewisse Sache jetzt nicht mehr ändern kann. 😉

Ich wünsche meinen Lesern alles Liebe und noch einen schönen Sonntag Abend!

2 Antworte zum Artikel “Le poisson est dans le lavabo

barbara

2. Dezember 2012, 20:11 Uhr

gottseidank hast du den schnauz wieder weg getan, weil hast ausgeschaut wie ein raf terrorist bzw ein schispringer aus der ex ddr, hoffentlich kennen wir dich noch wenn du weihnachten kommst but

Antworten

Michael Färber

2. Dezember 2012, 20:11 Uhr

Du wolltest wohl schreiben, wie eine SchispringerIN aus der Ex-DDR? 🙂 (Rainer sei Dank für dieses Faktoid am Rand.)
Ich bin auch froh, dass diese Mundhaarperiode ein Ende hat; wenn das so weitergegangen wäre, hätte ich bald Haare auf den Zähnen bekommen!

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