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L’enregistrement

L’enregistrement

von Michael Färber 3. März 2013, 22:56 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser sechsundzwanzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Wer es immer noch nicht mitbekommen hat: Am Sonntag war wieder einmal ein großer Tag für Österreichs Filmkultur, denn wir haben gleich zwei Oscars abgeräumt! Ein ganz erstaunlicher Erfolg für unser Land, der mich umsomehr freut! Im Rahmen dessen kann ich auch das Gespräch mit Christoph Waltz auf Ö1 empfehlen, das ich sehr interessant gefunden habe. Jetzt bleibt mir nur noch, endlich “Amour” von Michael Haneke anzusehen, denn was liegt näher als das, nachdem ich schon in Frankreich bin und ihn hier in Originalsprache (ohne Untertitel — schluck) bewundern kann. 😉

Am Dienstag stattete ich nach der Chorprobe Laetitia einen schon lange überfälligen Besuch ab — war es doch schon mehr als einen Monat her, dass ich sie das letzte Mal gesehen hatte! Und so bahnte ich mir durch eisige Winde zu Fuß ihren Weg zu ihr, dabei nahezu einer Grippe anheimfallend, die Bordeaux in diesen Tagen im Griff hatte. Ich verspürte nämlich kurz darauf ein unangenehmes Jucken im Hals, weswegen ich mich schon in den bewährten, rotzbewehrten Klauen der Grippe wähnte; glücklicherweise kann ich im Rückblick allerdings sagen, dass ich der Grippe trotz stärkster Angriffe diesmal widerstand. Vielleicht liegt es an meiner mittlerweile strikt eingehaltenen Handhygiene, von ORF.at wärmstens empfohlen, oder an den von meiner Mutter angeratenen frühmorgendlichen Kaltwasserduschen, an denen ich mittlerweile sogar richtig Gefallen gefunden habe. 😉 Am nächsten Tag traf ich auf jeden Fall einige mehr oder minder kranke Personen und war froh, demselben Schicksal entgangen zu sein.
Zurück zu Laetitia: Ich hatte ja schon befürchtet, dass sie mir nachhaltigen Groll wegen meiner etwas ruppigen Art im Umgang mit ihr bei unserem Programmierprojekt letztes Semester entgegenbringen würde, diese Befürchtung entkräftete sich allerdings schnell. Allerdings hatte sie leider ihr letztes Semester nicht “validiert”, was bedeutet, dass sie es wiederholen muss. :/ Sucky, sucky, …
Am Ende meines Besuchs hatte ich sogar die Ehre einer automobilen Heimbringung durch Laetitia, die mir dadurch ganz stolz ihren neuen Kratten vorführen konnte. Wir verabredeten uns jedenfalls noch auf einen Kinobesuch am Folgetag …

… doch dazu sollte es nicht kommen: Am Mittwoch war nämlich der 18. Geburtstag von Omar (ja, in Village 2 gibt — oder besser gab — es auch Minderjährige!), und da er sich langsam zu einem meiner Lieblingsnachbarn mausert, hatte ich mit Pauline ausgemacht, dass wir für ihn eine kleine Feier veranstalten würden. Mit selbstgemachtem Kuchen und Kerzenausblasen und so. Diesen Plan setzten wir dann auch in die Tat um, wobei ich Pauline beim Kuchenbacken half, und am Abend hatte ich dann die Ehre, dem Geburtstagskind unser œuvre zu überreichen, was dieses nahezu zu Tränen rührte. 😉 Wir blieben dann einige Zeit noch bei Omar, wobei dann auch u.a. Miriam (wie Omar aus Marokko) ihre Bauchtanzkünste unter Beweis stellte. So. Sexy. 😉
Solche Veranstaltungen tragen dazu bei, dass sich unsere Etage für mich immer mehr wie eine große WG anfühlt. Das ist durchaus nicht selbstverständlich; ich habe nicht den Eindruck, dass das in anderen Etagen ebenfalls der Fall ist. Tant mieux.

L'anniversaire d'Omar. Feat. my hands holding the cake. 🙂

Um gleich bei dem Thema der guten Nachbarschaft zu bleiben: Am Donnerstag ging ich mit Pauline und Alaa ins Theater, um mir dort den “Cyrano de Bergerac” zu Gemüte zu führen. So schloss sich ein Kreis, der damit begonnen hatte, dass mir Teresa vor ca. einem Jahr in Tirol den Text des Theaterstücks auf Französisch geschenkt hatte, worauf ich mir vorgenommen hatte, das Theaterstück einmal realiter zu bewundern.
Wir wurden jedenfalls nicht enttäuscht. Ich hatte mir sagen lassen, dass “Cyrano de Bergerac” in Frankreich so bekannt ist, dass es kaum mehr klassisch gehaltene Aufführungen des Stückes gibt, und dieser Logik folgend war auch diese Aufführung eine sehr moderne, aber nicht geschmacklos. Gegen Ende hin war die Spannung noch so groß, sodass man eine Stecknadel fallen hören hätte können, und es gab nach dem metaphorischen Fall des Vorhangs standing ovations.
War Pauline den Abend über eher gereizt und biestig gewesen, so änderte sich das nach dem Ende des Theaterstücks schlagartig, denn sie hatte den ganzen Tag nur ein wenig Gemüse gegessen und war dementsprechend ausgehungert, sodass sie sich auf das für Studenten bereitgestellte kalte Buffet stürzte und uns fast nichts mehr davon übrig ließ. 😉 Danach war sie gleich viel zugänglicher.
Ich traf beim Buffet noch ein paar Kollegen vom Chor (ils sont partout !), machte mich dann allerdings relativ früh schon wieder mit Alaa und Pauline auf die Socken in unser geliebtes Village 2, denn ich war vom Theaterstück auch ein wenig geschlaucht.

Auch am nächsten Tag ging es wieder kulturell zur Sache, doch diesmal musikalisch: Ich hatte nämlich schon länger ins Auge gefasst, mich einmal wieder mit Sara zu treffen, und da auch Clara Interesse an einem wochenendlichen Treffen angemeldet hatte, reservierte ich für uns drei Plätze für die scène ouverte am conservatoire, die der Chor kundgemacht hatte. (Der Chor erweist sich somit als außerordentlich nützliches Vehikel für kulturelle Veranstaltungen, von denen man sonst nichts mitbekommen würde.) Es war auf jeden Fall sehr ratsam, die Plätze im Vorhinein zu reservieren, denn bei unserer Ankunft beim conservatoire erwartete uns ein Menschenauflauf, der darauf spitzte, ein paar durch Nichtankömmlinge freiwerdende Restkarten zu erhaschen.
Eine große Nachfrage ist auf jeden Fall kein schlechtes Zeichen bei kulturellen Ereignissen, und die scène ouverte war wirklich sehr gut gemacht: Es wurden Gesangsnummern durch eine orientalische Rahmenhandlung miteinander verbunden; unter anderem wurden orientalische Märchen zwischen den Nummern vorgelesen, und die Sänger waren in orientalische Gewänder gehüllt. Die Stücke waren natürlich auch passend gewählt; stellvertretend sei “Solche hergelaufne Laffen” (aus “Die Entführung aus dem Serail” von Mozart) genannt, von unserem Bass Bertrand aus dem Chor glänzend dargeboten. 😉
Nach der Vorstellung wollten wir noch in ein Restaurant gehen, wofür ich das “Mille et Une Nuit” auserkoren hatte, da uns dieses Etablissement schon bei einer Stadtführung durch Bordeaux empfohlen wurde. Es war allerdings Freitag Abend, und wir mussten die Erfahrung machen, dass das Restaurant leider schon vollkommen besetzt war. Bei einem weiteren Restaurant widerfuhr uns dasselbe Schicksal, sodass wir einige Zeit wie Maria und Josef durch die Gässchen von Bordeaux irrten, schließlich dann allerdings ein recht nettes Lokal fanden, wo wir für die nächsten drei Stunden unser Zelt aufschlugen. Der Spaß war mit nahezu 20€ pro Person nicht gerade billig, aber solange man so etwas nicht jeden Tag macht, spricht nichts gegen solch gelegentliche Gelage. 😉

Am Samstag Nachmittag fand, wie schon angekündigt, die Aufnahme mit dem Chor für die Filmmusik von “Hasta Santiago” statt, in Anwesenheit des Komponisten, des Regisseurs und des Filmproduzenten. Das Prozedere gestaltete sich als ziemlich lustig, unter anderem versuchte auch der italienischstämmige Regisseur, bei unseren Gesangspartien mitzuwirken, mit wechselhaftem Erfolg. 😉 Der Prozess wurde nur getrübt von immer wieder auftretenden technischen Aufnahmeproblemen. Vergleiche dazu auch das Projektor- oder Lautsprecher-Problem, dass bei Präsentationen mit Computern immer entweder der Projektor oder der Lautsprecher nicht funktioniert. Dazu passt thematisch auch das Vorbereitungs-Paradoxon, dass nämlich niemand sich die Mühe zu machen scheint, vor Beginn einer Veranstaltung die Technik zu testen. Die Folge? Siehe Murphy’s Gesetz.

L'enregistrement.

Nach der Aufnahme gab es Champagner, und ich verzupfte mich dann relativ schnell in mein Domizil, da ich ziemliches Kopfweh und eine ruhige Nacht wieder dringend nötig hatte, war ich doch seit Dienstag jeden Abend auf den Beinen. Mein Ruhebedürfnis wurde allerdings gestört von ungewohnten Geräuschen aus dem meinem Zimmer angrenzenden Zimmer, das für einige Zeit leergestanden war. Ich vermutete, dass ein neuer Nachbar gerade im Begriff war, mit einem Kollegen sein neues Zimmer zu inspizieren, was ich unschwer aus der lautstark geführten, durch die Pappwände in glasklarer Qualität übertragenen Konversation folgerte. Dass ich trotzdem nichts verstanden habe, liegt an der bizarren Sprache, derer die beiden sich befleißigten, worauf ich auf eine nicht-europäische Identität meines neuen Nachbarn schloss. In der Nacht schlief ich eher schlecht, da mich mein neuer, unbekannter Nachbar beschäftigte …

Unter dem Motto “Angriff ist die beste Verteidigung” beschloss ich am nächsten Morgen, den Stier direkt bei den Hörnern zu packen und meinen neuen Nachbarn zu begrüßen. Dieser stellte sich als Doktoratsstudent aus dem Libanon namens Abdel heraus, der auf mich einen sehr guten Eindruck machte. Somit waren meine Bedenken wohl nicht fundiert, und ich hoffe, dass er sich gut in unsere “WG” integrieren wird. 😉
Am Nachmittag war das Wetter so schön, dass ich mit dem Fahrrad zur zweiten Aufnahmesitzung fuhr. Der Frühling ist hier mittlerweile ausgebrochen, und die Bordelais haben die Schnauze dermaßen voll von dem monatelangen Dauerregen, dass sie sich in Scharen ins Freie begeben, so wie auch ich mich nach der Aufnahme.

Parc bordelais.

Auf dem Rückweg nach Village 2 rief mich dann Jorge an und teilte mir mit, dass er in Village 2 ein wenig Gitarre spielen würde. Daraufhin gesellte ich mich zu ihm und wir spielten ein kleines Potpourri der Musikliteratur. Danach kamen noch Idir, Omar & Co. auf den Hof, und wir spielten ein wenig Fußball. Wie schon gesagt, der Frühling ist ausgebrochen. 🙂

Le printemps a commencé.

Ich wünsche allen meinen Lesern einen schönen Wochenbeginn und hoffe, euch bald wieder hier begrüßen zu können! 😉

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