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On verra

On verra

von Michael Färber 15. April 2013, 22:59 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser zweiunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Am Mittwoch fand mein erstes “offizielles” Konzert in Bordeaux statt! Es wurde vom service culturel der Universität Bordeaux 1 organisiert, und insgesamt wirkten daran drei Leute mit: ein Mathematik-Doktorand namens Giovanni (Klavier), eine Juristin namens Corinne (Gesang), und last but not least meine Wenigkeit (Klavier & Gesang).
Vor Beginn des Konzertes war ich wie zumeist höchst aufgeregt, hatte dann aber das Glück, für Giovanni die Seiten umblättern zu müssen, sodass ich ein wenig abgelenkt von meinem bevorstehenden Auftritt war und gleichzeitig noch die Musik genießen konnte.
Als die Reihe an mir war, litt ich leider an dem “Zitterfinger”, sodass ich nicht gerade von einer fehlerfreien Performanz sprechen kann, aber zum Glück blieb mir ein Super-GAU erspart. Am Ende, als es zu den Gesangsstücken kam, war ich wieder einigermaßen entspannt, da ich diese ja in- und auswendig kenne. Dabei war es keine Selbstverständlichkeit, dass ich diese Stücke singen konnte, denn am Vortag noch war meine Stimme von der überstandenen Krankheit um einiges schlechter, und ich konnte die Höhen kaum singen. Am Tag des Konzertes aber musste ich nur an einer einzigen Stelle bei den Höhen des “Erlkönigs” ein klein wenig schummeln. 😉
Bei dem Konzert waren unter den zahlreichen Besuchern auch einige meiner Bekannten anwesend, unter anderem Kasia, Anne-Sophie, Mathieu (québécois) und mein Masterarbeit-Betreuer Géraud, der, wie ich wenige Tage zuvor erfahren hatte, früher auch Klavier gespielt hatte. Weiters kam ein “Fan” nach dem Konzert zu mir, um mir zu gratulieren, worauf ich sie spontan zum Mittagessen einlud, da ich vor dem Konzert aus Nervosität nichts essen konnte. Doch zuvor wurde mir noch die Ehre zuteil, eine Flasche “Universitäts-Wein” als Geschenk vom service culturel entgegenzunehmen. Habe ich in München ja schon das Universitäts-Bier (Weihenstephan) genossen, entkomme ich also auch in Bordeaux nicht dem universitären Alkohol. Nur in Innsbruck fehlt noch so etwas wie ein “Uni-Schnaps” … wäre aber vielleicht auch eine Schnapsidee.
Jedenfalls gingen wir nach dem Konzert noch Crêpes essen, wo wir auf Géraud und seine Frau stießen (die mir bisher auch noch unbekannt war), worauf wir zu viert den Text des Erlkönigs diskutierten. 😉

Leicht alkoholisch ging es auch am Donnerstag weiter: Schon seit längerem hatte uns unsere Sprachlehrerin im Französisch-Kurs eine Weinverkostung versprochen, und sie hielt sich an das französische Sprichwort “chose promise, chose due”: Es begrüßte uns bei unserem Eintritt eine Tafel mit verschiedensten (natürlich französischen!) Käsesorten, Brot und Wein. Es war also nicht nur für Trank, sondern auch für Speis gesorgt, und wir bekamen gleich noch eine Einführung in die Önologie. Das Ensemble stieß bei uns auf Anklang, und ich glaube behaupten zu können, dass das wohl der lockerste Sprachkurs war, an den ich mich erinnern kann. 😉

Dégustation de vin.

Am Freitag veranstaltete ich in Village 2 ein “concert de rattrapage”, will heißen, ein Konzert für diejenigen meiner Nachbarn, die zu faul waren, ihren Hintern am Mittwoch in “mein” Konzert an der Uni zu bewegen. Der Veranstaltungsort war der schummrige Klaviersaal im Erdgeschoss, wo man seit neuestem nicht einmal mehr die Fensterläden öffnen kann, weiß Gott warum. Trotz der etwas muffigen Atmosphäre und der Tatsache, dass nur ca. fünf Leute gekommen waren, war ich deutlich entspannter als bei dem Konzert am Mittwoch, und es machte mir richtig Freude, für meine Freunde zu spielen. 😉
Am selben Tag erhielt ich auch noch Post aus der Heimat, nämlich eine Wahlkarte für die Tiroler Landtagswahl. Bei Betrachtung der bisherigen Prognosen wird die Koalitionsfindung wohl recht interessant werden, da ja die meisten Parteien nicht gut auf die ÖVP zu sprechen sind, die ÖVP aller Voraussicht nach aber auf eine andere Partei zur Koalitionsbildung angewiesen sein wird. Eine Koalition der kleinen Parteien könnte theoretisch eine Ampelkoalition ergeben (Rot/Gelb/Grün, was meine persönliche Lieblingskoalition wäre), diese würde allerdings kaum über 50% der Wählerstimmen kommen. Meine Prognose: Die ÖVP wird eine Koalition mit der zweitstärksten Partei eingehen, also vermutlich der SPÖ oder den Grünen. Topp, die Wette gilt. Meine Wahlkarte ist auf jeden Fall schon wieder auf dem Weg zurück nach Tirol.

Poste de la patrie.

Am Samstag ist der Sommer da. Spontan kommt der Gedanke an “Zuviel Hitze” von Falco, der den irrationalen Wunsch entstehen lässt, den Kühlschrank ein paar Minuten offen zu lassen. Doch dann besinnt man sich eines Intelligenteren und beschließt, vom schönen Wetter zu profitieren und eine Fahrradtour nach Bordeaux zu machen, wo man schon länger nicht mehr war. Und dort entdeckt man gänzlich neue Territorien, auf die man noch niemals einen Fuß oder einen Reifen gesetzt hat: Breite Alleen entlang der Garonne, auf denen sich eine undurchdringliche Menschenmasse langsam voranschiebt. Eine große Brücke, die seit wenigen Monaten erst die rive gauche mit der rive droite verbindet und einen starken Kontrast zur napoleonischen pont de pierre bildet. Dann auf der anderen Seite des Flusses, deutlich weniger stark frequentierte Gegend ohne Geschäfte, was für den slalomgewöhnten Radfahrer durchaus eine angenehme Abwechslung darstellt. 🙂
Am Ende der Tour, die ungefähr drei Stunden gedauert hat, war ich komplett fertig, was sicherlich meinem zu niedrigen Fahrradsattel geschuldet ist — wenn ich nicht so ein Geizhals wäre, würde ich mir ja glatt noch für die kommenden zwei Monate einen neuen Fahrradsattel gönnen. 😉 Am Abend hörte ich von einem Nachbarn (Simon, der übrigens auch bei meinem Konzert am Mittwoch anwesend war, ohne mich allerdings zuvor zu kennen), dass in der Stadt ein Jazzkonzert stattfinden würde, worauf ich Lust gehabt hätte, allerdings schon von meiner Fahrradtour so kaputt war, dass ich mich zu einem gemütlichen Abend in Village 2 entschied. Da traf es sich gut, dass mein Nachbar Aalaa gerade Besuch hatte, und so quatschten wir fast drei Stunden lang bei ausgezeichnetem marokkanischem Tee (made in China) über Gott und die Welt.

Tour de Bordeaux --- le pont nouveau.

Am Sonntag entschied sich die Sonne, weiter zu kochen. Auch ich kochte, allerdings Eier für ein Sandwich, wobei ich merkte, dass es vielleicht wirklich Sinn ergibt, die Eier vollständig mit kochendem Wasser zu bedenken, denn sonst ist eine Hälfte gut gekocht und die andere mehr oder weniger weiß-gelber Gatsch. Das Sandwich war jedenfalls auch ohne Eier mein ganzer Stolz und ist dem gewaltigen Sandwich meines Cousins Mino nachempfunden; es enthielt:

  • Tomaten
  • Schinken
  • Salat
  • Käse
  • Mayonnaise
  • (Die Eier sollten eigentlich auch noch hinein, aber aufgrund ihrer Konsistenz aß ich sie einfach direkt, während ich das Sandwich machte.)

Mit dieser kalorienbombigen Mischung machte ich mich in die Stadt auf, denn ich hatte mich mit Clara und Sara zum Picknick im parc bordelais verabredet. Die Hitze war ziemlich erdrückend (was Sara als Algerierin allerdings nicht so empfand ^^), weshalb wir uns an einem etwas schattigen Plätzchen im Park installierten und uns von dort die nächsten paar Stunden auch nicht mehr wegbewegten. Erst als der Abend heraufdämmerte, ließen wir von unserer Lagerstatt ab, um langsam in unsere respektiven Domizile zurückzukriechen. Für unsere nächste Zusammenkunft haben wir angesichts der steigenden Temperaturen jedenfalls schon eine etwas wässrigere Umgebung auserkoren, sei es nun Arcachon oder Bordeaux-Lac. 😉
Was begrüßte mich bei meiner Rückkehr in Village 2, als ich beim Fenster hinausschaute? Auf der Wiese vor meinem Fenster, die mich in der Früh noch im satten Grün angestrahlt hat, parkte nunmehr eine Schar von Wohnwägen — die Zigeuner sind wieder da! Wir werden sehen, wie sich das entwickelt … bis jetzt nervt mich nur ein Hund, der sich als äußerst stimmbandstark erweist und dies durch Dauerbellen unter Beweis zu stellen versucht. Bisher mit Erfolg. Die Polizei ist auf jeden Fall schon mit einem Streifenwagen zur Stelle, hält sich aber noch brav zurück.

Meinen Lesern wünsche ich das Allerbeste, das Leben ist schön und bis nächste Woche!

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