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Résumé

Résumé

von Michael Färber 22. September 2013, 18:48 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser letzten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂 🙁

Warum verwende ich an dieser Stelle ein 🙁 neben dem gewohnten :)? Weil mit dieser Nachricht für mich das bisher größte Abenteuer meines Lebens seinen Abschluss findet, und ich dieser Tatsache mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegensehe.
In diesem Text möchte ich meinen Auslandsaufenthalt noch einmal Revue passieren lassen und zukünftigen Erasmus-Abenteurern ein paar Tipps an die Hand geben.

 

Vorbereitung

Eine gute Vorbereitung auf einen Auslandsaufenthalt ist natürlich das A und O. Als ich zum ersten Mal ernsthaft einen Auslandsaufenthalt machen wollte, studierte ich noch in München, und als ich zum verantwortlichen Erasmus-Koordinator ging, teilte mir dieser mit, dass am Ende jener Woche die Bewerbungsfrist endete — dies war im Jänner (!) 2011. Damals konnte ich nicht alle Dokumente rechtzeitig besorgen. Darum gilt, je früher man seinen Aufenthalt vorbereitet, desto besser, um nicht an irgendeiner Frist zu scheitern.

Der Papierkrieg vor Beginn des Auslandsaufenthalts ist natürlich auch legendär, aber mehr lästig als bedrohlich. Was für mich persönlich am unangenehmsten war, war die Ankunft in Frankreich, als mir einerseits Dokumente für das Wohnheim (die Zulassungsbestätigung) fehlten und andererseits eine Bestätigung für die Universität, ohne die ich mich nicht inskribieren konnte. Das erste Problem konnte ich mit Mühe beheben, da ich die Zulassungsbestätigung auf meinem Rechner gespeichert hatte, aber erst nach einiger Zeit fand. Man kann es sich vielleicht schwer die Bedrohlichkeit der Situation vorstellen, wenn man >1000km von zuhause in einem ziemlich heruntergekommen ausschauenden Studentenheim ankommt, eigentlich noch nicht sehr viel von der Sprache versteht, dort schon enorm viele andere angekommene Studenten warten und man unbedingt notwendige Dokumente nicht findet, ohne die man auf der Straße stehen wird, und nebenbei auch noch kein Internet hat, um es irgendwo anders zu suchen. Diese Erfahrung hätte ich mir leicht sparen können, wenn ich alle Dokumente in ausgedruckter Form mit mir geführt hätte.
Die fehlende Bestätigung für die Universität war die “assurance de rapatriement”, die ich leicht in Tirol besorgen hätte können, wenn ich von ihrer Existenz und Notwendigkeit gewusst hätte. 😉 Daher ist es sicherlich eine gute Idee, ca. einen Monat vor Beginn des Auslandsaufenthalts noch einmal Kontakt mit der Universität aufzunehmen, eine Liste mit seinen vorhandenen Dokumenten zu schicken und zu fragen, ob noch weitere Dokumente notwendig sind.
Dazu noch ein kleiner Tipp: Es gibt generell an den Universitäten verschiedene Ansprechpartner für internationale Studenten; zum einen die Erasmus-Koordinatoren des jeweiligen Instituts (bei mir Institut für Informatik), und zum anderen die Mitarbeiter des Internationalen Büros. Die Erasmus-Koordinatoren des Instituts sind meiner Erfahrung nach hauptsächlich bei der Auswahl der Kurse hilfreich; für die weiterführenden Organisation sollte man sich eher an das Internationale Büro wenden, also z.B. für erforderliche Dokumente, bei Wohnproblemen etc.
Ein weiterer die Administration betreffender Tipp: Ich hatte öfters Probleme mit dem Internationalen Büro, sowohl in Innsbruck als auch in Bordeaux. In solchen Fällen helfen Hartnäckigkeit und Gelassenheit, denn meiner Erfahrung nach sind auch größer erscheinende Probleme damit lösbar. Als ich zum Beispiel nach meiner Rückkehr nach Österreich eine Aufenthaltsbestätigung aus Bordeaux anforderte, weigerte sich die dortige Mitarbeiterin, mir eine solche mit dem korrekten Datum zukommen zu lassen, da ich nicht direkt bei ihr in der letzten Woche meines Aufenthalts im Büro vorbeigeschaut hätte. Daraufhin flogen ein paar E-Mails zwischen Innsbruck und Bordeaux herum, in denen ich meinen Standpunkt erklärte, aber scheinbar bei ihr auf Granit stieß. Und was kam ein paar Tage später kommentarlos in der Post? Die Dokumente, genau mit dem von mir beantragten Datum. Ähnliches passierte mir auch, als ich meine Masterarbeit, die ich in Bordeaux machen wollte, in Innsbruck anmelden wollte. Und alles ist gut gegangen. Zwecks Schonung der Nerven und der Nachtruhe empfehle ich allerdings, vor dem Schlafengehen keine E-Mails mehr zu lesen. 😉

Ein Sprachkurs ist natürlich auch eine sehr gute Investition, gerade bei Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien, wo Englisch-Kenntnisse nur sehr eingeschränkt vorhanden sind. 😉 Davon abgesehen halte ich es aber auch für eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, die Sprache seines Ziellandes zu lernen, auch wenn dort fast jeder Englisch kann, so wie dies z.B. in den Niederlanden oder in Schweden der Fall ist. Nur mit den entsprechenden Sprachkenntnissen kann man auch wirklich in das gesellschaftliche und kulturelle Flair seines Landes eintreten. Ich habe jedenfalls ein paar Leute in Bordeaux kennengelernt, die nach mehr als einem Jahr noch immer kaum in der Lage waren, ein “bonjour” herauszubringen. Arme Schweine!

Gut vorbereitet kann man jedenfalls dem Auslandsaufenthalt entspannt entgegensehen. 🙂

 

Aufenthaltsdauer

Es ist eine wichtige Entscheidung, wie lange man im Ausland bleiben möchte. Die Aufenthaltsdauer war in unserer Erasmus-Gruppe je nach Nation statistisch stark unterschiedlich: Während die Deutschen fast alle nur ein Semester geblieben sind, waren die Spanier ausnahmslos ein ganzes Jahr (die maximal vom Erasmus-Programm vorgesehene Zeit) in Bordeaux. Und die meisten Italiener sind gleich nach ihrem Aufenthalt dort geblieben. 😉 Ich selbst wollte von vornherein ein ganzes Jahr bleiben und habe diese Entscheidung nicht bereut, auch wenn es Schattenseiten dabei gibt. Die größte Schwierigkeit dabei war sicherlich der “Bruch” nach dem ersten Semester, als sehr viele meiner Erasmus-Freunde heimgekehrt sind und ich mich recht verlassen gefühlt habe. Aus dieser Zeit stammt ein Liedentwurf mit dem vielsagenden Titel “Oh, kommt zurück”. Nach ein paar Wochen der Trauer, über die mir allerdings auch mein geliebtes Village 2 hinweggeholfen hat, habe ich mich allerdings wieder entsprechend reorganisiert.

Im zweiten Semester, das dann folgte, konnte ich dann mein Französisch noch einmal um einiges verbessern. Ich habe auch noch so viel unternommen, wie meine Ausflüge zu meinem Cousin, die Reisen zu meinen Freunden Simon und Eli, die Chorreise ins Ariège, das fulminante Chorabschlusskonzert am Place de la Bourse, Kletterausflug mit Romaric, der Kongress auf der Île de Ré … Kurz gesagt, es wäre mir so viel entgangen, hätte ich dieses zweite Semester nicht auch in Frankreich verbracht! Auf der anderen Seite war dann auch der Heimkehrer-Schock vermutlich stärker, als wenn ich nur ein Semester in Bordeaux verbracht hätte … ich kann mich noch gut erinnern, wie unterschiedlich meine Reaktionen beim ersten (Weihnachten) und beim zweiten Heimkehren (Sommer) waren — beim ersten Mal war ich heilfroh, wieder einmal in Österreich zu sein, beim zweiten Mal wollte ich anfangs nicht einmal mehr Deutsch sprechen und wieder nach Frankreich zurück.
Ich denke, dass ein einsemestriger Aufenthalt am ehesten mit einem langen Urlaub vergleichbar ist, während ein ganzjähriger Aufenthalt eine Art “Migration auf Zeit” darstellt. Beides hat seine Vor- und Nachteile.

 

Unterbringung

Ich habe mich in diesem Blog schon ausgiebig mit dem Thema “Wohnen” auseinandergesetzt. 🙂 Wer also schnell Anschluss an andere junge Leute finden will, ist in den CROUS-Studentenheimen sehr gut aufgehoben, da diese i.A. sehr viel Austausch ermöglichen. Die etwas spartanisch ausgestatteten “chambres traditionnelles”, in denen ich mich aufzuhalten die Ehre hatte, hatten den gemeinschaftsstiftenden Vorteil der geteilten Sanitäranlagen, aber ob ich mir das nochmals freiwillig antun würde?
Ein höherer Komfortfaktor ist sicherlich bei den neueren Wohnanlagen der CROUS gegeben, wobei ich die 4er-WGs mit getrenntem Klo/Bad und gemeinsamen Wohnzimmer/Küche als guten Kompromiss zwischen Geselligkeit und Privatsphäre empfand. Dort lernt man zwar vermutlich nicht so viele Leute kennen, aber der Komfort ist eindeutig höher. 😉 Und die Preise sind mit ca. 240€ auch noch immer sehr akzeptabel, besonders wenn man bedenkt, dass dabei noch in den meisten Fällen Wohngeldunterstützung (CAF) dazukommt, die in meinem Fall ca. 50€ ausgemacht hat, weshalb meine Miete unter dem Strich unter 100€ betrug. Und das für Ausländer, die nicht einmal Steuern in Frankreich zahlen! Ich war sehr positiv überrascht, aber Frankreich ist ein meines Erachtens sehr immigrationsfreundliches Land … Hatte z.B. eine französische Freundin von mir gröbere Probleme, mit einem französischen Logopädie-Studienabschluss in Österreich eine Berufszulassung zu erhalten, so hatte mein Cousin meines Wissens nach mit einem Architekturdiplom keine Schwierigkeiten, sich in Südfrankreich als Architekt anzusiedeln. Meiner Meinung nach gehört da auch in Österreich noch viel getan …

WGs sind natürlich auch eine Möglichkeit, aber diese ermöglichen es bei weitem nicht so einfach, andere Leute kennenzulernen. Mehrere Leute in WGs, mit denen ich gesprochen habe, haben sich über genau diesen Umstand beklagt, weshalb ich eher davon abraten würde, wenn einem an Gesellschaft gelegen ist.

 

Die erste Zeit

Der Anfang ist hart. Richtig hart. Zumindest war es bei mir so, und auch ein guter Freund von mir hat das selbe berichtet. Zu den möglichen Nebenwirkungen zu Beginn eines Auslandsaufenthalts gehört der initiale Impuls, sofort wieder nach Hause zurückzukehren, einschließlich Gedanken, wie verrückt man doch war, sich auf das Ganze einzulassen. Dagegen helfen zwei Dinge: Kontakt mit neuen Menschen suchen, und Kontakt mit seinen alten Freunden/Familie pflegen. Ich bekam z.B. bei meiner Wartezeit in Village 2, als ich wegen fehlender Dokumente gerade ziemlich am Ende war, einen Anruf von meinem Cousin aus dem gerade sooo entfernt scheinenden Österreich, der mich auf unwahrscheinliche Weise wieder aufbaute. An dieser Stelle übrigens ein kleines Plädoyer für den Fall der Roaminggebühren in der EU: Ich halte das für eine enorm sinnvolle Maßnahme, die Europa noch viel stärker zusammenwachsen lassen wird und in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzen ist. Bisher wird man ja immer monetär dafür bestraft, in andere europäische Länder anzurufen, und es würde das Leben deutlich erleichtern, könnte man ohne drohenden Geldzähler im Hintergrund ganz spontan im Ausland anrufen und müsste man nicht dafür immer umständlich Skype-Termine ausmachen. Ich würde diese Möglichkeit jedenfalls voll ausnützen. 😉

Wie kann man sich im Ausland gut integrieren? Eine klassische Möglichkeit ist der Beitritt zu einer Organisation, so wie ich es z.B. mit meinem Chor gemacht habe. Diesen habe ich schon in Österreich per Internet ausfindig gemacht und habe mich schon vor meiner Ankunft in Bordeaux dort beworben. Auch den Besuch eines Sprachkurses im Zielland kann ich empfehlen, denn selbst wenn man dabei eher wenig Einheimische kennenlernt, so trifft man doch auch andere aufgeschlossene und kulturinteressierte Mitstreiter, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie man selbst, und mit denen man bei einem Glas Rotwein bestens über die fürchterliche Organisation an der Uni sudern kann. 😉
Ein Wohnheim bietet auch sehr viele Berührungspunkte und war vermutlich der Ort, wo ich am meisten Leute kennengelernt habe.
Eine etwas unorthodoxe Möglichkeit ist es, einfach Menschen auf der Straße anzusprechen. Ich habe mich extrem oft nach Wegen erkundigt oder habe, wenn ich z.B. in der Straßenbahn eine SMS geschrieben habe, andere Reisende bei Grammatik- bzw. Rechtschreibunsicherheiten gefragt. Dies hat zwei Vorteile: Man lernt bei der Sprache dazu, und manchmal ergeben sich durchaus interessante Begegnungen. 😉 Man darf hierbei nicht vergessen, dass man im Ausland durch seinen “accent” auffällt, sobald man ein Wort spricht, und das erleichtert die Kommunikation ungemein (“Ausländerbonus”), da man so gut wie immer gefragt wird, woher man kommt. (Kann allerdings nach einiger Zeit lästig sein, wenn man zum tausendsten Mal erklärt, dass man aus Österreich kommt, aber nicht aus Wien. Habe mir schon überlegt, ein T-Shirt mit meinem Namen, Herkunftsland/-ort und Studium anzufertigen, um den immer gleichen Fragen begegnen zu können.)

Wie kann man weiter dazu beitragen, die Sprache gut zu lernen? Manchmal wurde ich, nachdem ich mich mit einem ziemlich holprigen französischen Satz vorgestellt habe, in einem fast ebenso holprigen Englisch angesprochen. In solchen Fällen habe ich mein Gegenüber mit einem unmissverständlichen “parlez français !” dazu aufgefordert, mich in einer anständigen Sprache zu adressieren. 😉
Ich bin auf diese Weise mit meinem Sprachfortschritt sehr zufrieden; habe ich im ersten Semester für das Buch “La peste” von Albert Camus (~250 S.) noch fast das ganze Semester benötigt, habe ich jetzt im Buch “Les rivières pourpres” von Jean-Christope Grangé 100 Seiten in einem einzigen Tag ausgelesen. Will sagen; keine Verzweiflung, wenn man anfangs nichts versteht, das bessert sich mit der Zeit deutlich — sofern man seinen Beitrag dazu leistet!

 

Kosten

Das liebe Geld spielt natürlich immer eine Rolle. Ich habe während meines gesamten Aufenthalts genau Buch geführt über mein Ausgaben, die ich nunmehr hier darlegen werde:
Am Anfang war meine Ausgaben extrem hoch: Alleine in den ersten sieben Tagen gab ich ca. 750€ aus, was sich im Verlauf des Monats noch auf immerhin 1.100€ steigerte! Auch der zweite Monat war mit 950€ nicht gerade viel billiger. In diese Zeit kaufte ich sehr viele Gebrauchsgegenstände; vom Wasserkocher über den Kühlschrank bis zum Fahrrad und zu Konzertkleidung für den Chor fast alles. Danach ging es mit 700€ im November und 600€ im Dezember auf der Ausgabenseite stets bergab.
Im zweiten Semester sanken meine Ausgaben dann deutlich und pendelten sich auf ca. 250€/Monat ein, was einerseits daran lag, dass ich nicht mehr so viel ausging wie zuvor (Erasmus-Gruppe war weg ^^), allerdings auch daran, dass ich mir nicht mehr so viel zu kaufen brauchte bzw. Wohngeld erhielt.
Insgesamt gab ich von meiner Ankunft in Bordeaux bis zum Tankstopp in Annecy beim Verlassen Frankreichs ca. 5000€ aus, wobei das Erasmus-Programm 3000€ abdeckt. Weiters unterstützten mich meine Eltern bzw. verdiente ich mir im zweiten Semester an der Universität 400€/Monat, sodass meine Bilanz recht ausgeglichen ist.

Das größte Einsparungspotenzial sehe ich natürlich in den ersten Monaten: Wäre ich z.B. mit dem Auto nach Bordeaux gefahren und hätte mir Dinge wie Geschirr, Fahrrad, Konzertkleidung, … mitnehmen können, so hätte ich vielleicht nochmals einiges gespart. Selbst bei den exorbitanten Autobahnpreisen in Frankreich. 😉
Auch ist es ratsam, sich seine Gebrauchsgegenstände gebraucht zu kaufen: Auf leboncoin.fr findet man so ziemlich alles, was das Herz begehrt. Auch in Wohnheimen befinden sich oft Annoncen.

 

Dienstleister

Ich hatte in Frankreich einen Mobilfunktarif von free, der mit 2€ sehr günstig war und 2h Gesprächszeit und unbegrenzt SMS enthielt. Leider konnte ich mit diesem Tarif nicht im Ausland telefonieren, d.h. in Spanien funktionierte die Nummer überhaupt nicht, und ich konnte nur französische Nummern anrufen. Wenn man mit dieser Einschränkung zu leben vermag, kann ich den Tarif nur empfehlen.

Meine Bank, die mir von der Universität empfohlen wurde, heißt LCL; ihre Dienste kann ich allerdings nicht weiterempfehlen. Von gravierenden Sicherheitslücken bis hin zu Unregelmäßigkeiten bei Kollegen (meine Erasmus-Freundin Lisa hätte Geld für Leistungen bezahlen sollen, die sie nie bestellt hat) reicht das Negativspektrum. Bessere französische Banken habe ich allerdings nicht recherchiert; ich hoffe, dass man bald sein österreichisches Konto überall in der EU verwenden kann.

Bei der SNCF (französisches Bahngesellschaft) habe ich mir eine Carte Jeune für ca. 50€ besorgt, mit der man ein Jahr lang in Frankreich verbilligt mit dem Zug fahren kann. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt, obwohl ich die Karte erst im zweiten Semester gekauft und somit im ersten Semester ziemlich draufgezahlt habe.

 

Musik

Die französische Musik hat mich sehr stark beeinflusst. Waren mir vor dem Antritt meines Auslandsaufenthalt nur Yves Duteil, Charles Aznavour und France Gall bekannt, haben sich dazu jetzt Dutzende neue gesellt … Michel Berger, Laurent Voulzy, Julien Clerc, Georges Moustaki, Jean-Jacques Goldman, Alain Souchon, Francis Cabrel, Zaz … Diese Liste ließe sich noch um einiges fortsetzen.
Habe ich vor meinem Auslandsaufenthalt meistens englische Musik gehört, so ist es jetzt sehr überwiegend französische Musik. Besonders das Album “Avril” von Laurent Voulzy habe ich nach meiner Rückkehr nach Österreich eine Zeit lang fast jeden Tag komplett gehört, und das über mehr als einen Monat hinweg — es ist sicherlich mein Album des Jahres. Das titelgebende Stück heißt “Fille d’Avril“.
Diese Frankophilie im Musikbereich war allerdings so nicht immer gegeben; tatsächlich hörte ich, während ich noch in Frankreich war, neben französischer auch sehr viel österreichische/deutsche Musik, was sich nach meiner Rückkehr nach Österreich schlagartig geändert hat und in seiner Heftigkeit an die Umpolung eines Magneten erinnert.

 

Die Franzosen — ein Plädoyer

An dieser Stelle werde ich eine kleine Charakterisierung der Franzosen, wie ich sie kennengelernt habe, abgeben. 🙂 Die Klischees über Frankreich und seine Bewohner sind zahlreich, und ich hatte zehn Monate, um mich von deren Richtigkeit zu überzeugen.

  • International: Aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit gibt es in Frankreich gefühlt viel mehr Ausländer als in Österreich, besonders aus dem afrikanischen Raum. Diese sind dafür relativ gut integriert; so habe ich z.B. an der Universität verhältnismäßig viel mehr Ausländer gesehen als in Innsbruck. Und wohl keine Partei würde es sich in Frankreich leisten, von “Marokkaner-Dieben” zu schreiben. Zigeuner sind dafür ziemlich verpönt, quer durch alle Gesellschaftsschichten.
  • Fahrräder: In Frankreich, dem Lande der Tour de France, dient das Fahrrad mehr als Sportgerät für das Wochenende als für den täglichen Verkehr. Die Fahrraddiebstähle sollen ja überbordend in Frankreich sein, aber mir wurde mein Fahrrad dort nicht gestohlen. Dafür witzigerweise gleich nach meiner Rückkehr in Österreich. Sapperlott.
  • Essen: Ja, das Essen ist zum Dahinschmelzen — die Franzosen wissen wirklich, wie man gut isst. Selbst in der Mensa wird die Esskultur mit Vorspeise, Salat, Brot, Hauptspeise, Nachtisch eingehalten. Ich habe in Frankreich ca. fünf Kilo zugenommen, und ich bereue keines davon. 🙂
  • Alkohol: Ja, ja, der Alkohol … das französische Bier kann man vergessen, aber der Wein ist … hicks … wirklich gut … 😉
  • Verschlossenheit: Ich habe oft gehört, dass Ausländer im Studium von den Franzosen weitestgehend ignoriert würden, dass die Franzosen am liebsten unter sich blieben und verschlossen wären. Interessanterweise konnte ich diesen Eindruck überhaupt nicht bestätigen; an der Uni hatte sehr viel Kontakt mit anderen Franzosen, die mich auch öfters zu gewissen Veranstaltungen einluden. Auch im Wohnheim habe ich sehr viele sehr nette Franzosen kennengelernt, und dass ich am Ende des Semesters Ferien bei zwei meiner französischen Freunde machen konnte, gehört zu den Höhepunkten meines Aufenthalts.
  • Streiks: La grève — gefürchtete Waffe der Arbeiterschaft oder identitätsstiftendes Nationalsymbol der Franzosen? Wohl beides. Mir waren die Streiks relativ wurscht, weil ich durch mein Fahrrad ohnehin fast keinen öffentlichen Verkehr brauchte — hehe. Und als ich noch auf die Tram angewiesen war, funktionierte sie ohnehin so oft nicht, dass der ein oder andere Streik kaum eine Veränderung zum Status quo darstellte.
  • Universität: Die französischen Studenten kommen mir in einigen Dingen viel “braver” vor als die österreichischen, da ihr Respekt vor Professoren um einiges ausgeprägter ist. À la : Dürfen wir das wirklich machen? Fragen wir doch lieber noch einmal beim Lehrer nach, ob wir das wirklich so machen können … Monsieur !
  • Englisch: Der große Feind der Franzosen. Ihre Einstellung ist recht gut mit diesem Artikel zu beschreiben. Da schwingt sicher einige Frustration über den vergangenen Status des Französischen als ehemalige Weltsprache mit … Die Ablehnung des Englischen ist aber sehr fruchtbar für die französische Kultur, wird doch wirklich fast alles auf Französisch gemacht. Es gibt im Radio sogar Mindestquoten für französischsprachige Musik!
  • Ungehorsam: Einer der Züge, der mich an den Franzosen am meisten fasziniert, ist deren kollektiver Ungehorsam gegenüber roten Ampeln als Fußgänger/Radfahrer. So flächendeckend, wie das die Franzosen machen, hätte ich es auch gerne in Österreich!
  • Liebe: Frankreich, das Land der Liebe — ist es nicht so? Ich hatte jedenfalls in Frankreich einige Möglichkeiten, mich in dieser Hinsicht auszutoben und neue Wege zu beschreiten, in viel intensiverer Form, als ich es je zuvor getan hatte. Überhaupt sollte man während eines Auslandsaufenthalts genau die Dinge tun, die man zuvor nie zu tun gewagt hatte. Allein schon deswegen war diese Erfahrung Gold wert. 😉

 

Nachbereitung

Wieder zurück in Österreich war die Umstellung recht brutal; ich hatte mich in Frankreich so gut eingewöhnt, dass ich es durchaus meine zweite Heimat nennen würde. Das hat mich selbst erstaunt, hatte ich doch keine ähnlichen Gefühle nach drei Jahren Studium in Bayern, aber Bayern ist schließlich nicht Frankreich. 😉 Mir fehlen hier besonders meine französischen Freunde, derer ich doch einige kennengelernt habe. Weiters geht mir hier ab, mit so vielen anderen Studenten zusammenzuwohnen wie in Village 2 — letzteres war zwar eine arge Bruchbude, aber die Gesellschaft war doch etwas besonderes und hat uns alle zusammengeschweißt. Es ist auf jeden Fall etwas ganz anderes, nach so einer Unterkunft wieder bei seiner Familie zu wohnen.
Und ja, ich vermisse das französische Essen. Die weichen Baguettes, die zarten Croissants, das riesige Käseregal im Simply, der Cidre, … das erste Croissant im Bäcker Ruetz war daraufhin ein echter Schock für mich. Und den Reichtum an Käsesorten vermisse ich im M-Preis leider auch.
Ich habe mich zwar schon wieder an mein österreichisches Leben gewöhnt, aber es ist überhaupt nicht mehr dasselbe wie zuvor. Ich gehe durch die Straßen, und mir scheint, als träumte ich. Ich glaube überall Bekannte aus Frankreich zu sehen. Die Menschen kommen mir hier irgendwie … härter vor als zuvor. Da ist natürlich auch Verklärung von Frankreich im Spiel, keine Frage — ein paar Minuten auf einer französischen Straße im Stoßverkehr wären sicherlich heilsam. 😉 Ich denke auf Französisch. Ich fluche auf Französisch. Und ich bedauere sehr, dass ich hier die Sprache nicht wirklich praktizieren kann. (Wenn ich fluche, dann versteht’s keiner. ^^)

Sagen wir also so: Der Auslandsaufenthalt hat großen Einfluss auf mich gehabt; größer, als ich mir das je zuvor vorgestellt hätte. Mein Horizont hat sich nicht nur erweitert; mir kommt vor, er ist regelrecht explodiert, mit allen positiven und negativen Effekten. Ich schließe mich dem allgemeinen Tenor der Erasmus-Teilnehmer an, dass ich dieses Jahr auf keinen Fall missen möchte, aber man sollte sich des enormen Effekts, den ein solches Erlebnis auf einen haben kann, bewusst sein.

Zur Organisation nach der Rückkehr gibt es gar nicht viel zu sagen: Ich habe meine Aufenthaltsbestätigung und meine Kursliste aus Bordeaux zugeschickt bekommen, und nach einigem Hin und Her auch einen Kompromiss zur Anrechnung meiner Fächer in Innsbruck gefunden. Das Problem hierbei bestand darin, dass die Vorlesungen in Bordeaux fast alle 6ECTS “wert” waren, die in Innsbruck allerdings nur 5ECTS bzw. 10ECTS, weshalb ich insgesamt ca. 5ECTS “verloren” habe, da ich mir für jedes Fach aus Bordeaux nur 5ECTS anrechnen lassen kann. Das ist zwar etwas ärgerlich, wird aber mein Studium voraussichtlich nicht besonders verzögern, sodass ich es vermutlich in ca. einem halben Jahr wie geplant abschließen kann.

Kommen wir zuletzt zu diesem Blog: Ich habe es während des letzten Jahres sehr genossen, meine Erfahrungen festzuhalten; so mancher Sonntag ist dabei “draufgegangen”. Mein Dank gebührt meinen treuen Lesern, deren Rückmeldungen mir große Freude bereitet haben — je vous remercie du fond du cœur !
Meine tagebuchartigen Artikel waren ein Projekt mit begrenzter Dauer, das mittlerweile abgeschlossen ist; dennoch habe ich auch weiterhin vor, mich zu bestimmten Themen zu äußern. Zu diesem Behufe habe ich mir eine Internetseite eingerichtet, zu finden unter gedenkt.at, wo ich mich von Zeit zu Zeit zu äußern gedenke. Es würde mich freuen, ein paar meiner hiesigen Besucher auf meiner neuen Seite zu begrüßen, und hoffe sehr, dass euch meine Artikel einen kleinen Einblick in das Leben eines Erasmus-Studenten in Frankreich geliefert haben. 🙂
Ich bringe es kaum über mich, dieses Kapitel abzuschließen, indem ich bei diesem letzten Artikel hier auf “Veröffentlichen” klicke … aber irgendwann muss ich es tun, sonst hätte ich ja diesen ganzen Text vollkommen umsonst geschrieben … *klick* … Himmel, es ist vollbracht!

À bientôt,
euer Much

1 Antwort zum Artikel “Résumé

Gabriele Strasser

22. September 2013, 18:48 Uhr

Hallo Michael! Lass Dir gesagt sein, dass auch ich Deine Beiträge vermissen werde. Ich habe auch schon gedenkt.at besucht und bin gespannt, was sich dort noch tut.
Auf jeden Fall ein herzliches Dankeschön und noch viele schöne Erfahrungen!

lg
Gabi

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