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Tant pis

Tant pis

von Michael Färber 22. April 2013, 23:29 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser dreiunddreißigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Beginnen wir dieses Mal zur Abwechslung mit einem Bilderrätsel: Wer ist die Dame mit dem Mikrofon auf dem folgenden Bild? Ein kleiner Tipp: Der Herr rechts von ihr würde auch noch zu ihr aufschauen, wenn er aufrecht stünde.

Dessin-devinette.

Während die Gehirnzellen noch glühen, fahre ich fort und löse das Rätsel später auf. Manchen gibt’s der Herr ja beim Lesen … ^^

Am Mittwoch verleiteten uns die warmen Lüfte nach dem obligatorischen mittäglichen Resto’U-Besuch zu einer Partie Tarock (fr. “tarot”) auf der grünen Wiese. Das Studentenleben erblüht wieder nach dem langen, kalten Winter (na gut, vielleicht ein wenig übertrieben dafür, dass es vielleicht einmal für zwei Minuten geschneit hat), wird aber bei den Studenten dadurch wieder abgewürgt, dass viele Prüfungen bevorstehen, nämlich die gefürchteten “partiels”! Alle Studenten? Nein! Ein paar leben noch in relativer Freiheit, ihre Galgenfrist dauert bis zum Juni, wo sie dann ihre Masterarbeit präsentieren. Und so geht der Kelch momentan an mir vorüber, aber sein giftiger Inhalt wird mir am Ende nicht erspart bleiben …

Tarot après R.U.

Es ist erstaunlich, wie die Zeit vergeht: Von zehn Monaten Aufenthaltszeit sind schon fast acht vergangen, das heißt, mir bleibt nur noch 1/5 meiner Gesamtaufenthaltszeit hier in Frankreich, bevor ich wieder nach Österreich zurückkehren werde. Ich glaube, ich begreife noch gar nicht richtig, was das heißt, denn ich denke, dass die Umstellung wieder ein ziemlicher Schock werden wird …
Um mich auf diesen Schock wenigstens ein bisschen einzustellen, habe ich mir diese Woche den Besuch eines “Österreich-Abends” gegönnt. Kurze Vorgeschichte: Vor einiger Zeit habe ich eine E-Mail von einer Institution namens “Maison de l’Europe” (Europahaus) bekommen, in der ich zu einer “soirée autrichienne” eingeladen wurde, mit der Option, dort einen potenziellen Radioauftritt zu besprechen. Da mir das zu gut erschien, um war zu sein, beschloss ich, als Zeugin meine Nachbarin Kasia zu der soirée mitzunehmen, auf dass sie mich aus meinen überschäumenden Träumen zwickend aufzuwecken vermöge. Bei besagter soirée erwarteten uns dann einige Poster meiner Heimat, die das Land natürlich im schönsten Licht zeigten, mit Hochglanzprospekten und dergleichen. An der kulinarischen Verpflegung muss allerdings noch gefeilt werden, denn der Apfelstrudel wurde ohne Schlagobers serviert — da sollte man meinen, dass seit “Inglourious Basterds” die ganze Welt einen Apfelstrudel entsprechend zu garnieren weiß, aber denkste! Trotzdem war Kasia davon begeistert — ein klarer Gewinn für unsere Küche! 😉
Zwischen Wein und Kuchen fragte ich dann die Damen der Maison de l’Europe nach ihrem ominösen Rundfunkangebot und erfuhr, dass sie am 30. April eine Radiosendung über Erasmus-Studenten aufzeichnen, in der diese ihre Erfahrungen schildern können. Sozusagen das, was ich mit diesem Blog schon seit einiger Zeit wahrnehme. 🙂 Zu meinem großen Bedauern musste ich allerdings feststellen, dass ich am 30. April voraussichtlich schon mit dem Chor im Département Ariège sein würde, außer es würde mir gelingen, eine spätere Mitfahrgelegenheit zu finden. Dieses ist momentan eher unwahrscheinlich, aber man wird sehen … die Sache ist noch nicht ganz gegessen.
Der Überraschungsgast des Abends war allerdings — unsere Ex-Außenministerin Ursula Plassnik! Hiermit ist auch das Bilderrätsel von oben aufgelöst; gratuliere an die, die es geschafft haben, der Rest möge sich ins Eck stellen und sich zehn Minuten lang schämen. …
Gut, genug geschämt. Frau Plassnik ist momentan jedenfalls Botschafterin in Frankreich und nutzte diese Position, um den Anwesenden der soirée über Österreich und Europa zu referieren. Kannte ich sie vorher eigentlich kaum, war ich doch ziemlich beeindruckt von ihrem Auftritt, denn sie strahlte große Kompetenz aus und ging auch auf die Fragen im Publikum sehr genau ein, anders als gewisse andere Politiker. Ich denke, das wäre ein guter Indikator für Kompetenz: Fragen ohne Umschweife beantworten zu können.
Nach dem Vortrag und der Diskussion unterhielt ich mich noch kurz mit ihr, bevor ich dann mit der immer hungriger werdenden Kasia die Maison de l’Europe verließ. Da sie noch nie die Innenstadt von Bordeaux bei Nacht gesehen hatte, spielte ich ein wenig Reiseführer, und wir genossen die Sicht auf die illuminierte Place de la Bourse, während uns die im Hintergrund leise plätschernde Garonne im schimmernden Mondenschein eine zarte Begleitung war. Stadtbesichtigungen machen hungrig, und anstatt direkt nach Village 2 zurückzukehren, schlug ich vor, in der Stadt zu essen, was auch Kasia zusagte, worauf wir zu einem “echten Türken” gingen und uns dort bestens restaurierten. Der Kellner holte sogar ein türkisches Instrument (eine Saz) hervor und spielte uns ein Ständchen. Dass wir uns also prächtig amüsierten, brauche ich kaum zu erwähnen.

J'suis chanteur, je chante pour mes copains ...

Am Donnerstag traf ich mich mit meiner “Konzertbekanntschaft” von letzter Woche, Anaïs, um mit ihr ein paar Schubert-Lieder zu singen bzw. sie am Klavier zu begleiten. Sie möchte nämlich nächstes Jahr am Konservatorium Gesang studieren, weshalb ich ihr angeboten habe, sie am Klavier bei einigen Liedern zu begleiten und ihr Tipps geben, sofern ich dazu befähigt bin. 😉 Es ließ sich unser Zusammenspiel auch recht vielversprechend an; leider musste sie schon früher als von mir erwartet wieder von dannen ziehen, aber wir haben für nächste Woche schon wieder ausgemacht, und ich hoffe, dass wir dann ein wenig mehr Zeit haben. 😉
Musikalisch ging es weiter, denn am Abend war wieder einmal ein Chorkonzert, diesmal mit einer Besonderheit: Es fanden sich drei verschiedene Chöre zusammen, darunter natürlich unserer Chor, ein anderer Chor aus Bordeaux und ein tschechischer Mädchenchor aus Brünn, der gerade auf Frankreich-Tournée war. Mit dieser geballten musikalischen Kraft bestritten wir das Konzert gemeinsam, um am Ende mit dem triumphalen “Cantique de Jean Racine” von Gabriel Fauré zu schließen.
Zu diesem Konzert waren auch meine Nachbarn Simon und Pauline gekommen, die beide begeistert waren. Ich fuhr dann noch mit Pauline per Fahrrad zurück nach Village 2, womit wir also so nebenbei auch unsere erste Fahrradtour gemacht hatten. 😉

Am Freitag ging es paulinisch weiter, denn sie lud mich am Nachmittag dazu ein, mit ihr schwimmen zu gehen. Das Schwimmbad der Wahl war in diesem Fall das “Stade Nautique” in Pessac, das wohl eine der wichtigsten Einrichtungen in diesem Ort zu sein scheint, denn es ist quasi an jeder Kreuzung angeschrieben — alle Wege führen ins Schwimmbad. 😉 Die erste freudige Entdeckung: Es herrscht keine Badehaubenpflicht! Der obligatorische Slip ist dagegen nur ein kleines in Kauf zu nehmendes Übel. Weitere Überraschung: Es gibt eine kostenfreie Sauna! Damit schlägt das Schwimmbad die “Piscine Judaïque” um Längen. Wir machten sowohl von Schwimmbecken als auch von Sauna regen Gebrauch, und als wir nach acht Uhr abends ziemlich fertig aus dem Schwimmbad kamen, besorgten wir uns noch in Pessac eine Pizza, die wir in einem Park bei lauen Temperaturen verspeisten. Wir haben uns selten so gut verstanden.
Zurück in Village 2 war ich von dem ungewohnten Schwimmbadbesuch ziemlich fertig, aber der Tag sollte noch eine Überraschung für mich bereithalten. Es klopfte nämlich an der Türe. Knock, knock. Who’s there? Ein schönes Mädchen, das ich auf Anhieb nicht erkannte. (In solchen Situationen wünscht man sich ein besseres Gesichtergedächtnis.) Dann macht das Hirn einen Satz, und erkennt meine “Zugbekanntschaft” Sarah wieder, die ich mit Omar auf dem Weg nach Montpellier kennengelernt hatte. Wie es scheint, gibt es da ein Techtelmechtel zwischen ihr und Omar, von dem ich nicht informiert war, und sie war zum Wochenende auf Besuch in Bordeaux. Ich war an dem Abend leider schon ein wenig zu kaputt, um mit den beiden etwas zu machen …

Am Samstag war ich höchst arbeitsmotiviert, was sich sehr vorteilhaft auf meine Masterarbeit auswirkte, denn mittlerweile habe ich schon einen guten Teil davon geschrieben.
Am Abend gab es dann wieder ein Chorkonzert, und zwar im direkt am Garonne-Ufer gelegenen “Cap Sciences”: Wir untermalten eine 50-Jahr-Feier des Vereins “Bordeaux accueille”, der es sich zum Ziel gesetzt hat, neu zugezogene Nicht-Bordelais in Bordeaux zu begrüßen. Ich selbst hatte ja schon das Vergnügen, bei einer Stadtführung zu Beginn meiner Zeit in Bordeaux mit diesem Verein in Kontakt getreten zu sein. Unser Auftritt stieß jedenfalls auf großen Beifall, und das äußerst reichhaltige Buffet nach dem Konzert (inklusive — wer ahnte es nicht? — Wein) trug zu einer äußerst lustigen Atmosphäre bei, was konsequent zu einer schon etwas schief klingenden Mitternachtseinlage führte. Danach ging es noch in die “Chorbasis” zu Alexis, wo wir ausgelassen und ausgiebig weiterfeierten.

Am Sonntag ein spätes Erwachen. Mein erster Gedanke galt Pauline, denn sie hatte an dem Tag Geburtstag und ich wollte ihr noch einen Kuchen machen. Blick auf die Uhr: 11:50 Uhr. Wann macht der Supermarkt zu? 12:30 Uhr. Da hilft kein Jammern und Flehen, da muss man heraus aus den Federn, schnell am Rechner ein Kuchenrezept heraussuchen, mit Hochgeschwindigkeit zum Supermarkt fahren, dort feststellen, dass man die Zutaten nicht alle findet, schlussendlich darauf scheißen und ein Fertigkuchenpulver kaufen zusammen mit ein paar Eiern, die man auch vor lauter Stress prompt bei der Kasse fallen lässt und zertätscht. Danach geht es an die Organisation eines Backrohrs, das man natürlich als Village-2-Bewohner nicht hat, und man wird bei einem Chorkollegen fündig, der praktischerweise gleich in der Nähe des Supermarktes wohnt. Dieser Chorkollege (namentlich Adrien) ist von der Feier noch kaputter als man selbst, und im Halbdelirium bereitet man den Kuchen zu und flankt sich danach auf die mittlerweile äußerst sonnige Terrasse, von der man sich am liebsten gar nicht mehr wegbewegen möchte. Dann wird man noch zum Mittagessen eingeladen, was man natürlich dankenderweise annimmt, und man verbringt den Beginn des Nachmittags in der äußerst sympathischen WG, wo man auch gleich weiterführenden Unterricht zum französischen Chanson bekommt.

Vive la France. Maxime et Adrien.

Als man sich endlich loszureißen vermag, geht es in Village 2 weiter mit den Geburtstagsvorbereitungen: Es müssen Nachbarn mobilisiert werden, der Kuchen dekoriert …
Als wir am Ende vor Paulines Türe mit einem fix und fertigen Kuchen stehen und sie herauskommt, kann man mit Stolz sagen: Mission accomplished.

Le gâteau.

 

Das war im Großen und Ganzen meine Woche. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen; ich wünsche euch noch einen schönen Abend und bis bald!

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