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Trucs

Trucs

von Michael Färber 9. September 2012, 19:19 Uhr

Liebe Leserschaft, willkommen zu dieser dritten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

An diesem Punkt könnte sich vielleicht der eine oder andere Leser meines Blogs fragen, wie ich denn eigentlich mit der französischen Sprache zurechtkomme, die ja für die meisten Leute zeitlebens ein Buch mit sieben Siegeln bleibt? Die Antwort ist: Gar nicht so schlecht. Am Freitag habe ich von drei verschiedenen Leuten bescheinigt bekommen, dass ich doch so gut Französisch spreche. 😉 Allerdings relativiert sich das schnell wieder, da ja Kommunikation nicht aus Monologen, sondern aus Dialogen besteht! Und hier liegt auch das Problem: Viele Franzosen haben eine richtig hohe Sprechgeschwindigkeit, sodass man einfach kaum die einzelnen Wörter auseinander halten kann. Meistens sind diese massiven “Hochgeschwindigkeitssprachblöcke” noch getrennt durch kurze Einwürfe von “donc, eh …”, worauf es dann mit einer Geschwindigkeit wieder weiter geht, dass selbst ein TGV neidisch werden könnte. An diesem Punkt kann man sich eine kurzfristige Linderung erkaufen durch ein “Pourriez-vous parler un peu plus doucement, s’il-vous plaît?”, doch der bremsende Effekt dieser Phrase tritt leider nicht immer ein und ist zudem auch oft nur von sehr kurzer Dauer. 🙂 So muss ich darauf hoffen, dass sich dieses Problem im Laufe der Zeit mit der Übung von selbst lösen wird.

Ein anderes Problem, das ich mittlerweile lösen konnte, ist der ehemalige karge Zustand meines 9m²-Domizils: Wo einstmals kahle Wände prangten, sind mittlerweile Kühlschrank, Mikrowelle und Kochplatten eingezogen, und das zu einem Gesamtpreis von genau 100,-€. Wo Licht ist, ist allerdings leider auch Schatten, und in diesem konkreten Fall nützen meine lieben Mitbewohner (Kakerlaken) den Schatten meines Kühlschranks aus, um sich unter dessen wohlgewärmter Unterseite genüsslich zu vermehren. Zumindest stelle ich mir das so vor, weil ich schon mehrere Kakerlaken dorthin flüchten sehen habe. Dasselbe gilt i.ü. auch für die Mikrowelle, in die ich eine Kakerlake schon einmal durch die Lüftungsschlitze einsteigen sehen habe. Anschnallen, und los geht’s!

Das erste Spiegelei à la Bordeaux.

Ungeachtet der etwas unzufriedenstellenden zoologischen Situation meines Zimmers muss ich allerdings sagen, dass es mir gar nicht mehr so schlecht gefällt wie zu Beginn. Ich habe mir ja mittlerweile auch ein gescheites Bettzeug gekauft (50€), sodass das ganze Zimmer schon einen mittlerweile halbwegs bewohnbaren Eindruck hinterlässt. Außerdem habe ich schon einige Leute hier in Village 2 kennengelernt, mit denen ich auch schon ein bisschen etwas gemeinsam unternommen habe, z.B. Kochen. Somit geht mir auch der WG-Charakter der neueren Wohnheime nicht mehr so ab, v.a. weil ich mir hier auch einfach total frei aussuchen kann, mit wem ich etwas unternehme und mit wem nicht. Z.B. habe ich am Freitag einen Deutschen namens Stefan kennengelernt, dem ich auch gleich umfassende Hilfestellung gegeben habe zu lebenswichtigen Fragen wie Kühlschrankbeschaffung, Supermarktstandorten und Interneteinrichtung (ja, das ist lebenswichtig!). Außerdem habe ich ihn dann gleich für Samstag zu unserer nächsten Erasmusgruppen-Veranstaltung eingeladen, von der hier nun die Rede sein soll.

Seit ich hier bin, hat es in Bordeaux eigentlich noch kein einziges Mal wirklich geregnet. An einem einzigen Tag kann ich mich an ein paar mikroskopisch anmutende erdwärts gerichtete Wassermoleküle erinnern, aber das war’s auch schon. Stattdessen gibt es hier durchgehenden Sonnenschein, sodass ich ehrlich daran zweifle, dass es hier irgendwann auch einmal so etwas wie einen “Winter” geben soll — allein das Wort kommt mir schon irreal vor. Was macht auf jeden Fall der Bordelais/die Bordelaise bei einem solchen schweißtreibenden Wetter? Richtig, er/sie fährt an den ca. 70km entfernten Strand! Dabei bieten sich einige Optionen an, wie z.B. Arcachon (mit den bekannten Dünen) oder Lacanau. So hat sich unsere Erasmus-Gruppe für den Samstag einen Ausflug zum Meer nach Lacanau vorgenommen, und — wahrhaftig — es sind auch wirklich alle am Samstag um 9:55 Uhr bei der Bushaltestelle gestanden, die uns einen günstigen Transport für 2,50€ in das Bade-Eldorado verheißen hat. Was allerdings fehlte, war der Bus, der, als er schlussendlich doch noch gekommen ist, einfach an uns vorbeigefahren ist, weil er randvoll war. 🙁 Bäm! Da war die Frustration bei unserer ca. 17 Personen umfassenden Gruppe doch recht groß, und mit etwas Bauchweh haben wir uns dann entschieden, an den Badesee in Bordeaux zu fahren, da der nächste Bus nach Lacanau erst um 12:15 gefahren wäre und der Zug nach Arcachon relativ teuer ist (nach neuesten Erkenntnissen ~16€ hin/retour). So sind wir also etwas deprimiert mit der Tram nach “Les Aubiers” gefahren, wo wir allerdings einen ganz schönen See mit einem kleinen Sandbereich vorgefunden haben. Dort sind wir den ganzen Tag dann zwischen Sand und See hin und her gependelt, haben uns mit vietnamesischer Kost verwöhnt und es uns generell mit Nichtstun gut gehen lassen. 😉 Später am Abend sind wir dann noch zu Lisa gegangen (siehe meinen vorigen Artikel) und haben den Kampf mit einer Wein-Armee aufgenommen, mussten allerdings aufgrund der zahlenmäßigen Alkoholika-Überlegenheit unsere Waffen strecken. ^^ Ein bisschen nach Mitternacht sind dann auch noch einige in Richtung Stadt aufgebrochen, wobei ich mich nicht mehr beteiligt habe, da ich schon ziemlich müde war und heute noch einige Dinge erledigen wollte, wie u.a. jetzt diesen Artikel hier zu schreiben. 😉

Unsere Erasmus-Gruppe.

Diese Episode soll stellvertretend für die zahlreichen Unternehmungen stehen, die wir mit unserer Erasmusgruppe diese Woche schon unternommen haben: Eine Stadttour, mehrere Kochabende, mehrere Weinabende ^^ … Unsere Gruppe ist ziemlich cool und unternehmungsfreudig, und ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleiben wird!

Noch einmal unsere Gruppe, diesmal beim Kochtreffen bei Kristin.

An diesem Punkt halte ich es für angebracht, den eventuell entstandenen Eindruck meines Aufenthalts (nämlich den einer durchgehenden Party) den realen Umständen anzupassen. Die Uni hat nämlich diese Woche schon begonnen! Am Montag war die erste Einführungsveranstaltung für die Studenten des zweiten Master-Jahres (hier liebevoll M2 oder “Master Deux” genannt), und mein erster Eindruck von der Uni war sehr positiv! Die Organisation hat gut gewirkt, und die Sessel im Vorlesungssaal (Amphitheatre) haben spontan die Assoziation von Kinosesseln geweckt. Dort habe ich auch dort Zufall gleich als allerersten Studenten den einzigen anderen Erasmus-Studenten der Informatik kennengelernt, nämlich einen Belgier namens Michiel. Die nächste Zeit habe ich damit verbracht, aus mehreren höchst unübersichtlichen Stundenplänen (ich studiere nämlich ein Amalgam aus erstem und zweiten Studienjahr) mir meinen Stundenplan zusammenzustellen. Weiters habe ich mich auch gleich noch für eine Tutorenstelle für einen Programmierkurs beworben und bin jetzt für ein Vorstellungsgespräch eingeladen. Schauen wir einmal, was daraus wird. 🙂

Das Innere des Informatik-Gebäudes LaBRI.

Diese Woche hatte ich dann auch schon zwei Vorlesungen, nämlich eine über Compilerbau und eine über Logik. In der Logikvorlesung werden zwar einige Inhalte wiederholt, die ich schon kenne, aber es gibt auch neue, nämlich u.a. Sequentenkalkül und Coq. Da ich mich sehr für Logik interessiere, passt mir das sehr gut; ich hoffe allerdings, dass ich mir diese Vorlesung dann auch in Innsbruck anrechnen lassen kann. Notiz an mich selbst: E-Mail in dieser Causa nach Innsbruck schicken.

Le lac à la fac. 🙂

Nächste Woche wird dann die Uni weiter Fahrt aufnehmen, und ich kann aus folgenden Veranstaltungen wählen:

  • Projet d’Etude et de Recherche (eine Art Masterseminar)
  • Modèles de calcul
  • Compilation
  • Logique
  • Graphes & applications
  • Complexité & algo appliquée
  • Logique & langage
  • Games and Controller Synthesis

Ich habe da schon ein paar Favoriten, aber ich habe mir trotzdem vorgenommen, mir alle diese Vorlesungen zumindest einmal anzuschauen, bevor ich dann meine endgültige Auswahl treffe.

An der Université Bordeaux 1 gibt es übrigens auch ein ganz ansprechendes Kulturangebot, u.a. gratis zugängliche Filmvorführungen, Theater, Filmerstellung … Und als besonderes Schmankerl gibt es auch ein Klavier (Marke Sauter), das in der Mathematikfakultät (à la fac ^^) steht und nach Reservierung verfügbar ist. Ich habe leider erst für nächste Woche am Freitag einen Termin reservieren können, aber wer mich kennt, der weiß ja, dass mit Frechheit vieles geht, siehe Musikhochschule München. 😉 So konnte ich schon diese Woche am Freitag das Klavier ausprobieren, obwohl ich keine Reservierung hatte, und bekam dann Besuch von einer chinesischen Studentin namens Meiyi, die sich ursprünglich das Klavier reserviert hat und wohl etwas verwundert war, dass schon jemand im Zimmer saß. 🙂 Auf jeden Fall hat sich herausgestellt, dass sie Autodidaktin ist und durchaus noch einiger Unterweisung im Klavierspielen benötigen könnte, und sie hat mir vorgeschlagen, dass ich ihr Unterricht im Klavierspielen geben könnte, und im Ausgleich gibt sie mir Unterricht im Chinesischen. Ein sehr interessanter Vorschlag, nachdem ich mir ja schon seit längerem überlegt habe, Chinesisch zu lernen, da es ja ein aufstrebendes Land ist mit sehr interessanter Kultur blablabla.

Alles in allem war es eine sehr gute Woche, in der ich sehr viel Spaß gehabt habe und nach der ich mich mittlerweile als ganz gut eingelebt bezeichnen würde! 🙂 Ich hoffe nur, dass ich nach vollem Anlauf der Uni weiterhin soviel Zeit für meine diversen Freizeitunternehmungen finden kann und nicht vollkommen überlastet zusammenbreche bei Klavierunterricht, Tutorat, Erasmus-Gruppe, Kochen, Sport, Uni, …

Ich freue mich schon, euch weiter über meinen Werdegang berichten zu dürfen, und wünsche euch noch eine schöne Zeit, wo immer ihr seid! 🙂

P.S.: Ein sehr schöner Erasmus-Erfahrungsbericht über Bordeaux ist der hier. Dort stehen sehr viele nützliche Informationen, z.B. auch wo man sich Fahrräder billig besorgen kann. Ja, bisher fahre ich ausschließlich mit Tram-Wochenkarten und es dürstet mich langsam wieder nach einem 2-rädrigen fahrbaren Untersatz. 😉

P.P.S.: Wer sich gewundert hat, ob die “trucs” im Artikeltitel irgendwelche fahrbaren Untersätze sind: Nein, das sind auf Französisch ganz allgemein “Dinge” oder “Sachen”, und das ist nach “donc” ungefähr das zweithäufigst gebrauchte Wort in Frankreich. 😉

P.P.S.: Als kleines Schmankerl zum Schluss noch ein Bild von letzter Woche, nämlich von unserer ersten Nacht in der Stadt mit Essen auf der Straße:

Cuisine à la rue.

2 Antworte zum Artikel “Trucs

Maximilian

9. September 2012, 19:19 Uhr

Ja klingt seehr cool! Allerdings darf man wegen 16€ nicht zurückschrecken…Nun kommt erst mal der Winter nach Arcachon und dann isses aus mit dem schönen Wetter^^. Essen auf der Straße schaut sehr cool aus! Weiter so!

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Michael Färber

9. September 2012, 19:19 Uhr

Ich tu mein Bestes! 🙂

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