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Veux manger des frites

Veux manger des frites

von Michael Färber 10. März 2013, 22:46 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser siebenundzwanzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Diese Woche stand im Zeichen meiner Reise nach Montpellier, und tatsächlich schreibe ich diese Worte ganz in der Nähe von Montpellier, nämlich in La Grande-Motte, seines Zeichens direkt am Meer gelegener Vorort von Montpellier. Sozusagen das Arcachon Montpelliers. Nur ohne Dünen. Aber eines nach dem anderen …

Am Dienstag gingen die Franzosen wieder einmal einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nach — dem Streiken! Äußerte sich darin, dass keine Busse zirkulierten; da die Busse in Bordeaux aber ohnehin nur ein auxiliäres Fortbewegungsmittel darstellen, ist mir das wurscht!
Wir hatten im Französischkurs dann auch noch eine äußert interessante Debatte: Warum ist Frankreich ein interessantes Land für ausländische Unternehmen, z.B. aus Amerika? Diese Frage ist auch aktuell aufgrund der Goodyear-Werksschließung in Frankreich, bei der sich Unternehmensvertreter über die mangelhafte Arbeitsmoral der Franzosen mokiert haben; und tatsächlich fiel mir auf die Schnelle kein guter wirtschaftlicher Grund ein, warum ein amerikanisches Unternehmen Frankreich gegenüber z.B. Großbritannien oder Deutschland bevorzugen sollte. Hat jemand vielleicht einen guten Grund? 🙂

Am Mittwoch war großes Village-2-Programm angesagt: Aufgrund meiner freitäglichen Abreise nach Montpellier wollte ich noch ein paar Nachbarn zum Abendessen einladen und auf diese Weise mein restliches Gemüse aufbrauchen, wurde dann allerdings unerwartet von meiner Nachbarin Cristelle selbst zum Abendessen eingeladen. 😉 Dieses war sehr gut, auch wenn mich aufgrund der bei ihr (im hellen Licht!) herumkrabbelnden Kakerlaken nicht wundern würde, wenn ich dabei die eine oder andere Dosis Chitin abbekommen hätte. Mahlzeit!
Nach dem Abendessen wieder einmal eine soirée bei Idir, aber nicht zu lange, da ich am nächsten Tag …

… Besprechung für das Klavierkonzert im April hatte! Ich habe mich dort mit den Verantwortlichen des service culturel der Université Bordeaux 1 besprochen, und so wie es ausschaut, werden wir zu dritt dieses Klavierkonzert am 10. März zwischen 12 und 14 Uhr bestreiten. Die anderen zwei sind Giovanni (brauche ich eine Nationalität zu erwähnen? ^^) und Corinne, die ein Klavier/Gesangs-Duo bilden. Sehr sympathisch, die beiden. 🙂
Mein Programm für das Konzert lautet wie folgt:

  • Franz Schubert : Vogel als Prophet (3’30), Jagdlied (3′)
  • Frédéric Chopin : Prélude Op. 28 No. 15 (5′), Valse Op. posth. 69 No. 1 (3’30), Étude Op. 25 No. 12 (3′)
  • Franz Schubert : Erlkönig (5′)
  • Georg Kreisler : Wien ohne Wiener (5′)

Änderungen in letzter Minute vorbehalten. 😉 Am meisten ärgert mich im Moment, dass ich meine Schubert-Gesangsnoten in Tirol gelassen habe; diese würden mir jetzt einen guten Dienst erweisen, da es sich herausstellt, dass die für tiefe Stimme transponierten Versionen der Lieder (die ich immer verwende) im Internet nur schwer erhältlich sind. :/
Musikalisch ging es diesen Tag weiter: Nach dem Französischkurs, wo wir mittlerweile Kant besprechen (welch Ironie — Kant in einem Französischkurs!), lud ich noch Jorge zu mir ein, und zusammen schafften wir es, einen Großteil meiner verbliebenen Gemüsevorräte in einer infernalisch vegetalen Nudelsauce zu vernichten! Danach packte Jorge seine Gitarre aus, und wir machten noch eine kleine Improvisationssitzung, im Rahmen derer wir auch auf folgendes höchst amüsantes Video stießen. 😉

Der Freitag war dann der Tag der Reise nach Montpellier! Etwas unerwartet kam ca. zwei Stunden vor meiner Abfahrt aus Village 2 nach Omar zu mir, der sich danach erkundigte, wann ich mit dem Zug abfahren würde. (18:31 Uhr.) Daraufhin entschied er sich, mit mir bis nach Montpellier mitzufahren, was mich natürlich sehr freute! In einem Anfall von Sauberkeit machte ich noch schnell einen Frühjahrsputz, bis ich zum Bahnhof eilte, wo mich Omar schon erwartete. Im Zug saßen wir zu Beginn leider getrennt, da er erste Klasse reserviert hatte, aber da ich bald von meinen Mitreisenden in der zweiten Klasse genug hatte (Spielkonsolen auf voller Lautstärke im Zug nerven!), begab ich mich zu Omar in die erste Klasse, wo ich dann auch die restliche Zugfahrt blieb. Und so hatten wir eine sehr angenehme Reise, im Verlaufe derer ich auch zum ersten Mal meines Lebens durch Toulouse fuhr. (Dass ich von der Stadt viel gesehen hätte, kann ich allerdings nicht behaupten.) Im Zug lernten wir auch eine sehr sympathische Condomoise (Einwohnerin des französischen Ortes Condom ^^) namens Sara kennen, die uns bis nach Montpellier begleitete.
Am Bahnhof holte mich mein Cousin Mino ab, ein Exiltiroler, den ich schon seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich kann wohl sagen, dass ich diesem Treffen etwas nervös entgegensah, da ich nicht wusste, was mich erwartete, aber wie es scheint, bin ich “bien tombé”. Mein Gastgeber lud mich gleich noch auf ein Getränk in Montpellier ein, übernahm mein Gepäck und tat auf jeden Fall von der ersten Sekunde an alles, um mein Wohlbefinden sicherzustellen. Kurz und gut, die Definition eines Gentleman. Wir sind dann nach La Grande-Motte gefahren, wo er mir auch gleich noch ein Abendessen servierte. Den Rest der Familie bekam ich diesen Tag noch nicht zu Gesicht, da sich die Dame des Hauses und ihre Sprösslinge schon etwas früher gebettet hatten, doch ich sollte sie bald zu sehen und hören bekommen …

In der Nacht auf Samstag schlief ich eher schlecht, da mir Mino eröffnete, dass seine Kinder schon um 6 Uhr früh aufstehen, und in Anbetracht dieses vorhergesehenen Schlafmangels wurde daraus eine selbsterfüllende Prophezeihung. Allerdings weckten mich meine Neffen erst gegen 7:30 Uhr, was dennoch zu wenig Schlaf für mich bedeutete. Als erstes bekam ich meinen Neffen Cyril (zwei Jahre) zu Gesicht, der mich als erstes irgendwie für seinen Vater zu halten und zu wundern schien, warum ich auf einmal so viele Haare hätte. 😉 Dann folgte mein Neffe Rémy (acht Jahre), der zu Beginn deutlich zurückhaltender war als sein kleiner Bruder, aber dann im Laufe des Tages deutlich auftaute. Dann Ari, die Frau meines Cousins und wie dieser ebenfalls aus Tirol stammend.
Ich wurde jedenfalls auch von diesem Teil der Familie sehr herzlich aufgenommen und gleich mit einem riesigen Frühstück begrüßt. 🙂 Beim Weg zum Bäcker wurde mir meine geographische Lage erst so richtig bewusst: Die Wohnung ist nur ca. eine Gehminute vom Meer entfernt; leider bringt das allerdings wenig, weil es im Moment zum Schwimmen zu kalt ist. Nach dem Frühstück fuhren wir jedenfalls noch für Rémy zum Go-Kart-Fahren, während ich Ari noch in ein Einkaufszentrum begleitete, wo ich auch in den Genuss des Carrefour kam, in dem sich aufgrund dessen enormer Größe die Angestellten teils mit Rollschuhen fortbewegen.
Danach machten wir ein Picknick an einem kleinen See, bevor wir zur Bambouseraie de Prafrance weiterfuhren: Dahinter verbirgt sich ein äußerst schön gestalteter Park von Bambus, in dem wir einige Stunden promenierten. Dort sahen wir unter anderem den Nachbau eines laotischen Dorfes und einen chinesischen Garten, die beide meines Erachtens höchst sehenswert waren, wie auch der Rest des Parks — Besuch empfiehlt sich! (Wie ich später las, wurde dort übrigens auch ein kleiner Teil des Films “Le Salaire de la Peur” gedreht, den ich sehr schätze.)

Presque trois générations.

Die Rückreise im Auto gestaltete sich als recht strapaziös, was dem unbedingten Wunsch meines zweijährigen Neffen nach Pommes Frites geschuldet war — der Satz “veux manger des frites” kann, wenn er nahezu hundert Mal unter zwischenzeitlichem Ausstoßen von lauten Schreien wiederholt wird, ganz schön auf die Nerven gehen. Es ist Galgenhumor, wenn mein Cousin sagt, dass ein Film eines Tages seines Lebens als Durex-Werbung den Kondom-Absatz wohl vervielfältigen würde. 😉
Eigentlich hatte ich vor, noch mit Omar am Samstag in Montpellier auszugehen, aber dieser war telefonisch leider nicht erreichbar, und die Tatsache, dass der letzte Bus von Montpellier nach La Grande-Motte schon um 19:30 Uhr abfährt und ich schon ziemlich fertig war, stimmte mich dahingehend um, diese Nacht im Kreise meiner Verwandten zu verbringen. Dies taten wir dann auch, indem wir nach dem Abendessen den Film “On connaît la chanson” schauten. Passte auch ganz gut zum Naturell meines Cousins, zu allen möglichen Situationen ein französisches Chanson auf den Lippen zu haben. Parlez-moi de la pluie, et ne pas de beau temps …

Am Sonntag Vormittag ging ich mit der gesamten Familie zum Markt in La Grande-Motte, wo wir Vorräte für das Mittagessen besorgten. Ich spaltete mich mit Rémy allerdings schon etwas früher von der Gruppe ab, da ich ihm versprochen hatte, mit ihm Fußball spielen zu gehen. Erwähnte ich, dass er ein großer Fußballfan ist und so gut wie jedem Gespräch einen Drall zum Ball zu versetzen vermag? Wenigstens war ich am Fußballfeld nicht der befürchteten Schande ausgesetzt, gegen einen Knirps von acht Jahren nicht bestehen zu können, was ich aufgrund meines äußerst begrenzten Interesses für Fußball durchaus erwartet hatte. 😉

Tant qu'il y a pelouse, il y a match. 🙂

Nach dem Training war ich trotzdem relativ kaputt und nur zu glücklich, mit Rémy direkt zum Mittagessen zu meinen Verwandten gehen zu können. Dort erwarteten uns schon Freunde der Familie, Valérie und Sebastien mit ihren zwei Kindern, die so wie ich auch zum Mittagessen eingeladen waren. Es gab ein ausführliches Schlemmen à la française, mit allem Drum und Dran, während die Kinder um uns herum ein wahres Tohuwabohu veranstalteten. Beim Essen hörte ich Ari auch zum ersten Mal wirklich durchgängig Französisch sprechen, da sie normalerweise versucht, mit ihren Kindern die deutsche Sprache zu pflegen. Infolgedessen verstehen die Kinder Deutsch recht gut, antworten allerdings üblicherweise auf Französisch. Hin und wieder wechseln sie dennoch ins Deutsche, dann allerdings mit einem lustigen französisch-tirolerischen Akzent. 😉

Familienleben.

Nach dem Essen machte ich noch eine kleine Siesta, gefolgt von einem Spaziergang mit Mino, Ari und Cyril durch La Grande-Motte und am Meer entlang.

An dieser Stelle noch ein Wort zu meiner Masterarbeit: Im Moment stecke ich ein wenig fest. Habe ich doch einen schönen, einfachen Algorithmus gefunden, der bei allen von mir erdachten Beispielen funktioniert, aber ich weiß im Grunde nicht genau, ob er immer zuverlässig funktioniert. Im Moment versuche ich, ihn genauer zu verstehen, doch alle meine Versuche, seine gewünschten Eigenschaften zu beweisen, schlugen bisher fehl.
Eine Alternative zu diesem Algorithmus wäre noch die Adaption eines anderen Algorithmus, wovor ich allerdings zurückschrecke, da dieser sehr kompliziert ist und ich eine schöne, elegante Lösung des Problems einer komplexen, umständlichen zweifelsfrei vorziehe. Andererseits, sollte mein Algorithmus in eine Sackgasse führen, dann habe ich einige Zeit quasi “umsonst” gearbeitet und kann kein positives Resultat vorweisen. Will heißen, habe ich ab einem gewissen Punkt keinerlei Fortschritte zu meinem Algorithmus vorzuweisen, muss ich mich davon wohl schweren Herzens trennen und mich in eine umständliche Lösung einarbeiten … :/

An diesem Punkte wünsche ich allen meinen Lesern noch einen schönen Wochenbeginn und auf ein hoffentlich baldiges Wiederlesen! 😉

P.S.: Am Freitag sah ich in den Nachrichten einen Bericht über Kleinstwohnungen in Hongkong, was mich berührte. Habe doch ich schon zeitweise Schwierigkeiten, mich in meinem 9m²-Kabäuschen zu arrangieren, leben dort manchmal ganze Familien auf weniger Quadratmetern als ich. Das ist sicherlich manchmal ziemlich schrecklich (man stelle sich allein die nicht vorhandene Privatsphäre vor), aber andererseits stelle ich mir vor, dass das auf eine ungemeine Art zusammenschweißt. Genauso, wie uns in Village 2 die eher unangenehmen Wohnbedingungen mehr zusammengeschweißt haben, als dies ein “angenehmes” Studentenwohnheim mit getrennten WCs und Duschen je vermocht hätte.

P.P.S.: Habe heute einen anderen Blog von einer Erasmus-Studentin in Bordeaux (2008/09) gefunden, die scheinbar auch in Village 2 Unterkunft gefunden hat. Deren Vergleich von Village 1 und 2 sollte meine Stimmung jedenfalls deutlich heben, wenn ich wieder einmal von Village 2 genervt bin. 🙂

2 Antworte zum Artikel “Veux manger des frites

Maximilian

10. März 2013, 22:46 Uhr

^^ ist das der Cousin von der Papa-Seite?

und der salaire de la peur das war doch der Schrom-Lieblingsfilm?!

Antworten

Michael Färber

10. März 2013, 22:46 Uhr

Nein, das ist der Cousin von Mama-Seite, von Papa-Seite gibt’s keine Cousins. 😉

Und Teufel, ich bin wirklich beeindruckt, dass du dich noch daran erinnerst, dass das der Schrom-Lieblingsfilm war! Chapeau, carrément ! 🙂

Antworten

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