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Visite de la patrie

Visite de la patrie

von Michael Färber 24. Februar 2013, 20:36 Uhr

Meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen zu dieser fünfundzwanzigsten Ausgabe meiner Abenteuer in Frankreich! 🙂

Fünfundzwanzig Artikel, das ist ein Viertelhundert, da macht sich ein Junge Gedanken. Frei nach “Manche mögen’s heiß” mit der guten, jungen Marilyn. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich es schon so lange durchhalte, meine Leserschaft mit mehr oder minder interessanten Fakten aus meiner vie française zu versorgen, und hoffe, dass es auch meiner Leserschaft bis hierher gefallen hat. Auf jeden Fall bedanke ich mich bei meinen Stammlesern für ihre Treue, ich gebe mir weiterhin Mühe!

Am Montag war ich froh, meinen Gast Karl in der Früh ganz aufzufinden; wie es scheint, fanden ihn die Kakerlaken nicht appetitlich genug, sodass sie ihn verschmähten. Ganz im Gegensatz zu den Mücken, von denen wir auch einige umbrachten, aber der Kampf gegen diese Plage ist ähnlich aussichtslos wie gegen eine Hydra. Oder gegen Windmühlen.
A propos Kakerlaken: Nachdem ich in mühevoller Arbeit einen neuen Kakerlaken-Exterminations-Statistik-Zettel gestaltet hatte, machen sich die verdammten Bestien jetzt auf einmal rar! Ich habe diese ganze Woche lang kein einziges Exemplar in meinem Zimmer gesehen; vielleicht halten die Viecher Winterschlaf? Vielleicht hängt es aber auch mit dem süßlichen Duft vor meinem Zimmer zusammen, der eventuell auf Kakerlaken-Vorsorge seitens der Administration von Village 2 hindeutet?
Müßig ist alle Spekulation, fahren wir mit den Fakten fort: Ich hatte mit Karl ausgemacht, dass er sich am Montag untertags weitestgehend selbstständig die Stadt anschaut, da ich noch ein wenig arbeiten wollte bzw. schon das Klavier für den Nachmittag reserviert hatte. So machte er sich also auf in die Stadt, während ich mich noch ein wenig meiner Recherche widmete und dann gegen Mittag Richtung R.U. lief (Teil des Fitnessprogramms), wo ich mich mit Eli traf, ein Freund von mir, denn ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Dieses Treffen ist insofern erwähnenswert, als wir eine sehr interessante Diskussion über die französische Staatsstruktur hatten: Eli erzählte mir, dass in Frankreich sehr viele Einwohner sich nicht als “Franzosen” fühlen würden, sondern sich vielmehr regional identifizieren; als Beispiel hatte er die Bretonen genannt, die sich seiner Aussage nach auch nur als Bretonen identifizieren und nicht als Franzosen. Dies sei der Tatsache geschuldet, dass viele Regionen eine dem “Kernfrankreich” (Paris) unterschiedliche Kultur hätten, das letzteres allerdings zu unterdrücken versuche. Z.B. würde an öffentlichen Schulen im okzitanischen Gebiet, das immerhin einen sehr großen Teil Südfrankreichs umfasst, kein Okzitanisch unterrichtet, was einem Aussterben der Sprache gleichkommt. Paris würde Maßnahmen wie diese natürlich auch als Vorbeugungsmaßnahme gegenüber Unabhängigkeitsbestrebungen einsetzen, da sprachlich homogene Länder naturgemäß stabiler sind als unter verschiedenen Sprachen vereinte Länder — als Beispiel seien Belgien und die ehemalige k.u.k. Monarchie genannt. Dementsprechend schlecht sei allerdings die Bevölkerung in den gewissermaßen “französisierten” Gebieten  auf die Pariser Bevölkerung zu sprechen, die mit Unterdrückung gleichgesetzt würde; daher auch die Berichte der Pariser, die auf ihren Autokennzeichen lieber andere départements als Paris angeben, um nicht bei Ausfahrten aufs Land als Pariser erkannt zu werden. 😉
Ich weiß nicht, wieviel an diesen Aussagen wahr ist, aber für mich ergibt sich ein relativ stimmiges Bild. Es möge jeder für sich urteilen.
Am Abend trudelte Karl wieder in die Wohnung ein, und wir holten die eigentlich für den Vorabend geplante soirée mit Kasia nach, zu der sich dann auch noch Omar dazugesellte. Mit dem Französischen kam mein Gast gut zurecht, dank seines angeborenen Sprachentalents und des hervorragenden Französisch-Unterrichts am Adolf-Pichler-Platz feat. Prof. Erich Rainer. 😉
Zu unseren medialen Dauerbrennern während seines Aufenthalts wurden der Stronach-Song und das Treffen von Obama mit Hollande, von uns fast zu Tode zitiert. Auch noch zu erwähnen: “Easy” von Cro — genialer Text, wenn auch seit den Ereignissen um Oscar Pistorius diese Woche etwas makaber konnotiert. 🙂

Premières impressions de Bordeaux.

Am Dienstag konnte ich mir glücklicherweise schon etwas mehr Zeit für meinen Gast nehmen. Wir fuhren in die Innenstadt, wo wir die touristischen Höhepunkte durchgingen, die Karl nicht schon am Vortag gesehen hatte. Zuvor fuhren wir allerdings noch zum Gare St-Jean, wo ich nämlich nochmals versuchte, meine Fahrkarte nach Montpellier irgendwie auch ohne die Kreditkarte zu erhalten. Als sich das auch diesmal als unmöglich herausstellte, stornierte ich die Fahrkarte, in der Hoffnung, danach die somit freigewordenen Fahrkarten zum ursprünglichen Preis zu erhalten. Diese Hoffnung erfüllte sich allerdings nicht, ich musste 8€ mehr zahlen als zuvor. Ärgerlich, vor allem, weil ich das System nicht verstehe: Wenn ich aus einem begrenzten Kontingent eine Karte kaufe und dann storniere, sollte ich dann nicht in der Lage sein, wieder eine Karte zu genau demselben Preis zu kaufen? Vielleicht denke ich zu logisch für diese Welt …
Ich versuchte jedenfalls, es mir nicht zu sehr verdrießen zu lassen, was mir etwas später ein ganz exzellentes Mittagessen erleichterte: Wir speisten nämlich im Restaurant O’Garnements (22 rue Sainte-Colombe), das ich gerne jederzeit weiterempfehle!

Le saumon qui fait rêver ...

Nach der obligatorischen mittäglichen Siesta bereitete ich noch den Sprachkurs vor, während sich mein Gast wieder in die Stadt aufmachte. Dort trafen wir uns nach Sprachkurs und Chorprobe und fuhren dann noch zusammen zu mir, wo wir das Programm des nächsten Tages diskutierten: Mir fielen nämlich nicht mehr sehr viele interessante Orte in Bordeaux ein, weshalb ich einen Ausflug ins Umland favorisierte, z.B. Saint-Emilion oder Arcachon. Allerdings bemerkten wir, dass die Busverbindungen von Arcachon zu den Dünen ganz miserabel sind; die Fahrplaner müssen irgendetwas ungesundes geraucht haben, als sie sich dazu entschließen, den Bus am Bahnhof von Arcachon just eine Minute (!) vor Ankunft des Zuges aus Bordeaux abfahren zu lassen! Und der nächste Bus fährt erst wieder zwei Stunden später. Aber gut, über den öffentlichen Verkehr in Frankreich am Land sollte ich mich schon länger nicht mehr aufregen. Schlecht für den Blutdruck.

Am Mittwoch träumte ich jedenfalls eher schlecht von versäumten Busverbindungen und ähnlichem, und als ich dann schon recht früh aufwachte, war mir klar: Wir fahren nach Arcachon und gehen zu Fuß zu der verdammten Düne! 8km bringen einen Tiroler schließlich nicht um. Gesagt, getan. Auf dem Weg zur Düne sahen wir in Arcachon übrigens noch den Bus, was bedeutet, dass man bei entsprechender Geschwindigkeit den Bus doch noch erreichen kann. Die Düne belohnte unsere Strapazen jedenfalls reichlich; das Wetter war sehr schön und die großen Touristenströme hatten noch nicht eingesetzt. Nach unserem urfranzösischen Mittagessen (Baguette mit Camembert ^^) machten wir es uns auf der Düne bequem und schritten sie in ihrer ganzen Länge ab. Dabei dachte ich nicht ohne Nostalgie an meine letzte Reise zur Düne zu Beginn meines Frankreich-Aufenthalts zurück, damals mit meiner Erasmus-Gruppe …
Glücklicherweise wurde ich diesmal nach der Düne nicht krank, und wir erwischten sowohl den Bus nach Arcachon als wie auch den Zug nach Pessac termingerecht. Dabei trafen wir noch einige andere Erasmus-Studenten (Allemagne), die auch gerade Besuch aus der Heimat hatten und diesem natürlich die Düne zeigen wollten. 😉 Bei mir angekommen machten wir uns noch echte Tiroler Kasspatzln, wozu wir auch Kasia, Omar und Pauline einluden. (Letztere allerdings diätbedingt meine création verschmähend. Pah.)

Ensemble au dune.

Donnerstag, 4 Uhr morgens. Ein Wecker klingelt. Ich überwinde meinen Impuls, im feinen, warmen Bett liegenzubleiben, und ziehe mir notdürftig meine Kleider über den Pyjama an. Karl hat inzwischen schon in Rekordtempo seine Morgentoilette absolviert, und schlaftrunken wanken wir in den Hof von Village 2, dort von der schneidenden Kälte im Handumdrehen aufgeweckt. Ich sperre mein Fahrrad auf und gebe es in seine Obhut. Er tritt in die Pedale und nach ein paar Metern ist er meinem Sichtfeld in Richtung Talence entschwunden, um seinen Zug in Richtung Österreich um 5h28 zu erwischen. Zu müde für große Sentimentalitäten begebe ich mich wieder in mein Zimmer, das mir nunmehr wieder richtig groß erscheint, gleichzeitig vermisse ich schon meinen Gast. Sein Besuch war einfach zu genial. Merci une autre fois, Charles !
Diesen Tag arbeitete ich dann daran, meinen Arbeitsrückstand aufzuholen, denn ich hatte in den Tagen zuvor nicht allzuviel Zeit, mich meinem Studium zu widmen. Dafür übte ich mich in der Rückschau, denn meine Noten für das letzte Semester standen endlich fest! Ergebnisse (gerundet):

  • Projet d’étude et de recherche: 158/200
  • Logique: 195/200
  • Compilation: 183/200
  • Logique et Langage: 188/200

Hierzu sei angemerkt, dass es in Frankreich generell als recht schwierig angesehen wird, eine Punktezahl von über 15/20 zu erhalten. Manche Notenumrechnungstabellen rechnen z.B. ab 16/20 Punkten mit einer 1,0, bei 14 Punkten schon 2,0 und dann in Zweierschritten absteigend immer eine Note schlechter. Das deutet darauf hin, dass sich die französischen Noten nicht linear in österreichische übersetzen lassen. Ich hoffe, dass dies bei der Anrechnung meiner Noten in Innsbruck halbwegs berücksichtigt wird; offizielle Informationen habe ich dazu noch nicht gefunden, nur einen Erfahrungsbericht, der sich über die Notenumrechnung eher negativ auslässt. On verra.
Jedenfalls habe ich mein Semester “validiert”, was bedeutet, dass ich alle Prüfungen positiv abgeschlossen habe. Wenn ein französischer Student sein Semester nicht validiert, dann muss er es wiederholen. o_O

Am selben Tag erhielt ich auch mein erstes Paket in der Post, und zwar aus Österreich. Das ist schon ein besonderes, nahezu magisches Gefühl, in seinem Postkästchen ein kleines Zettelchen zu finden, das darauf hinweist, man könnte beim Accueil ein Päckchen abholen. Diese kleine Verzögerung steigert die Vorfreude ganz ungemein, und während man über den Rasen sprintet, fragt man sich schon, welcher wohlmeinende Gönner einen denn mit einer Paketsendung bedenkt. Eigentlich erwartete ich ja eine Zeitschriftensendung von meiner Familie, die allerdings deutlich zu früh gekommen wäre, da ich noch nicht einmal mit den Zeitungen fertiggeworden bin, die ich mir zuletzt aus Tirol mitgenommen hatte. 😉 Gänzlich unerwartet kam dann das Paket von meiner Tante, die mir einen Schal von meinem Großvater schickte, da sie mich quasi als geeigneten Erben dessen sah. Ich fühlte mich durch diesen Vertrauensbeweis sehr geehrt, gelobte mir allerdings, den Schal nicht allzu oft zu gebrauchen, da ich ein notorischer Schalverlierer bin. 😉 Das Geschenk hätte allerdings zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können, denn herrschten Anfang der Woche schon T-Shirt-Temperaturen vor, so ist es jetzt mittlerweile wieder bitterkalt, und die Heizung funktioniert natürlich immer noch nicht — schalte soeben meine Kochplatten im Leerlauf an und hoffe nur, dass mir die Hütte nicht irgendwann einmal abbrennt.

Am Freitag holte ich mein Fahrrad von Bahnhof, das Karl dort abgestellt hatte, und war eigentlich ein wenig erstaunt, dieses vollkommen undemoliert und im besten Zustand vorzufinden. Was ist mit den Franzosen los? Erleichtert fuhr ich dann gleich weiter zum TnBA (Théâtre national de Bordeaux et Aquitaine), wo ich meine reservierten Karten für das nächste Woche stattfindende “Cyrano de Bergerac” abholte. Pauline freut sich auch schon sehr darauf. 🙂
Am Abend war eigentlich Erasmus-Feier geplant gewesen, doch war es eine Faschingsfeier und ich bin notorisch uninspiriert, wenn es um Verkleidungen geht, sodass ich einfach zuhause geblieben bin und seit langem wieder einmal einen Film bei mir geschaut habe: “Attack the Block“, noch eine Empfehlung von meinen amerikanischen compadres, die ich in Sevilla kennengelernt hatte. Prädikat: sehenswert.
Village 2 ist allerdings immer gut für eine Überraschung, und so lud mich Idir nach dem Film noch spontan zu einer kleinen Fete bei sich ein, wo sich auf ca. 9m² schlussendlich ca. 9 Personen aufhielten. 😉

Jonas, Camille et Idir.

Am Samstag und am Sonntag arbeitete ich hauptsächlich, um meinen Rückstand vom Anfang der Woche auszugleichen. Der Samstag ist vielleicht noch am ehesten erwähnenswert, da ich beim Blick aus dem Fenster auf einmal feine weiße Flocken sah, die in mir die ferne Erinnerung an weißverschneite Berge weckten. Der Spuk währte allerdings allerdings nur ca. eine Minute; vielleicht war es auch nur ein Nachbar, der irgendeinen komischen Müll aus dem Fenster über mir kippte. 😉

Einen kleinen Ausblick auf nächste Woche: Mein Chor wird am Wochenende die Hintergrundmusik zum Film “Hasta Santiago” einspielen, der eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela thematisiert. Ein Film, der deine Stimme trägt. Wie erhebend.

Ich denke, das genügt für diese Woche. Meinen Lesern nur das Allerbeste und hoffentlich bis bald! 🙂

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